The Genius of Language
GA 299 — 26 December 1919, Stuttgart
Erster Vortrag
Einige der Freunde haben mich veranlaßt, zu Ihnen während dieses Aufenthaltes auch einiges über Sprachliches zu sprechen. Noch mehr als bei den naturwissenschaftlichen Kursen muß ich sagen, kann selbstverständlich bei einer so plötzlich auftretenden Absicht dasjenige, was in diesen paar Stunden zu Ihnen gesprochen werden kann, nur ganz episodisch sein. Noch mehr als die naturwissenschaftlichen Betrachtungen müssen diese Sprachbetrachtungen mit einer gewissen Nachsicht genommen werden, weil sie durchaus eine improvisierte Sache sind. Es kann sich also nur darum handeln, einige Hinweise zu geben, die besonders auch nützlich werden könnten für unseren Unterricht in der Waldorfschule, für den Unterricht überhaupt.
Vielleicht kann dasjenige, was ungefähr beabsichtigt worden ist, am besten erreicht werden, wenn wir das eine oder andere an eine Art geschichtlicher Betrachtung der Sprache angliedern. Daher bitte ich Sie, was ich heute sagen werde, als eine lose Zusammenfügung von allerlei Bemerkungen aufzufassen, die als Einleitung dienen sollen für dasjenige, was wir in diesen paar Stunden miteinander behandeln werden.
Es ist ja wohl gerade an der deutschen Sprache zu beobachten, wie sich in der Sprache eines Volkes durch die Entwickelung dieser Sprache auch die Entwickelung des Seelenlebens selber ausdrückt. Nur muß man sich klar darüber sein, daß nicht in jedem Zeitabschnitt der Mensch zu der Sprache im gleichen Verhältnis steht wie in einem anderen Zeitabschnitt. Je weiter wir zurückgehen in der Entwickelungsgeschichte eines Volkes, desto lebendiger finden wir in gewisser Beziehung alles das, was an Kräften der menschlichen Seele und auch an Biegsamkeitskräften des menschlichen Leibes mit der Sprache zusammenhängt. Ich habe das ja selbst des öfteren empfunden. Wenn Sie meine Bücher durchgehen, so werden Sie das ganz bewußte Bestreben finden, selbst bei philosophischen Themen möglichst in deutscher Sprache zu sprechen. Das wird mir ja gerade übelgenommen von manchen Gegnern, die dann nicht anders können als gegen das zu wettern, was in bewußter Art gerade in diesen Büchern für die Sprache angestrebt wird. Es ist heute schon im Deutschen außerordentlich schwierig, gewissermaßen noch innere lebendige Kräfte zu finden, welche die Sprache weitergestalten. Namentlich ist es schwierig, Sinnangliederungen zu finden, also einen gewissen Sinn in einer völlig adäquaten Weise dadurch auszudrücken, daß man versucht, irgendein Wort aufzunehmen, wie ich es zum Beispiel versucht habe mit dem Worte kraften, ein Wort, das sonst in der deutschen Sprache weniger gebraucht wird. Da versuchte ich, in Aktivität zu versetzen, was sonst nur mehr passiv ausgedrückt wird. Auch mit anderen Wörtern habe ich dergleichen versucht; aber trotzdem wir nur um ein Jahrhundert hinter Goethe liegen, wird es uns heute schon schwer, so weitgehende neue Wörter zu prägen, die prägnant Dinge ausdrücken, welche wir als neue Gedanken der Zeitentwickelung einzuverleiben versuchen. Wir denken nicht daran, daß zum Beispiel das Wort Bildung nicht älter ist als die Goethe-Zeit! Vor der Goethe-Zeit gab es in Deutschland noch keinen gebildeten Menschen, das heißt man sagte zu dem, was man da meinte, noch nicht ein gebildeter Mensch. Die deutsche Sprache hatte noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine starke innere plastische Kraft, und so konnten solche Worte, wie Bildung oder gar Weltanschauung, das auch erst seit der Goethe-Zeit auftritt, noch gebildet werden. Es ist ein großes Glück, in einem Sprachzusammenhang zu leben, der solche innere Bildung noch zuläßt. Man merkt das ja insbesondere stark, wenn man zum Beispiel in der Lage ist, immerfort von der Übersetzung seiner Bücher ins Französische oder Englische oder in andere Sprachen einiges zu hören. Da übersetzen die Leute im Schweiße ihres Angesichts, so gut sie es können; aber immer, wenn einer etwas übersetzt hat, findet es der andere spottschlecht, keiner findet die Übersetzung gut. Und wenn man auf die Sachen eingeht, so kommt man darauf, daß vieles, wie es da in den Büchern steht, in der Übersetzung so nicht gesagt werden kann. Ich antworte dann den Leuten: Im Deutschen ist alles richtig; man kann das Subjekt an erster, an zweiter, an dritter Stelle setzen, da ist mehr oder weniger noch alles richtig. - Und die pedantische, philiströse Einrichtung, daß etwas nicht gesagt werden kann im Absoluten, ist im Deutschen noch nicht so vorhanden wie bei den westlichen Sprachen. Aber denken Sie, wohin man gekommen ist, wenn man an eine stereotype Ausdrucksweise gebunden ist! Man kann da noch nicht individuell denken, sondern eigentlich nur im Gruppengeist Dinge denken, die man den anderen Menschen mitteilen will. Das ist auch für die Bevölkerung der westlichen Zivilisationen in hohem Grade der Fall; sie denken in stereotypen Ausdrucksformen. Sehen Sie, gerade an der deutschen Sprache kann man Beobachtungen machen, wie dasjenige, was ich den Sprachgenius nennen möchte, allmählich versteift ist, wie man in unserer Zeit sich auch schon mit dem Deutschen dem Stadium nähert, wo man nicht mehr aus den stereotypen Formen herauskann. Das war in der Goethe-Zeit nicht so, und noch weniger so in noch früheren Zeiten. Und das hängt wohl zusammen mit der gesamten Sprachentwickelung Mitteleuropas.
In verhältnismäßig noch junger Zeit war Mitteleuropa bis weit nach dem Osten hin bewohnt von einer primitiven Bevölkerung, von einer Bevölkerung mit großen geistigen Anlagen, aber mit einer relativ primitiven äußeren Kultur, mit einer Kultur, welche mehr oder weniger streng aufging im Wirtschaftsleben und in alldem, was sich aus diesem entwickeln ließ. Und es wurde aufgenommen zunächst auf dem Umwege über die östlich-germanischen Volksstämme vieles von der geistigen Kultur der Griechen. Damit ist aber in das Germanische, das später das Deutsche geworden ist, vieles von dem Griechischen in die Sprache Mitteleuropas eingedrungen. Da ist durch die ganzen Jahrhunderte, in denen das Christentum sich ausbreitete von Süden nach Norden, mit den Begriffen, mit den Ideen, mit den Vorstellungen ungeheuer viel sprachliches Gut eingezogen. Die verschiedenen germanischen Stämme Mitteleuropas hatten für die wichtigsten Begriffe, die sie mit dem Christentum übermittelt erhalten sollten, wahrhaftig nicht die Möglichkeit, diese aus ihrer Sprache heraus auszudrücken. Selbst dasjenige, was uns überliefert ist, sagt uns da nicht immer das Wahre. So gehört zum Beispiel, was man das Segnen nennt, im wesentlichen zu dem, was sich mit dem Christentum ausgebreitet hat. Dieser spezifische Begriff des Segnens, der war im nordisch-germanischen Heidentum nicht vorhanden. Wir haben zwar da die Zaubersprüche, allein die hatten etwas Magisches, hatten eine magische Kraft in sich; das war nicht eigentliches Segnen. Dieses Segnen ist etwas, was im Grunde erst durch das Christentum eingezogen ist; und dieses Segnen hängt zusammen mit dem Substantiv der Segen. Das ist eine in alten Zeiten unter dem Einfluß des Christentums hereingenommene Wortbildung. Und diese Wortbildung ist signum = das Zeichen, so daß also mit dem Christentum das Wort signum eingezogen ist und daraus der Segen und auch das Segnen geworden ist. Nun bitte ich Sie zu beachten, welche sprachbildende Kraft dazumal noch der Sprachgenius gehabt hat! Wir würden heute nicht mehr imstande sein, ein Fremdwort so innerlich umzubilden und umzubiegen, daß aus signum Segen wird. Wir würden das Fremdwort vielmehr als Fremdwort behalten, weil nicht mehr aus den Tiefen heraufdringt die aus dem Inneren heraus schöpfende, sprachumbildende Kraft. Bei vielen Wörtern, die man heute schon als ganz gut deutsch empfindet, muß man sich klar sein, daß sie nichts anderes sind als Eindringlinge, die mit dem Christentum gekommen sind. Nehmen wir das Wort predigen. Predigen ist nichts anderes als praedicare. Man hatte noch die Möglichkeit, das praedicare innerlich umzubilden. Predigen ist gar kein deutsches Wort, sondern nur die Umbildung des Wortes praedicare, was ja auch predigen bedeutet; aber wir haben ein eigentlich deutsches Wort für diese christliche Tätigkeit des Predigens nicht.
So ist es notwendig, daß, wenn wir die eigentliche sprachbildende Kraft der deutschen Sprache kennenlernen wollen, wir erst unsere Sprache durch ein Sieb treiben müssen. Wir müssen gewissermaßen alles das absondern, was auf dem Umwege durch die Kulturströmungen, die in unsere mitteleuropäische Kultur sich ergossen haben, in die Sprache gekommen ist. Bei manchen Wörtern merken Sie es eigentlich wirklich nicht mehr. Sie sprechen vom Weihnachtsfest, empfinden das Fest. Weihnacht ist ein urdeutsches Wort, aber Fest ist ein romanisches, ein lateinisches Wort, welches in alter Zeit zu einem deutschen geworden ist. Fest, das führt in die Zeit zurück, wo auf der einen Seite, eben mit dem Eindringen des Christentums, wirklich Fremdestes eingedrungen ist, wo aber zu gleicher Zeit dieses so umgebildet worden ist, daß wir heute gar nicht mehr die Empfindung haben, daß es ein Fremdwort sei. Wer denkt heute in aller deutschen Welt daran, daß das Wort verdammen ein lateinisches Wort ist, das zu einem deutschen geworden ist von damnare. Also wir müssen sehr sieben, wenn wir auf dasjenige kommen wollen, was eigentlich nun wirklich deutsche Sprache ist; denn vieles ist eben mit dem Christentum eingetreten; vieles ist wiederum eingetreten dadurch, daß aus dem Christentum sich das Schulwesen herausgebildet hat. Den Lehrstoff in diesem Schulwesen nahm man so auf, wie man ihn im Süden, in der griechisch-lateinischen Kultur hatte. Und man fand keine Wörter vor für dasjenige, was man mitteilen sollte. Man mußte mit den Begriffen zu gleicher Zeit die Wörter bringen. Das geschah zuerst in den Lateinschulen, verpflanzte sich aber hinunter auch in die niederen Schulen; und so haben wir dasjenige, was heute die Grundlage für unsere Bildung macht, die Schule selbst, als ein Fremdwort. Denn Schule ist auch kein deutsches Wort, so wenig wie Scholastik ein deutsches Wort ist. Schola, althochdeutsch scola, die Schule, ist also ein fremdes Wort. Und Klasse ist erst recht ein fremdes Wort. Ja, man braucht nur hinzuschauen, wohin man will: Tafel ist ein fremdes Wort - tabula; schreiben ist ein fremdes Wort scribere. Also gerade alles das, was in die Schule eingedrungen ist, ist eigentlich damit, daß wir den Schulstoff vom Süden her erhalten haben, der romanisch ist, in unsere Sprache von außen hereingedrungen.
Damit haben wir gewissermaßen die eine Schicht dessen, was wir absieben müssen aus dem Deutschen, wenn wir den eigentlichen Charakter des deutschen Sprachwesens studieren wollen. Da müssen wir fast alle ausgesprochen fremden Wörter herausgesiebt haben. Denn die drücken nicht das aus, was aus der deutschen Volksseele kommt, sondern die sind hineinergossen in das Wesen der deutschen Volksseele; sie bilden gewissermaßen eine Art Firnis auf dem deutschen Wesen. Wir müssen das suchen, was unter diesem Firnis ist. Suchen wir zum Beispiel beim Schulwesen nach demjenigen, was unter dem Firnis ist, so bekommen wir verhältnismäßig wenig, aber sehr Charakteristisches. Zum Beispiel ein urdeutsches Wort ist das Wort Lehrer; ein urdeutsches Wort ist auch das Wort Buchstabe, wovon dann Buch kommt. Es ist von den hingeworfenen Stäben, welche die Worte gebildet haben, gekommen durch die alte Sitte, durch hingeworfene Buchenstäbe die Buchstaben auszudrücken, woraus dann das Zusammenlesen, also das Lesen gekommen ist, und der Leser, der zum Lehrer geworden ist. Das sind urdeutsche Bildungen. Aber Sie sehen, die tragen einen ganz anderen Charakter, die führen uns überall zurück auch auf das Seelenleben, das in Mitteleuropa geführt worden ist.
So stießen zusammen das alte heidnische Wesen und das christliche Wesen, und mit diesen beiden Wesen stießen eben auch die zwei Sprachelemente, das südliche und das mehr nordische, durchaus zusammen. Sie können sich vorstellen, welche starke umbildende Seelenkraft im 1. Jahrtausend nach dem Mysterium von Golgatha in der deutschen Sprache gewesen sein muß, daß sie so stark, wie sie das getan hat, das Christentum aufgenommen hat, und daß sie zu gleicher Zeit mit dem Christentum die Wörter aufnehmen konnte, die die wesentlichsten Geheimnisse des Christentums ausdrückten.
Nun haben wir aber damit nur eine Schicht gegeben. Wir kommen in sehr frühe Zeiten zurück, in die Zeiten, die noch mit der Völkerwanderungszeit etwas zusammenhängen, wenn wir diese eine Schicht des in das Deutsche eindringenden romanischen Sprachelementes aufsuchen. Aber auch später hat das romanische Wesen einen großen Einfluß auf das Deutsche ausgeübt. Und so sehen wir, wie durch die verschiedensten Ereignisse eine zweite Schicht mehr vom Westen, vom romanischen Spracheinfluß herüberkommt. Im 12. Jahrhundert beginnt es und dauert bis ins 18. Jahrhundert hinein, daß fortwährend französische Wörter aufgenommen werden, französische Wörter für Dinge, für die man zwar Begriff und Empfindung hat, aber durch die man gewisse Begriffe und Empfindungen modifiziert. Ich habe mir eine Anzahl von diesen Wörtern notiert; meine Notizen machen aber auf Vollständigkeit keinen Anspruch, weil sie gewissermaßen, da ja die ganzen Vorträge improvisiert sind, aus dem Gedächtnis hingeschrieben sind. Ich habe versucht, gerade urdeutsch scheinende Worte zu nehmen. Nehmen Sie zum Beispiel das Wort fein. Fein ist ein Wort, das Sie vor dem 12. Jahrhundert nicht finden. Es ist über fir aus dem Französischen herübergekommen. Sie sehen daraus, wie im 13. Jahrhundert die sprachbildende Kraft noch so groß gewesen ist, daß ein Wort umgebildet werden konnte so stark, daß man es heute als durchaus deutsches Wort empfindet. Selbst ein solches Wort wie Kumpan, das sehr populär geworden ist, es ist nur die Umbildung von compagnon; und ein Wort, das uns heute sehr häufig begegnet, Partei, gehört zu denjenigen Worten, die dazumal eingewandert sind. Tanz ist dazumal ins Deutsche hereingekommen. Das sind alles Wörter, die erst seit dem 12. Jahrhundert im Deutschen sind und die bei dieser zweiten Invasion, bei der, die ich speziell die französische nennen möchte, hereingekommen sind: Schach, matt, Karte, As, Treff, kaputt - alles Wörter, die dazumal in unsere Sprache eingedrungen sind. Etwas sehr Merkwürdiges ist dieses, daß wir unzählige, wenigstens sehr, sehr viele solcher Wörter haben, die vom 12. Jahrhundert an durch das 13., 14., 15., 16. Jahrhundert von Frankreich her, vom Westen her, in das Deutsche eingedrungen sind. Es sind durchaus Wörter, welche viel dazu beitrugen, daß innerhalb des Sprachlichen ein leichtes Element, ein legeres Element, das früher viel schwerere des deutschen Sprechens durchdrang. Die Sprache, die vorher in deutschen Gegenden gesprochen worden ist, hatte etwas vie] Volleres; und Sie werden sehen, wie man mit ihr solche Dinge nicht leicht hätte ausdrücken können. Man hätte leicht ausdrücken können: Du bist ein kühner Held. Das ließ sich in der alten deutschen Sprache leicht ausdrücken. Nicht aber: Du bist ein feiner Kerl -, das ließ sich in derselben Nuance nicht ausdrücken wie heute; dazu braucht man eben das Wort fein. Ebensowenig wären andere Dinge möglich geworden, wenn nicht diese Invasion durch das Französische gekommen wäre.
Merkwürdig wenig ist gerade in die nördlicheren Gegenden von Italien her gekommen. Zur Zeit der Renaissance manches, was Bezug hat auf Musikalisches, aber sonst eigentlich nichts. Dagegen kommt auf dem Umwege über Süddeutschland und Österreich später eine dritte Art von Invasion — wenn auch nicht so stark — von Worten wie bizarr. Damals ist sogar das Wort lila erst gekommen; das hat es früher nicht gegeben. Diese Worte kamen zu gleicher Zeit mit dem Worte Neger und dem Worte Tomate. Das ist alles aus Spanien bezogen. Damit aber haben wir zu gleicher Zeit eine Phase des Eindringens fremder Sprachelemente, bei der man schon sehen kann: Der Sprachgenius ist nicht mehr so biegsam. Diese Wörter sehen ihren ursprünglichen Wörtern viel ähnlicher. Und am ungünstigsten ist die Sache später geworden, als die Deutschen dazu gekommen sind, das Englische eindringen zu lassen, eigentlich erst im späten 18. Jahrhundert und dann im 19. Jahrhundert. Da sind vorzugsweise die Wörter für das äußere Leben eingedrungen; aber sie sind fast so geblieben, wie sie im Englischen sind. Da hatte schon der deutsche Sprachgenius die Möglichkeit des Umbildens, des innerlichen Aufnehmens verloren.
So habe ich versucht, Sie aufmerksam zu machen, wie, wenn man in alte Zeiten zurückgeht, die Fähigkeit des Aufnehmens, des Umbildens gerade beim germanisch-deutschen Elemente außerordentlich stark vorhanden ist. Nehmen Sie -— ich will Ihnen dies noch kräftig erhärten - zum Beispiel ein so deutsches Wort, daß man eigentlich, auch wenn man bewandert ist in dem Empfinden der Dialekte, gar nicht zweifeln kann an der Echtheit des betreffenden Wortes: Sie kennen vielleicht das Wort Riegelwand für Fachwerkwand. Riegel urdeutsch wird es auf die Zunge genommen und ausgesprochen. Und dennoch, dieses Wort ist in dem deutschen Sprachgebiet nicht länger als seit der Zeit, seit welcher italienisch-lateinisch gebildete Architekten mit solchem Material gebaut haben, das dann später Veranlassung gegeben hat, Riegelwände auszubilden. In sehr alten Zeiten wurde in anderer Weise gebaut, und diese Architekten hatten für die Art ihres Arbeitens das Wort regula, die Regel, eingeführt; und in dieser Zeit war der sprachbildende Geist noch so stark, das Wort regula in das Wort Riegel umzubilden. Wer aber weiß denn heute, daß dieses urdeutsch scheinende Wort Riegel nichts anderes ist als Regel, regula! Wir wären heute nicht mehr imstande, solche Umbildungen zu machen. Wir halten auch Keller, den Keller unten, für ein urdeutsches Wort, und doch ist es nichts anderes als die Umbildung von cellarium. Ich will Ihnen noch ein ganz urdeutsch aussehendes Wort anführen, damit Sie sehen, wie brenzlig es hätte werden können, wenn man begonnen hätte, nach gewissen Tendenzen, wie sie vor einiger Zeit vorhanden waren, alle Fremdwörter auszumerzen. Hätte man das getan, Riegel wäre gefallen, Keller wäre gefallen; aber wissen Sie, was auch hätte fallen müssen? Das Wort Schuster hätte fallen müssen! Schuster, dieses Wort ist nämlich in die deutsche Sprache dadurch gekommen, daß Leute aus dem Süden gekommen sind, die die Deutschen gelehrt haben, die Fußbekleidung anstatt wie früher bloß zusammenzubinden, nun zu nähen. Und mit dem Nähen der Fußbekleidung hängt das Wort sutor zusammen; dieses Wort umgebildet, ist das heutige deutsche Wort Schuster geworden. Also durchaus ein fremdes Wort ist das heutige Wort Schuster.
Sie sehen daraus, wie wir eigentlich stark sieben müssen, wenn wir zu ursprünglich deutschen Wörtern kommen wollen. Wir dürfen nicht einfach dasjenige nehmen, was heute an der Oberfläche der Sprache schwimmt, denn das folgt ganz anderen Gesetzen. Wenn wir zurückgehen wollen auf das, was aus dem Sprachgenius heraus sprachschöpferisch war, dann müssen wir eben zuerst sieben. In einer merkwürdigen Weise geht das sprachbildende Element vor. Und man sieht das am besten, wenn man darauf achtet, wie in die Sprache herein noch Dinge geführt werden können, ich möchte sagen, durch eine gewisse Tyrannis von unten Dinge hineingeführt werden können, auch in einer Zeit, wo der sprachbildende Genius nicht mehr seine volle Tragkraft hat. Da ist zum Beispiel vor verhältnismäßig noch gar nicht langer Zeit folgendes in Europa geschehen: Es gibt in der Nähe von Raab einen Ort, der heißt Kocs. Und - ich glaube, es war im 16. Jahrhundert — da ist ein erfinderischer Mensch aus diesem kleinen Orte bei Raab darauf gekommen, handliche Karren zu fertigen, mit denen sich leicht fahren läßt; diese haben sich ein bißchen ausgebreitet und haben den Ort Kocs populär gemacht. So wie die «Frankfurter Würste» bekannt sind, wie man eben gewisse Würste «Frankfurter Würste» nennt, so hat man solche Karren Kocsi genannt. Und sehen Sie, das hat eine solche Tragkraft gehabt, daß das Wort, das daraus entstanden ist, das Wort Kutsche, sogar bis nach Frankreich und zu den stolzen Engländern gegangen ist! Und doch ist dieses Wort noch gar nicht alt, sondern hat sich in verhältnismäßig sehr junger Zeit mit einer gewissen tyrannischen Gewalt von dem Karrenfahrer in Kocs her ausgebreitet.
Also seien wir uns darüber klar: Wenn wir eine fertige Sprache vor uns haben, dann müssen wir gerade an der Sprache, um zu dem innerlichen Kern vorzudringen, sehr viel Außenwerk wegnehmen. Dann aber müssen wir folgendes sagen, wenn wir zum Kern vordringen: dieser Kern zeigt uns allerdings, daß er mit innerlicher sprachbildender Kraft nur entstehen konnte in einer Zeit, in der die Gedanken noch viel tiefer saßen, als sie zum Beispiel heute innerhalb der deutschen Kultur sitzen. Die Gedanken müssen dazu noch viel näher dem ganzen Wesen des Menschen stehen. Wir fühlen heute nicht mehr die Kraft, die wir im Gedanken fühlen, auch noch im Worte drinnen. Wir fühlen sie manchmal, wenn wir zurückgehen zu den Dialekten, die wiederum um Stufen tiefer stehen. Wir sagen heute in der gebildeten Umgangssprache Blitz, um etwas Kurzes auszudrücken. In gewissen süddeutschen Dialekten sagt man noch Himlizzer. Wenn man das sagt, dann haben Sie die ganze Blitzform darinnen! Da ist noch Anschauung des in der Natur Geformten drinnen. Kurz, man kommt in den Dialekten noch zurück auf Wortformen, in denen man in der Wortform dasjenige nachfühlt, was draußen in der Natur vor sich geht. So ist es aber bei den Kernen der Sprachen durchaus der Fall. Da steht das begriffliche, das ideelle Moment viel näher noch dem lautlichen Element. Und gerade am Deutschen kann man an der Sprachgeschichte verfolgen, wie in älteren Zeiten das Hineinsenken des Sinnes in den Laut noch gang und gäbe war, und wie dann die Sache abstrakt geworden ist. Solchen Worten wie Tag, das ein urdeutsches Wort ist, fühlt derjenige, der (T) und (A) empfinden kann — Sie können es insbesondere aus der Eurythmie fühlen —, noch an, was ich nennen möchte: das Hineindringen des Sinnes in den Laut. Später traten dann Wörter auf, Ideen, deren abstrakter Sinn in das Wort hineingenommen wurde. Sehen wir den Eigennamen Leberecht an. Man nennt ein Kind Leberecht, um ihm als Geleite mitzugeben, daß es recht leben solle, daß es nicht abirren solle. Oder Traugott. Als solche Wörter gebildet wurden, war noch ein gewisses sprachbildendes Element da, aber abstrakt, nicht ursprünglich.
Das wollte ich Ihnen heute als Einleitung sagen, damit wir dann zu Konkreterem fortschreiten können.