«Faust»

Eine Tragödie von J.W. Goethe
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin

Vor mehreren Jahren hat ein berühmter Gelehrter, der Physiologe Du Bois-Reymond, in einer Rede, die er bei Übernahme des Rektorats der Berliner Universität gehalten hat, über die Goethesche Faustdichtung Dinge gesagt, die verrieten, wie gut eine vollendete wissenschaftliche Bildung mit philisterhafter Gesinnung und ästhetischer Urteilslosigkeit in einer Person vereinbar ist. Der pedantische Redner verstieg sich zu der Behauptung: es wäre für Faust besser, wenn er, statt sich der Magie zu ergeben und mit dem Teufel all das tolle Zauberwesen zu treiben, ein braver Professor bliebe, die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfände, Gretchen heiratete und sein Kind ehrlich machte.

Wer mit einer solchen Gesinnung am Geburtstage Goethes im Deutschen Theater saß, der muß an der Darstellung des Faust durch Josef Kainz eine ganz besondere Freude erlebt haben. Denn nichts war in dieser Darstellung zu entdecken von der tiefen Sehnsucht des Faust nach Erkenntnis der Weltgeheimnisse; nichts davon, daß dem verwegenen Forscher der Gedanke, wir können nichts wissen, schier das Herz verbrennen will. Dieser Faust des Deutschen Theaters hat nicht «Philosophie, Juristerei, Medizin» und «leider auch Theologie studiert mit heißem Bemühn», er hat nur die elegante Rede Du Bois-Reymonds «Über die Grenzen des Naturerkennens» und Fr. A. Langes «Geschichte des Materialismus» nebst andern in ähnlichem Geiste geschriebenen modernen Büchern gelesen und daraus gesehen, daß es gewisse «Welträtsel» gibt, die der Mensch nicht lösen kann. Solche Lektüre regt zwar etwas auf; sie macht «nervös», aber sie ist nicht imstande, die unsäglichen Qualen in der Menschenseele hervorzurufen, an denen Faust leidet. Nur wenn man die ganze Gewalt der Stürme empfindet, die auf Faust eindringen, kann man die tiefe psychologische Wahrheit der Goetheschen Dichtung verstehen. Wer einer solchen Empfindung fähig ist, der weiß, daß eine Seele wie die Faustens nur noch Erlebnisse erträgt, die hoch nicht nur über denen des Philisterlebens liegen, sondern auch über der Befriedigung, die der Mensch etwa aus der Erfindung der Luftpumpe schöpfen kann. Diese Erlebnisse werden sich in Wirklichkeit innerhalb der Menschenseele abspielen; der Dramatiker, der die Innenvorgänge, die psychologische Entwickelung als solche nicht darstellen kann, greift zu unwirklichen Lebensregionen. Die Phantasie begibt sich gerne in die unwirklichen Gegenden, wenn das Gefühl sagt, daß keine wirklichen Vorgänge mit den in der Tiefe der Seele aufgewühlten Empfindungen in Harmonie ständen. Die Empfindungen, die wir auf dem Seelengrunde desjenigen Faust wahrnehmen, der hier dargestellt wurde, sind nicht solche, daß sie der hohen Regionen bedürfen, in die Goethe uns führt. Dieser Faust könnte ganz gut Gretchen heiraten. Und wenn er noch gar die Elektrisiermaschine erfände, dann könnte er mit dem Leben völlig versöhnt sein. Die Kunst, mit der Josef Kainz die großen Monologe spricht, ist bewundernswert. Die Technik der Sprache zeigt sich hier in einer seltenen Vollendung. Wer Sinn hat für solche technische Äußerlichkeiten, der mußte jeden Satz in der Kainzschen Wiedergabe interessant finden. Geradezu als sprachtechnisches Seiltänzerkunststück war die Art, wie der Darsteller die Worte sprach:

«Nun komm herab, kristallne reine Schale!
Hervor aus deinem alten Futterale,
An die ich viele Jahre nicht gedacht!
Du glänztest bei der Väter Freudenfeste,
Erheitertest die ernsten Gäste,
Wenn einer dich dem andern zugebracht.»

Ganz und gar vernichtet wurde durch Kainz die Empfindung, daß man es mit einem Manne zu tun hat, der durch Nichtbefriedigung eines ungestümen Erkenntnis- und Lebensdranges dazu getrieben wird, «die Pforten aufzureißen, vor denen jeder gern vorüber schleicht». Die Töne, mit denen Josef Kainz unseren Sinn erfreut, erwecken nicht den Schein, als ob sie aus einem faustischen Innern kämen. Allein der Vortrag machte an diesem Abend des Künstlers Glück.

Und als ob er uns zeigen wollte, wie wenig ihn die heißen Stürme und Leidenschaften des Erkenntnismenschen Faust interessieren, verwandelt sich Kainz sogleich, nachdem er den Hexentrank zu sich genommen, in einen liebenswürdigen, schäkernden Schwerenöter, zu dem Mephistopheles niemals sagen kann: «Dir steckt der Doktor noch im Leib». Die Folge davon, daß Kainz in der Gretchentragödie einen geradezu tändelnden Liebhaber spielt, ist, daß die Szenen, in denen der Ernst des Faustgemütes wieder zum Durchbruch kommt, vollständig unwahr wirkend, ja von dem Künstler mit einer unverzeihlichen Gleichgültigkeit dargestellt werden.

Der Tragik des Faust ist die Kunst, die uns an Goethes Geburtstag im Deutschen Theater entgegentrat, nicht gewachsen. Die Darstellung der Hauptgestalt war doch wenigstens in den Einzelheiten interessant. Von den übrigen Leistungen kann auch das nicht gesagt werden. Ein Mephistopheles, der sich mehr wie der lustige Rat eines Fürsten als wie der teuflische Verführer Faustens ausnahm (Müller), langweilte durch entsetzliches Grimassieren und durch das völlige Unvermögen, in den Spaßmacher etwas von dem dämonischen Höllengeist zu mischen, der stets das Böse will. Dem Gretchen nahm die Künstlerin (Elise Steinert) alle Naivität und gab ihr dafür ein wenig verführerische Koketterie. Die Kunst des Nuancierens, die sie in so reichem Maße entfaltete, wirkte aufdringlich.

Daß die Schauspielkunst im Deutschen Theater goethereif ist, kann man nach der Vorstellung vom 28. August nicht behaupten, auch wenn man noch so viel Nachsicht übte.

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