Freie Literarische Gesellschaft IN Berlin 1898

Am 12.Januar veranstaltete die Berliner «Freie Literarische Gesellschaft» einen humoristischen Vortragsabend. Zuerst las Otto Julius Bierbaum Teile aus seinem neuesten Roman «Stilpe» vor. Ein naiver Humor macht sich in diesem Roman geltend. Wenn man sich seine Jugend bewahrt hat, lacht man über die Dinge, über die Bierbaum lacht. Harmlos ist dieses Lachen. Die Dinge, über die gelacht wird, sind so niedlich. Wäre der Vortragende besser disponiert gewesen: es wäre gewiß auch letzten Mittwoch viel gelacht worden.

Einen seltenen Vortragserfolg erzielte Guido Thielscher mit Otto Erich Hartlebens kleinen Meisterwerken: «Das Kalbskotelett» und «Moritz, der Sortimenter». Ich habe nicht die Verpflichtung, mein Urteil über Otto Erich Hartlebens Leistungen unausgesprochen zu lassen, weil ich mit ihm befreundet bin. Ich kenne in der Gegenwart keinen Künstler, der wie er mit solcher Vollendung übt, worauf es in der Kunst nach meiner Empfindung ankommt. Mit sicheren Strichen zeichnet er Gestalten hin, die leben. Er ist Meister der Kunstform im allerbesten Sinne des Wortes. Er verschmäht alles, was nicht zu dieser Kunstform gehört. Künstlerische Vornehmheit ist ein Grundzug seines Schaffens. Und weil ihm diese Vornehmheit so natürlich ist, wirkt sie auf mich wie ein überlegenes Schalten mit den Dingen. Hartleben kennt die Ironie der Lebensverhältnisse, und er kennt das Naturnorwendige der Banalität. Und beides weiß er zu gestalten. Im «Kalbskotelett» zeigt er sich von der ersten, in «Moritz, der Sortimenter» von der zweiten Seite. Leichte Skizzen sind es, die aber nur ein ganzer Künstler schreiben kann.

Guido Thielscher brachte beides zu voller Wirkung. Alle Nuancen kamen zur Geltung. Eine feine Charakterisierungskunst ist Thielscher eigen. Er dringt liebevoll in die Dinge ein und versteht sie in anschaulicher Weise wiederzugeben. Er gehört zu denjenigen Darstellern, denen man mit dem höchsten Interesse nicht nur wegen der Dichtung folgt, der sie durch ihre Vortragskunst dienen, sondern die auch das höchste Interesse erwecken durch das Wie, durch die Art, wie sie eine Sache zum Ausdruck bringen.

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Freitag, den 28. Januar, hatte die «Freie Literarische Gesellschaft» Gelegenheit, einen ausgezeichneten Rezitator kennenzulernen. Marcell Salzer las Dichtungen und Prosaschöpfungen der Wiener Autoren: Arthur Schnitzler, Loris (Hugo von Hofmannsthal), Peter Altenberg, Christian Morgenstern und Hermann Bahr. Marcell Salzer hat eine —- Hermann Bahr würde in seinem Wienerisch sagen — gemütliche Art, sich in die artistisch feinen und amüsanten Dinge Schnitzlers, Morgensterns und Bahrs einzuleben und sie so wiederzugeben, daß dem Wiener, der ihn hört, ganz heimisch zu Mute wird. Aber mir scheint, Salzers Talent geht noch weiter. Er ist als Rezitator ein wirklicher Künstler. Das ist gar nicht so leicht. Denn dem Rezitator wird es schwer, Künstler zu sein. Der Kreis seiner Mittel ist nur ein geringer. Wort und Wort-Nuancierung kommen im Grunde allein in Betracht. Will der Rezitator mit andern Mitteln wirken, so wird er aufdringlich. Seine Kunst gehört zu den intimsten, die es gibt. Ich fand bei Vorlesung aus den Werken der genannten Autoren, daß Marcell Salzer sich in den Grenzen seiner Kunst hält und innerhalb dieser Grenzen Vorzügliches leistet. Die aus dem Wienertum heraus geborenen Skizzen Schnitzlers, Bahrs und Morgensterns sind bis auf die reizvolle Andeutung des Dialektes hinein echt wiedergegeben worden.

Hugo von Hofmannsthal, der kokette Pathetiker, und besonders Peter Altenberg, der Iyrische Bummler, kamen weniger zur Geltung. Hugo von Hofmannsthal ist ein versetzter Musiker. Er komponiert in Vokalen. Marcell Salzer ist als Rezitator Charakteristiker. Er sollte Hofmannsthal nicht lesen. Weibisch-Lyrisches macht er theatralisch. Das ist kein Tadel. Ich muß das sagen, um den Rezitator zu loben. Wie sollte er Schnitzler und Bahr gut vortragen, wenn er Hofmannsthals unmännlichen Ton treffen wollte! Die Blätter im Walde rauschen, wie dieser Dichter spricht, der Quell rauscht seine Weisen. Aus menschlichen Kehlen wird immer unnatürlich klingen, was er singt und sagt. Und Peter Altenberg! Wozu haben wir solche Dichter? Es ist ja ganz schön, daß wir uns solchen Luxus gönnen können. Warum soll nicht noch etwas kommen, wenn die letzten Tafelgenüsse abgeräumt sind? Eine recht feine Zigarre. Wir wollen sie nicht entbehren. Peter Altenberg ist eine feine Zigarre. Aber nicht alle Menschen sind Raucher, und nicht alle Raucher haben Verständnis für feine Zigarren. Da muß man schon auf der geheimnisvollen Stufenleiter zum Vornehmen wieder — zur Philistrosität hinangestiegen sein.

Ich schreibe das, um Marcell Salzer, der ein vorzüglicher Rezitator ist, einen guten — vielleicht überflüssigen — Rat zu geben. Kabinettstücke seiner Kunst waren die Proben von Schnitzler, Bahr und Morgenstern. Mit Loris und dem Herrn Peter verdirbt er sich die schönsten Wirkungen.

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Dienstag, den 1. März, veranstaltete die Berliner «Freie Literatische Gesellschaft» einen Autoren-Abend. Sigmar Mehring las seinen Einakter: «Vom Baume der Erkenntnis. Ein Mysterium» vor. Der Autor dieses kleinen Dramas hat die alte Frage des Sündenfalles in einer Weise zu behandeln versucht, die in der Mitte liegt zwischen der einfachen Bibelerzählung und einer philosophisch-spekulativen Auslegung des mythischen Vorganges. Im zweiten Teile des Abends erfreute uns Ludwig Fulda mit einer Reihe launiger Dichtungen: Sein und Nichtsein, Beichte, Der Beneidenswerte, Zweierlei Auffassung, Eigener Nachruf, Drei Parabeln, Studienkopf — und mit der heiteren Humoreske «Zufall». Ich habe — will ich nicht allgemein Anerkanntes sagen — weder nötig, diese Dichtungen, noch Fuldas Vortragskunst zu loben. Wohl aber darf ich statt dessen den Wunsch aussprechen, daß der Vortragende die «Freie Literarische Gesellschaft» recht oft in ähnlicher Weise erfreuen möge wie diesmal. Diese wird ihm sehr dankbar sein.

German original of The Free Literary Society in Berlin 1898 · ← Previous · Next →