Bildung und Überbildung
«Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit.» So lautet einer von Goethes Sprüchen in Prosa. Wenn er richtig ist — und das scheint er mir zu sein —, dann möchte ihn ihn zum Rechtstitel nehmen, wenn ich die Art, wie gegenwärtig die Herren von der Feder «tätig» sind, zum größten Teile «schrecklich» finde. Da habe ich vor kurzer Zeit ein dramatisches Produkt Hermann Sudermanns gelesen und auch auf den Biettern, die heute fast nur mehr die Halbwelt bedeuten, gesehen, das «Heimat» heißt. Der Verfasser hat auch noch ein gutes Stück, «Sodoms Ende», und ein ziemlich schlechtes, «Die Ehre», geschrieben. Das letztere ist zwar undramatisch, aber es enthält endlich einmal Konflikte, die aus tiefeingewurzelten Schäden unseres sozialen Lebens genommen sind. Der scheuledertragende Philister, der zur Not noch begreift, daß Eugen Richter doch nicht der rechte Volksvertreter ist, sieht mit wehmütigem Entzücken die geschminkten Puppen, die für Gestalten des Lebens stehen, auf die seine liberale Nase zwanzigmal stoßen könnte, ohne daß er die erbärmliche Lage solcher Menschen begriffe. Deshalb wird «Die Ehre» oft und überall gegeben. «Sodoms Ende» enthält einen tieferen, scelischen Konflikt. Deshalb begreift ihn der Mann, der über Schutzzoll und Freihandel viel gelesen hat, nicht, und — das Stück wird wenig gegeben. «Heimat» aber wurde von den alles wissenden Herren des Feuilletons als ein Stück von epochemachender Bedeutung ausposaunt. Alles «tätige Unwissenheit», vielleicht besser gesagt: ungebildeter und deshalb rein willkürlicher Geschmack. Wenn die Herren sagen: es komme gegenwärtig gar nicht darauf an, daß unsere Stücke dem Gebildeten, der seinen Geschmack erzogen hat, genügen; es komme vielmehr darauf an, dem Volke etwas zu bieten, jenen Menschen, die nie Zeit und Gelegenheit gehabt haben, um für ihre Geschmacksbildung zu sorgen, so mag ein solches Wort wohl hingehen, wenn es sich um «Die Ehre» handelt; es ist aber oberflächlich gegenüber «Heimat». Hier handelt es sich um Gesellschaftsklassen, an die man höhere Ansprüche stellen muß. Für diese ein Weib wie Magda als Gegensatz des alten, eingerosteten Philistertums hinzustellen, heißt Halbheiten produzieren, die nur irreführen können. Das Weib, das wirklich unter dem Druck der Verhältnisse leidet, weil ihm die freie Entwickelung seiner Anlagen unmöglich gemacht wird, möchte wohl kaum mit der höheren Zirkusweisheit einer Magda etwas zu tun haben. Diese Magda ist unwahr vom Scheitel bis zur Sohle, weil sie uns glauben machen will, daß man bloß durch Brutalität den Standpunkt der modernen Weiblichkeit erreicht.
Ich wundere mich darüber, daß so wenig kritische Augen die Unwahrheit dieses Stückes bemerkt haben. Denn es wäre diesmal wahrhaftig nicht gar so schwer gewesen. Aber es gibt eine «tätige Unwissenheit», die ganz besonders wenig davon weiß, was ein Menschenherz erleben kann und was nicht.
Immer mehr verliert unsere Kritik den großen Zug, der aus wirklicher Weltkenntnis und tüchtigem ‚Wollen hervorgeht, und immer tiefer sinkt dabei der Geschmack des Publikums. Wir dürfen uns nicht unklar darüber sein, daß die Kritik von großem Einfluß ist auf die Erziehung des Publikums. Es ist dies in künstlerischen Dingen viel mehr der Fall als in solchen, wo es mehr auf das Urteil des Verstandes ankommt. Wenn jemand ein falsches Verstandesurteil fällt, so werde ich in verhältnismäßig kurzer Zeit imstande sein, ihn von seinem Irrtum abzubringen, indem ich ihm die Wahrheit handgreiflich mache. Ein Gleiches gilt nicht vom Geschmacksurteile. Das ist das Produkt eines längeren Erziehungsprozesses. Ich werde niemand so leicht von der Unwahrheit Sudermannscher Figuren überzeugen, wenn er in seinem Leibblatte seit langer Zeit liest, so müsse es der «neue Dichter» machen. Namentlich wird es schwer sein, an die Stelle eingefleischter Trivialitäten etwas Besseres zu setzen.
Ich habe dies alles hier nur gesagt, um die schiefe Bahn zu kennzeichnen, auf die uns «tätige Unwissenheit» gebracht hat. Zu gesunden Zuständen werden wir erst wieder kommen, wenn an die Stelle des Kritikers, der nichts weiß und über alles urteilt, jener tritt, der auf Grund einer in sich gefestigten Lebens- und Weltanschauung an die geistigen Erzeugnisse seiner Zeitgenossen herantritt. Heute finden wir statt einer tüchtigen, aber in fortwährender Entwickelung begriffenen Auffassung der Dinge willkürliche, auf nichts gestützte Kunst- und Wissenschaftsrezepte; die journalistischen Rekruten gebrauchen ihre plumpen Schießprügel als kritische Marschallstäbe.
Unter solchen Verhältnissen ist es kein Wunder, wenn die Kritik für den produktiven Geist zumeist ganz unfruchtbar bleibt, und wenn eine Verständigung über den Wert zeitgenössischer Literaturprodukte geradezu ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich bin überzeugt davon, daß ein literarisches Produkt von wirklichem Werte von zwei Leuten, die auf eine geläuterte Lebensansicht sich stützen, in den seltensten Fällen in ganz entgegengesetzter Weise beurteilt wird. Heute wird ein Buch von dem einen für ein europäisches Ereignis erklärt, das der andere für das Produkt der reinsten Eselei hält. Solche Urteile können wohl der subjektiven Willkür, nicht aber wahrer Sachkenntnis und Weltvertiefung entstammen.
Solchen Verhältnissen gegenüber möchte man nicht gern sein Urteil über zeitgenössische Literaturprodukte durch das Letternmaterial des Buchdruckers festnageln. Es kommt nicht viel dabei heraus. Zuweilen aber muß man doch etwas sagen über dies oder jenes, zumal wenn es so typischer Natur ist, wie das kleine Büchlein, über das ich nun ein paar Worte hierhersetzen will. Ich meine Richard Spechts kleine dramatische Skizze «Sündentraum». Mich hat das Büchelchen interessiert. Sein Verfasser hat einen Gedanken gehabt:
«Ein jeder sündigt, sei’s auch nur im Traum,
In jedem Herzen hat die Sünde Raum,
Denn eins nur gibt es, was das Leben treibt
Nur eines, das im Wechsel dauernd bleibt,
Das Glück zu jagen, das doch stets versprüht,
Die Flamme fachen, die in Nacht verglüht.»
Specht legt diese Worte der «Sünde» in den Mund. Aus ihrem Munde wüßten wir’s also, was wir Menschen eigentlich sind. Ich kenne einen gewissen Tantalus. Diesen für das Urbild der Menschheit hinzustellen, scheint Richard Specht nicht wenig Lust zu haben. Aber der Autor weiß uns über unsere Tantalusqualen zu trösten:
«Du bist ein Tor, willst du nach Ew’gem schmachten —
Ich lehr’ dich vollgenießen, vollverachten! »
Ich bin damit nun gar nicht einverstanden. Denn mir ist zwar einleuchtend, daß sich dem Laute nach verachten auf schmachten reimt, nicht aber, daß es sich in Wirklichkeit mit vollgenießen verträgt. Ich würde dem Dichter diese Dinge nicht schulmeisterlich vorrechnen, wenn seine dramatische Skizze nicht eine durchaus symbolische Handlung mit symbolischen Personen enthielte, und wenn nicht die Sünde zuletzt die Siegerin bliebe; sie endet das Stück, «grell aufjauchzend»:
«Hinab — hinab — zum Sumpf — zum Sündenglück!! —»
Wenn das für uns Menschen symbolisch sein soll, dann muß ich sagen, daß ich auf gut Nietzscheisch — oder sollte es Goetheisch sein — erwidere: mögen mir die Menschen noch so viele lumpige Sündenmakel anhängen; ich bedecke sie mit dem Mantel heidnischen Stolzes und reklamiere mein allgemeines Menschenrecht auf den Himmel. Warum in den «Sumpf»? Hier liegt des Pudels Kern. Richard Specht ist ein Dichter von hoher Begabung, der mehr kann als schöne Verse machen. Er hat etwas, was Hunderten unserer schreibenden Zeitgenossen fehlt: die Einsicht, daß es außer Vorder- und Hinterhäusern, außer philiströsen Generälen und emanzipierten Sängerinnen, außer verlumpten Künstlern und lüsternen Gesellschaftsdamen, kurz außer Fleisch und Sinnen, noch etwas in der Welt gibt. Aber er weiß es bisher nur, weil er es bei anderen gelesen hat. Für ihn ist alles Begriff, nichts Erfahrung. Seine Probleme sind nicht erwandert, sondern erlernt. Er kann viel, aber er hat wenig erlebt. Hätte er in beiden eine gleiche Vollkommenheit, dann glaube ich, daß er besser schriebe als mancher der Jüngeren, der heute hoch gepriesen wird. Ich sage dies, trotzdem ich weiß, daß der «Sündentraum» manches zu wünschen übrig läßt, denn ich weiß, daß ein einziges ernstes Erlebnis aus Richard Specht einen bedeutenden Dichter machen wird. Er muß nur tief und gründlich erleben, und nicht nach dem Beispiele seines Landsmannes Hermann Bahr. Ich habe eben dessen neuesten Roman «Neben der Liebe» gelesen. Darinnen finde ich ein Stück Wiener Lebens geschildert. Ich kenne sogar manches ganz genau, was in diesem Buche steht. Aber ich bin bei der Lektüre lebhaft an die Bismarck-Bilder von Allers erinnert worden. Da und dort rein äußerliches Hinzeichnen, ohne in die Mittelpunkte der Personen zu dringen. Bahr zeichnet das Wiener Gemüt, wie Alles das Bismarksche Genie. Ich bedauere das erstere ganz besonders. Bahr ist eine geniale Persönlichkeit, der alles zuzutrauen ist, die aber von der nichtigsten Eitelkeit endlich aufgefressen wird. Ich bin der letzte, der Hermann Bahr in salbungsvollem Idealistenton reden hören möchte; aber es gibt doch noch mehr Dinge auf Erden, als er mit seiner Frack- und Schlapphutweisheit sich träumen läßt. Die Pariser Künstlerlocke steht dem französischen Weltkinde ganz gut, aber der biedere Linzer wird durch sie noch lange nicht zum Franzosen. Das hat uns Hermann Bahr in den letzten Wochen bewiesen, als er von einer deutschen «Autorität» zur andern reiste, um die Herren um ihre Meinung über die Juden zu befragen. Ich bin in den Augen des weltmännischen Hermann Bahr wohl nur ein deutscher Stbenphilister, aber ich hätte nie die «unweltmännliche» Tat begangen, all die Herren zu bemühen, denn was sie alle in dieser Angelegenheit sagen, das «weiß man schon seit langer Zeit». Ich habe da wenig Weltmann und viel Philister in dem «europäischen» Hermann gefunden. Ich möchte Adolf Wagner ebensowenig um seine Meinung über die Juden wie Eugen Richter um die seinige bezüglich der Sozialdemokraten fragen, und ich bin weder in Rußland noch in Spanien gewesen. Hermann Bahr kennt die Welt. Aber er kennt sie wie Graf TrastSaarberg in Sudermanns «Ehre»: oberflächlich und ohne Anteilnahme. Trast liebt im Orient mit der Phantasie, im Süden mit den Sinnen, in Frankreich mit dem Geldbeutel, in Deutschland mit dem Gewissen. Das heißt zuletzt doch nichts anderes als: er hat überall die Pose der betreffenden Landsbewohner angenommen. Er ist ein Komödiant, kein Künstler des Lebens. Seine Liebe ist Imitation, weil nirgends die Seele dabei ist. Trast ist der Typus jener Menschen, für welche die Welt nur ironisch zu nehmen ist. Ihre Ironie ist aber ein Kind ihrer Oberflächlichkeit. Ihr Humor ist zynisch. Sie glauben alle Welt zu überschauen und können von jedem idealistischen Tölpel in eine seiner ungeschickten Begriffsschablonen eingezwängt werden.
Daß wir gegenwärtig Menschen vom Charakter des Trast im Leben so oft begegnen, das kennzeichnet am besten unsere Zeit als die einer überreifen Bildung. Das Leben humoristisch anzuschauen, kommt einem hohen Bildungsgrade zu. Ein reicher Phantasie- und Vernunftinhalt sind die Vorbedingungen des Humors. Man muß ein Ding erst kennen, über das man sich erhebt, und das man gleichgültig von oben dann ansieht. Aber nach den berechtigten Humoristen kommen die Schauspieler des Humors, welche zwar die Dinge nicht kennen, aber doch den ganz Überlegenen spielen, der sie verachten kann. Das sind die Humoristen aus Blasiertheit. Sie sind brauchbar, um Trast-Rollen auf der Weltbühne zu spielen. Wer aber ernsthaft mit ernsthaften Dingen sich zu tun machen will, der beschränkt seinen Umgang mit ihnen auf Kaffeehaus und Salon.