«Die Ahnfrau»

Trauerspiel in fünf Akten von Franz Grillparzer
Aufführung im Schiller-Theater, Berlin

In die bedingungslose Grillparzer-Schwärmerei habe ich nie einstimmen können. Ich habe mir oft die Frage vorgelegt, warum mich die Figuren seiner Dramen kalt lassen, trotzdem sie mit einem so hohen Grade von dichterischer Kraft charakterisiert sind. Bei Goethes Iphigenie, Tasso, Gretchen habe ich die Empfindung, daß sich die tiefsten Elemente von Menschenseelen enthüllen, daß ich in verborgene Tiefen der menschlichen Natur blicke. Bei Grillparzers Sappho, Medea, Phaon, Melitta, Ottokar bleibt mir das eigentlich Seelische in sich leblos, und seine Eigenschaften erscheinen mir wie Kleidungsstücke, die der unsichtbar bleibenden Seele angezogen sind. Daß es solche Leidenschaft, solchen Schmerz, solche Würde und Entsagung gibt, wie sie mir an der Sappho entgegentreten, ist klar; das Herausquillen dieser Eigenschaften aus Sapphos Seele sehe ich nicht. Nur einmal ist es Grillparzer gelungen, zu zeigen, wie eine Seele mit all ihren Widersprüchen in ihrer wahren Natur beschaffen ist: an der Rahel in der «Jüdin von Toledo». In dieser Gestalt sehe ich nicht wie in der Sappho eine Summe, ein Aggregat menschlicher Eigenschaften zusammengefügt; ich sche eine wirkliche Seele.

Neuerdings empfand ich alles das wieder, als ich der Aufführung des Erstlingswerkes Grillparzers, der «Ahnfrau», im Schiller-Theater beiwohnte. Durch diese Aufführung hat sich die Leitung des genannten Theaters ein Verdienst erworben. Das Drama ist für die Erkenntnis Grillparzers ganz besonders wichtig, und man hat es lange Zeit in Berlin nicht sehen können.

Ein starres, alle menschliche Kraft und Güte unter eine blinde, weisheitslose Notwendigkeit beugendes Schicksal ist die treibende Kraft der Vorgänge dieses Dramas. Die.Glieder des Hauses der Borotin könnten Helden oder Heilige sein; ihr Wirken kann nicht segensvoll sein, denn die Ahnfrau hat sich vergangen, und ihre Sünde wirkt nach in ihrem ganzen Geschlechte. Ich glaube nicht, daß Grillparzer unehrlich war, als er das blinde Fatum zum Treibenden seines Kunstwerkes machte. Nicht ein Experiment wollte er machen wie Schiller mit seiner «Braut von Messina». Er war eine schwache, willenlose Natur. Er hatte nicht die Kraft, zu sich zu sagen: sei dein eigener Herr. Er fühlt sich unter dem Drucke der Verhältnisse, über die er keine Macht hat. Nicht mutvoll setzt er sich ans Steuerruder des Lebens und segelt rücksichtslos vorwärts; er läßt sich von den Wogen tragen, wohin sie ihn bringen. Ein solches Anhängigkeitsgefühl kann mit dichterischer Wahrheit durch die Schicksalsidee verkörpert werden. In seinen späteren Werken tritt diese Idee nicht mehr auf. Aber es hat sich nicht ein Wandel in seinen Grundempfindungen vollzogen. Er hat sich nur dem allgemeinen modernen Bewußtsein untergeordnet, das mit der Schicksalsidee nichts anfangen kann. Die modernere Weltauffassung ist nicht als seine eigene aus seinem Innern entsprungen; er hat sie über sich ergehen lassen. Ein großer Dichter wohnte in einer willensschwachen Persönlichkeit. Damit scheint mir das Phänomen Grillparzer charakterisiert.

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