«Mutter Thiele»
Ein Charakterbild in drei Akten von Adolph L’Arronge
Aufführung im Königlichen Schauspielhaus, Berlin
Die Welt, welche L’Arronge auf die Bühne bringt, hat ihre eigenen Gesetze. Das höchste ist: in dieser Welt ist lebendigen Menschen der Aufenthalt untersagt. Dieses Gesetz wird so streng befolgt, daß sich in genannter Welt noch nie ein Mensch hat blikken lassen. Sie wird nur von Puppen bevölkert, die Gliedmaßen und Lippen nach gewissen Regeln bewegen. Ihre Bewegungen haben hie und da eine entfernte Ähnlichkeit mit den menschlichen. Während diese Puppen sich bewegen, spricht immer ein Mensch in verschiedenen Stimmen, nach Art der Bauchredner. Er sagt eine Reihe niedlicher, charmanter, reizender Sachen, dann eine Reihe törichter, alberner, dann mürrische, dann sentimentale. Jede Klasse dieser Redensarten wird einer Puppe in den Mund gelegt. Das Konzert, das diese Puppen aufführen, verläuft so, daß anfangs die Dinge nicht recht zusammengehen. Die eine Puppengruppe stellt das Gute, das Edle, das Reizende dar, die andere ist Vertreter des bösen Prinzips und macht ersterer das Leben sauer oder stört wenigstens die ungetrübte Harmonie. Zuletzt aber werden auch die bösen Puppen gut; man hört dann rührende, edle Reden, während sich dieselben Lippen bewegen, die vor kurzer Zeit noch boshafte und feindselige Sätze zu sprechen schienen. In einem Elemente der holdesten Glückseligkeit und Güte schwimmen nunmehr die Puppen, und die Tränendrüsen der Leute mit Kaffeeschwesterempfindungen entwickeln eine rege Tätigkeit.
So war es immer, wenn die Charakter- und Sittenbilder von L’Arronge auf uns losgelassen wurden; so war es auch heute, da uns das Königliche Schauspielhaus in einer meisterhaften Auffühzung «Mutter Thiele» bot. Frau Schramm, Herr Matkowsky, Fräulein Hausner, Frau von Hochenburger, Herr Vollmer und Herr Keßler gaben den Theaterfiguren, die sie darzustellen hatten, so viel Leben, als vorzügliche Schauspieler nur können. Die Darstellung war so gut, daß man manchmal wirklich glauben konnte, man hätte es mit Menschen zu tun.