Maurice Maeterlinck

Eine Conference, gehalten am 23. Januar 1898 vor der Aufführung von «L’Intruse» (Der Umgebetene) in der Berliner Dramatischen Gesellschaft

Die Menschen, die nur zu deuten verstehen, was in gewohnter, hergebrachter Art auf sie wirkt, empfanden nichts Besonderes, als sie vor sieben Jahren zuerst die Sprache vernahmen, die Maurice Maeterlinck spricht. Unbekannt war ihnen die Welt, von der er ihnen erzählte, und wunderlich klangen ihnen deshalb seine Offenbarungen aus dieser Welt. Einer krankhaften, verworrenen Phantasie schrieben sie zu, was aus einer neuen Weise des Empfindens stammte.

Aber es gab gleich bei Maeterlincks erstem Auftreten einzelne feine Kenner in Frankreich und Deutschland, die den Sinn hatten für die Welt, aus der der neue Prophet schöpfte. Es waren die Geister mit der schönen Fähigkeit, das Große zu ahnen, wenn sie es auch noch nicht in voller Klarheit erfassen können. Diese empfanden, daß Maeterlinck von Dingen redet, die zu schauen sie längst eine dunkle Sehnsucht hatten. Sie wußten nicht, wonach sie sich sehnten; sie wußten nur, daß sie etwas entbehrten. Was sie entbehrten, kam ihnen nicht zum Bewußtsein. Und jetzt, als Maeterlinck auftrat, da erkannten sie, daß er von dem sprach, worauf ihr Verlangen ging. Seine Worte klangen ihnen vertraut, weil sie nur die eigene Seele nach ihrer Bedeutung zu fragen brauchten.

Hätte man diese wenigen Enthusiasten damals gefragt, in welchen Worten sie Maeterlincks Wesen ausdrücken möchten: sie wären verstummt. Eine trunkene Begeisterung hatte sie erfaßt, von dieser sprachen sie in volltönenden Worten.

Sie, diese trunkenen Verehrer, waren die rechte MaeterlinckGemeinde. Denn, was dieser empfand, ließ sich nicht mit Worten mitteilen. Alles, was er schrieb, war da, nur um leise hinzudeuten auf das, was in seiner Seele lebte. Er konnte nur Zeichen geben von dem, was er empfand; und durch diese Zeichen konnte er zunächst nicht die Sprache, nur das Gemüt der Menschen zum Mitschwingen veranlassen.

Maeterlinck ist nicht in erster Linie eine künstlerische Natur. Die Kunstmittel, deren er sich bedient, sind unvollkommen, fast kindlich. Wer nach der vollkommenen Kunst verlangt, kann aus Maeterlincks Dichtungen keine Befriedigung empfangen. Er ist eine religiöse Natur. Er glaubt, daß es unendliche Tiefen der Menschenseele gibt und daß der Mensch hinuntersteigen kann in diese unendlichen Tiefen. Dann findet er in sich selbst Kräfte, die ihn befähigen, das große Unbekannte zu umfassen, das alle Zeiten als ein Göttliches verehrt haben.

Wer diese Seelenkraft in sich erweckt, für den gewinnen die alltäglichsten Dinge des Lebens einen geheimnisvollen, einen göttlichen Sinn.

Als Dichter will Maeterlinck nur aussprechen, was er als religiöser Mensch erschaut; die Schönheit der äußeren Form ist ihm unwichtig, er will aus seinen Dichtungen das Wunderbar-Erhabene der Welt, die großen, unbekannten Mächte heraushören lassen, die in den Dingen verborgen sind.

Im Göttlichen ist die Heimat der Seele, und findet sie diese Heimat, dann lebt sie plötzlich auf und lebt das tiefste Leben, das den Menschen erst zum wahren Menschen macht. Eine unsägliche Veränderung geht vor mit der Seele, die ihre Heimat gefunden hat. Wie ein schlummernder Genius ruht die göttliche Kraft in der Seele, und wer den Genius erweckt, dem antworten alle Dinge in einer göttlichen Sprache. Die unbedeutendsten Erscheinungen erglänzen plötzlich in einem neuen Lichte; sie künden das Ewige.

Unablässig ist die Menschheit bemüht, den göttlichen Genius in sich einzuschläfern. Maeterlinck glaubt in einer Zeit zu leben, in der die Menschen einer großen Erweckung ihrer Seelen entgegengehen. Schon fängt man an, sich abzuwenden von der unendlichen Verfeinerung der Sinne und der Vernunft, die uns die letzten Jahrhunderte gebracht haben.

Diese Verfeinerung hat das göttliche Licht in den Tiefen der Seele ausgelöscht. Unser Auge sicht heute — ob mit Mikroskop und Fernrohr bewaffnet oder nicht — Dinge, welche vor Jahrhunderten niemand ahnen konnte; unser Verstand ersinnt Zusammenhänge, die noch vor kurzer Zeit jedermann ins Fabelreich verwiesen hätte, wenn ein phantastischer Kopf davon gesprochen hätte. Eine Unendlichkeit dringt durch unsere Sinne, durch unsere Vernunft auf uns ein.

Aber sowohl die Sinne wie die Vernunft nehmen den Dingen den Glanz des Göttlichen. Der hellsichtigen, göttlich empfindenden Seele ist auch die Natur mit allen ihren Dingen und Erscheinungen göttlich. Aber die Sinne stellen sich zwischen die Göttlichkeit der Natur und die Göttlichkeit der Seele. Ungöttlich zeigen sie uns die Welt. Wir fragen bei allen Dingen: woher kommen sie? — und lassen uns von unseren Sinnen, von unserem Verstande die Antwort geben. Maeterlinck sieht eine Zeit heraufkommen, in der die Seelen ohne Vermittlung der Sinne und des Verstandes die Dinge auf sich wirken lassen werden. Er glaubt, daß das Reich der Seele täglich an Ausbreitung gewinnt. Die Seele wird wieder emporsteigen an die Oberfläche der Menschheit und wird unmittelbar an die Dinge herantreten. Der Mensch wird ein wirklicheres, ein volleres Leben wieder leben, wenn er nicht mehr an dem Ungöttlichen haftet, sondern in den kleinsten Dingen, in dem Rauschen der Blätter, in der Stimme der Vögel, ja in jedem Geräusch und in dem unbedeutendsten Worte, das der einfache, naive Sinn spricht, ein Göttliches empfindet.

Nicht der Worte, nicht der Taten werden die Seelen bedürfen, um sich zu verstehen, wenn sie sich befreit haben werden von der Alleinherrschaft der Sinne und des Verstandes. Nicht das bedeutungsvolle Wort, nicht die kraftvolle Tat werden ein Band schlingen von Mensch zu Mensch, sondern das Unsagbare, das Unhörbare wird sich von Seele zu Seele hinüberziehen. Was dem Worte ewig Geheimnis bleiben muß, wird zu offenbarem Leben werden. Die Menschen werden ihren Brüdern näher sein, weil kein Mittler sich zwischen die Seelen drängt, und sie werden der Natur näher sein, weil keine Hülle ihre offenbaren Geheimnisse verdecken wird.

Feiner und tiefer werden sie das Lallen des Kindes, die Sprache der Tiere, der Pflanzen und aller Dinge verstehen, wenn sie die Heimat der Seele entdeckt haben werden.

Eine Periode der Menschheit ersehnt Maeterlinck, wie sie die alten Ägypter zu einer gewissen Zeit oder die Inder durchgemacht haben.

Von Zeiten, in denen die Intelligenz und die äußere Schönheit herrschen, fühlt er sich unbefriedigt. In solchen Zeiten fehlt ihm etwas, wonach der Mensch begehrt; geheime Verbindungen sind abgeschnitten. Wie unter Barbaren versetzt kommt sich Maeterlinck vor, wenn er in unseren heutigen Theatern sitzt. Da sieht er den betrogenen Ehemann, der aus Eifersucht tötet, da sieht er den Bürger, der um seine Ehre kämpft, alle die plumpen Dinge sieht er, die die Sinne reizen und den Verstand in Bewegung setzen, aber er sieht nicht das Wunderbar-Göttliche, das uns jeden Augenblick aus den alltäglichen Dingen entgegenströmt.

An Jacob Böhme und andere Mystiker muß man denken, wenn man Maeterlinck seine Grundempfindungen aussprechen hört.

Töte die Sinne, dann geht die innere Seelenkraft dir auf: dies ist sein geheimster Glaubenssatz. Menschen seiner Art können es allein verstehen, daß Jacob Böhme nicht den unter Blitz und Donner herannahenden Gott braucht, um das Geheimnis der Welt zu erkennen, sondern daß dies ihm aufgeht beim Anblicke einer zinnernen Schüssel. Gleichsam mit Ausschaltung der Augen sah der große Mystiker in dem alltäglichsten Gegenstand das Wahrhaft-Göttliche.

Das bedeutsame Wort, das der blinde Großvater spricht in dem Drama, das wir heute sehen werden, ist tief aus dem religiösen Wesen von Maeterlincks Seele heraufgeholt. Der Blinde wird sehen, weil ihn die Sinne nicht hindern, in das Geheimnisvolle der Natur zu schauen: dies spricht der Dichter aus. Wo die andern, die mit dem blinden Großvater um den Tisch herumsitzen, einen leisen Wink, einen einfachen Nachtigallenschlag, ein Klingen der Sensen, ein Fallen der Blätter wahrnehmen, da offenbart sich dem, dessen Auge geschlossen ist, die geheimnisvolle Macht des Todes, der sich heranschleicht, die Tochter zu holen. Den Sehenden ruft der Blinde zu: Ihr seid blind, wenn ihr den ungebetenen Gast nicht wahrnehmt, der langsam in unser Haus kommt. Er, der nicht mehr sieht, und das Kind, dessen Sinne sich der Welt noch nicht erschlossen haben: sie nehmen wahr, was die Sehenden und die Verständigen nicht erkennen. In dem Augenblicke, da die Mutter stirbt, schreit das Kind, dessen Geburt ihr den Tod gebracht hat, zum ersten Male.

Wer Maeterlinck verstehen will, muß imstande sein, der Nüchternheit der Sinne und des Verstandes für kurze Zeit zu entsagen. Mit der Vernunft ist hier nichts zu begreifen. Und das gewohnte Kunsturteil muß zum Schweigen gebracht werden. Alles beruht darauf, das große Unbekannte in der Natur mitzufühlen und sich zu sagen, daß ein Prophet hier Göttliches verkünden, nicht Dramatisches im gewöhnlichen Sinne entfalten will.

Was Maeterlinck nicht sagt, sondern nur ahnen läßt, — das ist, was er eigentlich sagen will.

Er will — nach seinem eigenen Geständnis — eine ganz andere Psychologie auferwecken, als die gewöhnliche ist. Diese gewöhnliche Psychologie hat seiner Meinung nach sich des schönen Namens der Seele bemächtigt für Bestrebungen, die sich nur um jene Seelenerscheinungen kümmern, die eng mit der Materie zusammenhängen. Um einen Grad höher rücken will Maeterlinck die Menschen. Wenn ehemals die Rede war von all den geheimnisvollen Dingen, von Ahnungen, von dem verräterischen Eindruck, den die erste Begegnung eines Menschen auf uns macht, von einem Entschlusse, der von einer unbekannten, instinktiven Seite der menschlichen Natur getroffen wird, von unerklärlichen und doch vorhandenen Sympathien und Antipathien zwischen Menschen, so ging man leicht an diesen Erscheinungen vorüber, nur selten erweckten sie die Teilnahme ernster Geister. Man hatte keine Ahnung davon, mit welch unermeßlicher Kraft sie auf dem Leben lasten. Man hatte nur Interesse für das Wechselspiel der sichtbaren, pumpen Leidenschaften und äußeren Ereignisse.

Wer dieses gewohnte Spiel der plumpen Leidenschaften und der äußeren Ereignisse sucht, die in die groben Sinne fallen, wird bei Maeterlinck unbefriedigt bleiben.

Wem Maeterlinck das innere Auge zu öffnen vermag, mit dem er selber sieht, der wird in ihm die tief religiöse Persönlichkeit finden, die uns auf ihre Art die ewigen Mächte in der Welt verkünden will.

German original of Maurice Maeterlinck · ← Previous · Next →