Das Wetterleuchten einer neuen Zeit
Zur Aufführung von Gunnar Heibergs «König Midas»
im Deutschen Volkstheater, Wien
Was wir nach den Erfahrungen, die wir mit dem Deutschen Volkstheater im ersten Halbjahre seines Bestandes machen konnten, durchaus nicht zu hoffen wagten, es ist nun doch eingetreten. Wir verdanken diesem Institute ein Theaterereignis, wie wir es in Wien seit langem nicht erlebt haben. Am 22. April wurde zum ersten Male «König Midas» von Gunnar Heiberg aufgeführt. Welchem Einflusse wir das zu danken haben, ist uns unbekannt, aber es wäre immerhin interessant, es zu erfahren. Denn bei dem grenzenlosen Unverstand, mit dem die Wiener Kritik dieses «Schauspiel» aufgenommen hat, bei der geradezu rührenden ‚Ahnungslosigkeit derselben in betreff dessen, worauf es hier eigentlich ankommt, können wir nicht umhin zu gestehen, daß wir Verlangen tragen, zu wissen, wer von den maßgebenden Faktoren des deutschen Volkes imstande war zu erkennen, daß bei allem dramatischen Ungeschick Heibergs, bei aller Unvollkommenheit in der Zeichnung der Charaktere, doch in dem Werke bereits das Wetterleuchten einer ganz neuen Zeit zu verspüren ist. Die Mehrzahl unserer Gebildeten scheint mit ihrer geistigen Kraft gerade noch weit genug zu reichen, um Ibsen, den letzten Ausläufer einer im Untergehen begriffenen Kultur, zu verstehen. Um aber auch noch dem zu folgen, der den ersten — allerdings noch etwas schwachen — Versuch macht, einer neuen sittlichen Weltordnung den künstlerischen Ausdruck zu verleihen, dazu reicht diese Kraft nicht mehr aus. Welches ist die Botschaft, die Ibsen der Welt verkündet? Zumeist keine andere als die von dem Widerspruche unserer Wirklichkeit mit den sittlichen Ideen, der Unmöglichkeit, das Leben nach diesen einzurichten. Was er aber als solche «sittliche Ideen» ansieht, das sind die einer alten, ausgelebten Kultur, das ist «altes Eisen der Moral» und deshalb mit Notwendigkeit von dem Leben oft ausgestoßen. Nur die unreife Jugend und jene Älteren, die nie verstanden haben, daß in unserer klassischen Periode der sittliche Lebensinhalt einer abgelebten Zeit einen rückstandslosen künstlerischen Ausdruck gefunden hat, der nicht zu überbieten ist, nur diese beiden Gruppen der Gebildeten konnten jenem heillosen Ibsen-Kultus verfallen, der doch nichts ist als das Ergebnis krassester Unbildung. Ibsen hat zwar eingesehen, daß ein furchtbares Mißverhältnis besteht zwischen dem wirklichen Leben und den sittlichen Werten, aber die Erkenntnis fehlt ihm, daß die gärende Gesellschaft unserer Tage eben überhaupt nicht mehr mit dem ethischen Maßstabe der Vergangenheit gemessen werden kann, sondern vor einer Umgestaltung der ganzen sittlichen Weltordnung steht. «Gut und Bös» im hergebrachten Sinne sind eben abgebrauchte Begriffe, die einer «Umwertung» dringend bedürftig sind. Es fragt sich nun: an was haben wir uns bei einer solchen «Umwertung» zu halten? Da kann es nur eine Antwort geben: an das Leben selbst. Und damit haben wir erkannt, daß die moralischen Werturteile sich nach dem Leben und nicht, wie Ibsen will, das Leben sich nach den moralischen Werturteilen zu richten habe. Ein moralisches Prinzip wird in dem Augenblicke zu einer unheilvollen Macht, wo es der gedeihlichen Entwickelung des Lebens hindernd in den Weg tritt. Dies ist der Grundgedanke des Stückes von Heiberg. Eine junge Witwe, Frau Holm, hat von ihrem Manne auf dem Totenbette das Bekenntnis empfangen, daß er ihr nie untreu war, nicht in Taten, nicht in Gedanken. Dieser Gedanke bildet das Glück ihres Lebens seit dem Tode ihres Gatten. All ihre Seligkeit stammt davon. Aber jenes Bekenntnis war eine — Lüge. Niemand weiß es als der Redakteur Ramseth, dem ein Weib, das einst Dienstmädchen im Hause Holm war, das Geständnis gemacht hat, Holm habe sich einmal mit ihr vergangen. Der Redakteur Rarmseth tritt als Vertreter der Tugend in der Form der Wahrheit auf, der ungeschminkten, rein tatsächlichen Wahrheit. Und er macht die Frau Holm mit der wahren Sachlage vertraut. Darüber wird sie wahnsinnig und ist dem Leben verloren. So hat die «Wahrheit» ein Leben zerstört, das einem «beseligenden Irrtume» sein Glück hätte verdanken können. Wenn die Kritik glaubt, das Drama Heibergs sei weiter nichts als eine Streitschrift gegen
Ibsen, so ist das nur ein geringer Bruchteil der Wahrheit. Das Stück ist die erste Tat einer neuen Zeit, der erste Schlag auf das vielfach morsch gewordene Gebäude der Moral. Die Wiener Kritik hat wieder einmal gezeigt, daß sie völlig unfähig ist, vorurteilslos das Bessere zu beurteilen. Es. ist einmal eine große Münze — wenn auch in schlechter Prägung — ausgegeben worden, und das kritische Kleingeld unserer Journalisten reichte nicht hin, sie einzulösen. Wir können bei dieser Gelegenheit doch nicht umbhin, auf die Darstellerin der Frau Holm, auf Fräulein Sandrock, besonders hinzuweisen. Die Art, wie sie die Rolle auffaßt und darstellt, ganz allein abgesehen von allem übrigen, ist eine Sehenswürdigkeit. Sie fesselt mit jeder Nuance unser Interesse wieder aufs neue. Wer sie im «König Midas» gesehen hat, wird kaum bezweifeln, daß wir in ihr einen aufgehenden Stern erster Größe zu sehen haben. Nicht minder interessant ist Herr Mitterwurzer als Ramseth. Es gehört eine besondere Kunstvollendung dazu, die unbeugsame Natur dieses Menschen einheitlich zu spielen. Man glaubt von Augenblick zu Augenblick, jetzt muß sie brechen, diese Unbeugsamkeit, die Unheil über Unheil aus dem Fanatismus der Wahrheit hervorgehen sieht. Aber Ramseth bleibt «wahr», bis er das arme Opfer seiner «Wahrheit» um den Verstand gebracht hat. Diese Starrheit uns klarzumachen, trifft Mitterwurzer in ganz besonderem Maße.