«Das höchste Gesetz»
Schauspiel in vier Akten von T. Szafranski
Aufführung im Berliner Theater, Berlin
Ein rechter Schmaus für die Ordnungsparteien aller Schattierungen ist es, was Herr Szafranski unter dem Namen «Schauspiel» in die Welt gesetzt hat. Was er die Leute, die in dem Machwerk auftreten, reden läßt, das redet in den Verhältnissen, die er im Auge gehabt hat, kein Mensch. Das schreiben nur die Journalisten der verschiedenen Richtungen. Da ist ein Tor, Emil Treder, der täglich den «Vorwärts» liest und abends in den Volksversammlungen die angelesene Weisheit den «Genossen» vorplärrt. Eine seiner «Reden» hat ihn ums Brot gebracht. Er und seine Familie sind durch den «sozialdemokratischen Irrwahn» in das tiefste Elend gekommen. Sein Verführer ist ein gewisser Lembke, der unter dem Vorwande, der großen Sache der Partei zu dienen, die selbstsüchtigsten und schmutzigsten Wege geht. Dieser Lembke ist eine Gestalt, die im Leben ganz unmöglich ist. Derlei Persönlichkeiten malen nur die schlimmsten Provinzblättchen der «Parteien der Ordnung» an die Wand. Und Treders Frau? Nun, die spricht im Tone etwa einer Zeitung für Hausfrauen. Nicht ein gerades Wort, nicht eine naive, ursprüngliche Empfindung ist in dem «Schauspiel» zu entdecken. Vom Anfang bis zum Ende wird man von dem ödesten Zeitungsschreiberstil angeekelt. Dabei stürmen Brutalitäten auf den Zuschauer ein, die unerhört sind. Die Frau Treder liegt im Sterben. Der Arzt will schnell noch etwas Notwendiges aus der Apotheke holen. Da läuft ihm Treders Tochter in den Weg, in die er sich seinerzeit vergafft hat. Sie wies seinen Antrag damals zurück, weil sie bereits den Weg aller Dirnen gegangen war. Jetzt aber entspinnt sich eine längere Auseinandersetzung zwischen den beiden. Es ist empörend, zusehen zu müssen, wie dieser Arzt, statt das Rezept zu besorgen, alte Liebesgeschichten aufwärmt. Und ganz unerträglich ist der Schluß. Ein philiströser Regierungsbeamter gibt seine Tochter mit Freuden dem Sohne des Sozialisten zur Frau, trotzdem Vater und Sohn im Gefängnis gesessen haben. Sie standen in dem Verdachte, einen geheimen Erlaß gestohlen und dem «Vorwärts» überliefert zu haben. Ja, er tut noch mehr, dieser wackere Regierungsbeamte. Er bekehrt den durch das Elend weich gewordenen Sozialisten zu der Überzeugung, daß das «höchste Gesetz» nicht darin zu suchen sei, Pläne für eine blaue Zukunft zu schmieden, sondern zu «arbeiten». Die Bekehrung wird durch die hohlsten Phrasen, die je ein mit dem Leben Zufriedener gesprochen hat, bewirkt.
Die Vorstellung im Berliner Theater stand als Leistung nicht höher als die «Kunst» des Autors. Nur Maria Pospischil fesselte durch ihre Darstellung der Frau Treder. Diese Frau ist aus dem Fenster gesprungen, weil sich der Verführer ihres Mannes, der böse Lembke, ungebührlich gegen sie benommen hat. Sie stirbt infolge der Verletzungen, die sie sich dabei zugezogen hat. Das lange, allzulange Sterben geschieht vor unseren Augen. Und Maria Pospischil stirbt mit einer Kunst, die einem an die Nieren geht. Man sitzt da und möchte starr werden vor Entsetzen. Ich bin überzeugt: viele Frauen, die im Theater waren, haben die ganze folgende Nacht kein Auge zugemacht. Maria Pospischil ist der groBen tragischen Töne in bewundernswerter Weise mächtig. Diese Sterbensszene war voll «Lebenswahrheit» und zugleich von feinster künstlerischer Stilisierung.