«Der Ungebetene» (L’Intruse)

Drama von Maurice Maeterlinck. Deutsch von O.E. Hartleben
Zweite Aufführung der Berliner Dramatischen Gesellschaft im Residenz-Theater, Berlin

Die Charakteristik Maeterlincks, die ich in einer der Aufführung des «Ungebetenen» vorangehenden Conference zu geben versuchte, finden die Leser an dem Anfange des Blattes. Die Aufführung möchte ich als ein hervorragendes Theaterereignis bezeichnen. Zum dritten Male sah man das eigenartige kleine Drama auf einer deutschen Bühne. Von den zwei ersten Darstellungen kenne ich nur Berichte von Augenzeugen. Nach ihnen muß ich annehmen, daß am 23. Januar die Schöpfung Maeterlincks zum ersten Male in Deutschland den Erfolg hatte, den sie verdient.

Eine Inhaltsangabe des Stückes habe ich nicht nötig zu geben, weil es in Otto Erich Hartlebens ausgezeichneter Übersetzung in Nr.2 dieser Zeitschrift erschienen ist. Diese Übersetzung ist eine meisterhafte. Im Französischen wirken die einfachen, alltäglichen Sätze Maeterlincks dadurch, daß sie Großes künden wie etwas Selbstverständliches. Einfache deutsche Wendungen mußten gefunden werden, die eine gleiche Wirkung tun. Das ist Hartleben gelungen.

Von der Bühne herab wird das Drama nur wirken, wenn es gelingt, die religiöse Stimmung, die von ihm ausströmt, zu erzeugen. Wenn ich meinen Wahrnehmungen trauen darf, so war dies am letzten Sonntag bis zu einem hohen Grade der Fall.

Otto Erich Hartleben hat mit hingebungsvollem Eifer sich der Einstudierung des Dramas gewidmet. Ich war auf fast allen Proben Zeuge der Mühe, die er sich gegeben hat, um eine würdige Aufführung herbeizuführen. Auch die Tätigkeit Gustav Rickelts, des Regisseurs des Residenz-Theaters, konnte ich beobachten. Mit feinem Verständnis ging er auf den Charakter des Stückes ein und suchte ihn in der Darstellung zur Geltung zu bringen.

Wenn ich von der Darstellung spreche, so muß ich vor allen Dingen Hans Pagays gedenken. Er spielte den blinden Großvater. Meiner Meinung nach hat er den sehenden Blinden mit der Feierlichkeit hingestellt, die diesem Charakter eigen ist. An wichtigen Stellen hat er den Ton getroffen, der hier mehr tun muß als der Laut des Wortes. An zweiter Stelle möchte ich Josephine Sorger nennen, Sie hat bereits in der ersten Vorstellung der Dramatischen Gesellschaft Interesse erregt. Die Lux in Felix Dörmanns «Ledigen Leuten» gab sie mit derjenigen Vollendung, die man nur bei Darstellern antrifft, von denen man sagt, daß sie «Bühnenblut» haben. Diesmal spielte sie die eine der Schwestern, die mit dem blinden Großvater um den Tisch herumsitzen, Ursula. Wenn ich das Talent der Josephine Sorger mit einem Worte bezeichnen soll, so scheint mir das Bezeichnendste zu sein: sympathisch. Es liegt viel Seele in ihrer Stimme. Und diese Seele wirkte bei ihrer Darstellung der Ursula in stimmungsvoller Weise. Den Vater und Onkel stellten Gustav Rickelt und Eugen Heiske dar. Sie gaben sich unendliche Mühe. Es ist aber nicht leicht, den Ton zu finden, in dem die alltäglichen Persönlichkeiten in dem stimmungsschweren Stücke sprechen müssen.

Die schwüle Stimmung, die in dem Stücke zum Ausdruck kommt, war herausgearbeitet, wie es mit den zu Gebote stehenden Mitteln nur möglich war. Man müßte einmal mit dem modernsten, vollendetsten 'Theaterapparat an die Sache herantreten. Die geheimnisvollen Schritte des heranschleichenden Todes, der näher und näher kommt, könnten dann wirken als Andeutung der tiefen Empfindungen, die der Mensch in den Feierstunden der Seele hat, in denen sie sich versenkt in das, was nie geworden ist und nie vergeht, in denen Zeit und Raum verschwinden und das Weben in dem Unvergänglichen beseligendes Dasein gewinnt.

German original of “the Unknown” (L'intruse) · ← Previous · Next →