«König Heinrich V.»

Schauspiel von William Shakespeare
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

Am 1.September brachte uns das Lessing-Theater die erste Vorstellung der neuen Leitung Otto Neumann-Hofers. Aufgeführt wurde «König Heinrich V.» von Shakespeare. Die Aufführung war ein theatralisches Ereignis ersten Ranges. Und ich werde in der nächsten Nummer auf sie zurückkommen. Heute möchte ich nur vorläufig sagen, daß es ein Verdienst des neuen Direktors war, das interessante Werk Shakespeares, das in Berlin lange nicht gegeben worden ist, vorzuführen, und daß die Darstellung eine Regieleistung musterhafter Art war. Ein bemerkenswerter Beitrag zur Lösung der Frage: wie muß Shakespeare heute auf die Bühne gebracht werden?

In seinem Buche «William Shakespeare» sagt Georg Brandes, daß «Heinrich V.» nicht eines der besten, wohl aber eines der liebenswürdigsten Schauspiele des Dichters sei. Man braucht bloß darauf zu achten, wie Shakespeare die Hauptperson des Dramas gezeichnet hat, und man wird diesem Urteile zustimmen. Nach dem zweiten Satze, den dieser König spricht, fängt er bereits an, uns sympathisch zu werden; und wir haben das Gefühl, daß wir in Leid und Freud ihm folgen werden. Mag er sich vor uns als großer Mann entwickeln: wir werden uns freuen, daß eine reizvolle Persönlichkeit groß ist; mag er am eigenen Unvermögen zugrundegehen: er wird unser Mitleid erwerben, aber unsere Liebe nicht verlieren. Er war kein Asket, solange er Kronprinz war; aber er gibt dem leichtsinnigen Treiben sofort den Abschied und macht die strenge Regentenpflicht zu seiner Göttin, als die Krone sein Haupt schmückt. Der Dichter zwingt uns, diesen Mann zu lieben. Denn er hat ihn selbst geliebt. Und unverkennbar zeigt er uns, daß er sagen wollte: ein rechter König spricht so wie dieser: daß er ein Mensch wie alle andern sei, daß ihm das Firmament wie allen andern erscheine, und daß seine Sinne unter den allgemeinen menschlichen Bedingungen stehen.

«Seine Zeremonien beiseitegesetzt, erscheint er in seiner Nacktheit nur als ein Mensch, und wiewohl seine Neigungen einen höheren Schwung nehmen als die anderer Menschen, so senken sie sich doch mit demselben Fittich, wenn sie sich senken.» (Akt IV, 1)

So erscheint dieser König, wenn wir sein Herz betrachten; schen wir auf seinen Verstand, so ist er nicht minder bedeutend. Der Erzbischof von Canterbury sagt von ihm:

«Hört ihn nur über Gottesgelahrtheit reden,
Und, ganz Bewundrung, werdet ihr den Wunsch
Im Innern tun, der König wär’ Prälat;
Hört ihn verhandeln über Staatsgeschäfte,
So glaubt ihr, daß er einzig das studiert;
Horcht auf sein Kriegsgespräch, und grause
Schlachten Vernehmt ihr vorgetragen in Musik.
Bringt ihn auf einen Fall der Politik,
Er wird desselben gord’schen Knoten lösen,
Vertraulich wie sein Knieband; wenn er spricht,
Die Luft, der ungebundne Wüstling, schweigt.» (Akt I, 1)

Ich glaube, in diesem Heinrich wollte Shakespeare einen König zeichnen, von dem er sagen konnte: so soll das Staatshaupt sein, unter dem ich gern englischer Untertan bin.

Die Begebenheiten des Dramas sind reine Geschichte. Ohne dramatische Spannung und ohne innere treibende Kraft, die von Szene zu Szene fortreißt. In Dialogform wird erzählt, wie Heintich auszieht, sich den Thron von Frankreich zu erobern, wie er nach manchen Abenteuern des Krieges sein Ziel erreicht und die fränkische Königstochter noch dazu heimführt. Alles dies reichlich durchsetzt mit Szenen, in denen Shakespeares Gabe, Menschen zu zeichnen und den Charakter ganzer Volksklassen hinzustellen, in der schönsten Weise sich offenbart. Wenn Personen, wie der Walliser Fluellen, uns von Dingen erzählen, die mit dem Fortgang der Handlung nichts zu tun haben, so hören wir gerne zu. Einen Augenblick lang werden wir uns bewußt, daß wir nur aneinandergereihte Szenen vor uns sehen; aber wir geben alle Vorurteile über das Drama auf, wenn wir gegen alle Regel so gefesselt werden.

Und noch in einem andern Sinne zeigt sich in diesem Schauspiel Shakespeare als liebenswürdiger Dichter. Die Bescheidenheit, mit der er über das Verhältnis von Leben, Tat und Dichtung seinen «Chorus» sprechen läßt, ist ein bemerkenswerter Zug bei dem einflußreichsten Dichter, den es je gegeben hat. Der Chorus spricht zum Publikum:

«Doch verzeiht, ihr Teuren,
Dem schwunglos seichten Geiste, der's gewagt,
Auf dies unwürdige Gerüst zu bringen
Solch großen Vorwurf.» (Prolog)
und
«Drum, Hoh’ und Niedre,
Seht, wie Unwürdigkeit ihn zeichnen mag, Den leichten Abriß Heinrichs in der Nacht.
So muß zum Treffen unsre Szene fliegen,
Wo wir (o Schmach!) gar sehr entstellen werden Mit vier bis fünf verfetzten schnöden Klingen,
Zu lächerlichem Balgen schlecht geordnet,
Den Namen Agincourt. Doch sitzt und seht,
Das Wahre denkend, wo sein Scheinbild steht.» (Akt IV, 1)

In solchen Sätzen liegt eine große Weisheit. Eine größe Kunst weist sich gegenüber dem Leben die rechte Stelle an. Kleine Kunst möchte sich nur zu oft auf Kosten des Lebens erheben und sich eine Stellung anweisen, die ihr nicht gebührt.

«Heinrich V.» ist ein Drama, aus dem wir Shakespeare, den Menschen, in seiner ganzen liebenswürdigen Größe kennenlernen. Er hat in demselben gesagt, was er als Engländer für einen König haben will, und er hat uns auch gesagt, wie er über das Verhältnis seiner Kunst zum Leben dachte.

Natürlich kann man das Drama, so wie es als Shakespearisches überliefert ist, heute nicht aufführen. Das Lessing-Theater hat am 1. September eine Aufführung geliefert, die allen Anforderungen der modernen theatralischen Kunst entspricht. Kunstpedanten haben natürlich auch an dieser Vorstellung viel auszusetzen. Und man braucht nicht einmal Kunstpedant zu sein und kann sich doch zu der Meinung bekennen, daß wir heute schon wieder mehr Shakespeare vertragen, als Dingelstedt von ihm gelassen hat. Ich möchte dem Leiter des Theaters sagen: über Dingelstedt zurück zu Shakespeare. Und vor allen Dingen: wozu solche Monologe, wie sie der unbeträchtliche Bursche hält, der Nym, Bardolph und Pistol bedient?

Mag sich die Kritik noch so schlimm gebärden! Die einen loben; die anderen schreiben, daß sie Shakespeares Heinrich nicht von dem Wildenbruchs unterscheiden können, weil sie am 1. September im Lessing-Theater die Augen zugemacht und sich die Hände vor die Ohren gehalten haben. Als ich eine der Kritiken von einem dieser Wüteriche gelesen habe, der sich die Ohren zugehalten hat, habe ich gelacht; denn ich habe vor den Herren, die am 1.September die Vorstellung zustande gebracht haben, allen Respekt; aber der gute Shakespeare ist doch nicht leicht so zu verpfuschen, daß man nötig hat, sich die Ohren zuzuhalten.

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