Das Unbedeutende

Kaum in einer Kunst spielt das Unbedeutende eine so große Rolle wie in der Schauspielkunst. Ob ein Schauspieler bei einem gewissen Anlasse diese oder jene Gesichtsmuskeln bewegt, ob er die rechte Hand bewegt oder nicht: das kommt in Betracht. Eine ganze Szene kann durch eine schlechte Handbewegung dieses oder jenes Schauspielers gestört werden.

Wir sind leider in unserer Schauspielkunst gar nicht so weit, daß wir eine einzige schlechte Handbewegung oder eine falsche Zusammenziehung eines Gesichtsmuskels bemerken. Wir brauchen zumeist einen ganzen Schauspieler, der «alles verdirbt», um zu bemerken, wie notwendig es ist, daß der Bühnenkünstler dem Dichter entgegenkomme, um des letzteren Intentionen auf der Bühne zur vollen Geltung zu bringen.

Der Schauspieler ist für das Theaterpublikum die Persönlichkeit, welche die Absichten des Dichters zur wahrhaften Ausführung bringt.

Deshalb erscheint es mir ganz überflüssig, davon zu reden, ob die Schauspielkunst eine Kunst ersten oder zweiten Ranges ist. Rangunterschiede sind in ethischer Beziehung sehr wichtig; im Gebiete des Künstlerischen kommen sie nicht in Betracht. Denn im Künstlerischen ist alles notwendig; auch das scheinbar Nebensächliche. Das Kunstwerk muß vollendet sein bis in die Einzelheiten hinein, wenn es der strengen Forderung nach einem in sich vollendeten Stil genügen soll. Nichts darf da als fremdes Element die Harmonie des Ganzen stören. Ein Schauspieler, der eine Rolle um einen Grad banaler spielt, als sie gemeint ist, kann ein großes Drama verderben.

Mir scheint die Frage nach dem Range, den die Schauspielkunst in der Stufenleiter der Künste einnimmt, gleichgültig. Wichtig dagegen ist mir das Problem: wie kann die Schauspielkunst den Aufgaben gerecht werden, die ihr von den Dichtern gestellt werden.

Alles dreht sich darum: kommt der Schauspielkunst neben der Dramatik eine selbständige Bedeutung zu oder nicht?

Ich glaube, es kommt ihr unbedingt eine solche selbständige Bedeutung zu. Das Werk eines Bühnenkünstlers wird erst fertig, wenn es mit den Mitteln der Schauspielkunst auf die wirkliche Bühne gebracht wird.

Der Beweis dafür ist auf sehr einfache. Art zu führen. Zu Shakespeares Zeiten mußte mit den Mitteln der damaligen Schauspielkunst der Hamlet ganz gewiß anders gespielt werden als heute.

Wir spielen den Hamlet vielleicht nicht besser, als man ihn zu Shakespeares Zeiten gespielt hat, aber wir spielen ihn anders. Spielten wir ihn aber heute so, wie ihn Shakespeare spielen ließ, so spielten wir ihn schlecht.

Wenn man aber verschiedene Mittel hat, ein Ding zu verwirklichen, und das eine Mal’die Verwirklichung gut, das andere Mal schlecht sein kann: so haben die Mittel eine selbständige Bedeutung.

Die Schauspielkunst ist ein Mittel, aber ein Mittel von selbständiger Bedeutung.

Wie der X den Posa spielt, und daß er ihn anders spielt als der Y, darauf kommt es an.

Was in der Persönlichkeit des Posa ausgedrückt ist, das ist gewiß für alle Zeiten ein und dasselbe. Wie es durch die Schauspielkunst ausgedrückt werden soll, das ändert sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.

Deshalb sollen wir nicht von dem Unbedeutenden in der Schauspielkunst sprechen. Wir sollten vielmehr darüber nachdenken, worauf es in dieser Kunst ankommt. Lächerlich ist es, die Schauspielkunst eine reproduktive Kunst zu nennen. Das Drama ist für den wahren Schauspieler das, was die Wirklichkeit, die Natur, für den Dramatiker ist. So produktiv der Dramatiker der Natur gegenüber ist, so produktiv ist der Schauspieler dem Drama gegenüber. Er erhebt das Drama in eine neue, besondere künstlerische Sphäre. Ist das Drama ein Stück Natur, durch das Temperament des Dramatikers hindurchgesehen, so ist das dargestellte Bühnenwerk ein Drama, durch das Temperament des Regisseurs und der Schauspieler hindurchgesehen.

Wenn wir nicht mutwillig den Rang der Schauspielkunst herabdrücken wollen, so müssen wir sie als selbständige Kunst gelten lassen und über ihre eigenartigen technischen Mittel nachsinnen, dann wird sie sich uns als eine selbständige Kunst darstellen, die gleichartig ist mit den anderen Künsten.

Wir werden, wenn wir das eingesehen haben, weniger über ihren untergeordneten Rang nachdenken; . gerechter werden wir gegen sie sein.

Die Schauspielkunst hat solche Gerechtigkeit notwendig. Denn sie wird heute vielfach als das Stiefkind unter den Künsten angesehen.

Dieses Vorurteil ist besonders unter den produzierenden Dramatikern verbreitet. Es muß überwunden werden.

Und es wird überwunden sein in dem Augenblicke, in dem man sich klar sein wird über das Verhältnis zwischen Schauspielkunst und dramatischer Dichtung.

Uns fehlt eine wirkliche Technik der Schauspielkunst. Sie muß erst vorhanden sein. Dann werden sowohl Dichter wie Schauspieler sie anerkennen. Und dann werden beide Kategorien von Künstlern sich verstehen.

Gegenwärtig fehlt es an einem solchen Verständnis.

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