Discussions with Teachers
GA 295 — 3 September 1919, Stuttgart
Zwölfte Seminarbesprechung
Sprechübungen:
Ketzerkrächzer petzten jetzt kläglich
Letztlich plötzlich leicht skeptisch
Rudolf Steiner: Erst dann sind die Dinge richtig, wenn man sie auswendig herschnurren kann. Bewußt jede Silbe sprechen!
Nur renn nimmer reuig
Gierig grinsend
Knoten knipsend
Pfänder knüpfend
Aus «Wir fanden einen Pfad» von Christian Morgenstern:
Wer vom Ziel nicht weiß,
Kann den Weg nicht haben,
Wird im selben Kreis
All sein Leben traben;
Kommt am Endehin,
Wo er hergerückt,
Hat der Menge Sinn
Nur noch mehr zerstückt. Wer vom Ziel nichts kennt,
Kann’s doch heut erfahren;
Wenn es ihn nur brennt
Nach dem Göttlich-Wahren;
Wenn in Eitelkeit
Er nicht ganz versunken
Und vom Wein der Zeit
Nicht bis oben trunken.
Rudolf Steiner: Die Nuancen, in denen die Strophen gelesen werden müssen, werden wir erst morgen nach Vorlesung der dritten Strophe ersehen können.
Einige Kursteilnehmer geben die als Aufgabe gestellte zusammenfassende Darstellung der bisher besprochenen Pflanzengeschichte.
Rudolf Steiner: Möglichst viele Beispiele geben! - Der Metamorphosegedanke und der Gedanke des Keimens ist für die Kinder unter vierzehn Jahren, besonders für Kinder von neun bis elf Jahren noch nicht verständlich.
Da ist noch etwas zu bemerken, was sehr wichtig ist. Sie haben ganz gewiß verfolgt, daß in der neueren Zeit von allen Seiten her die Frage erörtert worden ist über die sogenannte sexuelle Aufklärung der Kinder. Nun ist ja dabei alles mögliche pro und kontra angegeben worden. In der Hauptsache ergeben sich drei Fragen.
Es ist in Betracht zu ziehen: Wer soll die sexuelle Aufklärung geben? Wer sich im Ernst mit aller Verantwortung des Erziehers in die Schule hineindenkt, der wird bald merken, daß es außerordentlich schwer ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich glaube, Sie würden alle nicht gern zwölf- bis vierzehnjährigen Rangen und Ranginnen sexuelle Aufklärung geben.
Zweitens handelt es sich darum: Wie soll man die Aufklärung geben? Auch das ist nicht so ganz leicht, wie man zu Werke gehen soll.
Drittens handelt es sich darum: Wo soll man sie geben? Wo soll man sie anbringen? Beim naturwissenschaftlichen Unterricht und so weiter?
Wenn man den Unterricht nach richtigen pädagogisch-didaktischen Grundsätzen erteilen würde, so würde die Sache sich ganz von selbst ergeben. Wenn Sie so vorgehen, daß Sie den Kindern den Wachstumsvorgang in Zusammenhang mit Licht, Luft, Wasser, Erde und so weiter erklären, dann nimmt das Kind solche Begriffe auf, daß Sie langsam bei den Pflanzen übergehen können zum Befruchtungsvorgang, und dann bei den Tieren und beim Menschen. Aber Sie müßten im großen die Sache betrachten, die Pflanzen entstehen lassen an Licht, Wasser, Erde, kurz, jene Vorstellungen vorbereiten, die überhaupt den komplizierten Wachstums- und Befruchtungsvorgang vorstellungsgemäß beim Kinde veranlagen. Daß so viel geschwätzt wurde über die sexuelle Aufklärung, ist ein Beweis dafür, daß die Methoden des Unterrichtes heute nicht in Ordnung sind, sonst würde man die Elemente schon ganz früh geschaffen haben aus solchen keuschen, reinen Vorstellungen heraus wie den Erklärungen des Wachstumsvorganges im Zusammenhang mit Licht, Luft, Wasser und so weiter.
M. macht geographische Ausführungen über Gegenden am mittleren und unteren Rhein.
Rudolf Steiner: Beim Kartenzeichnen sollte man die Gebirge braun, die Flüsse blau zeichnen. Den Fluß sollte man immer seinem Lauf gemäß vom Ursprung an zeichnen, nie von der Mündung aus. Eine Karte für die Bodenverhältnisse und die Naturgrundlage, Kohle, Eisen, Gold, Silber; dann eine zweite für die Städte, die Industrie und so weiter.
Ich mache darauf aufmerksam, daß es wichtig ist, eine Auswahl zu treffen und so zu gliedern, daß man öfter einmal zurückkommt auf dieses Gebiet. Auch ist die Art des Vortrages da recht wichtig. Versuchen Sie, sich recht in den Stoff hineinzulegen, so daß das Kind immer das Gefühl hat, man schildert, sich absolut hineinlebend, wenn man Industrie schildert, immer so, als wenn man selber dort arbeitete. Beim Bergbau wieder so und so weiter. Möglichst lebendig! Je lebendiger man schildert, um so mehr arbeiten die Kinder da mit.
T. entwickelt die Flächenberechnung, ausgehend vom Quadrat und übergehend zum Rechteck, Parallelogramm, Trapez, Dreieck.
Rudolf Steiner: Es ist schwierig, dem Kinde beizubringen, was ein Winkel wirklich ist. Könnten Sie eine Methode bringen, um dem Kinde das zu zeigen? Vielleicht erinnern Sie sich, wie schwer es Ihnen geworden ist, das zu unterscheiden, ganz abgesehen davon, daß es Herrschaften hier geben könnte, die noch nicht wissen, was ein Winkel wirklich ist.
Auf diese Weise werden Sie dem Kinde beibringen, was ein großer und ein kleiner Winkel ist, indem Sie zuerst Winkel zeichnen, wobei Sie die Schenkel einmal groß, einmal klein machen. Welcher Winkel ist größer? — Sie sind beide gleich groß!

Dann lassen Sie zwei Kinder zweimal gleichzeitig von demselben Punkte aus laufen und machen ihnen klar, daß sie das erste Mal unter einem großen, das zweite Mal unter einem kleinen Winkel gelaufen sind. Wenn sie unter einem kleinen Winkel gelaufen sind, so sind ihre Wege näher beieinander; wenn unter einem großen, sind sie weiter auseinander. Auch beim Ellbogen läßt sich das zeigen.

Es ist gut, daß schon vorher eine Vorstellung vom großen und kleinen Winkel da ist, ehe man beginnt, durch den Kreis den Winkel zu messen.
T. spricht weiter über die Verwandlung eines Parallelogramms in ein Rechteck, um klarzumachen, daß die Fläche gleich Grundlinie mal Höhe ist.
Rudolf Steiner: Man kann schon so vorgehen. Aber wenn Sie die ganze Überlegung bis morgen noch einmal auf einen etwas anderen Boden bringen, so würde sich vielleicht doch empfehlen, darüber nachzudenken, ob man nicht den Begriff der Fläche als solcher und den der Größe der Fläche dem Kinde auf irgendeine Weise rationell beibringen könnte. Das Kind kennt die Figur des Quadrates, und Sie wollen jetzt dem Kinde beibringen, daß das eine Fläche ist und daß die Fläche gröRer und kleiner sein könnte.
Zweitens: Denken Sie bis morgen nach, wie Sie den Kindern Aufgaben stellen würden, wo sie das Rechnen, ohne Zahlen zu schreiben, ausführen könnten, was man sonst immer Kopfrechnen genannt hat.
Denken Sie einmal, Sie würden dem Kinde die Aufgabe stellen: Von irgendwo geht ein Bote ab, der macht so und so viele Meilen, und weit hinterher geht ein anderer Bote ab, der geht nicht, sondern der fährt mit dem Fahrrad, der macht so und so viele Meilen. Wann hat der Bote mit dem Fahrrad den gehenden Boten eingeholt? Dieses ist so zu behandeln, daß die Kinder eine gewisse Geistesgegenwart entwickeln im Ergreifen von Situationen und im Überblicken von Situationen.