Discussions with Teachers
GA 295 — 27 August 1919, Stuttgart
Sechste Seminarbesprechung
Wiederholung der gestrigen Sprechübungen; dann neue:
Redlich ratsam
Rüstet rühmlich
Riesig rächend
Ruhig rollend
Reuige Rosse Protzig preist
Bäder brünstig
Polternd putzig
Bieder bastelnd
Puder patzend
Bergig brüstend
Lesen einer Fabel von Lessing.
Rudolf Steiner: Sie müssen bedenken, daß Prosa je nach der Persönlichkeit in verschiedener Stimmlage gelesen werden kann.
Den Titel läßt man möglichst fallen bei so etwas und betont ihn nicht besonders.
Die Nachtigall und der Pfau
Eine gesellige Nachtigall fand unter den Sängern des Waldes Neider die Menge, aber keinen Freund. «Vielleicht finde ich ihn unter einer anderen Gattung», dachte sie und floh vertraulich zu dem Pfau herab. «Schöner Pfau, ich bewundere dich!» - «Ich dich auch, liebliche Nachtigall.» — «So laß uns Freunde sein», sprach die Nachtigall weiter. «Wir werden uns nicht beneiden dürfen, du bist dem Auge so angenehm, als ich dem Ohre.» Die Nachtigall und der Pfau wurden Freunde.
Kneller und Pope waren bessere Freunde als Pope und Addison.
Rudolf Steiner sagte statt dessen scherzweise: Frankreich und Italien sind bessere Freunde als Italien und England. So kann man auch sagen; die Anwendung kann nämlich in der verschiedensten Weise gemacht werden.
Rudolf Steiner: Jetzt möchte ich mit Ihnen ein Stück Unterricht besprechen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß Sie niemals den Inhalt eines Lesestückes - ich will es prosaisch so nennen — dadurch für das Gefühl und die Empfindung verderben sollten, daß Sie das Lesestück lesen, oder mit den Zöglingen durchlesen, und es dann pedantisch erklären. Der einsichtige Psychologe wird es nicht so machen, sondern er wird das Gefühl dafür haben, daß ein Prosastück oder ein Gedicht auf die Seele so wirken muß, daß diese Seele, wenn sie es erlebt hat, mit dem Eindruck zufrieden sein kann; von dem Eindruck befriedigt sein kann, könnte man auch sagen. Man wird aber das nicht ausschließen dürfen, daß man gerade diese Befriedigung, welche aus dem Inhalte eines Lesestückes hervorgehen soll, für den Zögling dadurch erhöht, daß der Zögling vollständig alle Nuancen versteht, daß er dem Gefühl nach wenigstens, instinktiv, versteht, was in dem Gedichte darin ist. Man braucht keine Spintisiererei, keinen gelehrten Kommentar an einem Gedicht oder Lesestück zu entwickeln, aber man soll das Kind vollständig heraufheben zum gefühlsmäßigen Verständnis eines Lesestückes. Daher versuche man immer, das eigentliche Lesen eines Lesestückes zu allerletzt vorzunehmen, und alles das, was man tun will um des Verständnisses willen, das schicke man voran. Wenn man einigermaßen entsprechend das Richtige voranschickt, dann wirkt man nicht schulmeisterlich pedantisch, sondern man trägt dazu bei, daß nichts unerklärlich bleibt an dem Lesestück. Dann erhöht sich der Genuß und die Befriedigung des Kindes.
Ich würde daher - Sie würden das etwas ausführlicher machen — etwa folgendes in der Klasse mit den Schülern vornehmen. Ich würde sagen:
«Seht einmal, liebe Kinder, ihr habt ganz gewiß schon einmal Hunde gesehen! Nun, wer hätte unter euch nicht schon Hunde gesehen! Der müßte ja hinter dem Ofen sich verkrochen haben. Und ihr habt bemerkt, daß nicht alle Hunde gleich sind. Sie sind sehr, sehr voneinander verschieden. Es gibt winzige Hunde, ganz kleine Hunde, größere Hunde und ganz große Hunde. Ihr habt euch schon manchmal vor den ganz großen Hunden gefürchtet. Vor den ganz kleinen, winzigen, fürchtet ihr euch nicht; vielleicht aber doch, weil sie einen manchmal in die Waden beißen.
Nun wollen wir uns heute einmal ein paar Hunde ansehen. Da habt ihr wohl schon oft auf der Straße einen Wagen mit Fleisch gesehen und davor einen Fleischerhund. Wenn ihr genau aufgemerkt habt, werdet ihr gesehen haben, daß er sonst vor der Fleischerbude sitzt und achtgibt, daß niemand das Fleisch stiehlt. Wenn jemand kommt und das Fleisch nimmt, der kein Recht hat dazu, so muß er ihn beißen, oder wenigstens muß er bellen. Nun werdet ihr einsehen, daß der Fleischerhund nicht ein kleines Tierchen sein darf. Nein, das ist ein großer Hund! Ihr werdet auch immer gesehen haben, kleine Knirpse sind nicht eingespannt vor den Fleischerwagen, sie sind auch nicht vor die Fleischerbude gesetzt.
Nun, solch einen Fleischerhund kann man vergleichen mit einem Menschen, der auf etwas achtzugeben hat. Man kann oft Tiere vergleichen mit den Menschen. Was die Tiere aus Instinkt zu tun haben, das müssen die Menschen oft aus Pflicht tun. Ähnliche Sachen müssen so die Menschen und die Tiere tun, und deshalb kann man sie auch vergleichen.
Wenn zum Beispiel ein Mensch auf etwas aufzupassen hat wie der Fleischerhund vor der Fleischerbude, dann wird der Mensch sich etwas angewöhnen. Wenn einer kommt und etwas nehmen will, so wird er ihn beim Kamm nehmen - ja, so sagt man, wenn man jemand aufmerksam macht, daß er etwas nicht tun darf; so sagt man. Man sagt: «Beim Kamm nehmen», wenn man den Betreffenden hält. Beim Menschen sind es die Haare, es ist nicht ein richtiger Kamm. Man nimmt ihn bei den Haaren. Das tut ihm weh, daher reißt er nicht aus; daher tut man das. Und solche Sachen sagt man nicht so geradewegs, denn wenn man geradewegs so sagt: «Ich nehme dich bei den Haaren», so klingt es zu wenig spaßig. Es muß immer im Leben ein wenig Spaßiges beigemischt sein, daher sagt man: «Beim Kamm nehmen». Der Mensch hat Haare;
der Mensch ist manchmal etwas frech. Der Hahn ist fast immer frech; er hat einen Kamm. Deshalb sagt man: «Ich nehme dich beim Kamm.» So könnte man sich schon ganz gut vorstellen, wenn zum Beispiel ein anderes freches Vieh kommt und will sich aus der Fleischerbude ein Stück Fleisch holen, da könnte der Fleischerhund sagen: «Ich nehme dich aber beim Kamm!» — Da hätte man einen ganz guten Vergleich gemacht zwischen dem Menschen und dem Hund.
Nun, ihr wißt, Kinder, es gibt auch noch andere Hunde, kleine, sie sind meist Faulenzer, elende Faulenzer! Sie liegen auf Kissen, sie liegen manchmal auch auf dem Schoß der Herrin. Kurz, es sind faule Kerle. Das sind die Polsterhündchen, die Schoßhündchen. So nützlich sind sie nicht wie der Fleischerhund. Der Fleischerhund, der dient zu etwas; die Polsterhündchen, die spielen nur, sind unnütz im Grunde. Aber der Fleischerhund wird, wenn irgend jemand etwas macht, was er nicht soll, ihn beim Kamm nehmen, das heißt ihn anfassen, packen und ordentlich durchschütteln. Das wird nützlich sein, denn das andere Tier wird dann das Fleisch nicht stehlen können. Das Polster- oder Schoßhündchen tut so etwas Nützliches nicht, das kläfft nur. Es kläfft jeden an, und namentlich, wenn andere große Hunde kommen, flugs ist das Schoßhündchen hinterher und kläfft und kläfft und kläfft. Aber Hunde, die bellen, die beißen nicht, so sagt das Sprichwort; so denken auch große Hunde, wenn sie vorbeigehen. Daher kann man auch sehen, wie große Hunde ganz gelassen vorbeigehen, die kleinen Kläffer kläffen lassen und sich denken: kläffende Hunde, die beißen nicht. — Mutig sind sie nicht, feig sind sie. Ein Fleischerhund muß immer schon Mut haben. Die Schoßhündchen, ja, die laufen nach und kläffen, aber wenn der andere sie anschaut, dann reißen sie gleich aus. Nun ja, seht ihr, diese Hündchen sind jedenfalls Faulenzer, machen nur Unnötiges auf der Welt und taugen zu nichts. Sie gleichen denjenigen Menschen, auf welche man nicht hören soll, wenn auch solche Menschen einen sehr oft ankläffen.
Diese Polsterhündchen sind ganz klein, der Fleischerhund ist groß. Nun gibt es aber auch so mittelgroße. So einer ist nicht so groß wie der Fleischerhund, aber er ist größer als der Schoßhund. Von solch mittlerer Größe ist der Schäferhund. Dieser Schäferhund muß das Vieh hüten. In manchen Gegenden ist das schwerer als bei uns. In manchen Gegenden, wie zum Beispiel in Rußland, da kommen die Wölfe. Und der Hund muß achtgeben, daß kein Wolf kommt oder ein anderes Tier; da muß er immer um die Herde herumlaufen. Daher hat sich die Gewohnheit gebildet, daß der Hund immer um die Herde herumläuft. Es ist ja auch bei uns gut, daß der Hund um die Herde herumläuft, denn der Hirt schläft oft, und da könnte etwas Böses kommen und etwas von der Herde wegholen. Deshalb läuft der Schäferhund herum und hütet die Herde. Auch wenn kein Wolf da ist, ist es gut, wenn der Schäferhund herumläuft und die Herde hütet, und manchmal auch den Hirten hütet und ihn aufweckt. Es könnte manchmal auch vorkommen, daß ein Hirte gestohlen würde, wenn er schläft.
Also ein Hirtenhund, ein Schäferhund ist ein taugliches Wesen, ein nützliches Tier. Man kann sie auch vergleichen mit Menschen, die recht zum Leben stehen, die nicht unnütz sind wie die Faulenzer, die Polsterhündchen, die Schoßhündchen. Ja, es gibt solches auch im menschlichen Leben, diesen Unterschied zwischen solchen Menschen, die sind wie der Schäferhund, und solchen, die sind wie der Fleischerhund. Nützlich sind sie beide, wenn auch die, wie der Fleischerhund, manchmal grob sind. Manchmal sind sie so, daß sie ganz das Richtige in kurzer, treffender Rede sagen; daß sie so das Gefühl haben, man muß etwas bewachen, etwas hüten, man muß den Feind abwehren. Man kann den Schäferhund auch vergleichen mit Menschen, die mehr still ihre Arbeit verrichten, aber abwarten müssen, bis gerade die schweren Dinge ihrer Arbeit eintreten. Der Schäferhund läuft herum. Lange hat er nicht zu tun, aber er muß sich bereithalten, dann stark zu sein, mutig zu sein, gerüstet zu sein, wenn der Wolf oder ein anderer Feind kommt, um im rechten Augenblick zuzufassen. So sind auch manche Menschen verpflichtet, zu warten und wachsam zu sein, bis sie aufgerufen werden. Da dürfen sie sich nicht durch allerlei Kleinlichkeiten des Lebens kleinlaut machen lassen, müssen gerüstet bleiben bis zu dem Augenblick, wo sie das Richtige zu tun haben.»
Sehen Sie, so würde ich mit Kindern sprechen, damit sie auf die Tierwelt in einem besonderen Fall hingewiesen werden und ihre Gedanken auf die Analogien zwischen Tieren und Menschen lenken. Wenn man so etwas besprochen hat, dann wird man das Folgende vorlesen können, ohne daß man nötig hat, hinterher Erklärungen dazu abzugeben. Wenn man folgende kleine Erzählung erst ohne Erklärung den Kindern geben würde, dann würden sie nicht die volle Vorbereitung haben, weil ihre Empfindungen und Gefühle nicht auf alles hingelenkt sind. Wenn man erst hinterher Erklärungen geben würde, würde man es pedantisch zerzausen, und sie würden es auch nicht richtig lesen können.
Der Schäferhund
Ein alter Hirtenhund, der seines Herrn Vieh treulich bewachte, ging abends heim. Da kläfften ihn die Polsterhündchen auf der Gasse an. Er trabt vor sich hin und sieht sich nicht um. Als er vor die Fleischbank kommt, fragt ihn ein Fleischerhund, wie er das Gebell leiden könne, und warum er nicht einen beim Kamm nehme. «Nein», sagte der Hir tenhund, «es zwackt und beißt mich ja keiner, ich muß meine Zähne für die Wölfe haben.»
Dann braucht man gar nichts mehr zu den Kindern zu sagen; man muß vorher vorbereiten, daß es die Kinder verstehen.
Ein anderes Mal sprechen Sie zu den Kindern das Folgende: «Meine lieben Kinder! Ihr seid schon öfter spazierengegangen, seid spazierengegangen auf der Wiese, zwischen den Feldern, aber auch im Wald, auch manchmal so am Rand, wo der Wald an die Wiese grenzt. Wenn ihr im Wald drinnen geht, dann geht ihr ganz im Schatten; aber wenn ihr so am Rande des Waldes geht, dann kann von der einen Seite auch noch recht scharf die Sonne scheinen. Dann könnt ihr, wenn an den Wald eine Wiese angrenzt, ganz ruhig betrachten, wie die Blumen wachsen. Es wird immer ganz gut für euch sein, wenn ihr besonders die Plätze aussucht für eure Spaziergänge, wo Wald und Wiese aneinander grenzen. Dann könnt ihr immer bald im Wald, bald auf der Wiese etwas aussuchen. Da könnt ihr immer von neuem betrachten, wie das Gras wächst, und wie die Pflanzen und die Blumen im Gras drinnen wachsen.
Aber seht, ganz besonders lieblich und angenehm ist es, wenn man nicht bloß durch den Wald und auf die Wiesen gehen kann, sondern wenn die Wiesen noch besonders zwischen Bergen gelegen sind, in Tälern. Auf solchen Wiesen findet man noch viel Interessanteres als auf Wiesen, die zuviel von der Sonne beschienen werden. Talwiesen, die von den Bergen beschützt werden, die haben sehr schöne Blumen, und diese Blumen, die wachsen sehr häufig so, daß man sie auch zwischen dem Moos sieht, das da ganz besonders wächst in solchen Wiesentälern. Besonders die Veilchen, die sind gerade dort, wo das Moos benachbart ist.»
Jetzt kann man dann weiter mit den Kindern von Moos und Veilchen sprechen, kann vielleicht ein Kind aufrufen, das Veilchen zu beschreiben, ein anderes, das das Moos besprechen soll. Man kann sogar versuchen, wenn es gerade welche gibt, an dem Tage Veilchen und Moos mitzubringen. Sie sind ja beide zu gleicher Zeit zu haben.
Dann fährt man etwa fort: «Aber seht mal, liebe Kinder, wenn ihr solch ein Wiesental in der Nähe habt, dann könnt ihr erleben, daß ihr hinausgeht, und ihr seht nur Moos. Ja, dann geht ihr in acht Tagen wieder hinaus. Was seht ihr dann? Im Moos die Veilchen! Ja, die sind erst herausgewachsen, die waren früher im Moos drin versteckt. Ihr merkt euch das. Und wenn ihr das nächste Jahr hinausgeht, dann könnt ihr noch eine größere Freude haben. Da denkt ihr: «Im Frühjahr waren hier noch keine Veilchen! Wir haben noch keine gesehen.» — Nun versucht ihr, das Moos auseinander zu machen. Aha, da ist das Veilchen darin!
Es ist in der Natur, meine lieben Kinder, oftmals gerade so, wie es unter den Menschen ist. Da ist oftmals auch manches Gute und manches Schöne verborgen. Mancher Mensch wird nicht bemerkt, weil das Gute in ihm versteckt ist, weil es noch nicht gefunden ist. Man muß sich ein Gefühl dafür aneignen, die guten Menschen unter der Menge herauszufinden.
Ja, seht, liebe Kinder, man kann noch weiter das menschliche Leben mit der Natur vergleichen. Denkt euch einmal selbst so ein ganz gutes Menschenkind, dann werdet ihr auch finden, daß ein solches Menschenkind auch immer ganz gute, brave Worte redet. Nun gibt es bescheidene Menschenkinder und unbescheidene Menschenkinder. Bescheidene Menschenkinder, die wird man weniger bemerken. Unbescheidene Menschenkinder, die werden aber bemerkt sein wollen.
Seht, das Veilchen ist ja recht schön, aber wenn ihr so dieses Veilchen anschaut, wie es seine ganz lieblichen Veilchenblätter so hinaufstrafft, so werdet ihr doch merken: das Veilchen will bemerkt werden, es will angeschaut werden. Ich kann das Veilchen nicht vergleichen mit einem bescheidenen Kindchen, das sich zurückzieht und in der Ecke bleibt. Ihr könntet es nur vergleichen mit einem Kinde, das eigentlich sehr gerne gesehen wird. Ja, aber es zeigt sich doch nicht, wenn es im Moos versteckt ist? Ja, seht ihr, wenn ihr das Veilchen so anseht zwischen den Blättern, wie das herauskommt, und das Ganze wieder da aus dem Moose herauskriecht, das ist doch gerade so, als wenn das Veilchen ja gar nicht bloß gesehen sein möchte, als wenn es nicht bloß sich riechen lassen möchte; das ist doch so, als wenn es sich suchen lassen möchte: «Ja, Ja, Ja, Ja, Ja, da bin ich schon! Aber suchen mußt du mich!» - Dieses Veilchen, das ist so etwas wie ein nicht ganz bescheidenes Menschenkind, aber auch so etwas wie ein schalkhaftes Menschenkind.»
Es ist ganz gut, wenn man mit den Kindern solche Parallelen, solche Analogien zwischen Natur und Menschenwesen durchspricht, damit sich alles, was in der Nähe des Kindes ist, belebt.
Es wird gut sein, alle solche Besprechungen mit den Kindern als Vorbereitung zu halten, um von den Kindern irgend etwas genießen zu lassen. Nach dem Lesestück sollen überhaupt Erklärungen nicht mehr gegeben werden. Nicht wahr, es wäre doch Unsinn, wenn ich anfangen wollte, Ihnen jetzt auf chinesisch etwas vorzutragen. Sie würden sagen: Na, das hat doch keinen Sinn; Chinesisch haben wir doch nicht gelernt. — Wenn Sie aber alle Chinesisch kennen würden, und ich zu Ihnen sprechen würde, würden Sie es höchst langweilig finden, wenn ich Ihnen hinterher alles erklären wollte. So soll man es aber auch mit einem Lesestück halten: alles tun, was es zum Genuß bringen kann.
Etwas ausführlicher, indem Sie die Kinder recht viel mittun lassen, reden Sie so über Bescheidenheit der Menschen und Unbescheidenheit und Koketterie, und dann lesen Sie ihnen vor:
Ei, was blüht so heimlich am Sonnenstrahl?
Das sind die lieben Veilchen, die blühn im stillen Tal,
Blühen so heimlich im Moose versteckt,
Drum haben auch wir Kinder kein Veilchen entdeckt. Und was steckt sein Köpfelein still empor?
Was lispelt aus dem Moose so leise, leis’ hervor?
«Suchet, so findet ihr! suchet mich doch!»
Ei, warte, Veilchen, warte! wir finden dich noch! Hoffmann von Fallersleben
Wenn Sie das Kind die Sprache des Gedichtes gelehrt haben, dann kann das Kind in allen Nuancen mitmachen, dann brauchen Sie nicht hinterher durch einen Kommentar und Pedanterie ihm den Eindruck zu verderben. Das ist es, was ich Ihnen zur Behandlung von Lesestücken empfehlen möchte, weil Sie dadurch die Gelegenheit haben, vieles mit den Kindern zu besprechen, was dem Schulunterricht überhaupt angehören soll, und weil Sie dem Kinde ungeteilte Befriedigung geben können in solchem Lesestücke. Das ist es also, was ich Ihnen mit Bezug auf die Behandlung des Lesestückes ans Herz legen möchte.
Jetzt wollen wir fortfahren in der Behandlung der Kindesseele. Ich habe Sie gestern gebeten, nachzudenken, wie man behandeln soll Frömmlinge, Brävlinge; Bravlinge, die sich durch ihre Scheinheiligkeit, Bravheit vordrängen, sich aber nicht zum Nutzen der Klasse ausleben.
Es folgen Ausführungen der Anwesenden.
Rudolf Steiner: Ich habe diese Frage besonders aus dem Grunde gestellt, weil es schwierig ist, zu unterscheiden zwischen schädlichen und nützlichen Brävlingen. Man muß beachten, ob man es mit solchen zu tun hat, die später wirklich einmal eine Rolle spielen. Die sind auch so. Sie sind nützliche Brävlinge, aber unbequem.
Da könnte man die Geschichte erzählen, wie der Esel zu seinen Ohren kam. Man kann auch schärfere Mittel anwenden gegen besondere Brävlinge. Man sollte sie aber nicht vor der Klasse bloßstellen und beschämen. Das wirkt zuviel. Man kann aber einem Streber übergroße Leistungen, zum Beispiel Stabübungen auferlegen und dann die Tatsachen sprechen lassen, so daß das Kind sieht, daß es die Leistung nicht erfüllen kann, und daß es das dem Lehrer sagen muß. Dadurch zeigt sich, ob das Streben echt ist.
Es geben noch andere Teilnehmer Darstellungen hierzu.
Rudolf Steiner faßt am Schluß folgendermaßen zusammen: Ja, im wesentlichen ist ja bei dieser Diskussion die Sache schon herausgekommen, um die es sich handelt.
Das erste wird sein, daß man versucht, sorgfältig festzustellen, ob es sich handelt um ein berechtigtes Hervortun der begabteren Schüler, die mehr leisten können. Bei diesen wird man darauf sehen, daß nicht die größere Begabung in ehrgeizigen Egoismus übergehe. Man wird versuchen, das, was sie mehr können, für die anderen fruchtbar zu machen. Einen solchen Brävling wird man im Sinne seines größeren Könnens etwas machen lassen, was den anderen zugute kommt, so daß er nicht nur für sich, sondern auch für die anderen mitarbeitet. Kann er besser rechnen, so läßt man ihn den anderen vorrechnen und die anderen sich an ihm hinaufranken. Wenn er dann vom Lehrer die Folge seiner Gesinnung erfährt, die sich so ausdrücken kann: «Der Müller ist ein guter Junge. Seht, der Müller, der kann ja recht viel. Solche Menschen können den anderen viel nützen. Und ich lobe euch nun alle dafür, daß ihr von dem Müller so viel gelernt habt.» — Also überleiten das Lob auf den einen in das Lob für alle!
Hat man solche richtige hervorragende Schülerbegabung abgesondert, und hat man die wirklichen Brävlinge, die immer existieren, ausgesondert, dann kennt man sie, und man wird sie fast immer durch Vereinigung von zwei Methoden zu behandeln haben.
Das erste wird sein, daß man mit ihnen, nicht vor der Klasse selber, sondern unter vier Augen reden wird. So daß sie einsehen, sie sind durchschaut. Man redet mit ihnen sehr eindringlich: «Ihr macht dieses, ihr macht das», und man charakterisiert auch diese Eigenschaften und legt nachher in diesem Falle die Sache auf die persönliche Note. «Ihr könnt das immer machen, ihr könnt das immer wieder und wieder machen. Ihr glaubt, das sei mir angenehm, ihr tut mir damit einen Gefallen? Nein, ich will das gar nicht haben. Es ist mir unangenehm!» Nicht vor der Klasse, aber unter vier Augen spricht man so zu ihnen. Das ist das eine. Man macht dem Schüler ganz klar, daß man ihn durchschaut.
Das andere ist dieses: Man stellt ihm Aufgaben, die ihm zu groß sind, und versucht, ihm klarzumachen, wenn er diese übergroßen Aufgaben lösen muß, so ist es deshalb, weil er sich hervortun will. Es ist schwerer für ihn, diese Eigenschaften zu bekämpfen, als übergroße Aufgaben zu lösen. Aber unangenehmer ist es für ihn, diese Aufgaben zu machen. Deshalb wird er sich bemühen. Wir müssen ihm sagen, daß er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich hervordrängt. Aber wenn er diese Eigenschaften bekämpft, wird er keine anderen Aufgaben machen müssen als die übrige Klasse.
Man kann aber namentlich die beiden Dinge für einen Schüler oder eine Schülerin zusammenkoppeln und wird dadurch, daß man ihm sagt, daß man ihn durchschaut, und ihm sagt, daß er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich vordrängt, durch das Zusammenkoppeln dieser beiden Sachen sicher viel erreichen. Sie werden sehen, daß Sie den Schüler nach einiger Zeit kuriert haben werden, wenn Sie diese Methoden anwenden.
Wir werden ja noch manche größere Aufgabe zu lösen haben in diesen Seminarstunden. Für morgen aber möchte ich noch eine ähnliche Aufgabe stellen, die mit der letzten etwas verwandt, aber doch wieder anders ist, und bei deren Behandlung auch die Eurythmie in Betracht zu ziehen ist. Verzeihen Sie, daß ich diese Aufgabe stelle, aber sie gehört in das Gebiet der Didaktik: Was hat man zu tun, wenn sich unter den Schülern oder Schülerinnen ein besonderer Schwarm entwickelt für den Lehrer oder die Lehrerin?
«Schwarm», versteht jemand das nicht? Wenn ein Schüler schwärmt für eine Lehrerin oder umgekehrt, eine Schülerin für einen Lehrer, oder eine Schülerin für eine Lehrerin oder ein Schüler für einen Lehrer. Es kommen ja alle diese betreffenden Nuancen vor. Dieses tatsächlich richtige Schwärmen, das sehr störend auf die Fortführung des Unterrichts wirken kann, dies bitte ich Sie zu bedenken, wie das zu behandeln ist.
Es muß schon in einem Grade vorhanden sein, daß es wirklich den Unterricht stört. Ich meine natürlich durchaus nicht das echte Respektieren, die richtige Achtung, und auch nicht ein richtiges Hinneigen in Liebe zur Lehrerin oder zum Lehrer, sondern eben dieses, was den Unterricht stört durch ein ungesundes Schwärmen, wie es ja häufig in den Klassen vorkommt.