«Grossmama»
Schwank in vier Aufzügen von Max Dreyer
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin
Max Dreyer habe ich offenbar bisher falsch beurteilt. Als im vorigen Jahre sein Lustspiel «In Behandlung» aufgeführt wurde, dachte ich noch, er hätte künstlerische Ziele. Damals schien aus den trivialen Späßen und possenhaften Übertreibungen so etwas wie ein künstlerisches Problem durchzuleuchten. Die «Großmama» belehrt mich darüber, daß Max Dreyer gar nicht als Künstler genommen sein will. Er will ein Theaterpublikum zwei Stunden und eine halbe lang amüsieren, wie es Schönthan, wie es Kadelburg und andere Nichtdichter wollen. Wenn man das nur weiß, dann ist es gut. Man richtet sich danach und macht keine falschen Ansprüche. Wozu sollte man denn auch von einem drolligen Schnack sagen, daß er literarisch ein wertloses Zeug ist? Denn nichts weiter als drollige Späße will Max Dreyer bringen, und das ist ihm ganz vorzüglich gelungen. Daß ein starrsinnig scheinender Junggeselle über die Weiber schimpft, sie «gehirnschwach», sogar «verbrecherisch» nennt, daß er sich ein Heim einrichtet, in dem kein einziger weiblicher Dienstbote ist, weil der Mann einst Mißgeschick gehabt hat, als er auf Freiersfüßen ging, das ist so erwas, bei dem man denkt: das muß ich schon einmal irgendwo gehört haben. Daß dann eine Schar von Weibern in sein weiberreines Milieu eindringt, ist — nach der Theatertechnik — selbstverständlich, ebenso, daß sich in diesem Milieu mehrere eheliche Bande knüpfen und daß der Weiberfeind zuletzt selbst küßt, herzt, heiratet und sich vornimmt, nicht ohne Nachkommen zu bleiben. Diese «Handlung» nimmt eine Menge banaler, aber zum Lachen herausfordernder Übertreibungen auf. Max Dreyer hat ein vorzügliches Textbuch für die Schauspieler geliefert, die denn auch all ihr Können nuancenreich entfalten konnten. Den polternden, schimpfenden, saufenden, fressenden, weiberfeindlichen Junggesellen, der zuletzt sich abschmatzen und streicheln läßt, hat Franz Guthery so dargestellt, wie es offenbar der Schreiber des Textes wollte. Ich setze nämlich voraus, daß er sich gedacht hat: ich schreibe eine Rolle, aus der ein guter Schauspieler etwas machen kann. Hedwig Niemann-Raabe, die als Witwe Mathilde den Weiberfeind «in Behandlung» zu nehmen hat, war auch diesmal, was sie immer war: eine große Schauspielerin. Über die anderen Mitwirkenden könnte ich nur Gutes sagen. Das alles bedeutet nicht mehr, als daß das Lessing-Theater gute Stücke gur spielen könnte, wenn es solche hätte. Gute Stücke, wo seid ihr? Man wird euch nicht hindern, in diesem Theater zur Geltung zu kommen. Sollte es denn nicht etwas geben, was endlich einmal von einem wirklichen lebenden Dichter herrührte? Sind denn alle Dichter tot? Ich glaube es nicht. Sie werden kommen, und dann wird das Lessing-Theater den Lebenden gehören. Denn es handelt sich doch um lebende Dichter! Max Dreyer lebt zwar, aber ein Dichter ... na...