«Das Käthchen von Heilbronn»
Schauspiel in fünf Akten von Heinrich von Kleist
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin
Zwei Grundzüge sind in Kleists Natur vereinigt. Der Sinn für das Große, das Kraftvolle verbindet sich bei ihm mit der Hingabe an das Geheimnisvolle, an die dunklen und unverständlichen Mächte im Menschenleben. In wunderbarer künstlerischer Harmonie wirken diese beiden Richtungen seines Schaffens in seinem historischen Ritterschauspiel «Das Käthchen von Heilbronn» zusammen. Eine echt ritterliche Persönlichkeit ist der Graf Wetter vom Strahl, und mit einem Empfindungsleben ist er begabt wie ein mystischer Schwärmer. Ein wackeres, braves Mädchen ist das Käthchen von Heilbronn, und geheimnisvoll sind die Ketten, die sie an den Grafen binden. Das Natürliche und das Übernatürliche wirken in dem Drama zusammen in der Weise, wie nur ein Dichter sie zusammenbringen kann, der mit kühner Beobachtungsgabe in die natürliche Wirklichkeit sieht und der zugleich den festen Glauben hat, daß diese natürliche Art des Daseins nur der eine Teil der Welt ist.
Das Vermögen Kleists, komplizierte Charaktere zu zeichnen, ist ein unbegrenztes. Es gibt wenige Gestalten der Dichtung, die so wahr vor uns stehen wie Käthchens Vater, Theobald Friedeborn. Eine unermeßliche dichterische Kraft gehört dazu, einen Menschen darzustellen, in dessen Irrtum eine solche Größe liegt. Dieser Theobald Friedeborn könnte die banalsten und dümmsten Dinge sagen: wir würden von ihnen gefesselt sein wie von höchsten Wahrheiten.
Emanuel Reichers Darstellung dieses Friedeborn ist vollendet bis in die kleinsten Züge hinein. Mit tiefster Befriedigung saß ich da, und in bewundernder Erregung verfolgte ich das Stück Psychologie, das Reicher offenbart, indem er den Waffenschmied aus Heilbronn darstellt. Diese Rolle Reichers gehört zu den schauspielerischen Leistungen, die man nie wieder vergißt, wenn man sie einmal gesehen hat.
Und Agnes Sorma als Käthchen! Einen holderen Einklang zwischen schlichter, bürgerlich-anspruchsloser Art und träumerischem, weltentrücktem Wesen kann ich mir nicht denken. Ich habe gehört, daß es Menschen gibt, die das nicht empfunden haben. Aber die haben eine zurechtgelegte Vorstellung davon, wie so etwas sein soll. Agnes Sorma hat die wahrste Empfindung davon, wie es ist.
Leider ist nichts in der Welt vollkommen. Und vielleicht deshalb war der Graf Wetter vom Strahl durch Hermann Leffler so ungenügend vertreten. Es war mir unerträglich, diese geringe Kunst neben der vollendeten von Agnes Sorma und Emanuel Reicher zu sehen. Bei Agnes Sorma wirkt alles wie Natur, bei Hermann Leffler erscheint alles gemacht. Nichts kommt wie selbstverständlich aus seinem Munde, alles ist herausgezwungen. Dennoch darf man sagen, daß es Otto Brahm hoch anzurechnen ist, mit dieser Vorstellung unseren großen Heinrich von Kleist uns wieder in lebendige Erinnerung gebracht zu haben.