Freie Literarische Gesellschaft IN Berlin 1897

Ein reizvoller Vortragsabend wurde den Mitgliedern dieser Gesellschaft am 25. November geboten. Hans Olden las ein «Jugenderlebnis» vor. In launiger Weise charakterisiert er einen gefeierten Bühnenkünstler, der von der ganzen Welt und deshalb auch von dem Verein, dem der junge Olden angehörte — Musenheim heißt er natürlich — wie ein Ideal des Menschen vergöttert wird, und der sich zuletzt als eitler Poseur entpuppt. Er spielt nicht bloß auf der Bühne, sondern auch im «Musenheim» Komödie. Man kann ein solches Erlebnis, das in ähnlicher Weise fast auf jeden jungen Menschen einmal wie ein «Faustschlag» gewirkt hat, nicht in witzigerer Art darstellen, als es Olden getan hat. Und ich meine, daß auch die Vortragsweise Oldens sich an diesem Abend als eine ungewöhnlich wirksame erwiesen hat. — Zwei stimmungsvolle Arbeiten las Wilhelm Hegeler vor: «Des Pfarrers Traum» ist eine künstlerisch intime Leistung. Der stocktaube Pfarrer, dem am Abend des Lebens ein Traum verkündet, daß ihm die blinde alte Gattin noch ein Knäblein bescheren wird, und dem sein junger Kandidat mit dem Hausfräulein im Bunde diesen Traum verwirklicht — er ist eine köstliche Figur. Nicht minder der Künstler in «Goldenes Licht auf dunklem Grunde», das Hegeler noch vorlas. - Carlot G.Reuling unterhielt in prächtiger Weise mit seiner Humoreske «Der verlorene Gedanke». Seine Verspottung des unfruchtbaren Gelehrtentums, das vor wirklichen Gedanken fast die Flucht ergreift, ist durch die Treffsicherheit der Darstellung ebenso überwältigend, wie die Arbeit durch die liebenswürdige Form, in der sie auftritt, amüsant. ist.

German original of The Free Literary Society in Berlin 1897 · ← Previous · Next →