«Der gnädige Herr»

Drama in drei Akten von Elsbeh Meyer-Förster
Aufführung der Sezessions-Bühne, Berlin

Mit der dritten ihrer Leistungen, der Aufführung des dreiaktigen «Dramas» «Der gnädige Herr» von Elsbeth Meyer-Förster, hat die Sezessions-Bühne ihrem Publikum ein nicht leicht lösbares Rätsel aufgegeben. Es ist zwar bekannt, daß über die Marlitt von ehedem heute geschimpft wird, über die Marlitt von heute, die doch wohl Elsbeth Meyer-Förster zweifellos ist, Lobsprüche über Lobsprüche uns an die Ohren sausen. Daß aber ein solches Modeurteil die Leiter der Sezessions-Bühne hat bewegen können, ein über alle Maßen kindliches Machwerk ihrem Spielplan einzuverleiben, das tut weh, besonders wenn man — wie ich — voller Anerkennung sein möchte für die schönen Bestrebungen dieser Leiter.

Der Inspektor eines polnischen Gutes ist alt geworden und erhielte zweifellos die Kündigung, wenn sich seine ältere Tochter nicht dazu herbeiließe, mit dem Gutsbesitzer «Sechsundsechzig zu spielen». Sie hat Moral im Leibe und muß von ihrer Mutter und von ihrem — Bräutigam scharf bearbeitet werden, um dem «gnädigen Herren» und damit auch ihrer Familie und auch diesem Bräutigam gefällig zu sein. Denn auch das Schicksal dieses Bräutigams hängt davon ab, daß seine Braut «Sechsundsechzig spielt». Er ist provisorischer Lehrer und kann nur auf definitive Anstellung hoffen, wenn ihm der Gutsherr gewogen ist. Der brave Lehrer ist nicht dumm. Er will leben, und warum sollte er ein behagliches Dasein nicht einem Monopol auf seine Gattin vorziehen. Damit ein paar Episoden geschaffen werden können, ist noch ein Gutspraktikant da, der des Lehrers Braut liebt, der des Lehrers rote Krawatte — hier ist sie nicht Symbol einer sozialdemokratischen Gesinnung — haßt, und ein Backfisch, eine jüngere Schwester der «Sechsundsechzig spielenden» Braut, die ohne Unterlaß den Männern nachläuft. Das alles ist in selten unbeholfener Weise zu einem Stück zusammengeschweißt, das auf der Sezessions-Bühne recht mäßig gespielt wird.

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