Colour

GA 291

Vorwort

zur ersten Ausgabe von 1929

Wie bei der Herausgabe anderer für einen Schülerkreis gesprochenen Vorträge, so muß als Begleitwort auch zu diesen am Goetheanum den Malern gegebenen Erörterungen über das Wesen der Farbe hervorgehoben werden, daß sie nicht eine für den Druck gedachte Arbeit darstellen, sondern daß sie aus dem Erleben des Augenblicks mit seinen Aufgaben und Forderungen herausgeboren sind. Sie sind lebendiges Gespräch des Lehrers mit den Schülern, in sich hineinbeziehend dasjenige, was an Fragen und Wünschen innerhalb des Schülerkreises lebte, auch an Unklarheiten, die wiederholte Verdeutlichung erheischen. Die Vorträge wurden stenographiert — und wir wissen ja, wie bei lebhaft und feurig gesprochenen Worten es nicht zu umgehen ist, daß manche Nuance überhört oder verschoben wird. Aber in ihrer unmittelbaren Frische sind sie den vielen Tausenden von Lernenden am Werke Rudolf Steiners mehr wert als irgendeine pedantisch umgestellte Stilisierung. So unterwerfe ich mich denn wieder der mir obliegenden Verpflichtung, in dieser Form des an den Zuhörer gerichteten Wortes den unermeßlich reichen Nachlaß Rudolf Steiners mit seinen gewaltigen Impulsen der Neubelebung für fast jedes Gebiet des Wissens, der Art und Kunst unserer gegenwärtigen Menschheit zugänglich zu machen.

Die wunderbaren Farbenfluten in den beiden Kuppeln des verbrannten Goetheanums sind nicht mehr — Herostrat konnte triumphieren -, die Gedanken und Impulse aber werden mit verdoppelter Kraft aus diesem Feuerbrande heraus wirken. Die in Skizzen hinterlassenen Andeutungen für die Komposition und Farbengebung und die von Rudolf Steiner entworfenen Programmbilder zu den künstlerischen Aufführungen am Goetheanum erscheinen nun allmählich in schönen Farbdruckverfahren.

Als Rudolf Steiner im Sommer 1903 in einer Reihe von Stunden über Farbenlehre an Hand einer Kerzenflamme und eines Bogens Papier mir die Entstehung von Gelb und Blau aus Licht und Finsternis heraus demonstrierte, da leuchteten seine Augen wie in glücklicher Indentifizierung mit dem Wesen dessen, was er sprach, und er sagte: «Wenn ich jetzt zehntausend Mark hätte, um die nötigen Instrumente anzuschaffen, würde ich der Welt die Wahrheit der Goetheschen Farbenlehre beweisen können.»

Es fehlten damals die zehntausend Mark, und die gegebenen Anregungen und Richtlinien wurden von Schülern Rudolf Steiners aufgegriffen, denen es gelingen möge, den Beweis zu erbringen.

Dieser Wunsch Rudolf Steiners - Goethes Farbenlehre, Goethes Naturanschauung zum Ausgangspunkt der Begründung einer geistigen Weltanschauung zu nehmen, führt uns zurück bis in die Anfänge der achtziger Jahre. Und zwischen 1883 und 1897 erschienen seine Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Werken in Kürschners Ausgabe.

Die Dogmatik der naturwissenschaftlichen Anschauung und die Verhärtung des philosophischen Gedankens brachte es mit sich, daß dieser Ruf nicht genügend beachtet wurde. Rudolf Steiner mußte andere Wege betreten, um die Starrheit des heutigen Denkens zu brechen und es vom steifen Formenzwang zu lösen.

Was er getan hat, läßt sich am besten ausdrücken durch Worte, die in einem seiner Mysteriendramen ausgesprochen werden:

Es ward ihm klar, daß Geisteswissenschaft
Nur wahrhaft gut begründet werden könne,
Wenn Sinn für Wissenschaft und strenges Denken
Durch Künstlergeist von steifer Formensucht
Befreit und innerlich erkraftet werden
Zum wahren weltverwandten Sein-Erleben.

Das war die Tat Rudolf Steiners. Und die Künstler können an seinem zündenden Weltenfeuer erleben, wie das Tote wieder lebendig wird und wie die Keimkräfte alles Lebens sich urgewaltig regen, wenn man die starren Wände unseres toten Intellekts durchbricht, die uns vom schöpferischen Worte trennen.

—Marie Steiner

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