Ermete Zacconi
Gastspiel im Neuen Theater, Berlin
Die Italiener nennen gegenwärtig Ermete Zacconi ihren größten Schauspieler. Seit einigen Tagen sehen wir ihn jeden Tag im Neuen Theater in Berlin. Vorher hat er ein Gastspiel im Wiener Carl-Theater absolviert. Die Nachrichten, die wir über dieses Gastspiel aus Wien erhalten haben, grenzten ans Unglaubliche. Seit die Duse die Kunstgemeinde der Donaustadt in Begeisterung versetzt hat, ist dort etwas Ähnliches nicht erlebt worden. Die Leute verfielen in ein Delirium, als sie Zacconi sahen. In dieser Zeitschrift hat vor acht Tagen ein Wiener Theaterkritiker erzählt, daß sich die Theaterbesucher Wiens wochenlang, während Zacconi bei ihnen war, mit der Frage beschäftigten: worin liegt das Geheimnis des großen Schauspielers? Nun haben wir ihn auch hier in Berlin gesehen. Seine erste Rolle war die des Oswald in den «Gespenstern». Die Botschaft von dem Wiener Delirium hat so wenig auf die Berliner gewirkt, daß Zacconi am dritten Tage seines Gastspiels, als er zum dritten Male den Oswald spielte, sich vor leeren Bänken produzierte. Und von einer Aufregung über die Frage: worin liegt das Geheimnis des großen Schauspielers, war hier ganz und gar nichts zu bemerken. Und ich muß gestehen, auch mir will die Aufregung in Wien nicht recht begreiflich erscheinen. Mich hat Zacconi nur eines gelehrt. Wenn die Schauspielkunst sich von dem Drama emanzipiert und aufdringlich, selbstherrlich vor uns erscheint, so wird sie uns doch widerwärtig. Wir wollen, daß der Schauspieler die Intentionen des Dichters zur Ausführung bringt. Wir nennen dann einen Schauspieler groß, wenn es ihn gelingt, die Absichten des Dichters in der reinsten, unverfälschtesten Art auf die Bühne zu bringen. Darinnen liegt für jeden Verständigen das Geheimnis des großen Schauspielers. Ein anderes gibt es nicht. Zacconi hat uns über dieses Problem nicht die geringste Aufklärung gebracht. Seine Kunst hat im Grunde mit dieser Art von Schauspielkunst nicht das geringste zu tun. Es ist lächerlich, darüber zu streiten, ob Zacconi ein großer Schauspieler ist in dem Sinne, den er anstrebt. Ihn geht keine Dichtung etwas an. Er hat das Drama die «Gespenster» von Ibsen kennengelernt. Er hat gesehen, daß darinnen ein Paralytiker vorkommt. Nun spielt er den Verlauf der Paralyse in meisterhafter Weise. Die Art, wie er die Entwickelung dieser Krankheit in allen ihren Phasen darstellt, ist von unbeschreiblicher Vollkommenheit. Nichts Besseres kann man wahrscheinlich in dieser Richtung auf der Bühne schen. Er stellt die Paralyse in idealer Vollkommenheit dar, wie Goethe den Typus der edlen Frau in der Iphigenie darstellt. Er erhebt ein klinisches Bild zum Kunstwerk. ‚Aber Ibsens Drama geht Zacconi nichts an. Was in diesem Drama außer dem Verrücktwerden des Oswald vorgeht, ist Zacconi gleichgültig. Die ganze Handlung könnte anders verlaufen, als sie Ibsen darstellt: Zacconi würde alles doch so spielen, wie er es spielt, wenn nur das eine feststeht, daß Oswald Paralytiker ist. Wütend könnte man werden, wenn man sieht, wie hier die aufdringliche Kunst des Komödianten mit einer großen Dichtung umgeht. Aber man wird nicht wütend. Und das ist das Merkwürdige an Zacconi. Seine Kunst ist doch wieder so groß, daß man in ihren Bann gezogen wird. Sie ist so groß, daß man selbst seine Gewalttaten gegenüber den Dichtern verzeiht. Man sagt sich: Ibsens Oswald wird von Zacconi nicht dargestellt. Aber was Zacconi darstellt, ist interessant in jedem Zuge. Man verfolgt jedes Wort, jede Gebärde, jede Bewegung mit gespanntester Aufmerksamkeit. Man sagt sich, wenn ein Schauspieler so Bedeutendes kann, so wollen wir ihn einmal genießen, auch wenn er sich in einer falschen Richtung bewegt. Man verzeiht es Zacconi auch, wenn er in den denkbar schlechtesten Stücken auftritt. Wo uns der Dichter nicht interessiert, da hängen wir mit aufrichtigem Interesse an dem Schauspieler.
Ich war neugierig auf Zacconi als Kean. Ich habe mir gesagt, ich habe es hier mit einem Schauspieler zu tun, der nichts weiter ist als Schauspieler, Komödiant. In dem dummen Stück «Kean» hatte nun Zacconi einen Komödianten zu spielen. Das muß seine Glanzrolle sein, dachte ich. Da wird herauskommen, was er eigentlich kann. Den Schauspieler als Menschen, meinte ich, wird er auf die Bühne bringen. Was der Komödiant leidet und welche Freuden er empfindet, das wird Zacconi darstellen, so dachte ich. Und merkwürdig! Gerade als Kean hat mir Zacconi am wenigsten gefallen. Er stellt den Schauspieler nicht als Menschen dar, sondern als Schauspieler. Zacconis Kean schauspielert nicht nur, wenn er den Hamlet auf der Bühne darstellt; er schauspielert auch, wenn er sich im Salon mit den Mitgliedern der vornehmen Gesellschaft unterhält; er schauspielert auch, wenn er in seinem Ankleidezimmer die Besuche seiner Geliebten empfängt. Im Kean hat Zacconi sein Wesen bloßgelegt. Er hat seine ganze Persönlichkeit an die Komödiantenkunst hingegeben. Seine Individualität, seine Seele ist in dieser Kunst aufgegangen und völlig verschwunden. Er ist gar nicht mehr Mensch; er ist nur Komödiant. Und Komödiant ist er in allem, was er auf die Bühne bringt. Wir bewundern deshalb seine Kunststücke; aber wir werden nie ergriffen, nie hingerissen. Wir suchen hinter die Kniffe zu kommen, wie er dies und jenes macht; aber weiter kommt es nicht mit unseren Empfindungen ihm gegenüber. Er stellt nicht Handlungen von Menschen dar, sondern seelenlose Bilder dieser Handlungen.
Eine selbständige Kunst ist Zacconis Schauspielkunst. Und eine Kunst, die in dieser Selbständigkeit jede Berechtigung verliert. Die Dichter könnten keine Dramen für die Bühne schreiben, wenn alle Schauspieler so spielten, wie Zacconi spielt. Sie müßten bloß Anweisungen für die Schauspieler schreiben. Ibsen hätte nicht seine «Gespenster» schreiben sollen, sondern den allgemeinen Umriß einer Handlung, in der ein Paralytiker vorkommt. Diese Handlung im einzelnen auszuführen, hätte er dem genialen Schauspieler überlassen müssen. So lange die Dramatiker so schaffen, wie sie es gegenwärtig tun, hat Zacconis Art keinen Sinn.