«Jenseits von Gut und Böse»
Schauspiel in drei Aufzügen von J. V. Widmann
Aufführung im Hoftheater, Weimar
Joseph Viktor Widmann, dem wir manche lesenswerte Novelle und zahlreiche geistvolle Feuilletons verdanken, hat in seinem neuesten Werke, dem Schauspiel «Jenseits von Gut und Böse», den Kampf aufgenommen gegen diejenige geistige Strömung der Gegenwart, deren Anhänger in den Anschauungen Friedrich Nietzsches die Morgenröte einer neuen moralischen Weltordnung sehen. In den Schweizer Bergen und unter dem Himmel Italiens hat Nietzsche geträumt und gedacht von einer Umwertung aller sittlichen Werte, von einer Moral der Zukunft, die nicht auf die äußere Autorität, sondern auf das stolzeste Selbstbewußtsein des Menschen sich gründen soll. Gut und Böse sind nicht ewige Begriffe, die uns durch außermenschliche, überirdische Offenbarung zugekommen, sondern Vorstellungen, die sich innerhalb der Menschheit im Lauf der Zeit gebildet haben, und die nur Vorurteil und Befangenheit als unübersteigliche Grenzen der Sittlichkeit ansehen kann. Der sittlich Starke, der die Kraft hat, nach eigenen, neuen Impulsen zu handeln, kann sich nicht beschränken lassen durch die moralischen Begriffe, die ein Geschlecht der Vergangenheit aufstellte, das die Ideen und Bedürfnisse der Gegenwartsmenschen nicht kannte. Nicht die Ideale seiner Ahnen soll der Mensch verwirklichen, sondern die in seinem eigenen Innern auflebenden Ziele und Bestrebungen. Wer nur nach den Vorstellungen anderer, und seien es noch so vorzügliche Menschen, lebt, ist ein sittlich Schwacher. Wer Herr seiner selbst ist, sich seinen Sitrlichkeitsmaßstab selbst zu bestimmen vermag, ist der sittlich Starke, der Tüchtige. Das Ideal der Tüchtigen, der Starken ist die Entfesselung der im Individuum liegenden Triebfedern, das Ideal der sittlich Schwachen die Erforschung der Sittengesetze, die ihnen von irgendwoher gegeben sein sollen. Demütig wollen die Schwachen sein und sich fügen den ihnen gegebenen Geboten; stolz sind die Starken und selbstherrlich, denn was sie tun sollen, wissen sie durch sich selbst. Die Gegenwart ist solchen Ansichten nicht günstig; jahrzehntelang unbeachtet lebte der Mann, der in wunderbarer Form sie aussprach. Und jetzt, da sein Name der eines Apostels für viele ist, für solche sowohl, die ein Urteil darüber haben, wie auch für solche, die jede Mode affenhaft mitmachen, lebt er in geistiger Umnachtung in Naumburg, ohne Erinnerung an die Zeit seines geistigen Schaffens.
Gegen die geistige Saat dieses Mannes richtet sich Widmann. Hätte er es mit aristophanischer Komik getan, kämpfte er mit Witz und Humor gegen die Auswüchse einer ihm verhaßten Geistesrichtung: es fiele keinem Verständigen ein, gegen seine Tendenz etwas einzuwenden. Wäre Nietzsche geistig gesund: er wendete sich selbst gegen das haltlose geistige Lumpentum, das jetzt vielfach hinter seiner mißbrauchten Fahne einherzieht und in Nichtswürdigkeit und Unbedeutendheit sich ausleben will, weil das in seiner Individualität liegt. Daß nun Widmann geradezu einen solchen geistigen Lumpen in den Mittelpunkt seines Dramas stellt, macht dieses widerwärtig. Robert Pfeit ist Professor der Kunstgeschichte und soll, seiner Gesinnung nach, Nietzscheaner sein. Wegen dieser Gesinnung vernachlässigt er seine zwar von Nietzscheschem Stolze weit entfernte, aber Robert an moralischem Wert hoch überragende Gattin und wirft sich an die frivole, leichtfertige junge Witwe Viktorine v. Meerheim weg, die ihre Blicke aber nur deshalb auf den Professor lenkt, weil dieser ihrem geckenhaften, beschränkten und unwissenden Bruder in unrechtmäßiger Weise ein Doktordiplom erwirken soll. Das Gewebe, in das die listige Frau den charakterschwachen Anhänger der Nietscheschen Moral der Starken gesponnen hat, soll auf einem Maskenball völlig zusammengezogen werden, auf dem Pfeil als Sigismondo Malatesta, Fürst von Rimini, und Viktorine als Isotta degli Atti erscheinen wollen. Das sind Gestalten der Renaissancezeit, der Pfeil sein Studium zugewandt hat und in deren aus reiner Willkür entspringender Lebensauffassung er seine Nietzscheschen Ideale verwirklicht sieht. Pfeils Gattin ist unglücklich wegen der ‚Abwege ihres Gatten. Sie beschließt deshalb, dem unglückseligen Ball, an dem Viktorine ihrem verhängnisvollen Treiben die Krone aufsetzen will, fernzubleiben; ja, sie hat aus dem Laboratorium ihres Bruders Dr. Lossen sich bereits Gift verschafft, weil sie den Fall ihres Gatten nicht überleben will. Als dieser Bruder, ein reisender Naturforscher, die Situation überschaut, geht ihm ein rettender Gedanke auf. Er hat in fernen Landen einen Stoff gefunden, der in sanften Schlaf versenkt. Ihn vermischt er mit Zigarettentabak und läßt den betrogenen Nietzscheaner eine entsprechend zubereitete Zigarette in dem Augenblicke rauchen, als dieser sich anschickt, zu dem verhängnisvollen Maskenball zu gehen. Natürlich träumt nun Pfeil den Traum, der ihn von allen Nietzscheschen Übeln heilt. Seine Idealmenschen und deren Gegner werden ihm vorgeführt. Die sich zu seiner Lehre bekennen, sind abscheuliche Tyrannen, Schurken oder Tröpfe; die Gegner seiner Lehre sind edel und gut, Engel in jeder Hinsicht. In diese zwei Lager gespalten, wird uns als ein widerliches, abstoßendes und langweiliges Bild der Fürstenhof von Rimini in Form eines eingelegten Traumes vorgeführt. Und als Robert Pfeil erwacht, siehe, da ist er ein frommer Mann geworden; der Traum hat ihm die Schandtaten, zu denen ihn der Nietzscheanismus noch bringen könnte, im Bilde vorgeführt. Man braucht kein Anhänger Nietzsches zu sein, um von Widmanns theatralischem Machwerk unangenehm berührt zu sein. Schreiber dieser Zeilen kennt die Schwächen und Gefahren des Nietzscheanismus ganz gut, aber es widerstrebt seinem Gefühle, einen Kampf zu sehen, wie ihn J.V. Widmann gegen Friedrich Nietzsche führt.
Nun nur noch einige Worte über die Darstellung. Herr Weiser spielte die Hauptrolle, den Professor Robert Pfeil, so gut, als ein in sich widerspruchsvoller und unklarer Charakter sich spielen lässt. Wenn die Darstellung nicht die eines Menschen, sondern die einer schablonenhaften Theaterfigur war, so lag die Schuld nicht an dem Schauspieler, sondern an dem Dichter. Besondere Anerkennung verdient Herr Weiser als Regisseur. Die Inszeniesung war flott und geschmackvoll. Frau Wiecke, die bestgeschulte weibliche Kraft des hiesigen Schauspiels, stellte als Gattin des Professors die Vertreterin der demutsvollen, sanftmütigen, duldenden Menschheit, die unter dem bösen Nietzscheanismus zu leiden hat, sympathisch dar; Frau Lindner-Orban, die als «Kluge Käthe» in einer prächtigen schauspielerischen Leistung während dieser Saison schon einmal gegen Nietzsche kämpfte, fand diesmal wenig Gelegenheit zu hervorragender Betätigung ihres Könnens. Eine solch verzeichnete Figur, wie diese Viktorine, könnte durch die beste Schauspielerin nicht Fleisch und Blut bekommen. Hervorzuheben sind noch Fräulein Schmittlein (Dienstmädchen in Pfeils Hause), die mir besonders im ersten Akte gefiel, und Herr Kökert, der den Bruder der Viktorine in der ausgezeichneten Art spielte, die wir in bezug auf ähnliche Rollen bei ihm kennen, seit wir ihn das erste Mal gesehen haben.