Adele Sandrock
Gastspiel in Berlin
Soll ich mit ein paar Worten das Gefühl beschreiben, das ich habe, wenn Adele Sandrock auf der Bühne ist, so muß ich sagen: ich schwelge in dem Genuße reifer, süßer Schönheit. In der harmonischen Stimmung, die ich sonst nur habe, wenn es mir gelungen ist, eine schwierige Arbeit zu meiner vollen Zufriedenheit zu vollenden, verlasse ich das Theater. Eine wohltuende Ruhe bemächtigt sich meiner Seele. Nicht eine Ruhe gleich derjenigen, die den Müßiggang zur Mutter hat, sondern eine Ruhe, die ähnlich ist einer solchen, die vom richtig vollbrachten Leben kommt.
Das war nicht immer so, wenn ich Adele Sandrock gesehen habe. Vor zehn Jahren, als sie eben anfing, dem Publikum als große Schauspielerin zu gelten, da ging ich mit heißem Kopfe und fieberhaft erregten Nerven aus ihren Vorstellungen. Alles zuckte in mir, als ich damals ihre Eva, ihre Alexandra — in Richard Voß’ Stücken — oder gar ihre Anna in Gunnar Heibergs «König Midas» sah. Eine große Natur sprach aus ihr. Alles, was man an Lebenskraft hatte, regte sie auf. Aber man mußte damals durch sich selbst wieder zur Ruhe kommen. Sie gab einem nichts, wodurch man die zerrissene Harmonie der Seele hätte wiederfinden können. Es fehlte immer etwas, was zur vollen Schönheit gehört. Diese muß die Wogen auch wieder glätten, die sie erregt hat. Ein Sturmwind war ehedem die Sandrock, jetzt ist sie eine Macht geworden, die Sturm und Windstille gleichmäßig zu verteilen weiß. Deswegen sage ich, ihre Kunst hat das Kennzeichen der reifen Schönheit, die von der Harmonie kommt.
Ich glaube, das hat Adele Sandrock dem Umstande zu danken, daß sie zur rechten Zeit ans Burgtheater gekommen ist. Ihre Art war ausgereift, und im Burgtheater fand sie die Windstille vor. Die Schönheit blühte dort, aber die Wärme der Leidenschaft, des Temperamentes war in dieser Schönheit erstorben. Wie Charlotte Wolter war, so war das ganze Burgtheater. Adele Sandrock brachte alles mit, was Charlotte Wolter fehlte, und sie eignete sich mit der Art des Genies an, was sie von der Wolter lernen konnte.
Jetzt bei ihrem Berliner Gastspiele fand ich bei Adele Sandrock alle die Züge wieder, die mich einst in Hitze gebracht haben, aber alles ist abgedämpft durch die edle Kunstart, die im Burgtheater immer zu Hause war.
Schon am ersten Abend, als sie die Francillon gab, war mir dies klar. Noch klarer wurde es mir bei der Vorstellung der «Maria Stuart». Diese Maria war ganz Leben und auch ganz Kunst. In großen, edel-schönen Zügen trat die unschuldig-schuldige Frau auf, der man in jedem Augenblicke glauben konnte, daß eine edle Seele in ein großes Unglück sich fügen kann.
Und am folgenden Abend, diese Christine in Schnitzlers flotter, echt dramatischer, duftig schöner Unbedeutendheit «Liebelei». Das Wiener Mädel mit allem Zauber der Liebenswürdigkeit, die in der Donaustadt so reizvoll ist. Ich mußte mich immer fragen: wo habe ich dieses Mädel denn nur gesehen? Wie eine gute Bekannte wirkte sie auf mich. Und doch auch wieder alles im Stile des Burgtheaters gespielt. Gleich darauf die übermütige, zynische Ausgelassenheit der Anni in Schnitzlers «Abschiedssouper». Wie Schwarz zu Weiß verhalten sich die beiden Rollen, und die Sandrock vergriff auch nicht einen Ton in einer derselben.
Am lebhaftesten aber tauchten alte Erinnerungen auf, als sie die Eva spielte. Das war eine der Rollen, in denen sie vor zehn Jahren glänzte. Wie anders spielt sie sie jetzt. Eine edle Würde zwingt die ausbrechende Leidenschaft immer wieder in die schöne Form zurück. Adele Sandrock sagt heute, was sie vor zehn Jahren gesagt hat, aber sie hat alles so umgegossen, wie Goethe seine Iphigenie in Italien umgegossen hat. Ihre Leidenschaft ist noch dieselbe wie ehedem, ihre Wärme ist noch dieselbe wie ehedem: aber über der Leidenschaft, über der Wärme steht die Persönlichkeit der Künstlerin, die sich nicht mehr von ihren Seelengewalten bezwingen läßt und gehetzt wird von ihnen. Heute herrscht sie über sie mit spielender Kraft.
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Als Adele Sandrock vor kurzem in Berlin gastierte, erschien im Berliner Tageblatt von ihr ein kurzer Artikel, in dem sie für die Anstellung weiblicher Regisseure eintrat. Der Gedanke hat gewiß viel Verlockendes, und wenn man im allgemeinen dafür ist, daß den Frauen die Berufe, zu denen sie bisher Vorurteil und Irrtum nicht hat kommen lassen, geöffnet werden, so wird man auch dem Vorschlag der großen Wiener Schauspielerin nur mit Beifall gegenüberstehen können. Dennoch aber wird man Bedenken in dieser Hinsicht nicht unterdrücken dürfen. Dazu fordern vor allem die Gründe heraus, die Adele Sandrock vorgebracht hat. Es handelt sich bei der Regieführung vielfach um Arrangements, die im wirklichen Leben die Frauen besorgen. Sie sollen deshalb — nach Adele Sandrocks Meinung — auch für die Herausarbeitung dieser Arrangements auf der Bühne mehr Verständnis haben als die Männer. Dabei ist eines nicht berücksichtigt: Ein anderes ist es, ein Ding im wirklichen Leben zu machen, ein anderes, es auf dem Gebiete der Kunst nachzuahmen. Hier scheint es sich um einen Grundirrtum in der Kunstauffassung von Adele Sandrock zu handeln. Könnte denn nicht zur Nachahmung jener Dinge auf der Bühne, die im Leben die Frauen besorgen, gerade die männliche Phantasie besser taugen als die weibliche? Es wird freilich nicht zu leugnen sein, daß sich in den Reihen der Schauspielerinnen immer einige Frauen finden werden, welche eine ausgesprochene Begabung für Regieführung haben. Diesen sollte die Möglichkeit nicht entzogen werden, diese Begabung anzuwenden. ‚Auch wird es Stücke geben, die durchaus einer weiblichen Hand bedürfen. Es werden diejenigen sein, in denen frauenhaftes Empfinden und weibliche Anschauungen im Vordergrunde stehen. Kurz, einfach zurückzuweisen wird der Vorschlag von Adele Sandrock nicht sein. Berlin wird übrigens bald die Vorzüge einer weiblichen Regieführung kennenlernen.- Die unternehmungslustige Nuscha Butze wird ja nicht verfehlen, in ihrem "Theater zu der Bürde der Direktion, die sie Lautenburgs Schultern abnimmt, auch die der «Oberregie» zu fügen, mit der ihr Vorgänger doch auch belastet war.