«Eheliche Liebe»
Drama in drei Aufzügen von Georg von Ompteda
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin
Dieses Schauspiel ist eines von den Theaterstücken, die man nur genießen kann, wenn man auf dem Gebiete des gesellschaftlichen Lebens auf einem Standpunkte steht, dem in öffentlichen Angelegenheiten derjenige des Kirchturmpolitikers entspricht. Ein gewisser Grad von Philiströsität gehört dazu, wenn man die Konflikte, um die es sich handelt, nicht als zu unbeträchtlich für ein über zwei Stunden dauerndes Stück empfinden will. Viktor Schröter ist einer von jenen besseren Spießbürgern, die «ihre Jugend genießen» und, wenn sie genug genossen haben, in den Hafen einer Ehe einfahren, die jedes strengsten Pastors höchstes Wohlgefallen erregen kann. Nur verbreitet sich bei ihm um das Schifflein, als es sich dem sichern Lande nähert, ein etwas übler Gesuch. Denn der schuldenbeladene Viktor braucht zum Steuern einen gar schmutzigen Gesellen, den Heiratsvermittler Suberseaux, der ihm die mit einem Bein hinkende, verwaiste Millionärin Hedwig zuführt. Der wackere Vermittler bekommt dafür Provision, die Schröter von dem Gelde seiner erbeuteten Frau abgibt. Die Ehe wird eine glückliche. Schröter verliebt sich so nach und nach in seine Hedwig, ganz als wenn er sie nicht gekauft und als wenn sie ihm nicht Millionen ins Haus gebracht hätte. Sie ist das «Ideal» eines Weibes. Auf den ersten Blick hat sie sich verliebt, denn so muß die rechte Liebe sich äußern. Sie ahnt nichts von der Art, wie sich ihr Viktor in sie verliebt hat und ist der Ansicht, daß sie ewig unglücklich sein würde, wenn ein Mann sie wegen ihres Geldes genommen hätte. Das bedrückt den mittlerweile so brav gewordenen Viktor sehr, und er möchte immer sein «Geheimnis» beichten. Damit es einen dramatischen Konflikt gibt, darf das nicht einfach gehen. Der längst überwundene Heiratsvermittler muß wieder auftreten. Er kommt noch einmal ins Haus, weil er wieder Geld braucht. Irgendwelche schmierige Geschichten zwingen ihn, rasch nach Amerika zu verduften. Viktor soll ihm das Geld dazu geben, wenn er vermeiden will, daß der elende Kerl die glücklich gewordene Ehe störe und ans Tageslicht bringe, wie man ein froher Gatte wird. Viktor ist aber, wie schon gesagt, brav geworden, und er weist dem Glückbringer die Türe. Er will ja ohnehin beichten. Doch solche Schicksalmacher lassen sich nicht so schnell abspeisen. Er kommt wieder und trifft die Frau allein. Da sie, wie auch schon gesagt, ein «Ideal» ist, erweckt sie selbst in diesem schmutzigen Vermittlerherzen ein menschlich Rühren, und der Wackere sagt ihr, der edle Viktor hätte eben auch einmal gejeut, und er sei jetzt da, die Spielschulden einzukassieren. Hedwig ist mit Viktor solidarisch und veranlaßt ihn, die «Schulden» zu bezahlen. Der Gute beichtet aber doch, und Frau Hedwig wird einige Zeit recht traurig. Aber natürlich verzeiht sie, und alles wird gut.
Das sind Konflikte, für die eben nicht jeder Mensch Verständnis haben kann. Man hat immer das Gefühl: wozu all die Umstände? Ist man aber dazu veranlagt, diese Dinge ernst zu nehmen, dann muß man auch an dem fein aufgebauten, wenn auch etwas schleppenden Gang der Handlung Vergnügen finden. Ist man dazu nicht veranlagt, dann muß man sich einfach klarmachen, daß man nicht zu denen gehört, für die solche Stücke geschrieben werden.
Für mich war die Aufführung im Lessing-Theater interessanter als das Stück. Soweit ich die Verhältnisse kenne, muß ich sagen: ich glaube nicht, daß man gegenwärtig auf einer anderen Berliner Bühne so gute Aufführungen bietet. Die Kunst des Regisseurs bringt hier ganz Außerordentliches zustande. Und was die Einzelleistungen betrifft, so waren der Viktor Schröter Ferdinand Bonns, die Hedwig Elise Sauers und der Heiratsvermittler Adolf Kleins in einer Art ausgearbeitet, daß man sie in jeder Nuance gerne verfolgte. Die Aufführung läßt das Allerbeste für den Zeitpunkt erwarten, in dem das Lessing-Theater ein Drama wird bieten können, das auf ein tieferes Interesse rechnen kann. Natürlich können Direktoren nicht gute Stücke aus der Erde stampfen. Die aber, welche ihre Stücke in würdiger Weise gespielt haben wollen, wissen nun, daß es jetzt im Lessing-Theater möglich ist.