«Das Tschaperl»

Drama in vier Aufzügen von Hermann Bahr
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

Wie er es immer macht, in der reizvollsten, liebenswürdigsten Pose, die ich mir vorstellen kann, erzählte Hermann Bahr vor ein paar Wochen in der Wiener «Zeit»: «Dieser Tage habe ich ein altes Buch von mir gelesen, «Die gute Schule, meinen ersten Roman. Ich hatte die Korrekturen zur zweiten Auflage zu machen, die im Herbst erscheinen wird, da ist es mir nun seltsam ergangen. Das soll ich einmal gewesen sein? So hätte ich einst empfunden, so gesprochen? Es ist noch keine acht Jahre, daß ich ihn schrieb, im Winter von 89 auf 90, auf der Reise durch Spanien und Marokko. Und damals soll ich so gewesen sein? So ganz anders als heute, mir selber nicht mehr begreiflich nach kaum acht Jahren? Wie ist das möglich? Dies frage ich mich und weiß nicht recht, soll ich mich schämen, wie ich damals war, oder leise bedauern, daß ich es nicht mehr bin.» Was für Augen müßte er erst machen, der gute Hermann Bahr, wenn er noch ältere Bücher von sich lesen wollte! Er soll einmal das Schriftchen vornehmen, in dem er Herrn Schäffle, den schwatzhaften Nationalökonomen, im Jahre 86 «vernichtet» hat, oder sein Erstlingsdrama, in dem die «Heldin» eine nicht endenwollende Programmrede über das Wesen der Sozialdemokratie hält.

Nein, so langweilig war Hermann Bahr nie, ein ganzes Jahr hindurch seinen Freunden dasselbe Bekenntnis aufzutischen. Er muß es als Sünde empfinden, heute dem gleichen Gotte zu dienen wie gestern. Das scheint ihm nicht höflich gegen die andern Götter, die doch auch wollen, daß ihre Offenbarungen mit feurigen Zungen verkündet werden. Ehrlich gesagt: ich glaube, Hermann Bahr hat zuviel Geist, einen zu beweglichen Geist, um von einer Überzeugung, von einer Art zu schaffen, lange leben zu können. Ein anderer hätte die Gedanken des Schäffle-Büchleins in sich auswachsen lassen und wäre wahrscheinlich ein zweiter Lassalle geworden. Aber das schickte sich für Bahr nicht. Er ist dazu ein zu großer Lebemann. Ein Lassalle zu sein! Wozu? Da müßte man ja nach Taten dürsten. Aber Taten brauchen Zeit. Man muß Geduld haben, bis man sie durchführen kann. Was soll ein so reger Geist wie der Bahrsche in der langen Wartezeit machen? Es öder ihn an, zu handeln. Er will bloß genießen. Er will nicht das tun, was Lassalle tat. Er will bloß sehen, wie sich’s lebt, wenn man so lebt wie Lassalle. Dann hat er genug von dieser Art des Geistes. So hat es Bahr immer gemacht. Er hat probiert, wie es sich lebt mit dem Naturalismus, dann versuchte er’s mit dem Symbolismus, und jetzt ist er eben dabei, sich’s beim Verspeisen der Weisheit des alten Goethe wohl sein zu lassen. Im März dieses Jahres schrieb er: «Goethe dienen zu dürfen, sehen wir als das Höchste an; wir möchten, daß ein Strahl von ihm auf uns falle.»

Diese Hinneigung zum alten Goethe erkläre ich mir bei Bahr in folgender Weise. Er hat früher etwas nicht gesehen, was in den Dingen vorhanden ist: das Ewige, das Notwendige. Er hat nur das Zufällige, das Alltägliche, das Vorübergehende gesehen. Deshalb blieb ihm alles das leere Phrase, was Goethe über das Ewige, das Unvergängliche sagt. Eines Tages ging Bahr der Sinn auf für dies Ewige. Da fand er es auch bei Goethe. Jetzt erst lernte er den Alten von Weimar schätzen.

Jetzt erschienen ihm aber auch alle Dinge anders als früher. Einst hatte er sich die Menschen und die Dinge von allen Seiten angesehen; er hatte da einen feinen charakteristischen Zug, dort eine verborgene Eigenschaft entdeckt und konnte sich nicht genug tun in der Wiedergabe solcher Einzelheiten. Jetzt sieht er nur die großen Linien, das Bedeutsame, das Ewige, wie er es selbst auch nennt. Einst hat er allen Wert auf das Psychologische, auf die Zergliederung der Seele gelegt. Jetzt glaubt er zu erkennen, daß gewisse Arten von Konflikten, von Verhältnissen zwischen den Menschen notwendig sind, gleichgültig, wie diese Menschen im einzelnen beschaffen sind. Einem Dummen kann dasselbe passieren wie einem Gescheiten. Beim Ödipus kommt es nicht darauf an, wie er als Charakter beschaffen ist, sondern nur darauf, daß er seine Mutter zum Weibe nimmt. «Worin ist denn Romeo um so viel anders als Mercutio oder Benvolio? Ist er heißer, ist er edler, ist er klüger? Nein, aber er ist der, dem das mit der Julia geschehen muß. Mehr werden wir nie von ihm wissen, aber wir brauchen es auch nicht.»

So empfindet Bahr heute. So legt er sich den Goethe zurecht. Und von diesem Gesichtspunkte aus schafft er. auch. Das hat sein «Tschaperl» verraten. Da ist ein Musikkritiker, Alois Lampl, der redet und handelt so dumm, wie es nicht einmal ein Kritiker darf. Da ist seine Frau, die durch die Schöpfung einer Oper plötzlich berühmt geworden. Wenn wir sie so sehen und ihr zuhören, ist sie wirklich nichts weiter als ein «Tschaperl». Der Ausdruck ist anwendbar auf eine Person, die immer das Gegenteil von dem erwartet, was sie vernünftigerweise erwarten sollte, die es nie zu dem geringsten Grade von Selbständigkeit bringt, weil ihr alles vorbeigelingt, was sie machen will. Auch eine gewisse Ängstlichkeit gehört dazu, wenn man ein «Tschaperl» sein will. Aber man darf alle diese Eigenschaften nur in liebenswürdiger Form haben. Ein solches «Tschaperl» soll die Tondichterin Fanny Lampl freilich nur in den Augen ihres Mannes sein. Aber wenn wir ihr zuhören, können wir über ihre Geistesverfassung auch keine bessere Meinung bekommen als ihr Gatte.

Aber alles das schadet nach Bahrs augenblicklicher ästhetischer Überzeugung gar nichts. Ob Fanny dumm oder gescheit ist, ob sie Reden führt, die von Geist übervoll sind, oder ob sie ein wirkliches «Tschaperl» ist: darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist, daß ihr das mit dem Alois geschehen muß. Mehr «werden wir nie von ihr wissen, aber wir brauchen es auch nicht».

Etwas anders hat der alte Goethe schon gedacht und empfunden. Ihn interessierte auch, wie der Tasso denkt, redet und handelt, nicht bloß, was ihm mit der Leonore passiert. Aber Hermann Bahr wollte nicht Goethe werden, auch wenn er es könnte. Wie er einst nicht Lassalle hat werden wollen, auch wenn er es gekonnt hätte. Goethe hat ihn auf das Ewige aufmerksam gemacht. Und nun lebt er und gestaltet dieses Ewige in seiner eigenen Weise. Und diese Weise ist interessant. Was in Wien den Leuten passieren kann, das stellt Bahr in reizvollster, geistreicher Art im «Tschaperl» dar. Nur in Wien kann sich das begeben, was sich im «Tschaperl» begibt. Aber in Wien ist so etwas notwendig. Es gehört zum «Ewigen» von Wien. Man soll nur ja nicht glauben, daß in Wien die Menschen alle so dumm sind wie diejenigen, die im «Tschaperl» auf der Bühne stehen. Aber was da passiert, das trifft in der Donaustadt die Gescheiten ebenso. wie die Dummen. Mit gescheiten Leuten hätte es sich nicht so leicht machen lassen wie mit dummen. Deshalb hat es Bahr halt mit dummen gemacht. Das ist so ein wienerischer Zug in ihm. Warum es sich schwerer machen, als es notwendig ist? Immer gemütlich!

Manchmal sieht es aus, als wenn Bahr mit dem Wienertum Ulk triebe. Lampls Vater war dereinst ehrsamer Hausmeister. Bahr beschreibt ihn: «Charakteristische Alt-Wiener Figur, etwa wie der alte Bauernfeld in den letzten Jahren». Es ist zwar gleichgültig, ob das, was passiert, dem alten Bauernfeld oder einem Hausmeister passiert, aber diese Personsbeschreibung ist ein bißchen zu wienerisch. Sie klingt schon so, wie wenn ein Ur-Berliner einen Wiener beschreibt.

Es spricht sehr für die Vortrefflichkeit der Bahrschen Komödie, daß die Aufführung im Lessing-Theater ihr keinen Mißerfolg hat bereiten können. Franz Schönfelds Alois Lampl war nicht vom Ewigen und auch nicht vom Zeitlichen des Wienertums erfüllt, und Jenny Groß’ Fanny war weder ein «Tschaperl» noch sonst irgend etwas Erhebliches. Adolf Klein als alter Lampl war so halb Bauernfeld, halb Hausmeister. Aber sowohl Bauernfeld wie jeder Wiener Hausmeister würden sich für dieses Konterfei bedanken. Es ist klar: Bahr hat wienerischen Geist in reichem Maße in sein Stück einfließen lassen. Denn die Berliner Vorstellung hat von diesem Geist so viel verduften lassen, als nur irgend möglich war; aber das Wienerische war nicht umzubringen.

Als er bemerkte, wie er sich seit acht Jahren geändert hat, da tröstete sich Bahr mit den Worten: «Nein, wir haben es nicht zu bereuen, daß wir anders geworden sind. Aber wir sollen uns auch nicht schämen, wie wir damals waren. Es ist doch gut gewesen, denn es ist notwendig gewesen. Wir mußten erst versuchen, uns selbst eine Sprache zu finden; dann konnten wir den ewigen Sinn jener alten (Goetheschen) erst entdecken. Heute lächeln wir freilich, daß wir uns damals zu abgezappelt haben.» Nun ist nur eines zu wünschen, Bahr möge es sich weder bei den Ur-Wienern noch bei dem alten Goethe zu behaglich einrichten. Beide sind verführetisch behäbig. Bahr darf nicht mit dauernden Gedanken befestigt werden. Er muß in schwankender Erscheinung leben. Ein Bahr, der sich gleich bleibt? Nein, das geht nicht!

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