«Das neue Weib»

Lustspiel in vier Aufzügen von Rudolf Stratz
Aufführung im Königlichen Schauspielhaus, Berlin

Erna Textor gebärdet sich aktelang als das «neue Weib», griechische und lateinische Sätze sprudeln von ihren Lippen, und, um Chemie, Handels- und Wechselrecht durchaus zu studieren, hat sie sich in eine kleine süddeutsche Universitätsstadt begeben. Sie hat von ihrem Vater eine Anilinfabrik geerbt und will nicht nur den Chemikern, die in ihrer Fabrik beschäftigt sind, auf die Finger schauen können, sondern auch mit Verständnis die Bezüge einheimsen, die ihr aus der Anilinfabrikation zufließen. Sie verteidigt mit Einsicht und fast weibischer Beredsamkeit die Gleichberechtigung von Mann und Weib. Sie verlangt von einem Kollegium, das aus pedantischen, engherzigen Lustspielprofessoren besteht, Einlaß in die Hörsäle und ist unglücklich darüber, daß der jüngste, fescheste Professor, der sogar in Leutnantsuniform auftritt, der heftigste Gegner ihrer Zulassung zu den Universitätsstudien ist. Sie ist von ihrem Vater, der zu Beginn des Stückes natürlich tot ist, mit einem langweiligen Menschen verlobt worden, der, um unsympathisch genug zu sein, Matthias Leineweber heißt. Uns geht das alles nichts an. Denn wir wissen, sobald die ersten Worte gefallen sind, daß Erna am Ende des Stückes nicht mehr das «neue Weib» sein, sondern dem Professor in der Offiziersuniform, der ihr die Pforten der Universität verschließt, als Braut in die Arme sinken wird. Rudolf Stratz darf uns das allerdings nicht gleich beim Aufgehen des Vorhanges sagen. Sonst gäbe es kein Lustspiel. Aber er muß es andeuten. Das verlangt die dramatische Technik. Daß wir diese Andeutungen von vorneherein durchschauen, das wird wohl an unserer Naiv: liegen. Wir sind so geneigt, anzunehmen, daß Lustspiele mit Heiraten schließen. Warum sollte gerade Rudolf Stratz von dieser Lustspielsitte abgehen? Zwischen den Vorgängen, welche die Haupthandlung zusammensetzen, trinken Studenten Bier, singen Lieder, gehen auf den Paukboden und schwänzen Kollegien. In deutschen Lustspielen trinken, schwänzen und pauken die Studenten selbstverständlich noch viel mehr als in Wirklichkeit. Das macht der verfluchte Idealismus in der Kunst, der alle Dinge in ein ideales Licht rücken will. In der Zeit, welche Erna Textor nicht mit klugen Reden und die Studenten nicht mit Biertrinken ausfüllen, schwatzen Professorenfrauen dumme Sachen. Ein grundgelehrter, bedeutender Privatgelehrter trinkt so viel Wein, daß er einen Überrock für einen Menschen hält, und seine Frau versteckt ihm die Stiefel, damit er nicht in die Kneipe gehen kann. Auch unterrichtet eine junge Dame mit Backfischmanieren, die ihrem Berufe nach Zahnärztin ist, einen verbummelten Studenten über die Ideale des Lebens und den Nutzen der Arbeit.

Ausgezeichnete Schauspieler spielen in dem «Lustspiel». Fräulein Poppe macht uns die unmögliche Rolle der Erna fast möglich; Herr Keßler spielt den Professor in der Offiziersuniform vollendet. Herr Vollmer stellt den Privatgelehrten und Trinker mit einer Kunst dar, daß wir die Gestalt, die Stratz geschaffen, vergessen, und Frau Conrad als Zahnärztin kann man gar nicht genug loben. Das «Lustspiel» ist zum Davonlaufen, aber wegen der vorzüglichen Darstellung muß man es, wenn man einmal hineingeraten ist, zu Ende ansehen.

German original of “The New Woman” · ← Previous · Next →