«IN Behandlung»

Lustspiel in drei Aufzügen von Max Dreyer
Aufführung im Berliner Theater, Berlin

Die Hauptperson in diesem Lustspiel ist eine Modedame. Sie schwärmt nicht für Hüte mit ausgestopften Vögeln. Das wäre zu altmodisch für sie. Eine richtige moderne Kopfbedeckung für ein Weib ist der Doktorhut, den trägt sie mit echter weiblicher Koketterie. Mit der Würde, die ihr dieser Hut verleiht, ist ihr die Kraft verliehen, den ehrsamen Bürgersfrauen eines kleinen Städtchens an der Ostsee, die noch nicht bis zu der neuesten Mode vorgedrungen sind, bei einem Kaffeeklatsch, zu dem sie sie einlädt, allerlei gescheite Dinge über menschliche Vorurteile zu sagen. Es ist ihr ferner die Kraft verliehen, ihrem Bräutigam den Abschied zu geben, weil er, obgleich ihm nichts daran liegt, ob seine Frau einen Doktorhut oder einen Hut mit ausgestopften Vögeln trägt, doch nicht gestatten will, daß sie, wie eine Hebamme, in die Häuser geht und die Leute behandelt. Sie aber will durchaus die braven Landbewohner von allen möglichen Übeln befreien. Diese lassen sich das nicht gefallen. Sie behandeln das Fräulein Doktor als unmoralische Person. Die Hauswirtin will sie sogar aus dem Hause jagen. Ein junger Frauenarzt findet den richtigen Ausweg. Er hat keine Praxis, weil die biedern Provinzler keinen unverheirateten Frauenarzt wollen; sie hat keine Praxis, weil sie des männlichen Schutzes entbehrt. Das Einfachste wäre: die beiden heiraten sich. Sie tun es auch. Aber nur zum Schein. Aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen ist vorerst jede sinnliche Gemeinschaft zwischen den beiden ausgeschlossen. Sie haben jedes ein Schlafzimmer für sich. Es geht höchst platonisch zu. Nur ein alter Onkel, der bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit auf die Bühne kommt, redet von den künftigen Kindern, und die alten Tanten des Fräulein Doktor sowie eine ältliche Braut machen allerlei ungeheimnisvolle Anspielungen auf das Geschlechtsleben.

Es wird aber doch alles gut. Weil die alten Tanten und die alten Jungfern glauben, die beiden seien reell verheiratet, laufen sie zu ihnen und lassen sich von ihnen behandeln. Weil der junge Doktor trotz des platonischen Gebarens seiner Ehehälfte weiß, daß die Sache doch ihren natürlichen Weg nehmen muß, läßt er sein Weibchen zappeln. Er «behandelt» sie, auf daß sie von ihrem Platonismus zu einer gesunden Sinnlichkeit bekehrt werde. Er erreicht seinen Zweck: die natürlichen Weibinstinkte siegen. Oh, du meine Laura Marholm! Du hast zuletzt doch recht. Du hast es ja immer gesagt: der Mann ist des Weibes Inhalt.

Ich habe über dieses Lustspiel nicht viel zu sagen. Ich habe mich entsetzlich gelangweilt. Das psychologisch Unmögliche in den Personen war mir gräßlich. Es gibt aber auch Menschen, welche über die Kontraste gelacht haben, die auf Kosten aller gesunden Psychologie erreicht werden. Vielleicht haben diese recht und ich unrecht. Wozu hat man sich auch das bißchen psychologische Beobachtungsgabe erworben? Es verdirbt einem nur den Geschmack an schlechten Theaterstücken.

Gespielt wurde ganz vorzüglich. Frau Auguste Prasch-Grevenberg stellte die kokette Modedame mit dem Doktorhute in trefflicher Weise dar, und Herr Sommerstorff war brillant in der Ausübung seiner schweren Praxis. Er hat alle Kniffe kennengelernt, um Menschen von dem bösen Platonismus zu befreien. Herr Formes als komischer Onkel war entzückend. Auch die kleineren Rollen fanden entsprechende Vertreter.

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