«Johannes»
Trauerspiel von Hermann Sudermann
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin
Gestern ging im Deutschen Theater das Stück in Szene, für das die Berliner Behörde eine so unfreiwillige Reklame gemacht hat: Sudermanns «Johannes». Nicht oft wird ein Theaterereignis mit solcher Neugier erwartet wie die gestrige Aufführung. Ich möchte nach dem ersten Eindrucke mit meinem Urteile über das Drama zurückhaltend sein. Zumal die ganze Aufführung unter dem Einflusse einer Indisposition des Hauptdarstellers (Josef Kainz als Johannes) litt. Nur soviel scheint mir sicher: die gewaltige, sichere Beherrschung alles auf der Bühne Wirksamen, die wir bei Sudermann stets bewunderten, zeigt sich auch in diesem Stücke. Aber die Handlung bleibt im Theatralischen, im äußerlich Kulissenhaften stecken; das Dramatische im höheren Sinne des Wortes fehlt. Eine dramatische Verkettung und Entwickelung der Dinge ist gar nicht vorhanden. Ich werde in der nächsten Nummer, wenn ich das Stück gelesen und noch einmal gesehen haben werde, auf dasselbe zurückkommen. Denn ich möchte durchaus nicht ungerecht gegen diese neueste Leistung Sudermanns sein.
Die Geschichte Johannes des Täufers ist das Vorspiel zu dem gewaltigen Drama, das sich im Leben des Stifters der christlichen Religion darstellt. Kein anderes Interesse haben wir für die Persönlichkeit des Täufers als das für den unreifen Verkünder dessen, der da kommen sollte. «Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen», so sprach Johannes zu den Juden. Was dieses Himmelreich bringen sollte, das wußte er nicht. Nie war er mehr als «die Stimme eines Predigers in der Wüste», der dem Herrn den Weg bereitet und «machet richtig seine Steige». Ein Werkzeug war er der Hand Gottes, dessen Kinder vorzubereiten für den Lehrer der Liebe. Er verstand noch nichts von dem Sinne des Erlösers. Daß denen verziehen werden muß, die in Schuld wandeln, weil die Liebe mächtiger ist als der Zorn, davon konnte er sich keine Vorstellung machen. Er sah nicht voraus, daß Jesus werde die Sünder retten wollen, er glaubte: «Es ist schon die Axt gelegt den Bäumen an die Wurzel. Darum, welcher Baum nicht gute Früchte bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.» Von Jesus dachte er: «Er hat seine Wurfschaufel in seiner Hand, er wird die Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.» So stellte sich ein jüdischer Rabbi den Erlöser vor.
Der Mann, der stammelnd verkündet, was ihm eine dunkle Ahnung in falschem Lichte zeigt, ist keine tragische Persönlichkeit. Daß Gottes Ziele weise sind und daß sich der Schöpfer der Welt seiner Kinder als Wegweiser bedient auch da, wo sie nicht wissen, welche Wege sie wandeln, das ist der Sinn der JohannesLegende. Neben diesem Sinn verblaßt alles, was uns noch von Johannes erzählt wird. Daß der Täufer durch den Zorn der Herodias den Tod fand, ist ein Zug der Legende, den wir entbehren könnten. Wie ein Zufall erscheint dieser Tod. Er hat keinen Zusammenhang mit dem, was uns an der Johannesgestalt interessiert.
Huß ist eine Gestalt, die sich zur Tragödie eignet, nicht Johannes. Tragisch wirkt der Vorläufer eines Reformators nur, wenn er zu früh kommt und zugrunde geht, weil die Zeit für seine Ziele noch nicht reif ist. Johannes aber ist selbst unreif für die Ziele, denen er dient. Er ist deshalb eigentlich eine uninteressante Persönlichkeit. Als Mensch ist er uns ganz gleichgültig.
Es wäre aber möglich, aus Johannes eine Gestalt zu machen, die unser Interesse erregt. Wer das will, muß die Persönlichkeit, von der Legende und Geschichte sprechen, vollständig umgestalten. Er muß uns einen Johannes vorführen, der nicht redet von dem, der da kommen soll, sondern der glaubt, die frohe Botschaft schon zu besitzen; der durchdrungen ist von seiner Sendung als Messias. Mit dem Bewußtsein, daß er erfüllt, was die Zeit erwartet, muß ein solcher Johannes ausgestattet sein. Und dann muß ihm der größere, der wahre Erfüller entgegentreten. Johannes müßte nun sehen, daß er ein Irrender war. An der Selbsterkenntnis müßte dieser Johannes zugrunde gehen. An dem Bewußtsein seiner Unreife. Wir würden dann gerecht sein gegen ihn, der gegen sich selbst ungerecht ist, weil er nur ein Vorläufer, kein Erfüller ist. Daß nicht gleich reife Früchte vom Baume fallen, würden wir uns sagen.
Einen solchen Johannes hat Sudermann nicht gezeichnet. Er hat im wesentlichen die bekannte Johannesgestalt dramatisiert. Die notwendige Folge ist, daß sein Johannes eine Reihe von Episoden aus der Zeit des jüdischen Volkes darstellt, die dem Auftreten des Messias vorausgeht. Aufeinanderfolgende Vorgänge spielen sich ab, in deren Verlaufe der Rabbi Johannes immer wieder erscheint. Diese Vorgänge sind mit der großen Kunst dargestellt, die wir an Sudermann längst schätzen gelernt haben. Was wir aber nach der ganzen Anlage des Dramas erwarten müssen, das fehlt. Wir können uns für den Johannes dieses Dramas nicht mehr als für den legendenhaften Johannes interessieren. Er kommt, redet, geht ab, kommt wieder, schlägt als sittenstrenger Mann die lüsternen Werbungen der Salome aus, wird zuletzt enthauptet. Das alles geschieht neben vielem anderen. Ein notwendiger Zusammenhang zwischen diesem andern und dem Johannes ist nicht vorhanden. Es ist in der Figur des Täufers nichts, das von dem einen Vorgang zu dem andern hindrängte. Von einer dramatischen Spannung ist nichts vorhanden.
Alle Personen, denen Johannes begegnet, sind interessanter als dieser selbst.
Herodias, die Sünderin, die ihrem Manne davongelaufen ist, um sich mit dessen Bruder, dem Herodes, zu vermählen, ist mit der vollendetsten Meisterschaft gezeichnet. Weil sie herrschen will, ist sie dem ohnmächtigen Philippus entflohen. Schwach und kleinmütig ist Herodes, aber er ist an einem Platze, der seinem Weibe gestattet, ihre Herrschernatur zu entwickeln. Eine feine Charakteristik ist in den Worten gegeben, die das zynisch-stolze Weib dem Herodes ins Antlitz schleudert: «Hältst du mich für eine, die ein tägliches Abendopfer an Liebkosungen sich erbetteln kommt? Schau mich an! Nicht die Geliebte, die ist nicht mehr... Deine Herrin schau an.» Und in den andern: «Wie, wenn du die Sünderin nicht verstecktest vor dem Volk, sondern hocherhobenen Hauptes morgen mit ihr zum Tempel zögest? Wäre es nicht ein heiteres Spiel, wenn der Hohepriester mit derselben Miene des väterlichen Knechts, mit der er einst die tugendhafte Mariamne (Herodes’ erste, verstoßene Frau) begrüßte, auch deines Bruders entlaufenem Weibe entgegenlächelte?»
Ein kleines Wunder der dramatischen Individualisierungskunst ist Salome, die Tochter der Herodias. Ihr ist alles gleich, was Johannes predigt, sie verliebt sich in den Mann. Sie wirbt um ihn mit aller Kraft erwachender Leidenschaft. Und als er ihre Werbung ausschlägt, schlägt ihre Liebe in wüsten Haß um, so daß sie gerne den Willen der Mutter, den Täufer zu verderben, zu ihrem eigenen macht.
Auch Herodes selbst, in seiner «feigen Schwäche», ist vorzüglich charakterisiert. Nicht minder die einzelnen Typen des jüdischen Volkes. Mir ist Josaphat, der Schuster, der sein Weib und seine Kinder hungern läßt, um dem Johannes zu folgen, eine interessantere Persönlichkeit als der Täufer selbst. Mit wenigen Strichen sind in Eliakim, dem Wollenhändler, der stets im Gesetz liest, und in Pasur, dem Fruchthändler, der bedauert, daß er bei dem elenden Passah so wenig verkauft, ausgezeichnete Charakterköpfe hingestellt. «Wer mit Früchten und Gemüse handelt, Nachbar, der hat es nicht so leicht, ein gerechter Mann zu sein vor dem Herrn. Deine Wolle hält es aus, bis der Herodes wieder weg ist samt seinem Weibe.»
Alles in diesem Drama, außer der Hauptgestalt, ist bedeutend und von großer Wirkung. Die Schwäche, mit der Johannes selbst gestaltet ist, lähmt alles.
Sudermann läßt den Johannes zwar aussprechen, wohin sein Leben führen müßte, wenn es dramatisch wirken sollte, gestaltet hat er ihn aber nicht im Sinne seiner Worte: «Wahrlich, die Zeit meines Niederganges ist gekommen, da die Feinde mein Lob singen und die Freunde mich lästern. Was wollt ihr von mir? Mein Ende muß einsam sein und Schweigen darinnen.» Daß er verstummen muß, weil ein Größerer spricht, das müßte Johannes’ tragisches Geschick sein.
Sudermanns «Johannes» ist an verschiedenen Orten Deutschlands aufgeführt worden. Ich habe die Kritiken und Mitteilungen über diese Aufführungen verfolgt. Es zeigt sich eine merkwürdige Tatsache. Die Aufnahme war an den verschiedenen Orten die denkbar verschiedenste. Es wäre nun interessant, die verschiedenen Stimmen zu sammeln. Ein schätzenswertes Material zu einer Staristik des Geschmacks könnte dadurch geliefert werden. Die «Dramaturgischen Blätter» sind der Ort, solches Material zu sammeln. Ich möchte deshalb hier an alle diejenigen, die in der Lage sind, zu einer solchen Materialsammlung etwas beizutragen, die Bitte richten, dies zu tun. Die Angaben sollen dann an dieser Stelle entsprechend verarbeitet werden.