Eine dramaturgische Studie
Dramaturgische Studien über einzelne hervorragende Bühnenkünstler sind entschieden sowohl für die Mitglieder des Schauspielerstandes als auch für den Theaterkritiker von dem größten Nutzen. Und auch das Theaterpublikum wird Interesse an ihnen haben. Unsere Anschauungen über die Bühnenkunst gewinnen erst das rechte Leben, wenn wir sie bereichern durch die konkrete Betrachtung des einzelnen Darstellers, seiner besonderen Eigentümlichkeiten, seiner Mittel und der Art, wie er sich deren bedient. Vor kurzem ist nun eine solche Studie erschienen: «Friedrich Haase», eine dramaturgische Studie von Otto Simon (Berlin, Verlag Alexander Duncker, 1898). Sie bietet in jeder Beziehung ein Zerrbild dessen, was man von einer solchen Arbeit verlangen kann. Eine gewisse Überlegenheit der Anschauung, die notwendig ist, um den Grad der Künstlerschaft des einzelnen Darstellers zu kennzeichnen, fehlt hier ganz. Dagegen tritt eine unbegrenzte Anpreisung und eine unbedingte Anbetung des beschriebenen Schauspielers hervor, die den Verfasser der Schrift für jeden kritischen Gesichtspunkt blind und unzugänglich macht. Das Büchlein ist so abgefaßt, als ob es sich um den größten deutschen Schauspieler handelte.
Und eine Forderung ist nicht erfüllt. Der Verfasser einer solchen Schrift muß die Fähigkeit haben, scharf zu beobachten, in welcher eigenartigen Weise der Bühnenkünstler seine Rollen gestaltet, welcher besonderen Mittel er sich bedient, um seine Absichten augenfällig zu machen. Und dazu muß er die Fähigkeit haben, in präziser, eindeutiger Weise diese Eigenart zu beschreiben. Otto Simon hat beides nicht. Er redet über die Eigenart des von ihm beschriebenen Künstlers in allgemeinen, unbestimmten, unklaren Ausdrücken, die höchstens die etwas verwaschenen Gedanken charakterisieren, die dem Autor bei einer Rolle Friedrich Haases durch den Kopf gegangen sind, aber rein gar nichts davon verraten, auf welche Weise der Künstler seine Absichten zum sinnfälligen, theaterwirksamen Ausdruck gebracht hat. Trotz vieler Worte tritt die schauspielerische Physiognomie Haases nirgends klar hervor.
Durch einige Beispiele wird es klar werden. Was gewinnen wir dadurch, daß uns von Haases Hamlet gesagt wird: «Herrn Haase erscheint als die Grundidee in der Figur des Dänenprinzen die religiöse (christliche) Gewissenhaftigkeit im Konflikt mit den Anforderungen, welche die äußere Existenz und die Ehre (das lebhafte Bewußtsein seines künftigen Herrscherberufes) an einen Menschen stellen, der in der Welt der Ideale heimischer ist als in der Wirklichkeit. Die Idee Hamlets ist —- nach Herrn Haases Ansicht — eine höhere als die der bloßen geistreichen Blasiertheit, ästhetischen Überreizung und charakterlosen Willensschwäche der modernen Zeit — Eigenschaften, welche dem Zeitalter Shakespeares an sich noch fremd waren.» Von Herzog Alba wird gesagt: «In Haases Darstellung sehen wir den eisernen Herzog voll verkörpert, eine hagere, hohe, elastische Gestalt, straff soldatisch und doch sitterlicher Haltung, in sich gefestigt durch königliche Autorität und eigene Willenskraft, ein hochbedeutender Kopf mit mächtiger Gedankenstirn, bald kalten, starren, bald dämonisch-glühenden Augensternen, dem charakteristischen langen, schmalen Albabarte, gekleidet in dunkles, wenn auch kostbar verziertes spanisches Kostüm, die, wie der freche Spötter Vansen sagt, langen Spinnbeine in bis zum Leibe reichenden dunklen Reitstiefeln: so sehen wir in Haases Alba den berühmten spanischen Feldherrn vor uns, alles konzentrierte Kraft, Entschlossenheit, Unbeugsamkeit nach eigenem und doch nur des Königs Willen.»
Es ist nicht zu leugnen, daß in dieser Charakteristik ein Ansatz dazu gemacht ist, zu schildern, wie der Künstler seine Absichten dem Auge dazustellen suchte. Jede Spur eines solchen Versuches fehlt dagegen in der Beschreibung der Thorane-Rolle. «Die Meisterschaft Haases als Thorane beruht hauptsächlich darin, daß er so entgegengesetzte Eigenschaften und Gewohnheiten, wie den Hang zu schwermütiger Träumerei und leicht erregbares Nationalgefühl, begeisterte Liebe für die schönen Künste und militärische Straffheit, Scheu vor den Frauen und ritterliche Artigkeit, wo er mit ihnen in Berührung kommt, zu einem einheitlichen Bilde zu verschmelzen weiß, und daß er dieser Figur noch dazu den feinsten Schliff und den charakteristischen Ton der altfranzösischen Aristokratie verleiht.» Das ist eine Darstellung des Charakters des Grafen Thorane, nicht eine Charakteristik der schauspielerischen Art Friedrich Haases.
Was bei ähnlichen Arbeiten gewöhnlich als Mangel auftritt, das gewahren wir auch hier: auf das Spezifische der Schauspielkunst wird nicht der Hauptton gelegt; ja, es fehlt dem Verfasser das Vermögen, von dem Gesamtbühnenbilde das abzutrennen, was das Wesen dieser Kunst ausmacht.