«Gyges und sein Ring»
Eine Tragödie von Friedrich Hebbel
Aufführung im Burgtheater, Wien
Endlich, nach einer an Mißgriffen beispiellos reichen Periode, brachte uns am Ostermontag das Burgtheater ein Bühnenereignis allerersten Ranges. Eine Reihe von Verehrern der Muse Hebbels haben sich in der Absicht zusammengefunden, eine künstlerisch ausgeführte Gedenktafel am Sterbehause des großen Dichters anzubringen. Dieselbe ist bereits von dem begabten Künstler Seebeck fertiggestellt und soll demnächst ihrer Bestimmung zugeführt werden. Den Bestrebungen dieser Männer ist es nun auch zuzuschreiben, wenn wir durch eines der bedeutendsten Stücke Hebbels erfreut wurden. Ein Teil des Reinerträgnisses soll nämlich zur Deckung der Kosten des Denkmals verwendet werden.
Mit der erwähnten Aufführung ist, wie wir glauben, «Gyges und sein Ring» für die Bühne auf immer erobert worden. Niemand konnte sich dem großen Zuge verschließen, der durch das Stück geht. Der Erfolg war ein durchschlagender. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß die Vorstellung vor einem außerordentlich gewählten Publikum stattfand. Das gewöhnliche Stammsitz-Publikum, das erst jüngst durch die so freundliche Aufnahme der «Wilddiebe» seine vollständige Geschmack- und Urteilslosigkeit bewiesen hat, war nicht da. Nun, wir werden ja sehen, wie es dem Stücke bei der zweiten Aufführung, wo man wieder auf die bekannten Inhaber ihrer privilegierten Sitze stoßen wird, ergeht.
Die Fabel des Stückes ist die denkbar einfachste. Kandaules, der König von Lydien, ist mit Rhodope, der morgenländischen Königstochter, vermählt, die vom Lande ihrer Väter mit der Ansicht kommt, daß das Weib für immer entehrt ist, wenn sie außer von ihrem rechtmäßigen Gemahl noch von einem anderen Manne gesehen wird. Rhodope hat diesen ihren Begriff von Schamhaftigkeit in der peinlichsten Weise zur Richtschnur ihres Lebens gemacht. «Ihr Schleier ist ein Teil von ihrem Selbst.» Niemand sieht sie ohne diesen. Rhodope ist aber ein Weib von höchster Schönheit, und Kandaules will diese Schönheit nicht nur besitzen, er will auch, daß er einen Zeugen von diesem seinem Besitze habe. Nun lebt an seinem Hofe der Grieche Gyges, der einst einen Ring gefunden hat, den man am Finger nur entsprechend zu drehen braucht, um durch ihn unsichtbar zu werden. Diesen Ring hat Gyges seinem Könige geschenkt. Der letztere verleitet nun seinen Diener, den Ring für eine Nacht zu benutzen, um in das königliche Schlafgemach einzudringen und so sich durch den Augenschein von der Schönheit Rhodopens zu überzeugen. Das geschieht. Aber Rhodope merkt den Frevel. Und nun entstehen dramatische Konflikte, wie sie eben nur von einem bedeutenden Dichter gesponnen werden können. Gyges hat in der verhängnisvollen Stunde einen Diamant von dem Halse der Königin genommen. Diesen übergibt er dem Könige. Rhodope, die von der Existenz des Ringes Kenntnis hat, verfällt bald auf den Gedanken, Gyges könne das Verbrechen begangen haben. Sie beruhigt sich ein wenig, da sie sieht, ihr Gemahl selbst besitze den Diamanten, und nun glaubt, daß ihr wenigstens dieser nicht von unberufener Hand genommen worden ist. Die dramatische Steigerung, wie Rhodope nun Schritt für Schritt den wahren Sachverhalt, die Schuld ihres eigenen Gemahls, erfährt, ferner die psychologisch feine Schilderung des Seelenkampfes in Gyges, machen einen gewaltigen Eindruck. Für das entehrte Weib bleibt nur eines übrig: Gyges, der sie gesehen hat, muß ihr Gatte werden; Kandaules, der den Frevel veranlaßt, muß von Gyges Hand fallen. Dies fordert Rhodope von dem letzteren. Und so geschieht es. Der König fällt im Zweikampfe gegen Gyges, Rhodope aber tötet sich, nachdem sie sich noch, wie es ihre Ehre fordert, mit Gyges vermählt hat, selbst. Der letztere wird von den Lydiern zum König ausgerufen. Der Ausgang ist bedeutsam und tief; durch die Vermählung mit Gyges hat Rhodope den Tugendbegriffen ihres Volkes Genüge getan, denn sie ist nur von ihrem Gemahle gesehen worden; durch ihren Tod sühnt sie das wegen dieser Genugtuung notwendig durch sie veranlaßte Unrecht der Ermordung ihres ersten Gatten.
Hebbel verstand es, aus der bei Herodot mitgeteilten, ziemlich unbedeutenden Fabel das großartige Drama der verletzten Schamhaftigkeit des Weibes zu machen. Alles, was dasselbe bringt, fließt aus diesem Grundzuge. Und darinnen zeigt sich der wahre Dichter: Es ist kein Satz, ja kein Wort zu viel; man sieht bei allem, daß es so sein muß.
Die Darstellung war im ganzen eine gute. Robert spielte den Gyges seelenvoll und leidenschaftlich; bis auf einige Stellen, in denen er sich überschrie, müssen wir seine Auffassung durchaus als zutreffend ansehen. Krastel spricht, wenn er in Rollen auftritt, zu denen ein großer, bedeutender Zug gehört, eigentlich nicht sehr gut. Das künstliche Pathos, das nur zu oft zu einem unnatürlichen Singen wird, befremdet. Sein Kandaules ist aber bis auf diesen Fehler eine bedeutende Leistung. Die Rhodope des Fräulein Barescu ist nicht gerade vollendet, aber sie hat Stellen, in denen sie die rechten Töne findet und hinreißt. Sie sollte nur die Nachahmung der Wolter weniger durchblicken lassen. Wenn es ihr noch gelingt, namentlich im dritten und vierten Akte gewaltiger, großartiger aufzutreten, dann wird man dieser Rolle die Zustimmung jedenfalls nicht versagen können. Fräulein Formes spielte die Lesbia, eine kleine Rolle, die ihr aber wieder Gelegenheit genug gab, ihre vollständige Talentlosigkeit glänzen zu lassen.