«Sozialaristokraten»

Komödie von Arno Holz
Aufführung im Zenstal-Theater, Berlin

Wie kurzsichtig waren sie doch alle, die in Shakespeare, in Schiller und Ibsen die Meister der dramatischen Kunst zu sehen glaubten! Ihnen fehlte die Einsicht des Herrn Arno Holz, der endlich entdeckt hat, daß ein Unterschied besteht zwischen der Diktion Ibsens, der Rhetorik Schillers und der Sprache einer Berliner Waschfrau. Jetzt wissen wir es: Shakespeares und Schillers Sprache ist die «offenbar plumpe», die Sprache des Theaters; die Sprache der Berliner Waschfrau ist die Sprache des Lebens, die «heimlich künstlerische». Arno Holz hat es uns gelehrt in dem Vorwort zu seinem Drama «Sozialaristokraten». Vor einigen Tagen ist dieses Werk im Zentral-Theater aufgeführt worden. Durch seine Entdeckung wurde Arno Holz der Reformator des dramatischen Stils. Er hat sich selbst dazu ernannt. Die «Sozialaristokraten» sind das neue Kunstwerk, das in der «Sprache des Lebens», nicht in der plumpen Theatersprache Shakespeares und Schillers «gedichtet» sein soll. Das Leben soll von der Bühne herab zu uns sprechen. Deshalb zeichnet Holz einen einundzwanzigjährigen Schwachkopf, den niemand in dem Milieu, in das ihn der Dichter versetzt, wirklich antreffen könnte, weil vorsorgliche Verwandte den geistig Zurückgebliebenen schon in zartem Alter in einer entsprechenden Anstalt untergebracht haben würden. Nein, die Zerrbilder, die da auf die Bühne gebracht werden, haben nichts mit dem wirklichen Leben zu tun. Holz will Zeitgenossen porträtähnlich schildern. Aber er entfernt alles aus ihrer Persönlichkeit, was ihren wahren Lebensinhalt ausmacht. Ohne sich einer Anhängerschaft gegenüber diesen Zeitgenossen verdächtig zu machen, kann man folgendes sagen:

Da ist ein ernst strebender Mann, der anregende Bücher schreibt, feinsinnige Vorträge hält und für die Volkserziehung in seiner Art wirkt. Der Mann hat eine pathetische Außenseite und gibt kindischer Spottsucht Veranlassung zum Lachen, weil er zu prophetenhaft auftritt. Holz stellt von dieser Persönlichkeit nur dasjenige dar, was der Philister an ihr sieht, der den tiefen Kern nicht wahrnehmen kann. Eine andere Persönlichkeit wird in dem Drama vorgeführt, von deren Hauptwerk ein geistreicher Kritiker vor einigen Jahren gesagt hat, es sei das gedankenreichste Buch, das in den letzten Jahrzehnten in Deutschland geschrieben worden ist. Dieser Mann kennt die sozialen Strömungen unserer Tage wie wenige; in ihm verkörpert sich ein Streben nach Befreiung des Menschen, das jedem seiner Werke einen Ton gibt, der wie aus einer aller gegenwärtigen Wirklichkeit entrückten Welt klingt. Sein Innenleben verbirgt er aber hinter steifen, oft recht konventionellen Umgangsformen. Der Pedant, der sich nur vorstellen kann, daß ein Mensch, der die Freiheit liebt, auch zügellos auftreten muß, findet einen Widerspruch zwischen dem äußeren «Betragen» dieses Mannes und seinen Anschauungen. Holz scheint auch in diesem Falle nichts zu sehen als die steife, für den kleinen Geist etwas lächerliche Außenseite. Man kann den Meinungen und Zielen eines solchen Mannes ablehnend gegenüberstehen; man kann sie aufs schärfste bekämpfen; aber man braucht sie nur zu kennen, um die Witze des Herrn Holz öde und abgeschmackt zu finden. Wer die Persönlichkeiten kennt, die in dem Stück karikiert werden, errät leicht, wer gemeint ist. Wenn ich einen Bekannten habe, von dem ich weiß, daß er einen blauen Anzug trägt und gewohnheitsmäßig mit dem Stock in der Luft herumfuchtelt, so werde ich ihn an diesen Äußerlichkeiten auch erkennen, wenn er von fern an mich herankommt und ich seine Gesichtszüge nicht gewahr werde. Wenn man Menschen von ihrer komischen Seite im Drama schildern will, dann muß man es mit der Kunst eines Aristophanes tun, nicht mit den kleinen Mitteln eines ungeschickten Karikaturenzeichners.

Lebenswahrheit will Arno Holz auf die Bühne bringen. Aber gegenüber seinen Zerrbildern sind die Gestalten Lindaus, Schönthans und auch die des seligen Benedix wahre Muster naturalistischer Darstellungskunst. «Zwischen der Schaffung eines Kunstwerkes in einem Stil, der bereits gegeben ist, und der Schaffung eines solchen Stils selbst besteht kein Grad-, sondern ein Artunterschied», philosophiert Arno Holz in der Vorrede zu den «Sozialaristokraten». Aber kein Artunterschied, sondern wirklich nur ein Gradunterschied besteht zwischen der Dramatik Holz’ und Schönthans. Sie verfahren beide nach dem gleichen Rezepte; nur hat es Holz noch nicht bis zur Schönthanschen Bühnengeschicklichkeit gebracht. Das traurige Bild eines Unvermögenden, der ein neues «heimlich Künstlerisches» entdecken will, aber das Wesen der echten Kunst nicht empfindet, stand vor meiner Seele, während ich das Drama des Herrn Holz ansah. Deswegen möchte ich aber durchaus nicht verkennen, daß Arno Holz zu denen gehört, die viel beigetragen haben zu dem Heraufkommen des wirklich neuen dramatischen Stils der Gegenwart. Werke in diesem Stile haben uns aber andere geschenkt. Er ist in seinem dramatischen Schaffen hinter denen zurückgeblieben, die nicht wie er von theoretischen Forderungen, sondern von der Eigenart ihres Genies sich leiten ließen. Die Gegenwart bildet die Organe des Künstlers anders aus als die Zeit Shakespeares oder Schillers. Deshalb haben wir eine «Moderne», über deren Berechtigung nur die altersschwach gewordenen Ästhetiker oder die auf «ewige Regeln» schwörenden Kunstkritiker streiten können. Unter denen, die den Sinn der Gegenwart verstehen, kann über derlei Dinge kein Streit sein. Aber daß in den «Sozialaristokraten» etwas von diesem Sinne zu entdecken ist, muß ich bestreiten. Man ist nicht dadurch modern, daß man Schillers und Shakespeares Sprache eine «offenbar plumpe» nennt. Ich glaube nicht, daß jemand das Wesen unseres modernen Stiles richtig würdigen kann, der wie Holz über Shakespeare zu sprechen vermag.

German original of “Social Aristocrats” · ← Previous · Next →