«Der Bund der Jugend»

Lustspiel von Henrik Ibsen
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

«Wenn es nur richtige Porträtbüsten wären, was ich da mache, Maja!» «Es sind trotzdem keine eigentlichen Porträtbüsten, sag’ ich dir... Es liegt etwas Verdächtiges, etwas Verstecktes in und hinter diesen Büsten, — etwas Heimliches, was die Menschen nicht sehen können. — Nur ich kann es sehen. Und dabei amüsiere ich mich so köstlich. - Von außen zeigen sie jene «frappante Ähnlichkeit», wie man es nennt, und wovor die Leute mit offenem Munde dastehen und staunen, — aber in ihrem tiefsten Grund sind es ehrenwerte, rechtschaffene Pferdefratzen und störrische Eselsschnuten und hängohrige, niedrigstirnige Hundeschädel und gemästete Schweinsköpfe, — und blöde, brutale Ochsenkonterfeis sind auch darunter — alle diese lieben Tiere, die der Mensch nach seinem Bilde verpfuscht hat. Und die den Menschen dafür wieder verpfuscht haben. — Und diese hinterlistigen Kunstwerke bestellen nun die biederen, zahlungsfähigen Leute bei mir. Und kaufen sie in gutem Glauben — und zu hohen Preisen. Wiegen sie schier mit Gold auf, wie man zu sagen pflegt.»

An diese Selbstbekenntnisworte Ibsens, die er dem Professor Rubek in seinem «Epilog» («Wenn wir Toten erwachen») in den Mund legt, mußte ich unausgesetzt denken, als ich (am 1. September) den «Bund der Jugend» im Lessing-Theater auf mich wirken ließ. Es war am 18. Oktober 1869, als dies Lustspiel bei seiner Erstaufführung am Christiania-Theater eine radikale Ablehnung erlebt hat. Und es erweckt sonderbare Empfindungen, den Ibsen vor sich zu haben, der im Stile der französischen Sittenkomödie die großen Weltanschauungsideen, die er später in solcher Lapidarschrift vor uns hinstellt, wie in einer Posse verpuppt hat. Es ist heute unmöglich, diesen früheren Ibsen nicht von dem Gesichtspunkte aus zu beurteilen, den uns seine späteren Werke liefern. Alle die Motive, die in «Nora», «Volksfeind», in den «Stützen der Gesellschaft» und so weiter sich voll ausleben, sie liegen bereits hier angedeutet. Schon steht er vor uns, der große Ironiker, der aus Realismus »icht Vollmenschen, sondern Menschensymbole geschaffen hat, weil er weiß, daß der reale, der Vollmensch ein Ideal ist, das nicht leibhaftig unter uns wandelt. Die Menschen, mit denen er lebt, erinnern Ibsen nur an diesen oder jenen Charakterzug des Menschen, wie uns Tiere an diese oder jene menschlichen Charaktere erinnern. Sind denn diese Nora, diese Hedda Gabler, dieser Rosmer und wie sie alle heißen nicht bloße Menschensymbole? Im «Bund der Jugend» sehen wir diese Art, menschliche Charakterzüge zu symbolisieren, noch wesentlich gesteigert. Dieser Rechtsanwalt Stensgärd, der gar kein Mittel scheut, um zu Macht und Einfluß zu gelangen, dieser Kammerherr Bratsberg, dieser bankerotte, ewig nörgelnde und prozessierende Kaufmann David Hejre, dieser Parvenu Monsen: sie alle sind Karikaturen im vollsten Sinne des Wortes; und nicht minder ist die ganze Handlung eine Karikatur, die sich im letzten Akt sogar zu einem wüsten Hohn auf alle Natürlichkeit steigert. Äußerlich genommen unterscheidet sich dieser «Bund der Jugend» in nichts von einer französischen Sittenkomödie Dumasschen Genres. Und dennoch verlassen wir die Vorstellung in dem Bewußtsein, etwas gesehen zu haben, das Größe atmet. Es ist die Größe, die von all den Geistern ausgeht, die hinter die Kulissen des Weltgeschehens zu schauen wissen. Dieser Blick hinter die Kulissen beleuchtet die Menschen so, wie sie im «Bund der Jugend» gezeichnet sind. Sie sind nicht so, aber sie wären so, wenn sie nicht Lügenhüllen um sich trügen. Ibsen zeichnet die Wahrheit in den wandelnden Lügen der Weltbühne. Sozusagen die «Dinge an sich» der Menschen stellt er vor uns hin. Das ist es, was Ibsen zu dem großen Ironiker macht. Da steht ein Mensch vor ihm mit wohlgebildetem Antlitz. Aber dies Antlitz lügt. Nimmermehr dürfte er dies Antlitz tragen, wenn das Äußere zeigen sollte, was auf dem Grunde der Seele schlummert. Da müßte er eine häßliche Schweineschnauze oder eine Pferdeschnute haben. Ibsen gibt sie ihm. — Und wenn uns das im «Bund der Jugend» noch mehr in die Augen fällt als in Ibsens späteren Stücken: wie er Seelenwahrheit und dabei Körperunwahrheit, Karikatur zeichnet, so rührt das lediglich davon her, daß die Ideen, die Weltanschauung, später höher, voller, ausgebildeter geworden sind, so daß wir dann die Karikatur hinnehmen, weil uns die Ideen ganz in Anspruch nehmen. Im «Bund der Jugend» ist noch alles Ideelle nur angedeutet, noch wie eine dunkle Empfindung, wie eine Ahnung nur in des Dichters Seele vorhanden. Alle die sozialpsychologischen Motive, die in Ibsens Dramen dann eine Sprache führen, aus der künftige Kulturhistoriker ein volles Bild dessen schöpfen werden, was in unserer Zeit an geheimen und offenbaren Triebkräften pulsiert: alle diese Motive werden hier bereits angeschlagen. Jenseits dessen, was sie darleben, werden die Menschen betrachtet, und jenseits der Gestalt, die es dem Porträtisten bietet, wird das Leben hier geschildert. Als der «Bund der Jugend» bei seiner Erstaufführung so radikal abgelehnt worden ist, da hatte namentlich der Umstand Schuld, daß zuletzt scheinbar die Reaktionäre recht behalten, daß sie in ihren alten Traditionen doch noch fester stehen als die liberalen Streber. Aber, was ging Ibsen schon damals Reaktion und Liberalismus an. In ihnen sah er keine Menschen-Lebensäußerungen, sondern Masken; und hinter diesen Masken sah er Menschen, die im Grunde nichts dafür können, ob sie reaktionäre oder liberale Streber sind.

German original of “The Covenant of Youth” · ← Previous · Next →