«Das Stärkere»
Schauspiel von Carlot Gottfried Reuling
Aufführung im Schiller-Theater, Berlin
Wenn mir der Pfarrer Johannes Küster, dessen Schicksal Carlot Gottfried Reuling dramatisiert hat, im Leben begegnete, ich würde seinen Umgang nicht suchen. Er wäre mir gleichgültig. Er ist ein Schwächling, ein Mann, der will, aber nicht wollen kann. Er läßt alles über sich ergehen. Er hat sich in jungen Jahren mit Sophie Walz verlobt. Das Mädchen hat ihm die Mittel gegeben, um zu studieren. Ihre einflußreichen, frommen Verwandten haben ihm eine Pfarrstelle verschafft. Er hat Interesse für Naturwissenschaft. Er tändelt mit Naturgegenständen. Daß er sich als Pfarrer unglücklich fühlt, will uns zwar Reuling glauben machen. Wir glauben es aber nicht. Sein Interesse an der Erkenntnis ist nicht intensiv genug. Hätte er Naturwissenschaft studiert, so würde er etwas anderes wollen. Er hat kein Eisen im Blut. Er möchte sich gern von seiner Braut, die ihm nicht mehr gefällt, nachdem er viele Jahre mit ihr verlobt ist, trennen. Denn er liebt sein Cousinchen, die kluge Frieda Bügler, die ihn versteht. Sie schwätzt so gescheit und ist so brav, daß sie fast widerlich ist. Sophie erinnert ihn energisch an die Pflicht, die er ihr gegenüber auf sich geladen hat. Sie hat ihm das Geld zu seiner Ausbildung gegeben, weil sie ihn heiraten wollte. Sie macht ihm klar, wie unmännlich es ist, ihr den Rücken zu kehren, weil seine Liebe einer anderen gehört. Er gehorcht brav. Die Pflicht ist das Stärkere. Sie siegt. Er entsagt der guten, gescheiten Frieda und wird die erzwungene Heirat mit Sophie eingehen. Aber er rächt sich. Er rächt sich, wie es Schulknaben zu tun pflegen. Er begleitet die Leiche einer Selbstmörderin zu Grabe, obwohl das den Empfindungen seiner Braut und ihrer Verwandten widerspricht. Warte nur, ich will dir noch schöne Dinge aufführen. Was dich ärgert, das tue ich. Warum hast du mich gerade heiraten wollen.
Daß das Weib viel opfert, um dem Geliebten zu helfen, daß seine Liebe vor keiner Opferwilligkeit zurückschreckt, ist bekannt. Daß dieses Weib in dem Augenblicke, als sie die Neigung des Geliebten für sie erloschen sieht, ihn zwingt, sie zu heiraten, halte ich für Unsinn. Solchen Tatsachen gegenüber erwacht der Stolz im Weibe. Es sagt sich: nein, ohne deine Neigung will ich dich nicht besitzen. Handelt ein Weib in anderer Art, so geht uns diese Art nichts an. Sie erweckt in der Wirklichkeit Ekel; und wir lehnen sie ab, wenn sie uns in der Dichtung entgegentritt.
Ich weiß, was die gelehrten und ungelehrten Ästhetiker der Gegenwart sagen werden. Die reine Kunst, ist ihre Meinung, hat sich nicht darum zu kümmern, ob eine Persönlichkeit, ein Vorgang uns sympathisch sind oder nicht. Sie hat darzustellen, was geschieht, nicht das, was wir gerne geschehen lassen möchten. Allein eine solche Kunstanschauung ist weichlich, weibisch. Die reine Kunst ist ein Weib. Und wenn sie sich nicht befruchten läßt von einer Weltanschauung, von dem Empfindungsleben, das haßt und liebt, so wird sie eine alte Jungfer. Carlot Gottfried Reulings Kunst ist eine alte Jungfer. Es ist kein männlicher Zug in dem Schaffen dieses Dichters. Männlich wäre es gewesen, wenn er den Johannes Küster hätte den Entschluß fassen lassen, Sophie aufzugeben. Alle Vorurteile dürften ihn nichts angehen. Seine Entsagung ist weibisch; ein starkes Durchdrücken seines Willens, die Hingabe an seine Leidenschaft, an seine Ziele wäre männlich gewesen. Das hat zwar mit der reinen Kunst nichts zu tun, aber die reine Kunst macht es nicht. Das Kunstwerk darf nicht von unseren Sympathien und Antipathien unberührt bleiben. Warum sollen wir uns im Theater bieten lassen, was uns im Leben uninteressant ist?
Aber im Grunde sind sie doch brave Christen und Philister, diese Dichter vom Schlage Reulings. Das rücksichtslose Wollen, das starke Können ist nicht nach ihrem Sinne. Der Pflicht gehorchen steht ihnen höher als das Durchsetzen der Persönlichkeit. Entsagung ist ihr Losungswort. Im Gehorchen sehen sie Frömmigkeit. Und Frömmigkeit wollen sie. Frömmigkeit ist ihnen das Gute; das Waltenlassen der Eigenpersönlichkeit nennen sie böse, verwerflich. Und vor dem Worte Egoismus bekreuzigen sie sich. Was nützt es, daß Reuling ein wirklicher Dichter ist? Daß er ernstliches, künstlerisches Wollen hat, wenn uns doch seine Lebensauffassung widerlich is? Wenn wir stets das Gefühl haben: in seinem Drama hätte alles anders kommen sollen? Eine schwächliche, mattherzige Lebensanschauung spiegelt das Drama «Das Stärkere». Der Mut zum Handeln, zum Streben nach eigenen Zielen fehlt dem Dichter. Deshalb fehlt er auch seinem Helden. Und wo Reuling Energie zeichnet, wie in Sophie, da zeichnet er sie falsch. Da läßt er sie das Gegenteil von dem wollen, was sie im Sinne einer gesunden psychologischen Anschauung wollen müßte. Ein Stück von einem Philister und für Philister ist dieses Drama. Wer kein Philister ist, fühlt sich angeödet von ihm.