Gabrielle Réjane

Gastspiel im Lessing-Theater, Berlin

Ich habe dringender Pflichten halber diese große Künstlerin nur in wenigen Rollen sehen können. Sie haben mir aber genügt, um den Eindruck zu bekommen, daß Gabrielle Réjane eine Darstellerin ist, die das, was sie durch ihre Persönlichkeit sein kann, in einem Grade erreicht hat, der nicht höher zu denken ist. Dem Genie des Schauspielers sind durch seine Mittel Richtung und Grenzen seiner Kunst gegeben. Wenn das Genie ausreicht, um aus sich, aus der Summe seiner Mittel dasjenige zu machen, was bei ihm einer Steigerung nicht fähig ist, dann ist er ein vollkommener Künstler. Und die Réjane ist eine vollkommene Künstlerin in diesem Sinne. Es ist undenkbar, daß Gilbere («Frou-Frou») besser dargestellt werden kann, wenn sie von der Réjane dargestellt wird. Wer die persönlichen Eigenschaften der Darstellerin als gegebene Voraussetzungen hinnimmt, kann von ihr nur eine Gilbere verlangen, die er vollkommen nennen muß. Und diese spielt sie. Ihr Genie bleibt nirgends hinter ihren Mitteln zurück. Zu welchen Gefühlen die Künstlerin den Zuschauer hinreißen kann, das habe ich am besten an ihrer Helene Ardan in Donnays neuestem Schauspiel gesehen. Diese sensitive Liebesleidenschaft in ihrer intimen Wahrheit, die dem Zuschauer einen warmen Hauch durch den ganzen Leib treiben muß, bringt die Réjane in unübertrefflicher Art zur Darstellung. Sie ist eine starke Persönlichkeit mit vollkommenem Anempfindungsvermögen; und sie bringt die Persönlichkeit, die ihrem Geiste vorschwebt, so zur Darstellung, daß alles selbstverständlich erscheint, was sie tut. Mit einer Leichtigkeit ohnegleichen bringt sie zum Ausdrucke, was sie von dem Menschen erfaßt hat, den sie verkörpert. Und diese Leichtigkeit ist das wahre Charakteristikum der Kunst des großen Stils.

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