The History of Art II

GA 292 — 5 October 1917, Dornach

10. Raffael: «Disputa» - «Schule von Athen»

Die künstlerische Darstellung der imaginativ-spirituellen Bildhaftigkeit des vierten nachatlantischen Zeitraums im Beginn des materialistisch werdenden fünften:

Ich denke heute nicht daran, durch eine Anzahl von Bildern diese kunstgeschichtlichen Vorträge einzuleiten, sondern als Einleitung Ihnen eine Betrachtung zu geben, die wesentlich nur an zwei Bilder anknüpfen soll, und zwar sollen diese beiden Bilder in die neuere Entwickelungsgeschichte der Menschheit hineingestellt werden. Kunstgeschichtliche Epochen wollen wir dann, wie wir es im vorigen Jahre gemacht haben, weiter an diesen Einleitungsvortrag anknüpfen.

Sie sehen hier als erstes das Bild, an das ich vorzugsweise unsere heutigen Betrachtungen zunächst anknüpfen will und das Sie gut kennen, Raffaels sogenannte «Disputa».

Wir vergegenwärtigen uns ganz kurz, was dieses Bild enthält: Wir sehen unten in der Mitte des Bildes unmittelbar uns gegenüber eine Art Altar mit dem Kelche darauf, welcher die Hostie, also das Symbolum des Altarsakramentes enthält. Wir sehen zur Linken und zur Rechten Kirchenlehrer; wir erkennen, daß sie Kirchenlehrer, Päpste, Bischöfe sind, an ihrer Gewandung; und wir sehen, daß gegen die Mitte zu die Gruppen links und rechts bewegter werden, namentlich an der Handbewegung der einen Persönlichkeit — von Ihnen aus rechts unmittelbar am Altar. Gerade an ihr sehen wir, daß alle diese Persönlichkeiten teilnehmen an dem, was von oben herunterkommt. Wir sehen dann, wenn wir den Raum hinter dieser nahe dem Altare befindlichen Gruppe betrachten, in die Landschaft hinein und sehen dann - unmittelbar oberhalb der Landschaft - in der oberen Hälfte des Bildes Wolkenmassen beginnen; wir sehen gewissermaßen in den unendlichen Horizont des Raumes hinein. Und dann sehen wir in der Mitte aus diesen Wolkenmassen heraus durch engelartige Genien, die auf beiden Seiten der Taube schweben, die Evangelien gebracht, gebracht aus dem Unbestimmten der geistigen Welt heraus. In der Mitte sehen wir, dargestellt durch das Symbolum der Taube, den Heiligen Geist. Über dem Heiligen Geist haben wir — deutlich zu sehen, aber etwas zurückliegend, so daß also der Heilige Geist mit den vier Engelfiguren, die die Evangelien tragen, etwas weiter nach vorn liegen würde in der Perspektive —, die Figur des Christus Jesus und über der Figur des Christus Jesus die Figur des Gottvaters. Wir haben also die Dreifaltigkeit über dem Kelch, in dem sich das Sanktissimum befindet. Zu beiden Seiten der Christus-Figur haben wir nun entsprechend der irdischen Gruppe eine himmlisch-geistige Gruppe. Wir haben Heilige zu beiden Seiten der Christus-Figur; in der Mitte, unmittelbar anstoßend links und rechts an die Christus-Figur die Madonna und Johannes den Täufer; dann andere Heilige: David, Abraham, Adam, Paulus, Petrus und so weiter. Noch weiter nach oben gehend in den Wolken haben wir dann eigentliche Genien-Figuren, geistige Individualitäten.

Dieses Bild, das wir hier vor uns haben - es gibt natürlich viel bessere Nachbildungen -, möchte ich zunächst etwas in die Entwickelungsgeschichte der Menschheit hineinstellen.

Vor allen Dingen machen wir uns zunächst den großen Unterschied klar, der sich für uns ergeben würde, wenn wir uns ganz in die Empfindungen der Zeit versetzten, aus der heraus dieses Bild gemalt worden ist. Wenn wir uns in das 16. Jahrhundert versetzen und dieses Bild mit dem Empfindungskomplex vergleichen, aus dem heraus etwa heute ein Maler so etwas malen würde, müßten wir sagen: Damals, im 16. Jahrhundert, und in Rom, da der Papst Julius II. an der Stätte herrschte, wo der in der Mitte seiner Zwanzigerjahre durch Julius II. nach Rom berufene Raffael wirkte, in jener Zeit und an jener Stätte war aus den menschlichen Empfindungen, die damals dort lebten, heraus, dieses Bild eine tiefe Wahrheit. Heute könnte man selbstverständlich etwas Ähnliches malen; wäre aber dieses Ähnliche in der Motivgestaltung so wie dieses Bild, so könnte es keine Wahrheit sein.

Solche Dinge muß man sich nur ganz klar machen, sonst wird man niemals zu einer konkreten Betrachtung der Menschheitsgeschichte kommen, sondern immer bei der abstrakten Betrachtung der Legende - der schlechten Legende - verbleiben, die man heute in den Schulen und an den Universitäten Menschheitsgeschichte nennt. Alle Einzelheiten, die wir ins Auge fassen können, um dieses Bild zu verstehen, künstlerisch zu verstehen, es wirklich künstlerisch zu verstehen, alle Einzelheiten sind von einer gewissen Bedeutung. Denken Sie, daß Raffael, diese merkwürdige Individualität Raffael, über die wir ja auch hier öfter gesprochen haben, dazumal im Beginne des 16. Jahrhunderts nach Rom kommt. Er selbst, Raffael, ist in dem Körper, in dem er damals war, in der Mitte der Zwanzigerjahre; und man kann ruhig annehmen, daß er, als er hauptsächlich an diesem Bilde gemalt hat, am Ende der Zwanzigerjahre war. Er war damals ganz unter dem Einflusse, in der Direktive von zwei alten Leuten, die bereits große Kämpfe des Lebens durchgemacht und die Pläne und Ideen hatten, Ideen die alle, könnte man sagen, die denkbar weittragendsten waren.

Machen wir uns nur einmal klar: Bis in die päpstliche Vorgängerschaft Julius II. war das Rom der damaligen Zeit doch im Grunde ein ganz anderes als es dann durch Julius II. wurde. Am hervorstechendsten sind ja aus der Vorgängerschaft Julius II. die Borgias. Zur Zeit Alexanders VI., können wir sagen, war Rom eigentlich, so wie es sich allmählich im Laufe der Jahre herausgebildet hatte, wie überdeckend das alte Ruinen- und Trümmerwerk der antiken Welt, die Peterskirche nahezu am Verfall, unbrauchbar geworden. Allerdings waren auch diese Leute schon von einer gewissen Sehnsucht beseelt, die alte künstlerische Größe der Antike wieder auferstehen zu lassen. Aber es geschieht ein merkwürdiger Einschnitt gerade zwischen den Borgias und Julius II., gerade vom 15. ins 16. Jahrhundert herüber. Unter der Zimmer-und Säleflucht, zu der auch die Camera della Segnatura gehört, in der sich die beiden Fresken befinden, von denen wir heute sprechen, also im Geschoß darunter ist eine Flucht von Zimmern und Sälen, welche Alexander VI. hat ausmalen lassen. Es ist ja doch merkwürdig, daß Julius II., der Protektor von Raffael, diese Zimmer, die da unten sind, die der gewöhnliche Aufenthaltsort seiner Vorgänger waren, so gemieden zu haben scheint, als wenn da drinnen fortwährend die Gespenster der Cholera und der Pest herumgingen. Die hat er ganz gemieden, hat sich nicht bekümmert um das Künstlerische, nicht um das, was da jemals vorgegangen war. Dagegen hat er beschlossen, im Sinne seiner Ideen die Zimmer und Säle des darüberliegenden Geschosses herrichten zu lassen, wie sie jetzt eben zu sehen sind. Wir müssen das durchaus schon im Zusammenhange damit denken, daß im Beginne des 16. Jahrhunderts aus dem Kopfe des Papstes Julius II. heraus ein ganz anderer Geist waltet als der Geist, der früher unter seinen Vorgängern gewaltet hat.

Der andere Protektor des Raffael war Bramante. Er hatte in seinem Kopfe den Plan zu der neuen Peterskirche. Beide, sowohl Julius II. wie Bramante, sagte ich schon, waren alte Leute, die die Stürme des Lebens hinter sich hatten. Diesen jugendlichen Menschen, den Raffael, beriefen sie nach Rom; der sollte ihnen dienen, malerisch zum Ausdruck zu bringen, was in ihren Köpfen an neuen Ideen mächtig rumorte, an neuen Impulsen, von denen sie dachten, daß sie durch die Menschheit gehen müßten. Man muß sie sich etwas näher anschauen, diese Impulse, die da von Rom aus in die Menschheit eindringen sollen vom Beginne des 16. Jahrhunderts ab. Diese Impulse hängen auf der einen Seite innig zusammen mit der Entwickelung der äußeren christlich-kirchlichen Welt und mit alledem wiederum, was mit den Einrichtungen dieser christlich-kirchlichen Welt zusammenhängt. Auf der andern Seite hängen sie mit der ganzen geschichtlichen Entwickelung des Abendlandes innig zusammen. Bedenken wir einmal, daß der heutige Mensch es im Grunde außerordentlich schwer hat, sich mit seinen Empfindungen und Gedanken hineinzuversetzen in die Zeit, aus der, sagen wir, dieses Bild, das man so oftmals die «Disputa» genannt hat, herausgewachsen ist. Und noch schwieriger ist es für den heutigen Menschen, sich hineinzuversetzen in noch frühere Jahrhunderte, auch in die Jahrhunderte, in denen das Christentum schon gewaltet hat. Ich habe es ja oftmals erwähnt, man hat heute die Vorstellung: Ach, die Menschen sind immer so und so gewesen, wie sie heute sind. - Das ist aber durchaus nicht der Fall; insbesondere mit Bezug auf das Seelenleben sind die Menschen nicht so gewesen. Und als vor nahezu zwei Jahrtausenden das Mysterium von Golgatha sich hereingestellt hat in die Menschheitsentwickelung, da war neben dem, was dieses Mysterium von Golgatha für die Breite der sozialen Menschheitsentwickelung geworden ist, auch das Mysterium von Golgatha etwas ganz anderes, als es heute für die Auffassung der Menschen sein kann. Man stellt sich doch viel, viel zu schwach vor, was es bedeutet hat, daß ja ungefähr um die Zeit, in der dieses Bild entstanden ist, hereingebrochen ist über die Menschheit erstens die Entdeckung Amerikas am Ende des 15. Jahrhunderts; zweitens die ganz andere soziale Verfassung der Menschen, die durch die Erfindung der Buchdruckerkunst gekommen ist; endlich das, was mit dem Kopernikanismus, mit dem Keplerismus in der neueren Naturwissenschaft entstanden ist.

Sehen Sie sich dieses Bild an. Ich sagte, heute würde es, wenn ein Maler es malen würde, nicht mehr in demselben Sinne Wahrheit sein wie dazumal, könnte es nicht sein; denn man würde heute nicht die Seelen finden, denen dieses Bild in demselben Sinne wie dazumal, als es gemalt worden ist, gegenständlich wäre, Seelen, welche eine solche Vorstellung von der Erde haben, die bedingt ist dadurch, daß Amerika noch nicht entdeckt ist. Seelen, die noch in aufrichtiger Gläubigkeit zu den Wolken aufschauen, um über den Wolken das, was wir heute in der geistigen Welt vorzustellen haben, sich gewissermaßen körperlich-räumlich über den Wolken wirklich vorzustellen. Solche Seelen werden sich heute nicht mehr finden, auch nicht unter den naivsten Menschen. Aber wir stellen uns die Seelen der damaligen Zeit falsch vor, wenn wir nicht glauben, daß der Inhalt dieses Bildes etwas war, was diesen Seelen unbedingt gegenständlich war. Denken Sie doch nur einmal: der Inhalt dieses Bildes, was ist er denn? — Wir können ja heute von unserem geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus einen Namen finden für das, was der Inhalt dieses Bildes ist; uns ist geläufig, von Imaginationen zu reden als der ersten Stufe der Schauungen nach der höheren Welt hinauf. Wenn wir sagen, die Menschheit bis zu diesem 16. Jahrhundert hinein hatte von der Welt, von der großen Raumeswelt im Zusammenhang mit der irdischen Welt eine Vorstellung, die in Imaginationen aufging, dann sagt man etwas Richtiges. Imaginationen waren dazumal noch etwas Lebendiges; und Raffael malte die lebendigen Imaginationen, die in den Seelen vorhanden waren. Weltanschauung, Weltbild waren dazumal noch etwas Imaginatives.

Diese Imaginationen wurden vertrieben durch die kaustische Kraft des Kopernikanismus, der Entdeckung Amerikas, der Buchdruckerkunst. Die Menschheit stellte erst von dieser Zeit an das äußerlich-gegenständliche Vorstellen des gesamten Weltengebäudes an die Stelle der Imagination, an die Stelle dessen, was wir die imaginative Erkenntnis, das imaginative Schauen nennen, so daß ja - während der gegenwärtige Mensch sich also vorstellt: da draußen ist die Sonne, da kreisen die Planeten herum und so weiter — die Leute das gar nicht hatten; wenn sie über etwas Ähnliches reden wollten, so redeten sie über Imaginationen. Und Abbild solcher Imaginationen ist dieses Bild. Die Jahrhunderte, in denen sich das imaginative Anschauen der Menschheit so allmählich herausgebildet hat, daß es dann mit solchen Bildern wie diesen Raffaelischen einen gewissen Abschluß im 16. Jahrhundert gefunden hat, diese Jahrhunderte sind also das 16., 15., 14., 13., 12., 11., 10. Jahrhundert, bis ins 9. Jahrhundert zurück, aber auch nicht weiter. Wenn wir weiter zurückgehen wollen, so bekommen wir keine richtigen Vorstellungen mehr, wenn wir uns selbst die imaginative Art, wie der Mensch in den genannten Jahrhunderten empfand, wenn wir uns diese — die wir ohnedies schon schwer genug heute vor die Seele rufen können - vorstellen.

Wenn wir das, was durch das Christentum in den Jahrhunderten vor dem 9. geworden ist, vorstellen wollen, dann müssen wir uns die christlichen Vorstellungen viel spiritueller vorstellen, als man das geneigt ist, gewöhnlich zu tun. Augustinus hat aus den christlichen Vorstellungen nur das herausgenommen, was er brauchen konnte. Aber wenn man Augustinus heute liest, bekommt man ja ein Gefühl davon, was anderes noch in den Seelen lebte als Weltbild und als Bild von Zusammenhängen der Welt mit den Menschen als später dann und heute. Und besonders bedeutsame Vorstellungen bekommen Sie, wenn Sie Scotus Eriugena lesen, der zur Zeit Karls des Kahlen gelehrt hat. Man möchte sagen: In diesen älteren Jahrhunderten vor dem 9. durchsetzten das christliche Denken bei denen, die sich überhaupt zum Denken erhoben, in diesen Jahrhunderten durchsetzten das christliche Denken hochspirituelle Vorstellungen. Man möchte sagen: Wenn die Menschen sich ein Weltbild machten in diesen älteren Jahrhunderten, dann nahmen sie in dieses Weltbild noch recht wenig von dem hinein, was die unmittelbar sinnliche Erfahrung gab, sie nahmen aber in dieses Weltbild um so mehr von dem hinein, was nicht die sinnliche Erfahrung gab, sondern was herausgenommen war aus dem alten hellseherischen Erschauen der Welt. Und wenn wir in die ersten Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha zurückgehen und die christlichen Vorstellungen verfolgen, dann finden wir, daß diese Vorstellungen solche sind, daß man eher sagen kann: Die Leute interessierte damals der himmlische Christus, der Christus, wie er in den geistigen Welten war; und was er geworden war auf Erden herunten, das betrachteten sie mehr so wie ein Anhängsel. Den Christus inmitten geistiger Wesenheit zu suchen, ihn zu denken im Zusammenhange mit dem Übersinnlich-Spirituellen, das war das wesentliche Bedürfnis; und das war aus der alten spirituellen — wenn auch atavistisch-spirituellen — Weltanschauung heraus. Diese Weltanschauung, die erfüllte ja die alte Kultur bis herunter in das dritte nachatlantische Zeitalter. Da dachte man die Erde wirklich als eine Art von Anhängsel zum Geistigen.

Nun muß man sich schon bekanntmachen mit einer Vorstellung, die ganz wesentlich ist, wenn man verstehen, wenn man begreifen will, wie die Menschheit sich eigentlich bis in unsere Tage entwickelt hat. Man muß sich bekanntmachen mit der Vorstellung, daß die europäische Menschheit zur Entfaltung ihrer Kultur die Zurückdrängung der spirituellen Vorstellungen notwendig hatte. Darüber darf man nicht mit Sympathie und nicht mit Antipathie urteilen; darüber darf man überhaupt nicht mit kritischem Geist urteilen, sondern man muß die Tatsachen einfach wie sie sind hinstellen; es war einfach das Schicksal, das Karma Europas, um zu der Kultur zu kommen, zu der es eben kommen mußte. Es war das Schicksal Europas, die spirituellen Vorstellungen zurückzudrängen, zurückzustauen gewissermaßen.

Und so kam es denn, daß sich vom 9. Jahrhundert an immer klarer und bedeutungsvoller zeigte: Europa braucht ein Christentum, welches die spirituellen Vorstellungen zurückdrängt. Und ein Ergebnis dieser Notwendigkeit ist die Kirchentrennung in die griechisch-orientalische und in die römisch-katholische Kirche. Damals trennt sich der Osten von dem Westen. Das ist etwas höchst Bedeutsames. Der Westen hat das Schicksal, die spirituellen Impulse nach dem Osten hin zurückzustauen. Da verbleiben sie. Und man versteht wirklich nicht, was im menschheitlichen Werden ist, wenn man nicht eben sich klar ist, daß diese an Asien und an Rußland angeschlossene europäische Halbinsel - Rußland rechne ich Jetzt zu Asien - nötig hatte, vom 8.,9. Jahrhundert ab die spirituellen Impulse nach dem Osten zurückzustauen. Die haben sich da zusammengestaut, entwickelten sich abseits vom westeuropäischen und mitteleuropäischen Leben, entwickelten sich in das heutige Rußland hinein.

Das ist sehr bedeutsam. Man halte das nur einmal ordentlich fest. Man ist heute gewöhnt, die Dinge durchaus nicht mehr im Zusammenhange betrachten zu wollen. Und so kommt einem ein solches Ereignis wie die russische Revolution vor wie etwas, was vor ein paar Monaten entstanden ist — was weiß ich, aus welchen Gründen heraus sich der eine oder andere das vorstellt -, während in Wahrheit das vorliegt, daß im Hintergrund von alledem eben das steht, daß ein gewisses, nach und nach im Laufe der Jahrhunderte in diesem Osten unsichtbar und ungreifbar gewordenes spirituelles Leben zurückgeschoben war, sich gestaut hat und jetzt in einer noch ganz undefinierbaren, chaotischen Weise so arbeitet, daß die Menschen, die in dem, was da im Osten vorgeht, drinnenstehen, wirklich so wenig in dem wirklich drinnen leben, wie die Menschen, die in der See schwimmen, in sich - wenn sie nicht gerade am Ertrinken sind — das Meerwasser haben; das Meerwasser haben sie außer sich. Und so ist auch das, was da an spirituellen Impulsen sich an die Oberfläche arbeitet im Osten, im Geistigen noch vorhanden. Die Menschen schwimmen darinnen und haben nicht viel Ahnung von dem, was da an die Oberfläche drängt und vom 9. Jahrhundert ab nach dem Osten zurückgeschoben worden ist, damit es dort gewissermaßen aufbewahrt werde, um in späteren Zeiten eine Entwickelung durchzumachen. Den Menschen, die im Osten entstanden, die im Osten allmählich sich herausbildeten aus der Völkerwanderung und aus sonstigen Verhältnissen, denen wurde in die Seelen hineingeschoben an spirituellen Impulsen, was zunächst der Westen und der Süden Europas und Mitteleuropas nicht gebrauchen konnten.

Der Westen behält sich etwas Merkwürdiges zurück. Der Osten, ohne daß er es weiß — die meisten wirklich wichtigen Dinge verlaufen ja für die Menschen im Unterbewußten -, der Osten, ohne daß er es wirklich weiß, blieb streng stehen auf der Grundlage des Evangeliensatzes: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt». Daher schließt sich im Osten immer noch dasjenige, was physischer Plan ist, streng nach der spirituellen Welt, nach oben hin an. Der Westen war darauf angewiesen, geradezu umzukehren den Satz «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» und so recht zu machen das Reich Christi als ein Reich von dieser Welt. Und dann sehen wir, daß Europa das Schicksal hat, von Rom aus das Reich Christi äußerlich wie ein Imperium zu konstituieren auf dem äußeren physischen Plan. Man möchte sagen: Von Rom aus wurde seit dem 9. Jahrhundert das Gesetz aufgestellt: Bruch mit dem alten Satze «Mein Reich ist nicht von dieser Welt», dafür aber gerade ein weltliches Reich zu konstituieren, welches das Reich des Christus Jesus auf Erden, auf dem physischen Plane sein sollte.

Der römische Papst wurde allmählich der, der da sagte: Mein Reich ist das Reich des Christus; aber dieses Reich Christi ist von dieser Welt; und wir haben es so zu konstituieren, daß es von dieser Welt ist, das Reich Christi. Aber es blieb ein Bewußtsein vorhanden, daß eben dieses Reich das Reich Christi ist, daß dieses Reich dasjenige Reich ist, das nicht aufgebaut sein soll auf die bloßen Grundsätze des natürlichen, des äußeren natürlichen Daseins. Man war sich dessen bewußt: Wenn man in die Natur hinaussieht, wenn man alles das sieht, was durch die Sonne und was durch die Morgen- und Abendröte ist, was durch die Sterne ist, dann hat man nicht bloß das vor sich, was Augen sehen, was Ohren hören, was Hände greifen können, sondern dann hat man in der Weite des unendlichen Raumes zu gleicher Zeit das vor sich, was das spirituelle Reich ist. Und all das, was hier in der sichtbaren Welt ist, ist gewissermaßen der letzte Ausfluß, der letzte Golf der spirituellen Welt. Und diese sichtbare Welt ist nur ein Ganzes, wenn man sich dessen voll bewußt ist, daß sie der Ausfluß ist einer spirituellen Welt. Diese spirituelle Welt ist konkret; die Menschen haben nur das Gesicht verloren für diese spirituelle Welt. Den Menschen ist sie verborgen; aber sie ist eine Realität, sie ist eine Wirklichkeit. Und wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, und er ist dafür besonders begnadet, so tritt er ein in die spirituelle Welt. Viel lebendiger, als man geneigt sein kann, sich das heute vorzustellen, waren daher diese Menschen zu denken. Wenn die Toten, namentlich die begnadeten Toten durch die Pforte des Todes gegangen waren, dann traten sie ein in eine Welt, die man sich gegenwärtig vorstellen muß — durchdringend die Wolken, durchdringend die Sterne, durchdringend die Planetenbahnen. Es war also etwas Konkretes, daß die Totenseelen hier im Bild die obere Gruppe bilden. Und die Totenseelen hatten das konkrete Mysterium, das konkrete Geheimnis der Dreifaltigkeit in ihrer Mitte, dieses konkrete Geheimnis, das sich zusammensetzt aus dem Wesenhaften der Vergangenheit — Gottvater; aus dem Wesenhaften der Gegenwart - dem Christus Jesus; aus dem Wesenhaften der Zukunft - dem Heiligen Geiste.

Was sich aber da auseinanderlegt in die Realität der Zeit, davon muß es, wenn die gegenwärtige Welt, die sinnenfällige Welt nicht eine bloße Illusion sein soll und die Menschen innerhalb dieser sinnlichen Welt wie die Tiere leben wollen, davon muß es in dieser sinnlichen Welt auf dem physischen Plan Zeichen geben für das, was unsichtbar in der geistigen Welt über den Wolken schwebt und wohnt. Die Nachgeborenen müssen lebendige Zeichen haben von dem, wovon die Vorgeborenen, die nun schon Postmortem-Seelen sind, die unmittelbare Anschauung haben.

Auf dem Altar steht der Kelch mit dem Sanktissimum, mit der Hostie. Diese Hostie ist nicht bloß äußere Materie für die Menschen, die da links und rechts unten herumstehen, sondern diese Hostie ist rings umflossen von ihrer Aura. Und mit der Aura dieser Hostie wirken die Kräfte, die von der Dreieinigkeit herunterkommen. Solche Vorstellungen, wie sie in den Köpfen der Kirchenväter, der Bischöfe, der Päpste über das auf dem Altar befindliche Sanktissimum leben, hat die heutige Menschheit gar nicht mehr. Die sind im Laufe der Zeit vergangen. Und der Moment ist hier festgehalten im Bilde, in dem es diesen Leuten am Altare unten aufgeht: Da ist ein Mysterium, das auf dem Altar steht; da wird die Hostie von etwas umschwebt. Und dieses Etwas, das sehen die Verstorbenen-Seelen, namentlich die begnadeten: David, Abraham, Adam und Moses, Petrus, Paulus — das sehen die Verstorbenen so, wie die hier auf dem physischen Plan befindlichen Seelen die Gegenstände der sinnlichen Welt sehen.

Wenn wir uns dieses Untere (197) ansehen, mit dem Sanktissimum in der Mitte, dann haben wir in dem, was da unten, gewissermaßen in der untersten Etage des Bildes steht, das vor uns, von dem solch ein Mensch wie Papst Julius II. etwa gesagt hat: Das will ich in so großer Herrlichkeit, als es nur möglich ist, auf der Erde von Rom aus herstellen, ein solches Reich, ein solches Imperium begründen - nicht einen Staat, sondern ein Imperium -, ein solches Reich begründen, daß in diesem Reiche, in diesem Imperium Dinge geschehen, die umflossen sind von solchen Auren, daß die Vergangenheit mit ihren Impulsen in diesen Auren lebt. Ein Reich also, das von dieser Welt ist, aber das, indem es von dieser Welt ist, Zeichen ist, Signum ist für das, was in den spirituellen Welten lebt.

Vorstellungen solcher Art wird Julius II. in Bramante zuerst und dann in dem jugendlichen Raffael entzündet haben. Dadurch ist es dazu gekommen, daß der junge Raffael dieses Bild komponieren konnte. Gewissermaßen in seinem Arbeitszimmer wollte Julius II. dieses Bild haben, um es immer vor sich zu haben wie eine heilige Devise, daß von Rom aus das Imperium begründet werden solle, in dem die wichtigsten Dinge die Mysterien sind. Aber dieses Reich sollte von dieser Welt sein, von dieser Welt mit dem spirituellen Einschluß.

Nur wenn man alle diese Empfindungen, von denen wir jetzt gesprochen haben, auf seine Seele wirken läßt, hat man einen Eindruck von diesem Bilde, wenn man sich sagt: Die spirituelle Welt war nach dem Osten seit dem 9. Jahrhundert, ich möchte sagen so zurückgeschoben, wie hier die Wolken nach aufwärts geschoben sind, und wartete nun dort, bis ihre Zeit gekommen war.

Dagegen bereitete sich vor - einstweilen im Westen — das fünfte nachatlantische Zeitalter, dieses fünfte nachatlantische Zeitalter, in dem wir ja immer noch leben, und in dem die Menschheit lange leben wird, und das ganz unter der Signatur steht: Mein Reich ist von dieser Welt. Und immer mehr und mehr wird das Reich dieses fünften nachatlantischen Zeitalters von dieser Welt sein. Aber in dieses Reich, das von dieser Welt ist, werden solche Dinge hineingestellt, fast am Anfange, am Beginne dieses fünften nachatlantischen Zeitalters unter dem Einflusse der alten Leute Bramante und Julius II., von dem jugendlichen Raffael. Die wichtigsten Dinge geschehen ja in der geschichtlichen Entwickelung unbewußt. Und aus unbewußten, aber weisheitsvollen Untergründen heraus hat sich Julius II. den Raffael geholt. Wir wissen, daß die Menschheit im Laufe der Jahrtausende immer jünger geworden ist; wir wissen, daß sie im Anfange des fünften nachatlantischen Zeitalters das Alter der Achtundzwanzigjährigkeit erreicht hat, jetzt «27 Jahre alt» ist. Gewiß, Bramante und Julius II. waren alte Leute; aber sie waren es auch nicht, die unmittelbar in die Welt hineingestellt haben, was nur der jugendliche Raffael mit seinem Leib hineinstellen konnte, der eben ein jugendlicher Leib war und der die Kraft gerade des Achtundzwanzigjährigen hatte, als er so etwas malte. Das sind bedeutsame spirituelle Hintergründe in der Menschheitsentwickelung.

Und jetzt vergegenwärtigen wir uns, wie Raffael an dem Ihnen eben charakterisierten Gedanken in Rom malte, malte gewissermaßen den Protest des vierten nachatlantischen Zeitalters gegen das fünfte nachatlantische Zeitalter. Es war ja nicht so; aber denken wir uns hypothetisch, es wäre in Raffaels Seele das Folgende angeregt worden: Vor Raffaels Seele wäre gestellt worden - in ihrem Unbewußten lebte es, wir können dieses Unbewußte aber hypothetisch vor uns hinstellen -, nehmen wir an, in Raffaels Seele lebte das Wissen dessen, was als fünftes nachatlantisches Zeitalter kommen sollte. Kommen sollte die entgötterte, entgeistigte Welt des fünften nachatlantischen Zeitalters, in dem die Menschheit sich den kahlen, öden, eisigen Weltenraum denkt, durchsetzt, durchlaufen von Sonne und Planeten, geistlos den öden Weltenraum vorstellt, geistlos sich die Erde selbst vorstellt und versucht, durch geistlose Naturgesetze sich ein ganzes Weltenwerden zu konstruieren. Nehmen wir an, das wäre vor Raffaels Seele hingestellt worden: die Realität der Geistlosigkeit des fünften nachatlantischen Zeitalters. Und diese Seele Raffaels hätte dagegen die Impression gestellt: So darf es nicht sein; ich will hineinwerfen in dieses geistlose Zeitalter, das sich den eisigen Weltenraum mit dem geistlosen Weltennebel im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie hinstellt, die Imagination des lebendigen spirituellen Daseins. Ich will erfüllen, soviel ich kann, in der Vorstellung dieses öde naturhistorische Dasein mit den Imaginationen, die sich ergeben aus dem alten hellseherischen Erfassen der Welt. - Nehmen Sie an, so hätte es in der Seele Raffaels ausgesehen. Es hat so ausgesehen in dem Unterbewußten seiner Seele; es hat selbst so ausgesehen in der Seele Julius II.

Unser Zeitalter hat wahrhaftig nicht nötig, die großen Geister wie Julius II. oder selbst die Borgias so zu verachten, wie es die Geschichtslegende tut; denn die Geschichte wird über unsere Zeitgenossen, über die Größten unseres Zeitalters ganz andere Urteile noch zu fällen haben als wir über die Borgias oder Julius II. oder über ähnliche Persönlichkeiten der Vorzeit. Die Menschen der Gegenwart haben nur nicht die Distanzen dazu.

So war Raffael am Beginne des fünften nachatlantischen Zeitalters geboren, man möchte sagen, so recht geboren als ein Kind des fünften nachatlantischen Zeitalters. Er ist ja wirklich schon aus diesem fünften nachatlantischen Zeitalter herausgeboren, aber wie die lebendig gegen dieses Zeitalter protestierende Seele, die in Schönheit in dieses Zeitalter hineinstellen will, was dieses Zeitalter nicht mehr als Wahrheit erleben will; die sinnenfällige Spiritualität in die spiritualitätslose Sinnenfälligkeit hineintragen will; das herübertragen will in das fünfte nachatlantische Zeitalter, was alte Zeitalter aus spirituellem Schauen heraus gewonnen haben. Was spirituell geschaut werden konnte, in sinnenfälligen Bildern übertragen in das Reich dieser Welt, ein zweites Reich in diese Welt, in das, was sinnenfällig, aber in der Sinnenfälligkeit voller Zeichen des Übersinnlichen ist, hineinstellen - das war ungefähr Raffaels Absicht. Und die Wahrheit davon ist dieses Bild, ein durch und durch wahres Bild, weil es aus dem lebendigen Empfinden der damaligen Zeit heraus entsprungen ist.

Und jetzt nehmen Sie dieselbe Zeit, in der das Kind des fünften nachatlantischen Zeitalters die ganze imaginative spirituelle Bildhaftigkeit des vierten nachatlantischen Zeitalters hereinträgt und auftritt wie das Testament des vierten nachatlantischen Zeitalters in das fünfte hinein, nehmen Sie diese Zeit. Es ist ungefähr auf das Jahr hin dieselbe Zeit, da eine nordische Persönlichkeit in Rom hinaufrutschte über die Büßertreppe, von der man sagte: Wenn man die soundsoviel Stufen hinaufrutscht, so verrichtet man dadurch solch gottgefälliges Werk, daß einem immer durch eine Stufe über die Treppe hinauf soundsoviele Tage des Fegefeuers erlassen werden. In Gläubigkeit, in voller Gläubigkeit ist dieser nordische Mensch in Rom, rutschte — während Raffael im Vatikan in der Camera della Segnatura an solchen Bildern malte -, um ihr Seelenheil besorgt, die Treppe hinauf, um sich soundsoviele Tage des Fegefeuers zu ersparen durch dieses gottwohlgefällige Werk. Und während sie hinaufrutscht, diese Persönlichkeit, hat sie eine Vision - eine Vision, die ihr zeigt die Nutzlosigkeit solcher Werkheiligkeit wie dieses Hinaufrutschen über die Treppe, um sich Fegefeuertage zu ersparen -, eine Vision, aus der heraus diese Persönlichkeit das Tischtuch durchschneidet zwischen sich und der Welt, die Raffael als das Kind des fünften nachatlantischen Zeitalters malt wie das Testament des vierten nachatlantischen Zeitalters.

Sie wissen, daß diese nordische Persönlichkeit Luther ist, der Antipode Raffaels. In Raffael, selbst wenn Sie es nur äußerlich sehen, ist alles Farbe und Form, alles spirituelle Bildlichkeit, alles Ausdruck und Zeichen einer übersinnlichen Welt, aber in sinnlichen Farben und Formen, alles Gestalten suchend und Gestalten bildend. Und Luther in derselben Zeit in Rom mit einer Seele voller Gesang, voller Poesie, aber gestaltenlos, im Formlosen der Seele lebend, ablehnend diese ganze Welt, die in seiner Umgebung in Rom war. Wie im 9. Jahrhundert die spirituelle Welt des Ostens zurückgeschoben wird, schiebt Luther für seine nordische Welt zurück, was als Testament geblieben war vom vierten nachatlantischen Zeitalter im Süden Europas. Luther schiebt das zurück. Und wir haben in der Zukunft die dreigeteilte Welt vor uns: Im Osten wartet die Spiritualität zurückgestaut; im Süden gliedert sich etwas an, was wie das Testament des vierten nachatlantischen Zeitraums ist, und wird wiederum zurückgestaut und abgelehnt. Das Musikalische des Nordens setzt sich an die Stelle des farben- und formenreichen Testaments des Südens. Luther ist der wirkliche Antipode Raffaels. Raffael ist das Kind des fünften nachatlantischen Zeitalters, in dessen Seele aber ganz der Inhalt des vierten nachatlantischen Zeitalters lebt. Luther ist der Nachzügler des vierten nachatlantischen Zeitalters; Luther ist kein Mensch des fünften nachatlantischen Zeitalters, in dem er lebte, man möchte sagen nur wie versetzt aus dem vierten nachatlantischen Zeitalter in das fünfte. Luther ist in seiner Gemütsverfassung ganz und gar ein Mensch des vierten nachatlantischen Zeitalters. Er denkt und fühlt wie ein Mensch des vierten nachatlantischen Zeitalters; aber er ist hereinversetzt in das fünfte nachatlantische Zeitalter und lebt das aus, was nunmehr hineintönen soll in das fünfte nachatlantische Zeitalter mit seiner öden Sinnenfälligkeit, mit seiner bloßen Naturhistorie, mit seinen Eisfeldern der Spiritualitätslosigkeit. Raffael ist der Mensch des fünften nachatlantischen Zeitalters mit dem Seeleninhalt vom vierten nachatlantischen Zeitalter; Luther der Mensch, der — weil er nur hereinversetzt ist aus dem vierten ins fünfte nachatlantische Zeitalter — mit seiner Seele im vierten nachatlantischen Zeitalter steht, der alles Äußere ablehnt und dagegen die Impulse der menschlichen Seele auf das bauen will, was nichts zu tun hat mit dem äußeren Werk und mit der äußeren Handlung des Menschen, auf das, was einzig und allein in einem gestaltlosen inneren Zusammenhang zwischen der menschlichen Seele und der spirituellen Welt begründet liegt, auf den bloßen Glauben.

Denken Sie nun einmal, ein Maler würde ebenso wahr, wie Raffael dieses Bild aus dem südlichen Katholizismus heraus gemalt hat, aus dem Luthertum heraus malen wollen -— was würde er malen? - Er würde malen etwa eine Christus-Figur, wie Albrecht Dürer sie gemalt hat; oder er würde malen einen gläubigen Menschen, und im physiognomischen Ausdruck würde man erkennen, daß da in der Seele etwas lebt, was ganz und gar nichts gemeinsam hat mit der sinnlichen Umgebung und den Gegenständen der sinnlichen Umgebung, in welche diese Seele versetzt ist.

So schließt sich Zeitalter an Zeitalter. Man hat in der heutigen Zeit ganz andere Vorstellungen. Das sehen Sie daraus, daß heute Bilder gemalt werden, wo der Christus wie ein Mensch unter anderen Menschen ist: «Komm, Herr Jesus, sei unser Gast» - und dergleichen, so menschlich wie möglich:

Hier auf unserem Bilde (197) haben Sie unten die Gruppe von Bischöfen, von Kirchenlehrern; in der Mitte das bloße Signum, das Zeichen. Aber das weist hinan auf eine außersinnliche Welt; da ist konkret die Dreifaltigkeit darinnen.

Wir werden die «Dreifaltigkeit» nunmehr besonders herausheben. Wir haben noch ein Bild, welches diese Dreifaltigkeit allein darstellt:

Sie sehen oben Gottvater, unten den Geist und den Sohn. Sie sehen diese drei Glieder wie konkreten Inhalt der Zukunft, der Gegenwart, der Vergangenheit herausgehoben. Es würde die Weltanschauungsströmung der damaligen Zeit nicht in der Lage gewesen sein, das, was für die begnadeten Totenseelen in unmittelbarer Anschauung lebte, zu vermischen mit dem, was äußere sinnliche Welt ist. Aber Raffael brauchte, um im Sinne der damaligen Vorstellungen das, was er darzustellen hatte, wahr darzustellen, den freien Ausblick hinaus in die Weite des natürlichen Raumes. Er mußte in dem Bild gewissermaßen ausdrücken: die bloße Sinnenfälligkeit des den Raum Erfüllenden ist keine wahre; aber als Wahrheit stellt sich dies hinein in den Raum. Daher haben Sie unten - Sie sehen noch den Streifen vom Horizont - die weite, in die Unendlichkeit hinausgehende Perspektive. Gewissermaßen ist ausgedrückt hier der Protest dagegen, die Natur bloß im heutigen Sinne sinnenfällig vorzustellen.

Raffel ist nicht so ohne weiteres einfach dazu gekommen, auch die Komposition dieses Bildes zu treffen. Damit das uns anschaulich werden kann, wollen wir uns zwei von den Skizzen anschauen, die Raffael zuerst gezeichnet hat, aus denen heraus dann das Bild nach und nach geworden ist:

Wir müssen uns den ganzen Vorgang so vorstellen, daß Raffael etwa in der Zeit 1507, 1508 nach Rom kam, von Julius II. den Auftrag bekommen hat und dann versucht hat, zunächst eben das ins Bild zu bringen, was er schon in der Vorstellung hatte. Nach und nach wurde er erst unterrichtet von Julius II.; nach und nach gestaltete sich ihm erst jenes Verhältnis zwischen Raum, Natur und den übersinnlichen und sinnlichen Menschheitsgruppen so, wie es sein mußte.

Auch die andere Skizze,

die mehr das Untere der ersten Skizze behandelt, zeigt noch eine ganz unvollendete Weise. Sie sehen, er ist noch nicht zurechtgekommen. Das, worauf Raffael kommen mußte, war: sich richtig zu denken im Sinne der damaligen Zeit das Verhältnis zwischen der spirituellen Welt und der Natur. Die alten Zeiten, noch bis ins 9. Jahrhundert, haben noch eine deutliche Vorstellung gehabt vom Zusammenhang zwischen der menschlichen Vergangenheit und der natürlichen Gegenwart. Die Menschen vor dem 9. Jahrhundert - so grotesk das der heutigen Menschheit klingt - haben nicht gedacht, wenn ihnen irgend etwas passierte, so passiere es ihnen aus irgendeinem Zufall heraus; nein, sie haben gewußt: wenn ihnen irgend etwas passierte, so passierte es, indem in den Ereignissen, in die sie eingesponnen sind, die Toten leben, mit denen sie karmisch verbunden waren. Vor dem 9. Jahrhundert stellten sich in den Ereignissen, die uns umgeben, die Toten vor die Menschen hin. Dann verglommen allmählich solche Vorstellungen; und es blieb das zurück, was ich Ihnen als in das 16. Jahrhundert hineingehend charakterisiert habe.

Gehen wir aber noch einmal zurück in dieses 9. Jahrhundert, dann kommen wir auch dazu, daß wir uns vorstellen müssen: Eine zeitliche Trennung zwischen Natur und Geisteswelt war nicht vorhanden für diese alten Völker. Die Natur war gleichsam die Fortsetzung nach unten — vor dem neunten Jahrhundert, sage ich -, die Fortsetzung der spirituellen Welt. Aber es hatte schon das Griechentum hereingearbeitet in dieses Weltbild das, was der Mensch durch sein eigenes Denken, durch sein auf sich selbst gestelltes Ich hineinbringen kann. Was da Raffael gemalt hat - er hat es selber zum Ausdruck gebracht, indem er oben an der Decke über diesem Bilde, das eine spätere Zeit «Disputa» genannt hat, obwohl sicherlich nichts disputiert wird, angebracht hat eine weibliche Gestalt aus der Symbolistik der damaligen Zeit, welche die Devise trägt: DIVINARUM RERUM NOTITIA = Was geschrieben ist von den göttlichen Dingen. Im Grunde genommen bestand vor dem 9. Jahrhundert als Weltanschauung noch das, «was bekannt war von den göttlichen Dingen», und die Natur war nur wie ein Golf, den die göttliche Welt herunter erstreckte, und in dem sich dann der Mensch befand.

Diese ganze Anschauung war, wie gesagt, nach dem Osten zurückgeschoben worden, und der Nachklang ist in den Imaginationen geblieben, die wie ein Testament aus dem vierten nachatlantischen Zeitalter Raffael malte. Man hat eben dazumal gewollt vom Süden aus auf der Erde, auf dem physischen Plan selber, das Reich Christi einrichten als Machtreich, als Imperium. Papst Julius II. hat - ebensowenig wie andere dergleichen Persönlichkeiten das auf seine Fahne geschrieben, was er eigentlich gewollt hat. Er wollte wirklich das begründen, was dann nicht begründet werden konnte, weil Luther gekommen ist, weil Calvin, Zwingli gekommen sind. Er wollte ein Reich Christi, das von dieser Welt ist, begründen. Das hätte er aber nicht sagen dürfen. Das betrachtet man dann gewöhnlich bei solchen Persönlichkeiten als etwas Esoterisches. Julius II. hätte nicht wie ein Feldherr durch Italien ziehen dürfen, um zunächst die italienischen Völker in das Imperium, in das neue Imperium Romanum hineinzuspannen. Er hat etwas anderes gesagt. Er hat gesagt, er ziehe als Feldherr durch Italien, um die italienischen Völker zu befreien. Das sagt man Ja so. Auch in späterer Zeit sagt man, man müsse dies oder jenes tun, um die Völker zu befreien, während man eigentlich etwas ganz anderes will. Aber geglaubt haben dazumal auch schon viele Menschen, daß Julius II. durch Italien gezogen wäre, um die einzelnen italienischen Völkerschaften zu befreien. Das ist ihm natürlich gar nicht eingefallen; geradesowenig als es etwa Woodrow Wilson einfällt oder überhaupt einfallen kann, irgendwelche Völker zu befreien.

Nun, sehen Sie, da haben wir diese mächtige Scheide, möchte ich sagen, zwischen den zwei Zeitaltern: das Zurückstauen dieses Südlichen. Heraufbewahrt hatte sich aus der alten Griechenzeit die Zweiteilung in der Weltanschauung. Man hatte sich klar gemacht: Was da die Natur durchwallt aus den lebendigen Taten der Toten, davon gibt es keine Anschauung mehr, wenn der Mensch das entwickelt, was er aus den geistigen Mächten seiner eigenen Brust heraus, aus seiner eigenen Seele heraus entfaltet hat; dann bekommt er nicht DIVINARUM RERUM NOTITIA, nicht das, «was aufgeschrieben ist von den göttlichen Dingen», sondern da bekommt er CAUSARUM COGNITIO da bekommt er «die Erkenntnis dessen, was in der unmittelbaren Welt an Ursachen vorhanden ist». Da soll er sich aber hüten, damit die ganze Natur interpretieren zu wollen. Will man von der Natur eine Vorstellung bekommen — so hätte Julius II. mit Donnerworten in die Welt hineingerufen, wenn er dazu veranlaßt worden wäre -, will man von der Natur eine Vorstellung bekommen und zeigt in ihr, daß die Sonne aufgeht, die Morgen- und Abendröte da ist, die Sterne da sind, so wie es die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters tun, so lügt man. In Wahrheit verleugnet man dann, daß darinnen die Dreifaltigkeit ist, die Seelen der Toten sind, daß darin wirklich etwas ist, was man imaginativ ausdrückt, indem man herumblickt und die Totenseelen, David, Abraham, Paulus, Petrus, und die Heilige Dreifaltigkeit darstellt. Ihr laßt das nur weg, was in der Natur wirklich drinnen ist, die alten Äonen, weil ihr nur den jüngsten Äon hineinstellt! — So hätte er gesagt. Wollt ihr euch auf euch selbst verlassen? Wollt ihr nur das entwickeln, was ihr durch Menschenkräfte, so wie sie an den physischen Leib gebunden sind, entwickeln könnt, da bekommt ihr auch nur eine äußere Wissenschaft von der äußeren Natur des Menschen, eine Wissenschaft nur, insofern der Mensch nicht zusammenhängt mit der unendlichen Weite der Welt, sondern eingepfercht ist, einverwoben in den Grenzen, die er sich selber setzt.

Das wird es ungefähr gewesen sein, was Julius II. dem Raffael gesagt hat: Willst du malen, was der Mensch durch seine eigene Seelenkraft heute wissen kann über den Menschen, dann darfst du den Menschen nicht mit der unendlichen Perspektive nach der Natur hinaus malen, sondern dann mußt du den Menschen einschließen, wenn er noch so genial, noch so weise ist, in Grenzen, die er sich selbst gesteckt hat. In Hallen mußt du ihn einschließen, zeigen: hier in diesen Zimmern, von wo aus die Welt beherrscht wird - denn Julius wollte die Welt malen, wie sie geworden wäre, wenn kein Luther gekommen wäre, oder kein Zwingli, oder kein Calvin. — Willst du die Welt malen, wie sie beherrscht werden soll von diesen Zimmern aus, so male auf der einen Seite das, was wirklich ist in den Weiten der Natur, auf der andern Seite das, was der Mensch finden kann, wenn er nur aus den eigenen Kräften seiner Seele heraus sucht. Dann aber darfst du nicht die Natur malen, sondern den Menschen innerhalb von Grenzen, die er sich selbst setzt.

Das haben wir, wenn wir das gegenüberliegende Bild auf uns wirken lassen, das auf der andern Seite ist, die sogenannte «Schule von Athen».

Über dieses Bild, das man oftmals - aber erst später - «Schule von Athen» genannt hat, haben die Leute im Laufe der Zeit alles mögliche darübergemalt, und so ist ja bei dem einen Mann, der in der Mitte steht, «Etica» auf das Buch daraufgemalt, bei dem anderen «Timeo», das alles ist erst später darübergemalt. Das Bild ist vielfach ruiniert, und man bekommt natürlich heute in Rom nicht mehr eine richtige Vorstellung von dem Bilde, wie es ursprünglich war. Zu Raffaels Zeiten hat man das niemals «Die Schule von Athen» genannt, sondern das ist erst später gekommen; aber dann haben die Leute Theorien darüber gemacht. Wir haben uns im wesentlichen vorzustellen: Wahr wird die Welt gemäß dem andern Bild (197), wenn man in die unendlichen Raumesweiten hineinsieht und die Natur nicht bloß sinnenfällig vorstellt, sondern durchsetzt von alledem, was in der Ewigkeit und Zeitlichkeit ist, durchsetzt auch von denen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Das, was der Mensch aus der eigenen Seele weiß, das muß er so hinstellen, daß, wenn sie alle beisammen wären, diese Weisen, wie hier (202), er mit dem Wissen über das Himmlische, das man finden kann, indem man nur auf sich selber baut, in der einen Persönlichkeit dargestellt wird, die mit der Hand nach oben zeigt (203). Man braucht nicht die unkünstlerische Torheit zu begehen und Plato in dieser Figur zu sehen.

Vorstellen kann man sich: Das, was die eine Figur mit der Hand nach oben versinnbildlicht, geht über in das Wort, das ausgesprochen wird - durch die Handbewegung ist es angedeutet - von der rechten Figur. Die rechte Persönlichkeit beginnt zu sprechen, so daß es also wie das Aussprechen in Worten wirkt. Aber alles, was aus den menschlichen Seelen selber hervorkommt, wahr wird es nur vorgestellt, wenn es im eingeschlossenen Raume vorgestellt wird, wenn der Mensch auch bei sich selbst bleibt. Sucht der Mensch aus sich heraus ein Bild der Natur, dann findet er aus sich heraus nichts anderes als ein Bild der abstrakten Natur, wie es die Kopernikanische Weltanschauung gibt, nicht ein Bild der konkreten Natur.

So stellte Raffael nach dem Auftrag Julius II. dem Göttlichen das gegenüber, was in des Menschen Seele im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitalters durch diese Seele selbst leben kann. Da haben wir alles gruppiert, was weltliche Wissenschaft ist, aber weltliche Wissenschaft, sich hinauferhebend auch bis zum Begreifen des Göttlichen, zum verstandesmäßigen Begreifen des Göttlichen. Wenn man diese Gruppe analysiert, so findet man die sogenannten sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik. Dann sich bis zum Ausdruck gipfelnd können Sie finden, wie in dem, der die ganze weltliche Wissenschaft auf das Göttliche anwendet, und in demjenigen, der sie für das Menschenwort zum Ausdruck bringt - wie da lebt der Gegensatz des Schauenden und des Sprechenden; das geht aus dem Bilde selbst hervor. Unkünstlerisches, laienhaft gelehrtes Schwätzen hat die ganze griechische Philosophie in diesem Bilde gesehen. Das ist nicht nötig. Das hat mit dem Kunstwerke gar nichts zu tun. Das alles aber hat mit dem Kunstwerke zu tun, wovon wir heute gesprochen haben und was wir jetzt zuletzt andeuteten; denn das zeigt uns, daß auch dieses Bild im Sinne der damaligen Zeit ein wahrhaftes menschliches Empfinden wiedergibt. Empfindungen über das, was die Seele, wenn sie nur sich selbst überlassen ist im Erkennen, über den Menschen findet.

Wir haben noch Details von diesem Bilde, die wir noch zeigen wollen:

Wenn Sie sich genauer einlassen würden, so würden Sie hier finden, daß das ganze Erkennen der rechten Figuren anschließt an die mittlere Hauptfigur, die zum Sprechen übergeht; hier rechts (205) haben wir auch alles das, was mehr auf Inspiration beruht, links (204) mehr das, was mehr auf Imagination und dergleichen beruht.

Nun haben wir noch ein Bild von den Mittelfiguren:

Es ist also der Gegensatz des Schauenden und des Sprechenden. Seien wir uns klar darüber, daß man die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man versucht, in die Vergangenheit immer mehr und mehr solche Blicke hineinzuwerfen, wie man sie hineinwerfen kann, wenn man solche Bilder im künstlerischen Sinne wahr empfindet. Unsere Zeit ist die Zeit, in welcher manches zurückkehrt. In unserer Zeit kehren zurück in Europa, in Mitteleuropa, namentlich auch in Nordeuropa, überhaupt in Westeuropa gewisse Stimmungen, die karmisch zusammenhängen mit dem 9. Jahrhundert der europäischen Entwickelung. Das durchschauen die Menschen heute noch nicht genau; ja, nicht nur nicht genau, sondern überhaupt nicht. Was heute geschieht, ist vielfach aus der Notwendigkeit heraus entstehend, die gegenteilige Maßnahme spirituell zu ergreifen von der, die ergriffen werden mußte zum Schicksal Europas im 9. Jahrhundert. Wie damals zurückgestaut worden ist die spirituelle Welt nach Osten, so muß sie jetzt wiederum dem physischen Plan einverleibt werden. Stimmungen des 9. nachchristlichen Jahrhunderts, sie kehren in der jetzigen Zeit zurück im europäischen Westen, in der europäischen Mitte, im europäischen Norden. Im europäischen Osten wird sich aus dem Chaos heraus, aus dem furchtbaren Chaos und Brei heraus entwickeln etwas wie Stimmungen, die in einer geheimnisvollen Weise anklingen werden an das 16. Jahrhundert. Und erst aus diesem Zusammenklingen der Stimmungen des 9. und des 16. Jahrhunderts wird das Mysterium entstehen, das einigermaßen hineinleuchten kann in dasjenige, in das die heutige Menschheit, wenn sie sich zu einigem Verständnis der Entwickelung erheben will, hineingeleuchtet haben muß.

Es ist sehr merkwürdig, wenn Sie sehen, wie im 16. Jahrhundert alles das, was das Geheimnisvollste, das Mysteriöseste für Natur und Mensch und Gott war, durch die Kunst nach außen hin sichtbar hingestellt worden ist. Das heilige Geheimnis der Dreifaltigkeit, wir haben es in einem der bedeutsamsten Bilder der Welt vor unsere Seele gestellt gefunden. Und der Antipode erhebt sich sogleich: die protestantisch-evangelische Stimmung, die nichts wissen will davon, daß diese heiligen Geheimnisse irgendwie in den Raum versetzt werden sollen. Bei Herman Grimm, einem echt nordisch-lutherischen Geist, finden Sie Stellen, wo er davon spricht, daß das, was der Mensch der heutigen Zeit über Christus denkt, er als sein gutes Recht im Innersten seiner Seele bewahrt - das genaue Gegenteil von der Stimmung, die Raffael in die Welt hineingemalt hat.

Sehen Sie, damals im Beginne des 16. Jahrhunderts, da war Reformation, Weiterentwickelung durch eine Reformation gewissermaßen Weltenlos geworden, auch in Rom, auch in der Sphäre Julius II., des Papstes. Aber wie? -— So war es Weltenlos geworden, daß die Menschen sich besinnen wollten darauf, daß die übersinnliche Welt schaubar ist, aber schaubar ist nur durch die menschliche Entwickelung. Und so wurde denn — das hat Herman Grimm richtig herausgefunden — für Raffael und seine Umgebung ein besonderes Problem das Paulinische Christentum, ja, die Gestalt des Paulus selber. Man kann sagen: Bis in das 16. Jahrhundert hinein war das Christentum viel mehr durchdrungen von dem, was man Petrinisches Christentum nennen kann, Petrus, der noch ungeteilt erblickte übersinnliche und sinnliche Welt, in der sinnlichen noch die übersinnliche darinnen empfand, in der übersinnlichen die sinnliche. Aber es entschwand einem die übersinnliche Welt. Man war sich dessen bewußt geworden so recht bis ins 16. Jahrhundert hinein. Da wurde das, was in Paulus lebte, das Schauen, das Geheimnis von Damaskus und damit die Figur des Paulus überhaupt, ein Problem. Daher hat Raffael in seiner ganzen späteren Entwickelung versucht, die Figur des Paulus zu erfassen, die Figur des Paulus hineinzustellen in die verschiedensten seiner Bilder. Und man kann sagen: Vom Süden herauf wollte eine Reformation werden, welche das Paulinische Schauen der Welt so vermitteln wollte, wie ich es jetzt darstellte, wie es lebte in den Bildern von Raffael, die unter der Inspiration von Julius II. entstanden sind.

Paulus war ihm ein Problem. Man empfindet das, wenn man auf anderen Bildern Raffaels die Gestalt des Paulus verfolgt. Sie sehen in der «Heiligen Cäcilie» einen bildhaften Ausdruck der Sphärenmusik:

Es ist natürlich ungenau zum Ausdruck gebracht. Links in der Ecke, sinnig, die Gestalt des Paulus. Raffael studiert die Gestalt des Paulus malerisch. Immer wieder und wieder wird ihm Paulus zum Problem. Warum? -— Weil Paulus aus seiner Menschheitsindividualität heraus sucht, in das Schauen oder wenigstens dazu zu kommen, in das Schauen hinein zu gelangen. Hier, wir sehen es in der ganzen Haltung, in der Gebärde: Paulus, wie er teilnimmt an dem, was den anderen wie selbstverständlich ist, als ein Suchender. Er entwikkelt beide Seiten; deshalb ist, wenn es von ihm kommt, das, was als christliche Verkündigung geschehen soll, anders. Wie Paulus auffaßt - Sie sehen es hier; wie Paulus lehrt - das wurde für Raffael Problem.

Nun haben wir noch ein Bild: der redende Paulus in Athen.

Sie sehen, Raffael studiert den Paulus. Was ist ihm Paulus geworden? Der Heros, der spirituelle Heros der Reformation, die vom Süden her hätte glücken sollen, aber nicht geglückt ist. Man hat dann dies zurückgestaut und später den Jesuitismus vom Süden her an die Stelle der Reformation gesetzt. Davon ein andermal. Paulus hätte das durchbringen sollen, was Julius II. als ein Reich Christi auf Erden vorgeschwebt hat.

Und nun prägen Sie sich die zwei Paulinischen Köpfe, die wir jetzt haben auf uns wirken lassen, so recht, recht ein:

Es sind Köpfe, die Raffael studiert hat, um in ihnen darzustellen diejenige Physiognomie, welche hineinschaut in die Geheimnisse der christlichen Welt, in die spirituellen Geheimnisse, und die durch das Wort diese spirituellen Geheimnisse nach außen verkünden kann; und wir haben in Paulus das Bindeglied zwischen der Welt, die man erkennt als Welt der Ursachen, und der Welt, die nur dem begnadeten Schauen zugänglich ist, die übersinnliche Welt. Paulus schauend und lehrend, das Verbindungsglied zwischen der Welt des fünften nachatlantischen Zeitalters und der alten spirituellen Zeit. Und nehmen Sie mit, was sich Raffael also erstudiert hat in der Paulus-Physiognomie, in der Paulus-Geste, bis in die Fingerbewegungen hinein - hier nur eben den Arm gehoben -, nehmen Sie das mit und sehen Sie sich jetzt noch einmal die Figur auf der sogenannten «Schule von Athen» an:

Vergleichen Sie die zwei Paulinischen Köpfe, die wir gesehen haben (235, 236), mit dem Kopfe hier (203), mit dem rechten von Ihnen aus, und Sie haben diejenige Persönlichkeit, in der das Schauen zum Worte geworden ist, ich möchte sagen: den Paulus, der hinausgewachsen ist über das Schauen des Ereignisses des Mysteriums von Damaskus, der der Sprecher des Christentums geworden ist, der seinen Pakt schließt, einen Kompromiß schließt mit dem, was in der Causarum Cognitio gefunden werden kann, wenn man sich erhebt von der Erkenntnis der irdischen Ursachenwelt zu dem, was der Mensch erfahren kann von den göttlichen Dingen. Und dann werden Sie etwas empfinden von dem, was ja immerhin wie die «Signatur», möchte ich sagen, durch die «Camera della Segnatura» selber schwebt, wenn man von dem Bilde, das in späterer Zeit «Die Disputa» genannt worden ist, zu dem hinüberschaut, das «Die Schule von Athen» genannt worden ist. In der «Disputa» die Wahrheit, die spirituelle Wahrheit im naturerfüllten Raum; wendet man den Blick ab nach der anderen, gegenüberliegenden Wand, so tritt einem mit seinem Genossen, dem Schauenden, der lehrende Paulus entgegen, der auf die weltliche Gelehrsamkeit hinweist, aus der alles das entspringen kann, was die Menschenseele aus sich selbst finden kann. Schaut man auf die Freske, die die sogenannte «Schule von Athen» ist,

so hat man in den Mittelfiguren die Seelen leben, in denen das Inhalt ist, was auf der gegenüberliegenden Freske gemalt ist:

Dann hat man ungefähr den Zusammenhang. Nehmen Sie die eine Wand — alles das, was innerlich ist in den Seelen, was man ja nicht sieht, wovon man nur die äußere Körperlichkeit sieht, das ist auf der anderen, gegenüberliegenden Wand, die die Freske der sogenannten «Disputa» ist, heraus.

Ich möchte sagen: Könnte man hineinsehen in die Seelen dieser zwei Menschen, die auf der einen Wand gemalt sind, so würde man das, was in den Seelen dieser zwei Menschen lebt, auf der gegenüberliegenden Wand, in der sogenannten «Disputa»-Freske sehen. Ein anderes Mal dann davon mehr.

German original of Raphael: “Disputa” – “School of Athens” · Next →