«Dorina»
Sittenbild in drei Akten von Gerolamo Rovetta. Deutsch von Otto Eisenschitz
Aufführung im Residenz-Theater, Berlin
‘Wenn ich der Meinung wäre, ein Kritiker müsse sich schämen, wenn er einmal zum Schwärmer wird, so müßte ich ganz rot werden über das, was ich eben über «Das Käthchen von Heilbronn» niedergeschrieben habe. Aber ich schäme mich gar nicht. Ich will mich aber auch gleich wieder zusammennehmen und ganz vernünftig sein. Die Erinnerung an «Dorina» von Rovetta bringt mich auch schon wieder zur Vernunft. In ihr ist nichts, was Veranlassung zur Schwärmerei gibt. Der Baron Nicki ist zuerst ein unreifer Knabe voll Leidenschaft, ein Kindskopf, wie er im Buche steht. Er verliebt sich in Dorina, die im Hause seiner Mutter eine Enkelin derselben erzieht. Die Mutter jagt die gute Dorina aus dem Hause. Nun wird diese Sängerin. Sie gerät dabei in die Hände eines Schwindler-Ehepaares: des Maestro Constantini, der sie im Singen unterweist, und seiner sauberen Ehehälfte. Diese verkommenen Leute wollen die brave Dorina nach jeder Richtung hin ausnützen. Aber Dorina ist moralisch, und die Constantinis sind unmoralisch. Deshalb ist Dorina traurig, weint und wimmert in einem fort. Auch der Nicki, der sie einst geliebt, erscheint wieder auf der Bildfläche. Jetzt aber ist er ein blasierter Lebemann, der sich in Paris und in Monte Carlo die Kindsköpfigkeit abgewöhnt hat. Die Dorina sieht er nunmehr als seine «liebe Kleine» an und schickt ihr Geld, damit sie ihre Schulden bezahlen könne. Dorina ist unglücklich darüber, daß aus dem leidenschaftlichen Kindskopf ein blasierter Roue geworden ist. Sie weint, weint, und will fort, fort. Da fällt der Vorhang. Wenn er wieder aufgeht, ist Dorina eine berühmte Sängerin, eine geniale Carmen, und läßt sich von allen möglichen Leuten anlieben, von einem Herzog sogar aushalten. Nicki hat sich nicht weniger verändert. Er ist wieder «tief» geworden. Er liebt Dorina wieder wie sich selbst. Er will sie heiraten. Sie ist erwas klüger geworden. Sie läßt ihn ein wenig zappeln. Dann aber heiratet sie ihn doch.
Wozu nur spotte ich? Das Stück ist nämlich gar nicht so unbedeutend. Es ist wirklich Psychologie darin. Alles, was vorgeht, ist interessant. Doch nein. Nicht alles. Was bei offener Szene vorgeht, ist matt. Aber in den Zwischenakten, da liegen wichtige Entwicklungsmomente. Da geschieht das Wichtigste, was ein Dichter darstellen sollte. Aber ein Dichter muß doch auch für den Spürsinn des Publikums sorgen. Im Foyer, während sie Bier trinken und ein Schinkenbrot kauen, mögen sich die Leute das Beste denken.