Marie Seebach

Marie Seebach ist am 2. August 1897 in St. Moritz gestorben. Ich gehöre zu denjenigen, welche die große Art, mit der diese Künstlerin das Gretchen, das Klärchen, die Ophelia, die Desdemona in den sechziger Jahren zur Darstellung brachte, nur aus der Theatergeschichte und aus den begeisterten Schilderungen älterer Leute kennen. Von stürmischer Begeisterung der Zuschauer, von rückhaltlosem Beifall der besten Kenner berichten die Theaterhistoriker. Man erhält die Vorstellung, daß Marie Seebach eine Auffassungsweise und Wiedergabe der genannten dichterischen Schöpfungen eigen war, die ein Stück Schauspielkunst für sich darstellt, das in dem Zeitpunkte verloren war, als sie sich nicht mehr jung genug fühlte, jene Gestalten zu verkörpern. Und erst, wenn man

die Augenzeugen ihrer Leistungen reden hört! Wie sich in diesen die Erinnerung an große Kunsterlebnisse in Worten der stürmischsten Begeisterung ausströmt! Man merkt, sie haben von etwas zu erzählen, was sie als einzig in seiner Art schätzen. Zwar gehörte in den letzten Jahren die Kunst der Marie Seebach der Geschichte an: lebendig aber war die Hochachtung vor der großangelegten Frau. Der Eindruck, den ihre Persönlichkeit machte, hatte erwas Erhebendes. Ich empfand diesen Eindruck, als sie vor einiger Zeit in Weimar mit einer edlen, herzlichen Rede das von ihr begründete Asyl für altgewordene, bedürftige Schauspieler seinem Zweck übergab. Ein Leben voll schöner und schmerzlicher Erfahrungen blickte aus ihren Augen. Eine große Natur war es, die da sprach. Unvergeßlich sind mir die Worte, mit denen sie kundgab, wie sie Trost finde für den «größten Schmerz, der ein Mutterherz treffen könne», den Verlust des von ihr innig geliebten Sohnes, in der Stiftung, die sie zum Wohle derjenigen ihrer Berufsgenossen geschaffen, denen es nicht gegönnt ist, sich selbst ein sorgenfreies Alter zu sichern.

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