«Jugendfreunde»

Lustspiel in vier Aufzügen von Ludwig Fulda
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin

Die paar Zischer, die sich am Sonnabend nach jedem Aufzuge des Fuldaschen Stückes «Jugendfreunde» bemerkbar machten, scheinen mir auf einem Standpunkte der Beurteilung zu stehen, den der Kritiker der amüsanten, liebenswürdigen Arbeit gegenüber nicht einnehmen darf. Durch nichts macht sich der Kritiker langweiliger, überflüssiger und lächerlicher als durch Anlegung von Maßstäben, die durch die Natur eines Werkes und durch die Absichten, die der Autor mit ihm hat, ausgeschlossen sind. Gewiß gibt es einen Standpunkt, von dem aus man an der Zeichnung der Charaktere und dem Verlaufe der Handlung in den «Jugendfreunden» eine oppositionelle Kritik üben kann. Ich glaube jedoch, die beste Widerlegung einer solchen Kritik ist der Umstand, daß der Kritiker, wenn er unbefangen und naiv sich dem Genusse hingibt, zwei Stunden lang über diese «Jugendfreunde» herzhaft lächeln und auch lachen muß und daß die Widersprüche, in die sie sich durch den Gegensatz ihrer Ansichten und ihres wirklichen Lebens verwickeln, durchaus naturwahr und von dem Autor auf geistreiche Art dargestellt sind.

Vier Kameraden halten treu zusammen und verbringen ihr Leben, wie es ihnen behagt. Drei davon verloben sich im ersten Aufzug. Sie glauben, daß ihre Frauen sich ebenso in die Arme fallen werden, wie es die Männer als Junggesellen getan haben. Statt dessen zanken die Frauen bei der ersten Gelegenheit, die sie zusammenführt, und sagen voneinander die übelsten Dinge. Die Freunde überzeugen sich bald, daß sie ihr fröhliches Leben ohne die Frauen fortsetzen müssen. Das scheint ganz leicht zu sein, denn der vierte gebärdet sich drei Akte lang als energischer Gegner der Ehe. Warum sollten sich die drei Freunde nicht zweimal in der Woche in seiner «Junggesellenbude» zu gemütlichen Zusammenkünften ohne ihre Frauen einfinden? Schon sind die drei Verheirateten einig, da überrascht sie der vierte mit dem Entschlusse, seine Stenographin zu ehelichen. Und da er augenscheinlich einen glücklicheren Fang getan hat als die drei Gefährten, so ist er gar nicht geneigt, den vom Schicksal mit lästigen Ehehälften gesegneten Kameraden ein Stelldichein zu gewähren, durch das sie sich fröhlich immer wieder in ihre Junggesellenzeit zurückträumen können.

In lustiger Weise läßt Fulda die Gegensätze aufeinanderstoßen. Es ist nicht seine Art, Situationswitze zur Herbeiführung von Verwicklungen und Lösungen zu benutzen. Es geht alles aus den Charakteren mit einer gewissen Notwendigkeit hervor. Diese Notwendigkeit ist allerdings nicht eine solche, die aus tiefen, psychologischen Untergründen der Seelen heraufgeholt ist, aber es scheint mir, daß Fulda mit der leichten Art, wie er die Menschen und die Dinge nimmt, gar nicht unrecht hat. Von Menschen, die wie diejenigen des Fuldaschen Stückes sind, interessiert uns auch im Leben nicht mehr, als der Autor uns vorführt. Fulda sagt uns von ihnen genau so viel, als wir von ihnen zu wissen wünschen. Eine größere Vertiefung der Charaktere und Verwicklungen würde, meiner Meinung nach, den Eindruck der Schwerfälligkeit machen. Die geistreiche, leichte Art, mit den Personen und Handlungen zu spielen, sehe ich als eine vorzügliche Eigenschaft des Autors der «Jugendfreunde» an.

Allerdings glaube ich, daß nur eine so vortreffliche Aufführung dem Stücke zu der von mir geschilderten Wirkung verhelfen kann, wie sie am Sonnabend das Deutsche Theater bot. Die vier Jugendfreunde fanden in den Herren Nissen, Rittner, Sauer und Thielscher vier Darsteller, welche die Absichten des Autors in prächtiger Weise zum Ausdruck brachten. Und die weiblichen Störenfriede wurden durch die Damen Trenner, Schneider und Eberty gut charakterisiert. Hätte es Fräulein Lehmann vermocht, die Stenographin so anmutvoll darzustellen, daß man an die Bekehrung des Ehegegners Martens besser hätte glauben können, so wäre gegen die Aufführung auch nicht das geringste einzuwenden.

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