«Agnes Jordan»

Schauspiel in fünf Akten von Georg Hirschfeld
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin

Der Künstler stellt die Dinge und Begebenheiten so dar, wie sie durch sein Temperament hindurch ihm erscheinen. An diese Vorstellung Zolas mußte ich denken, als ich nach der Aufführung des neuen Dramas von Georg Hirschfeld, «Agnes Jordan», nach Hause ging. Das Schicksal einiger Menschen will Hirschfeld in fünf Bildern darstellen. Die zart empfindende, bildungslüsterne Agnes Sommer ist von ihrem Onkel, dem idealistischen Adolf Krebs, mit den Schriften der Klassiker trefflich gefüttert und mit weisen Lehren sorgsam aufgepäppelt worden. Dieser Onkel ist zu Höherem geboren. Er wollte Musiker werden. Die Verhältnisse haben ihn zum Kaufmann gemacht. Er leidet an einem verfehlten Leben. Jeder Schritt, den er unternimmt, bringt ihn rückwärts statt vorwärts. Sinnig gibt ihm der Dichter den Namen Krebs. Er hat auch mit seinen Erziehungsexperimenten kein Glück. Sie vergafft sich, trotz ihrer Bildung, in den rohen Gustav Jordan, der nichts liest als schlüpfrige Romane und die «Vossische Zeitung». Wie diese beiden Leute miteinander leben im Jahre ihrer Verheiratung 1865, wie sich ihr Zusammensein 1873, wie 1882 und endlich wie im Jahre 1896 gestaltet: das schildert Georg Hirschfeld. Er hat diese vier weit auseinanderliegenden Jahre allerdings nicht ganz beliebig aus einem Zeitraum von 31 Jahren herausgegriffen. Denn im ersten erfahren wir, wie ein rücksichtsloser Egoist mit der gewonnenen Frau in seiner Art zärtlich ist. Das Jahr 1873 gibt ihm Gelegenheit, seine ganze Brutalität glänzen zu lassen. Der gute Onkel Krebs steht vor dem Bankrott und will das Geld wieder haben, das er dem sauberen Neffen zur Gründung einer bürgerlichen Existenz geliehen hat. Deswegen wird er von diesem mit den ausgesuchtesten Roheiten überschüttet. 1882 ist das eheliche Verhältnis zwischen Agnes und Gustav Jordan soweit gediehen, daß die zart empfindende Frau ihrem Manne davonläuft und sich nur bewegen läßt, in sein Haus zurückzukehren, weil der älteste Sohn schwer krank ist und die Mutter braucht. 1896 erlebt die durch drei Jahrzehnte brutalisierte Frau das Glück, daß sich ihr Sohn mit der Tochter ihrer Freundin verbindet. Meiner Empfindung nach hätte aber Hirschfeld doch auch jedes beliebige andere Jahr aus dem genannten Zeitraume herausgreifen und uns das Schicksal seines Ehepaares in demselben darstellen können. Denn die erwähnten Ereignisse interessieren uns nach dem im ersten Aufzug gegebenen Konflikt viel zu wenig. Wir werden immer müder und wollen zuletzt nicht mehr mitgehen. Mein Gefühl verlangt nicht eine an Einzelheiten reiche Handlung; aber es will, daß ein Bedürfnis befriedigt werde, das der Dichter selbst erregt hat. Stelle ich an jemand eine Frage, die er durch seine Rede in mir selbst erregt hat, so will ich eine klare Antwort, die sich nur mit dem Gegenstande meiner Frage beschäftigt. Antwortet er mir dann alles mögliche, was mit meiner Frage kaum etwas zu tun hat, so werde ich unwillig. Und Hirschfeld erregt in mir eine Frage. Ich will nach dem ersten Akte wissen, wie sich das Verhältnis der beiden Menschen gestalten muß, deren Charakter er angedeutet hat. Ich erfahre darüber nichts, als daß Gustav Jordan seine Frau roh behandelt und mit jedem Dienstmädchen, das ins Haus kommt, anbandelt. Im fünften Akt erwarte ich eine Entscheidung. Irgend etwas müßte eintreten, das eine genügende Antwort auf die Frage sein könnte. Statt dessen reden die Leute über die neue Zeit, die neuen Menschen und die neue Kunst. Ich kenne wenige Dramen, deren fünfter Akt so überflüssig ist wie der der «Agnes Jordan». Agnes hat 31 Jahre lang die brutalen Instinkte ihres Gatten ertragen müssen; sie wird es weiter tun. Alles, was der Onkel Adolf in ihrer Seele gepflanzt hat, ist allmählich verdorrt; ihr Tod wird nur wenig bedeuten. Denn sie stirbt schon 31 Jahre. Der Unterschied zwischen der völligen Vernichtung und dem Leben, das sie 1897 führt, ist der denkbar geringste. Wie sie langsam dahinstirbt, das berührt so unbehaglich, wie wenn eine Flamme langsam kleiner wird, weil kein Öl mehr vorhanden ist. Wir löschen eine solche Flamme lieber aus, ehe wir sie so langsam ersterben sehen.

Im Leben mag ein solches langsames Absterben oft vorkommen. Und für einen feinen Beobachter werden die Einzelheiten solchen Siechtums gewiß anziehende Beobachtungsobjekte sein. Hirschfeld ist solch ein feiner Beobachter. Aber er ist bloßer Beobachter. Er hat nicht den Willen, den Dingen Gewalt anzutun. Wenn er eine Begebenheit sieht, nimmt er sie hin und stellt sie dar, wie sie ist. Und Sünde erscheint es ihm, irgendeine gleichgültige Einzelheit, die ihm entgegentritt, wegzulassen. Deswegen ist er kein Dramatiker. Ein solcher greift einen Konflikt des Lebens auf und entwickelt ihn so, wie es sein Temperament, wie es seine persönliche Neigung verlangt. Er schaltet selbstherrlich mit der Begebenheit. Er zeigt, wie er sich den Zusammenhang der Ereignisse denkt. Vor der gemeinen Wirklichkeit hat er wenig Respekt. Ein Dramatiker würde Gustav und Agnes in Lagen gebracht haben, in denen ihre entgegengesetzten Charaktere in wilder Weise aufeinanderplatzen. Dazu hätte ihn sein Temperament geführt. Weil dies meine Auffassung ist, deshalb ist mir die erwähnte Vorstellung Zolas nach der Aufführung der «Agnes Jordan» eingefallen. Hirschfeld stellt die Dinge nicht dar, wie sie erscheinen, wenn sie durch ein Temperament, sondern so, wie sie aussehen, wenn sie durch die völlige Temperamentlosigkeit gesehen werden. Ein glatter Spiegel ist dieser Dichter, der alles unverändert wiedergibt, was vor seine Fläche gestellt wird. Sauber und klar sind die Bilder, die er entwirft, aber es fehlt jeglicher Zauber einer Persönlichkeit. Wie durch einen künstlichen Apparat sind die Ereignisse in der Familie Jordan abgebildet. Dokumente für den Kulturhistoriker liefert Hirschfeld, aber kein Kunstwerk. Auf die Treue in der Wiedergabe des Beobachteten kommt es ihm an, aber nicht auf künstlerische Gestaltung. Ich kann mir vorstellen, daß mich unter gewissen Umständen auch eine solch treue Schilderung anziehen kann. Aber im ersten Akte des Hirschfeldschen Werkes sind alle Vorbereitungen zu einem Drama gemacht, von dem wir dann nichts sehen. Der Dichter ist uns dieses Drama schuldig. Wasser ist gewiß ein gutes Getränk, aber wenn uns jemand zu einer Flasche guten Weines einlädt und dann Wasser vorsetzt, so mag er zusehen, wie er mit uns fertig wird. Wir lassen uns eine solche Behandlung nicht gefallen.

Ich möchte in diesen Zeilen keinen Beitrag liefern zu dem alten und ewig jungen Schulgezänke über Idealismus und Naturalismus. Aber ich muß doch sagen: ich empfinde es als eine Indelikatesse gegen mich als Zuschauer, wenn mir jemand zumutet, die reine, unverfälschte Naturwahrheit in allen ihren Einzelheiten zwischen den drei künstlichen Wänden der Bühne zu beobachten. In dem Bühnenraume habe ich künstliche Verhältnisse vor mir. Das Leben in seiner ganzen Fülle geht da nicht hinein. Soll trotzdem die Illusion des Lebens vor mir entstehen, so muß das Fehlende eine Persönlichkeit, der Dichter, aus Eigenem dazugeben. Marionetten sind leblos. Ich sehe ihr Spiel dennoch gerne, wenn der Leiter einer Marionettenvorstellung gute Einfälle hat. Was der Geist des Dramatikers gestaltet, will ich von der Bühne herab vernehmen. Eine Persönlichkeit soll zu mir sprechen, nicht ein Beobachter des Lebens ohne Temperament, dem die Dinge nichts Besonderes sagen, daß er mir es in seinem Werke offenbaren könnte.

Viel interessanter als Hirschfelds Drama waren mir die Schauspieler, die es darstellten. Die Aufführung ist eine künstlerische Leistung von hohem Range. Emanuel Reicher hat einmal an Hermann Bahr geschrieben: «Wir wollen nicht mehr effektvolle Szenen spielen, sondern ganze Charaktere, mit dem ganzen Konglomerat von Ober-, Unter- und Nebeneigenschaften, die ihnen anhängen, ...wir wollen nichts anderes sein als Menschen, welche durch den einfachen Naturlaut der menschlichen Sprache aus ihrem Innern heraus die Empfindungen der darzustellenden Personen vermitteln, ganz unbekümmert darum, ob das Organ schön und klingend, ob die Gebärde graziös, ob dies oder das in dies oder das Fach hineinpaßt, sondern ob es sich mit der Einfachheit der Natur verträgt, und ob es dem Zuschauer das Bild eines ganzen Menschen zeigt.» Was er mit diesen Worten von sich fordert: in seiner Darstellung des Gustav Jordan hat er es mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit jeder Miene, mit jeder Bewegung erfüllt. Alle Ober-, Unter- und Nebeneigenschaften des rohen, selbstsüchtigen, banausischen Gesellen kamen zum Ausdrucke. Alles wirkt überzeugend. Man hat bei jeder Einzelheit das Gefühl, daß von allen möglichen Arten, wie die Charaktereigenschaften Jordans auszudrücken sind, diejenige die allerbeste ist, die Emanuel Reicher gefunden hat. Und der Grundzug dieser Persönlichkeit ist von dem Darsteller in einer Weise erfaßt und durchgeführt, daß niemals auch nur leise eine Vorstellung aufstößt, es könnte etwas im geringsten anders sein. Reicher zur Seite steht Agnes Sorma, die alle Eigenschaften der Agnes Jordan von der liebevollen Hingabe an die höheren Güter des Geisteslebens und innerem, feinem, durch die zarteste Naivität geadeltem Dankgefühl gegenüber dem Onkel Adolf bis zu der edel-stolzen Haltung gegenüber dem Manne und der rührenden Ergebung in ihr Schicksal mit stilvoller, poetischer Wahrheit und großer Kunst darstellt. Nicht auf der Höhe dieser beiden Darsteller steht die Leistung Hermann Müllers, der den Onkel Krebs zu einseitig nur als wehleidigen, von seinem Schicksal niedergedrückten Mann darstellt. Soll diese Persönlichkeit überzeugend wirken, so muß — wenigstens leise — ein Zug von aktivem Idealismus ihrem Wesen beigemischt sein. Man muß sehen, daß er im Vorwärtsschreiten ein sympathisches Ziel vor Augen hat: dann kann man über sein unverschuldetes Rückwärtsschreiten mit ihm trauern.

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