«Das grobe Hemd»

Volksstück von C. Karlweis
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

Schöllhöfer ist aus einem armen Teufel ein Geldprotz geworden. In seiner Jugend hat er sich mühsam durchgeschlagen. Dann hat er es zum Unternehmer gebracht, und zuletzt hat er sich mit einem hübschen Sümmchen zur Ruhe gesetzt. In seinen Augen sind nur diejenigen Leute vernünftig, die es machen wie er. Denn «Geld regiert die Welt». Das ist seine Weltanschauung. Er hat einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hat die Ingenieurwissenschaften studiert und Reisen gemacht. Er lebt als ein flotter, schmucker Lebemensch von dem Gelde seines Vaters. Das alles gefällt dem Alten. Denn warum sollte der Sohn des reichen Schöllhöfer sich etwas abgehen lassen? Man hat's ja. Auch ist es dem Vater nicht zuwider, daß der «Bua» eine Stellung sucht. Wenn er sich durchaus seine Kleider verdienen will, so mag er das tun. Der junge Mann hat aber noch andere Schrullen. Er ist Sozialist und verachtet in der Theorie das Blutgeld, das sein Vater den Arbeitern abgestohlen hat, trotzdem er in Wirklichkeit davon lebt. So etwas muß kuriert werden. Das geht leicht. Denn der alte Schöllhöfer hat dazu die nötige Bauernschlauheit, und der junge Schöllhöfer ist ein Schafskopf, der die plumpesten Bären, die man ihm aufbindet, glaubt. Der Alte behauptet also plötzlich, er hätte sein ganzes Geld verspekuliert und der «Bua» müsse jetzt den Vater und die Schwester von seines Kopfes Arbeit erhalten. Die Tochter, die früher ihre Zeit darauf verwendet hat, in den schönsten Kleidern und Hüten ein Faulenzerleben zu führen, fügt sich in die neue Lage. Sie fegt und scheuert das Haus, sie kocht auch. Aber mit dem Sohne will es nicht recht gehen. Er kann das «grobe Hemd» nicht vertragen. Er fängt erst wieder an zu leben, als der Vater ihm erklärt, daß das mit dem Geldverlust eine List war, um ihn zu kurieren.

Meiner Meinung nach ist der Stoff nur für eine Posse geeignet. Karlweis setzt lustspielartig ein und schließt possenhaft. Das zeugt von einem Mangel an Stilgefühl. Der Umschlag im Stil wirkt wie ein schlechter Scherz.

Ganz unerträglich ist die Gesinnung, die in dem Stücke zum Ausdruck kommt. Das verächtliche Banausentum siegt über eine, wenn auch irrige, doch schöne Regung. Mit ekelerregender Aufdringlichkeit wird die Überlegenheit des alten Philisters niederster Sorte über den jungen Querkopf dargestellt. Ein voller Geldbeutel ist doch mehr wert als die edelsten Ideale. Die Welt wird in dem Stücke von dem Gesichtspunkte aus angesehen, von dem aus das erhebende Sprüchlein geprägt ist: «Das Geld hält Leib und Seele zusammen.»

Rudolf Tyrolt spielte als Gast des Lessing-Theaters den alten Geldprotz mit treffender Charakteristik.

German original of “Das Grobe Hemd” · ← Previous · Next →