Über eine Aufführung von Ibsens «Brand»
Am 19. März hat uns das Berliner Schiller-Theater eine prächtige Aufführung des Ibsenschen «Brand» geboten. Der verdienstvolle Direktor dieses Institutes, Raphael Löwenfeld, dem sein Publikum leider nicht immer mit dem rechten Verständnisse folgt, hat zum ersten Male das nordische Faustdrama auf eine deutsche Bühne gebracht. Er hat seiner Aufführung die Übersetzung von Passarge zugrunde gelegt. Er hat sich bemüht, die Dichtung soweit zu kürzen, daß sie nicht zu einer Geduldsprobe des Publikums wird. Unverkürzt würde sie sechs Stunden spielen. Wir brauchten gestern nur dreieinhalb im Theater zu sitzen. Nichts, was zum Verständnisse des Ganzen gehört, fehlte. Die wundervoll-reizende, die anziehend-ärgerliche Hauptfigur des «Brand» stand vor uns. Man konnte die Vergeblichkeit des Ringens eines Menschen fühlen, der «alles oder nichts» will.
Ich möchte dabei des Darstellers der Brand-Rolle gedenken. Es ist offenbar für Eduard von Winterstein der gestrige Abend ein Ehrenabend gewesen. Ich kann nicht sagen, daß er mich befriedigt hat. Dennoch möchte ich ihn loben. Wenn er sich doch entschliessen könnte, die treffliche Charakteristik, die er mehr in die Körperbewegungen verlegte, in das Sprechen selbst aufzunehmen! Er sprach mit Feuer, aber mit zu gleichmäßigem Feuer. Auch das lebhafte Pathos wird monoton, wenn die Modulation fehlt.