The Genius of Language

GA 299 — 28 December 1919, Stuttgart

Zweiter Vortrag

Auch heute möchte ich wiederum ein paar Worte vorausschicken, wie ich das schon vor dem ersten Vortrag getan habe. Ich bitte Sie durchaus, an diese paar Stunden, die ich dieser Angelegenheit hier widmen kann, nicht zu große Hoffnungen zu knüpfen; zunächst nicht inhaltlich. Es wird ja auf der anderen Seite bedeutungsvoll sein, eine Anregung in dieser Sache zu geben. Aber bei der improvisierten Art, wie das hier zustande gekommen ist, kann es sich bei dem, was hier über die Sprachentwickelung gesagt werden soll, wirklich auch um nichts anderes handeln als um einige improvisierte Dinge. Und wir werden vielleicht nur aus der Art und Weise, die ich in den Besprechungen einhalten werde, eine Richtschnur empfangen. Ich werde mich an nichts Gebräuchliches halten, sondern versuchen, Sie auf mancherlei hinzuweisen, das wichtig werden wird für eine organische Betrachtung des sprachlichen Lebens.

Im ersten Vortrag habe ich darauf hingewiesen, wie gerade unsere deutsche Sprache eine Entwickelung dadurch durchgemacht hat, daß ihr Wortbestand gewissermaßen Invasionen erfahren hat. Wir haben auf eine solche bedeutungsvolle große Invasion verweisen können: auf diejenige, die mit dem Einströmen des Christentums in die nordischen Kulturen gekommen ist mit alldem, was sich an dieses Einströmen des Christentums angeschlossen hat. Das Christentum hat ja nicht bloß eben seinen Inhalt gebracht, sondern diesen Inhalt in Wortbildern gebracht. Und so wenig auch, nur äußerlich genommen, in den Volksreligionen der nord- und mitteleuropäischen Bevölkerung etwas war von dem, was das Christentum brachte, ebensowenig war die Möglichkeit da, mit dem Wortbestand der Leute Nord- und Mitteleuropas das Christentum aufzufassen. Daher wurden von seinen Trägern mit dem Christentum zugleich die christlichen Vorstellungen und christlichen Empfindungen und alles das, was die Wortkleider sind, gebracht. Wir haben ja eine Summe von solchen Dingen angeführt, die gewissermaßen auf den Flügeln des Christentums sprachlich nach Norden getragen worden sind. Dann aber ist auch alles das, was die Schule betrifft, mit einer von Süden nach Norden gehenden Strömung gekommen. Wörter, die sich auf Schulmäßiges beziehen, wie Schule und Tafel und so weiter - außer etwa Lesen oder Buchstabe oder Lehrer -, sind vom Süden heraufgekommen, sind eigentlich romanisch-lateinischen Ursprunges und sind so dem deutschen Sprachorganismus einverleibt worden, daß heute der Mensch nicht mehr bewußt daran denkt, daß er mit solchen Dingen im Grunde genommen Fremdwörter im deutschen Sprachorganismus hat. Ich habe dann darauf hinweisen können, wie später vom Westen herüber, vom 12. Jahrhundert an wiederum eine neue Invasion von vielem Sprachlichen gekommen ist. Und dann wies ich Sie hin auf eine spanische Welle und zuletzt auf das, was eigentlich erst im 19. Jahrhundert gekommen ist: auf alles das, was von England her eingewandert ist.

An den Beispielen, die ich Ihnen gegeben habe — und diese Dinge sollen später genauere Ausgestaltungen erfahren -, können Sie vorläufig ersehen, daß in jenen alten Zeiten, in denen zunächst das Christentum und mit ihm manches andere seinen Einzug gehalten hat, der Sprachgenius noch die Möglichkeit gehabt hat, innerlich nach dem Volksempfinden dasjenige in sich aufzunehmen und umzugestalten, was da gekommen ist. Es ist zwar nicht an einem spezifischen, dem Christentum angehörigen Worte auf das Eigentümliche dieser Tatsache hingewiesen worden, sondern auf die Verwandtschaft des, wie man meint, urdeutschen Wortes Schuster mit sutor. Es ist ein und dasselbe Wort. Es ist einfach noch so viel sprachbildende Kraft im Genius des deutschen Volkstums enthalten gewesen, daß man ein Wort so umgestalten konnte. Sutor gehört zu der ältesten Invasion. Je weiter man von dieser ältesten Invasion zu der nächsten geht, die sich mehr auf das Schulwesen bezieht, desto mehr wird man schon finden, daß der Wortklang, wie er im Deutschen ist, ähnlich ist dem Lateinischen. Und so geht es weiter. Mit den später eintretenden Sprachströmungen zeigt es sich, daß der eigene deutsche Sprachgeist immer unfähiger ist, dasjenige, was da auftritt, umzubilden. Das wollen wir festhalten. Ob im Laufe der Zeit auch Five o’clock tea umgewandelt wird, also ob der deutsche Sprachgenius in verhältnismäßig langer Zeit so etwas wie eine umbildende Kraft zu entwickeln imstande ist, wie er es in kürzerer Zeit früher entwickelt hat, das muß abgewartet werden, und das ist für unser Ziel nicht bedeutend.

Wir wollen uns nämlich zuletzt die Frage vorlegen, was es für das ganze Volksleben für eine Bedeutung hat, daß die innere sprachbildende Kraft, wenigstens zeitweilig, abnimmt, also für den Augenblick heute nicht so vorhanden ist wie früher. Diese sprachbildende Kraft ist heute noch in um so stärkerem Maße vorhanden, je mehr man in die Dialekte hinuntersteigt. So zum Beispiel kann man nach dem Ursprung eines höchst eigentümlichen Wortes fragen, das im österreichischen Dialekt sich findet: pakschierli, oder bakschierli. Die Österreicher werden es wohl kennen. Man kann unmittelbar empfinden, was pakschierli ist: ein kleines Mädchen, das, wenn es fremden Leuten vorgeführt wird, ein bissel tänzelt, allerlei vormacht, was in der Sphäre des Artigen bleibt — das ist pakschierli. Oder sagen wir, ein kleines Marzipandingelchen, das nicht gerade zum Lachen, aber zu jenem inneren Seelenzustand Veranlassung gibt, welcher charakterisiert werden kann als: man lacht noch nicht; würde der Eindruck nach derselben Richtung stärker werden, so würde man erst lachen müssen. Solch ein Marzipandingelchen, das wäre pakschierli. Was ist das für ein Wort? Es hat keinen rechten Zusammenhang mit der übrigen Dialektsprache. Es ist nichts anderes als das umgebildete possierlich. Diese sprachbildende Kraft kann man also in den Dialekten in gewisser Weise noch studieren; es ist auch ein gutes Mittel für das Eingehen auf die wirkende Volksseele, solche Dinge zu studieren. Und es würde ungeheuer viel dazu beitragen können, auch das Geistesleben zu verstehen, wenn man auf die Volksseele eingehen könnte. Dann würde man zurückkommen zu dem, worauf ich in meiner Schrift: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» aufmerksam gemacht habe, und worüber sich solche Geister, wie der Ihnen sattsam bekannte Professor Dessoir, lustig machten. Durch Geisteswissenschaft kann auch klar gefunden werden, was ich da ausgeführt habe: daß die Konsonantenbildung zusammenhängt mit einer Nachbildung dessen, was äußerlich anschaulich wird. Was in Konsonanten ausgedrückt wird, das entsteht ursprünglich dadurch, daß man als Mensch mit sich selbst die Erfahrung macht, die ähnlich dem ist, was äußerlich geschieht. Populär ausgedrückt, könnte ich sagen: Wenn man einen Pfahl eingräbt, so kann man das Eingraben dieses Pfahles dadurch empfinden, daß man einen Fuß aufstemmt. Das ist das Wahrnehmen eines eigenen Willensaktes. Diesen Willensakt fühlen wir heute nicht mehr in dem Sprachlaut (st.) Aber in früheren Zeiten der Sprachentwickelung fühlte man in den eigenen Willenstätigkeiten Nachahmungen desjenigen, was draußen geschah. Und so wurde das konsonantische Element die Nachahmung dessen, was draußen geschah, während das vokalische Element dasjenige ist, was das Innere zum Ausdruck bringt. (A) ist das Erstaunen, das Zurückziehen in gewisser Weise. Es ist das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt, das in den Vokalen zum Ausdruck kommt. Man muß weit zurückgehen, wenn man bis zu diesen Dingen vordringen will; aber man kann bis zu ihnen vordringen, und dann kommt man dazu, einzusehen, daß diejenigen Theorien, die rein äußerlich auf Hypothesen beruhen, wie die sogenannte «Wau-Wau»- oder «Bim-Bam»-Theorie, ganz furchtbare Abirrungen sind. Sie sind Äußerlichkeiten, während das Verständnis des Menschen selber durchaus dazu führen kann, innerlich den Zusammenhang des Lautes mit dem, was seelisch-geistig zur Anschauung kommen will, kennenzulernen. Wir wollen das zunächst als eine Frage uns vorlegen, die wir im Laufe dieser Stunden beantworten wollen. Um in der richtigen Weise die verschiedenen Verkettungen der Sprachelemente in diesem Lichte zu betrachten, müssen wir an einzelnen Beispielen, die ich versuche, charakteristisch aus dem Sprachlichen herauszuholen, uns allmählich zu demjenigen hinaufranken, was wir eigentlich verstehen wollen.

Ich möchte solche Beispiele heute wählen, welche Ihnen zeigen können, wie das Sprachliche allmählich aus dem Konkreten in das Abstrakte vordringt. Auch da hilft uns, wenn wir wirklich den guten Willen haben, das Reale zu studieren, manchmal die Hinwendung zu dem Dialekt. Ich will nur ein kleines Beispiel da erwähnen. Der österreichische Bauer, wenn er des Morgens aufgestanden ist, so spricht er von dem Nachtschlaf, aber nicht so, wie wahrscheinlich Sie von dem Nachtschlaf sprechen. Sie verstehen im Grunde genommen etwas sehr Abstraktes darunter, denn Sie sind gebildete Kulturmenschen. Der österreichische Bauer ist ein Naturmensch: in aliem, was rings ihn umgibt, steckt ihm Geistiges und Seelisches, und er hatte ein starkes Bewußtsein davon. Jetzt verglimmt es ja auch bei ihm, aber in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es ja durchaus noch vorhanden für jemanden, der es so beobachten wollte wie ich. Weil der Bauer überall in allen Dingen drinnen noch die Elementarkräfte sieht, so drückt er sich niemals in eigentlichen Abstraktionen aus, sondern immer in concreto. Der Bauer sagt: Ich wische mir den Nachtschlaf aus den Augen. — Was sich im Auge während der Nacht absondert und herausgewaschen werden kann, das ist ihm der sichtbarliche Ausdruck des Schlafes, das nennt er den Nachtschlaf. Das ist das Geheimnis des Sprachverständnisses, das vor kurzem noch lebendig wirkte: es hindert dieses dinghafte Verstehen durchaus nicht, daß damit Geistiges verbunden ist. Der österreichische Bauer denkt durchaus an ein Elementarwesen, aber er drückt es durch die Tat aus, daß es ihm da diese Absonderung in die Augen getrieben hat. Er würde unter dem Wort niemals das Abstraktum verstehen, das der gebildete Kulturmensch darunter versteht. Dann fängt die Geschichte an, sich etwas zu abstrahieren: Wenn der Bauer ein klein wenig in die Schule gegangen ist, oder aber mit der Stadt in Berührung gekommen ist, dann wird gewissermaßen ein unsichtbar Konkretes von ihm angerufen. Er sagt noch immer: Ich wische mir den Nachtschlaf aus den Augen -, aber er macht mehr die Handbewegung, um anzudeuten, daß es für ihn etwas sehr äußerlich konkret Reales ist.

Nun handelt es sich darum, daß uns eine solche Beobachtung dazu führt, hinzuschauen, wie im Grunde genommen das abstrakt gesprochene Sprachliche in immer Konkreteres zurückweist. Nehmen Sie folgendes Beispiel. Bei uns ist das verschwunden, aber in skandinavi sehen Ländern finden Sie noch den Ausdruck barn für Kind. Wir haben den Ausdruck nicht mehr. Was hat der Ausdruck für eine Geschichte? Der Ausdruck führt uns zurück auf der einen Seite ins Gotische, wo wir ihn bei Ulfilas finden in seiner Bibelübersetzung. Er führt uns zurück zu dem Ausdruck baíran = tragen. Das wiederum ist verwandt sowohl mit dem Griechischen wie mit dem Lateinischen. Es ist so verwandt, daß man die Verwandtschaft sehr deutlich erkennt, wenn man jenes Gesetz der Lautverschiebung anwendet, das für die germanischen Sprachen und ihre Verwandtschaft mit anderen Sprachen durch Jakob Grimm gefunden worden ist. Dieses Gesetz stellt fest: Was als (b) in der einen Sprache vorhanden ist, ist als (f) in der anderen vorhanden. Ich will nur das eine Beispiel herausheben. Dadurch kommen wir aber für den Ausdruck bairan im Griechischen auf phero und im Lateinischen auf fero, die beide auch die Bedeutung von tragen, bringen, mehr bintragen, haben. Das bairan ist nur eine Umbildung von fero, es wächst sich das Wort nach einer anderen Richtung aus. Nun ist noch althochdeutsch beran vorhanden. Allmählich verschwindet dasjenige, was hier Verbalbildung ist; und wir haben im Deutschen nicht mehr eine rechte Möglichkeit, auf die ursprünglich gefühlte, empfundene Bedeutung zurückzudenken. Wir sehen auf das Wort barn = Kind hin; warum? Weil es getragen wird, bevor es geboren wird. Es ist das Getragene, das Kind. Man weist also auf seinen Ursprung hin; man nennt ein Kind das Getragene — baíran = fero. Wir haben in der deutschen Sprache in dieser Zusammensetzung nur noch davon das Wort gebären. Aber wir haben etwas anderes; wir haben als Überrest von all dem jene Nachsilbe bekommen, die wir in fruchtbar, kostbar und so weiter haben. Was heißt kostbar? Dasjenige, was die Kosten trägt. Was heißt fruchtbar? Dasjenige, was die Frucht trägt. Das wurde sehr anschaulich ausgedrückt, nicht in der Abstraktion, wie wir es heute haben, sondern es wurde an das konkrete Tragen gedacht. Besonders anschaulich kann Ihnen das sein, wenn Sie sagen: Etwas wird ruchbar, weil es einen Geruch zu Ihnen trägt. Der Geruch wird zu Ihnen getragen; dadurch wird irgendeine Sache ruchbar. So würden wir in vielem die unmittelbare Anschaulichkeit finden, die das Charakteristische ist des sprachbildenden Genius in sehr alten Zeiten. Ich will Ihnen eine Zeile aus der Bibelübersetzung des Ulfilas hinschreiben: jah witands Jêsus thôs mitônins izê qath. Das würde etwa sein: Und Jesus, ihre Gedanken wissend, sprach. Hier finden Sie das Wort mitônins = Gedanken. Das führt uns zurück auf das Wort mitôn, das ungefähr denken bedeutet. Im Althochdeutschen hat es sich schon anders ausgewachsen; da heißt es mezzôn, und zu dem ist ein verwandtes Wort vorhanden, das Wort mezzan, und das heißt messen. Messen, das äußere Messen, das anschauliche Messen, ist einfach, innerlich gefühlt, denken geworden. Also eine äußerlich zu verrichtende Tätigkeit hat die Grundlage abgegeben für das Wort denken. Ich denke, heißt eigentlich: Ich messe seelisch etwas. Das aber ist verwandt mit dem lateinischen meditor, das wir noch im Meditieren haben, im Griechischen medomai. Wenn wir in ältere Formen des Wirkens des deutschen oder germanischen Sprachgenius zurückgehen, dann finden wir, wie das noch durchaus anschaulich vorhanden ist; aber wir müssen eben dieses wirklich mit innerem Verständnis vollführen.

Sie alle kennen das Wort Hagestolz, Sie wissen, was Hagestolz ungefähr in der heutigen Sprache für eine Bedeutung hat. Aber interessant ist doch der Zusammenhang dieses Wortes mit dem, was dieses Wort früher eigentlich bedeutet hat. Es ist eigentlich nur durch einen Bedeutungswandel das geworden, was es heute ist; denn es führt auf ein gar nicht weit zurückliegendes Hagestalt zurück, und in diesem Hagestalt steckt das Wort stalt darinnen. Was ist stalt? Stalt ist einer, der irgendwo hingestellt ist. In mittelalterlichen Verhältnissen erbten die älteren Söhne den Hof und die jüngeren Söhne den Hag. Und.der jüngere Sohn, der deshalb auch weniger heiraten konnte als der ältere, der jüngere Sohn, der nur den Hag, ein umfriedetes Gelände, erbte, der war dahingestellt. Stalt ist der Besitzer. Der Hagbesitzer ist der Hagestalt. Und das Volk hat nur, als das Bewußtsein verlorengegangen ist von diesem stalt, im Lautanklang sein stalt zu stolz gemacht, so daß das Wort stolz in diesem Zusammenhang gar nicht verglichen werden darf mit unserem Stolz, sondern es ist nur ein Lautanklang. Aber in Gestalten älterer Sprache, die noch geblieben sind, kann man das Bewußtsein von diesem stalt = gestellt sein, noch finden. In einem der «Weihnachtspiele» hat einer der Wirte die Worte zu sprechen: I als ein Wirt von meiner G’stalt, hab in mei’ Haus und Losament G’walt. Da meinen die Leute, es bedeute die gewöhnliche Gestalt. Nein, das ist nicht die Bedeutung des Wortes, sondern: ein Wirt von meinem Rang, ein Wirt, der an einen so angesehenen Platz gestellt ist, ein Wirt von meiner Gestelltheit. Mit dem Ruf: Hab in mei’ Haus und Losament G’walt, ist gemeint, daß er Gäste anzieht. Da sehen Sie noch das Bewußtsein von dem, was ursprünglich in Hagestalt drinnen ist. Und so können wir manches Außerordentliche und Feine im Sprachgenius verfolgen, wenn wir in dieser Weise seelisch das Werden des Lautlichen in Betracht ziehen.

Als sich die Jünger verwunderten über die Heilung, die der Christus Jesus an dem Gichtbrüchigen vollzog, da gebraucht Ulfilas in seiner Bibelübersetzung das Wort, das zusammenhängt mit silda-leik = seltsam-leich. Wenn man den ganzen Zusammenhang bei Ulfilas in der Übersetzung nimmt, wo er dieses Wort gebraucht, so müßte man das, was sich da gestaltet, etwa das Seltsamgestaltete nennen. Das Leibliche ist es, was die Verwunderung erregt. Es ist dies mehr objektiv ausgedrückt: silda-leik. Wir müssen in dem Worte leik fühlen: die Gestalt, aber als ein Abbild. Sagte man Gestalt in dem früheren Sinne, so war dies das Gestelltsein. Das Gestelltsein wurde in früheren Zeiten in dem Wort Gestalt ausgedrückt. Die eigentliche Gestalt selber, wie sie einst empfunden wurde als Abbild von etwas anderem, wurde durch leik ausgedrückt. Wir haben dieses Wort noch in unserem Leichnam. Leichnam, das Abbild desjenigen, was da war. Es ist sehr fein ausgedrückt, wenn man noch empfindet, was in dem Leich liegt, wie das Leich das Abbild des Menschen ist, nicht der Mensch selbst.

Nun aber möchte ich Ihnen noch weiteres anführen dafür, wie aus dem Anschaulichen heraus dasjenige entsteht, was im Gefühl, im Wiedergeben des Anschaulichen eben sprachlich noch da ist. Wir lernen zum Beispiel aus dem Ulfilas, daß die Braut im Gotischen brütbs ist. Und brüths, wie es uns in der Bibelübersetzung des Ulfilas auftritt, das ist urverwandt mit der Brut, mit Brüten, so daß, wenn geheiratet wird, einfach die Brut festgelegt wird durch die Braut. Die Braut ist das, was die Brut festlegt, wenn geheiratet wird. Ja, und der Bräutigam jetzt? Da kommt zu der Braut etwas hinzu. Dieses wäre gotisch guma, althochdeutsch gomo, was durch Lautverschiebung eines Wortes entstanden ist, das im Lateinischen als homo auftritt. In gam von Bräutigam istguma = gomo = homo, ist der Mann der Braut, der Mann, der seinerseits für die Begründung der Brut sorgt. Der Bräutigam ist also der Mann der Braut. Sie sehen daraus, daß wir gerade in den anspruchslosen Silben zuweilen suchen müssen, um das Sprachbildende des Sprachgenius wirklich zu verfolgen.

Nun, es ist eine merkwürdige Sache, daß bei Ulfilas für den Stummen, den der Christus heilt, das Wort sa dumba = der Dumpfe auftritt. Und ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit erinnern, daß Goethe noch davon spricht, wie er in seiner Jugend in einer gewissen Dumpfheit gelebt hat. Dumpfheit — nicht die Möglichkeit haben, die Umgebung vollständig zu durchschauen -, in Dumpfheit, in Nebligkeit leben; sie verhindert zum Beispiel zu sprechen, macht stumm. Aber es ist dieses Wort zu gleicher Zeit später zu dumm geworden, so daß dieses dumm gar nichts anderes als nicht frei herumschauen können ist, im Dumpfen, im Nebligen sein. Es ist sehr merkwürdig, meine lieben Freunde, wie man gewisse Umformungen, Metamorphosen des Wortlichen haben kann, und wie diese Umformungen, diese Metamorphosen zeigen, wie Unbewußtes und Bewußtes durcheinanderwirken in diesem merkwürdigen Wesen, das man Sprachgenius nennen kann, das sich durch die Gesamtheit eines Volkes oder Stammes ausdrückt. Sie haben zum Beispiel den nordischen Götternamen Fjörgyn. Dieser nordische Göttername erfährt eine eigentümliche Beleuchtung, wenn wir in der Erzählung, da wo gesagt wird, daß der Christus mit seinen Jüngern auf den Berg ging, bei Ulfilas das Wort fairguni als gotisch für Berg finden. Wir finden dieses Wort, etwas verschoben in seiner Bedeutung, noch im althochdeutschen forha, das eigentlich Föhre, auch Föhrenberg bedeutet. Die Gottheit Fjörgyn ist diejenige, die sich als Elementargottheit auf den Föhrenbergen aufhält. Das aber ist urverwandt und man kann es noch nachfühlen in faírguni — mit dem lateinischen quercus — Eiche -, womit sie ebenfalls den Baum bezeichnet haben.

Nun möchte ich Sie darauf hinführen, wie in älteren Zeiten der Sprachbildung ein gewisser unterbewußter Zusammenhang herrscht zwischen dem Lautlichen und dem Sinn. Heute haben wir keine große Möglichkeit, mit unserem abstrakten Denken hinunterzugreifen auf das Lautliche. Wir fühlen das Lautliche gar nicht mehr; und Menschen, die viele Sprachen kennen, werden geradezu böse, wenn man ihnen zumutet, daß sie auf das Lautliche Rücksicht nehmen sollen. Die verschiedensten Worte haben natürlich die verschiedensten Übergänge, und es ist nur ein künstlicher Zusammenhang, den die lexikographische Übersetzung bietet; weil zuerst der Sprachgenius verfolgt werden muß, der eigentlich etwas anderes meint, als was unmittelbar wiedergegeben werden kann. Wir sagen im Deutschen Kopf = tête, testa im Romanischen. Warum sagen wir im Deutschen Kopf? Aus dem einfachen Grunde, weil wir im Deutschen einen plastischen Genius haben, weil wir das Runde bezeichnen wollen. Denn Kopf hängt mit kugelig zusammen, und wir sprechen im Grunde von demselben sprachbildenden Element her, wenn wir vom Kohlkopf sprechen und vom Menschenkopf. Kopf bezeichnet das Rundliche. Testa hängt aber zusammen mit der inneren Wesenheit des Menschen, mit dem Testieren, Bezeugen, Feststellen. So muß man Rücksicht nehmen, daß aus den verschiedenen Gesichtspunkten her die Dinge bezeichnet werden. Das fühlt man noch nach wenn man auch im einzelnen daneben sprechen kann -—, wenn man versucht, allmählich zurückzukommen zu älteren Gestalten, die sich innerhalb der Wortbildung vollziehen. Und man würde zuletzt zurückkommen zu jenem Stadium des sprachlichen Genius, wo er in der Lage ist, im Laute selber den Geist zu empfinden. Wo wird noch empfunden das Zusammengehören von meinen und Gemeinde? Man kann es heute schwer empfinden. Wenn man die Gemeinde etwa im Althochdeutschen aufsucht, gimeinida, und wenn man dann dazu eine weitergehende Metamorphose, mean im Englischen, nimmt, das damit verwandt ist, so kommt man auf ein solches Beispiel, bei dem in meinen gefühlt werden kann, wie es verwandt ist mit dem, was im Zusammenklang von mehreren gemeint wird und dadurch Kraft erhält, daß es mehrere sind. Und dieses Krafterhalten wird durch eine solche Vorsilbe (gi) ausgedrückt.

So muß man zurückgehen zu dem, was als das gefühlte Element im Sprachbilden drinnen ist. Wenn wir heute sagen taufen, das ein uraltes germanisches Wort ist, so fühlen wir nicht mehr recht, was das eigentlich für eine Bedeutung hat. Anschaulich wird es, wenn wir ins Altund Mittelhochdeutsche zurückgehen und da etwa toufan, toufen, töufen finden, und wenn wir dann finden, daß dieses towfan ebenso verwandt ist mit diups, wie es bei Ulfila noch in daupjan im Zusammenhang mit daupjands = der Täufer, vorhanden ist. Dann aber brauchen wir nur noch im Althochdeutschen das urverwandte Wort tiof aufzusuchen, was in unserer heutigen Sprache tief bedeutet, zum Beispiel vertiefen, tiefen - und wir haben damit verwandt taufen = hineintiefen, tauchen in das Wasser. Es ist einfach ein Hineintiefen in das Wasser.

Diese Dinge sollen uns nur dazu anleiten, in den sprachbildenden Genius hineinzuschauen. Von besonderer Wichtigkeit ist es, daß man die Bedeutungswandlungen verfolgt. Ein interessanter Bedeutungswandel ist zum Beispiel der folgende: gotisch hlaifs, althochdeutsch leiba, mittelhochdeutsch leip, heißt in der alten germanischen Sprache das Brot. Sehen Sie, Brot ist nicht geblieben als Bedeutung für hlaifs. Hlaifs ist Laib geworden, und es ist nur die Form geblieben, in der das Brot gegeben wird. Hat man früher hlaifs gesagt, so meinte man Brot; es hat sich gewandelt zur Form des Brotes. Man sieht diese UmwandJung noch, wenn man zum Beispiel die Metamorphose verfolgt im Altenglischen: blaford, was noch älter heißt hlafward oder hlafweard = derjenige, der das Brot wartet. Der hlaford war derjenige, zu dem man sich zu wenden hatte, um Brot zu bekommen, der des Brotes wartete, der das Recht hatte, den Acker zu bestellen, Brot zu machen und wiederum Brot abzugeben an diejenigen, die nicht freie Leute waren. Und durch allmähliche Umgestaltung - das h bedeutet ja nichts Besonderes — ist daraus das Wort Lord geworden. Lord ist der alte hlafward. Ebenso interessant ist das Gegenstück. Während aus hlaifs = Laib Brot wird, hat sich durch Metamorphose ein Wort gebildet, das im Altenglischen heißen würde: hlaefdige, wo das erste wiederum nichts anderes ist als der Laib Brot; dige ist umgewandelt von einer Tätigkeit. Wenn man Teig knetet, so tut man das, was im Worte dige liegt: digan, teigen, Teig kneten. Und wenn man zurückgeht auf den, der diese Tätigkeit ausübte, so kommt man zu der Frau des Lords. Während der Lord der Brotwart war, war seine Frau die Brotteigerin, Brotkneterin, die Brotgeberin. Und daraus ist später das Wort lady geworden. Lord und Lady hängen also in geheimnisvoller Weise zusammen mit dem Brotlaib. Man erkennt an diesen beiden Wörtern noch das, was von dem Brotgeber, Brotbereiter und der Brotkneterin, der Brotteigerin der alten Zeiten kommt.

So muß man versuchen, wirklich den Unterschied aufzufassen zwischen der abstrakten Art, wie wir heute zur Sprache stehen, und zwischen der konkreten, die vorhanden war, als man im Laute noch fühlte, was zu gleicher Zeit der Geist war, das Seelische, das man ausdrücken wollte.

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