The Genius of Language

GA 299 — 2 January 1920, Stuttgart

Fünfter Vortrag

Nun möchte ich auf Grund dessen, was ich schon ausgeführt habe, und um zum Teil auch noch dieselben Tatsachen zu bekräftigen, heute davon ausgehen, zu bemerken, daß gerade in der Sprachwissenschaft sich die Folgen materialistischer Betrachtungsweise am traurigsten, aber vielleicht auch am augenfälligsten zeigen. Man kann zwar nicht sagen, daß diese materialistische Betrachtungsweise zum Beispiel in der Physik nicht noch schädlicher wirkt, weil sie weniger bemerkt wird; aber am traurigsten wirkt sie in der Sprachwissenschaft, aus dem Grunde, weil sie da am allerleichtesten hätte vermieden werden können, und weil man da hätte sehen können, wie Geist und Seele im sprachbildenden Genius eigentlich wirken. Nun handelt es sich darum, mit dieser Einsicht, die ich damit andeute, sich noch älteren Zeiten der Sprachbildung dadurch zu nähern, daß man sie zunächst an jüngeren Zeiten beobachten lernt; an jüngeren Zeiten, die noch mehr überschaubar sind, an denen man den Sprachwandel noch so verfolgen kann, daß deutlich durch den Sprachwandel und seine Metamorphosen der Wandel in den Empfindungen und in den Gefühlen der Volksseele hindurchscheint. Verhältnismäßig weit zurück liegt ja schon die Sprache des deutschen Volkes zur Zeit etwa des Minnesanges, also der Zeit, die man historisch die Ritterzeit nennt; aber sie liegt ja doch nur so weit zurück, daß man gewisse Dinge noch leicht literarisch verfolgen und so über manchen Bedeutungswandel sich aufklären kann. Allerdings, so viel sieht man da nicht mehr, als wenn man den Homer liest, wo jene für uns heute als Schimpfworte wirkenden Bezeichnungen auftreten, mit denen sich da die griechischen Helden belegen. Denn das halten wir heute nicht mehr aus, daß wir uns gegenseitig Ziegenmägen oder Esel nennen. Das weist auf eine Zeit zurück, wo ein Esel durchaus noch in solchem Ansehen stand, daß ein Held ein Esel genannt werden konnte. Die Tiere — das geht aus den homerischen Dichtungen klar hervor — waren in jener Zeit durchaus noch nicht so mit Empfindungsnuancen belegt wie heute.

Nun, ein wenig können wir uns zum Verständnis dieser Dinge erheben, wenn wir eben noch weniger weit zurückliegende charakteristische Beispiele aufsuchen, So wenn wir im Mittelalter die Redensart finden: Sie klebten wie ein Pech in ihrer Feinde Scharen. Es kommt uns heute komisch vor, wenn man von jemand, der tapfer im Kampfe aushält, sagt: Er klebte wie ein Pech, aber dieses Wie-ein-Pech-Kleben, das war durchaus eine mögliche Ausdrucksweise in der Zeit des Minnesanges.

Und bei Wolfram von Eschenbach finden Sie eine charakteristische Redensart, die Ihnen zeigt, wie man damals erstens noch viel auf das Anschauliche gesehen hat, zweitens aber gewisse Empfindungsnuancen für gewisse Vorgänge und Dinge hatte, die heute solche Vorgänge und Dinge verächtlich machen. Wenn also Wolfram von Eschenbach in seriöser Art das Auftreten einer Herzogin vor einer männlichen Persönlichkeit schildert, so sagt er: ihre Erscheinung drang in das Auge dieser Persönlichkeit und durch das Auge in das Herz wie eine Nieswurz durch die Nase. Es ist anschaulich, denn der Geruch der Nieswurz strömt sehr anschaulich, man könnte sagen, sehr ruchbar durch die Nase; aber wir würden es heute nicht sagen. Daraus sehen Sie, wie die Gefühlswelt sich verwandelt hat, und diese Verwandlung der Gefühlswelt sollte man studieren, wenn man nicht materialistischeSprachwissenschaft treiben will.

Einem neueren Dichter, wie Sie wissen, war es noch gegönnt, von einer würdigen weiblichen Persönlichkeit zu sagen: Sie blickte wie ein Vollmond drein. Aber man würde im weitesten Umfange diese im Mittelalter ganz gebräuchliche Redensart heute nicht mehr verzeihen. Wenn Sie aus einer ähnlichen Empfindung heraus einer Dame sagen würden: Sie blicken mich wie ein Vollmond an, so würde das heute nicht mehr zu einer möglichen Umgangssprache gehören; im Mittelalter aber war das Liebliche des Mondes, die Milde des Mondes das Vorherrschende im Volksgemüte. Und man hat von diesem aus gerade dasjenige, was man am Damenblick, an der Damenmiene liebte, verglichen mit dem Vollmond.

Gottfried von Straßburg redet in seinem «Tristan» ganz seriös von geleimter Liebe. Geleimte Liebe ist das, was auseinandergegangen war, aber sich wieder zusammengeschlossen hat. Er redet vom Klebenbleiben der Verwundeten auf dem Schlachtfelde. Das würde heute beleidigend wirken. Und wenn gar das Mittelalter sagt: Die kaiserlichen Beine eines Menschen, um seine würdige Beinhaltung auszudrücken, oder wenn er sagt: Die kaiserliche Magd Maria, so zeigt Ihnen das als Wesentliches die Wandlung der Gefühlswelt.

Ich führe Ihnen diese Beispiele aus dem Grunde an, damit Sie aufmerksam werden, wie dieser Wandel der Gefühlsnuancen sich auf weniger bemerkbaren Gebieten geltend macht. So wenn im Mittelalter noch gesprochen wurde von krankem Schilfrohr. Was ist krankes Schilfrobr? Krank ist da nur das schmückende Beiwort für ein recht langgestrecktes Schilfrohr. Und die Zeit liegt gar nicht weit zurück, wo krank, wenn man es ausgesprochen hat, überhaupt nichts anderes bedeutete als schlank. Wenn man in der damaligen Zeit jemanden krank genannt hätte, so hätte man gemeint, er ist ein großer, schlanker Mensch. Nicht meinte man im heutigen Sinn, er sei krank. Wenn man das sagen wollte, so hätte man sagen müssen, er sei sächtig, von einer Sucht befallen. Damals war Kranksein gleich Schlanksein. Nun denken Sie sich, was da vorgegangen ist! Man hat allmählich die Empfindung bekommen, daß es etwas Unmenschliches am Menschen sei, wenn er schlank sei. Man hat sich die Empfindung angeeignet, daß normal beim Menschen ist, ein bißchen nichtschlank zu sein. Auf diesem Umwege ist entstanden die Verkoppelung des Lautzusammenhanges krank mit süchtigsein, mit Nicht-normal-organisiert-Sein. Also, es nimmt ein Wort eine gewisse Empfindungsnuance in Anspruch, das früher einer ganz anderen Empfindungsnuance zugehört hat.

Es liegt aber die Zeit noch gar nicht weit zurück, da konnte ein Wirt gute Geschäfte machen, wenn er elenden Wein anpries. Also ein Wirt konnte sagen und verkündigen lassen im Dorf: bei mir ist elender Wein zu finden. Elend ist hier ganz dasselbe Wort wie unser Elend. Sie finden einen Anklang an die alte Empfindungsnuance von Elend nur noch im Dialekt, wo gewisse Dörfer, die weit an der Grenze draußen sind, das Elend genannt werden, die Elenddörfer. Man sagte zum Beispiel noch in Steiermark zu meiner Zeit: der Mann ist aus dem Elend und meinte damit, er ist aus einem Grenzorte. — Und es haben sich gewisse Dörfer bis jetzt den Namen Elend erhalten. Diese Bezeichnung ist nur von weiter draußen hereingerückt; denn elender Wein hieß ausländischer Wein, und das Elend ist das Ausland, so daß also der Wirt wenigstens bis zum Jahre 1914 —, wenn er zum Beispiel französische Weine anpries, gute Geschäfte gemacht haben würde, wenn er elende Weine angepriesen hätte. Da haben wir also einen Bedeutungswandel, der schon bei krank vorhanden ist.

Der Dichter Geiler von Kaisersberg spricht kurioserweise — wenn Sie es bei ihm aufsuchen, wird es mehr durchsichtig sein — von einem hübschen Gott. Das können wir heute nicht mehr gut sagen. Er meinte damit einen wohlwollenden Gott. In häbsch finden wir damals die Gefühlsnuance, die wir heute mit dem Worte wohlwollend verbinden. Sie finden heute zuweilen noch die Redensart — denn solche Dinge haben sich als Reste erhalten -: ein ungebobelter Mensch. Sie werden dieses Wort verstehen, wenn Sie bei Luther lesen, daß die Menschen durch die Propheten gehobelt werden. Menschen werden durch die Propheten gehobelt, das heißt, sie werden zurecht gemacht. Da haben wir also noch die sinnliche Anschauung des Hobelns verbunden mit dem Wieder-Zurechtmachen.

Mit diesen Beispielen sind wir nun etwas weiter zurückgegangen. Aber sehen wir noch auf etwas Näheres. Lessing, der also nicht sehr weit zurückliegt, will einmal ausdrücken — was man heute schon durch seine Wortprägung mißverstehen kann —, daß es vieles gibt, wofür man gerechterweise Sympathie entwickelt, was aber doch nicht zum Charakter des Schönen, daher nicht zum Gegenstand der Kunst erhoben werden kann. Und diese Wahrheit drückt er so aus, daß er sagt: Vieles von dem Anzüglichsten kann nicht Gegenstand der Kunst sein. Wenn wir das heute lesen, so werden wir unmittelbar glauben, anzüglich sei bei Lessing so gemeint, wie es heute gemeint ist; aber der Zusammenhang ergibt, daß wir nur dasselbe wie er meinen würden, wenn wir sagen würden: Vieles von dem Anziehendsten kann nicht Gegenstand der Kunst sein. - Also, Sie haben hier die Wandlung der Empfindungsnuance, so daß, was Sie heute als das Anziehendste bezeichnen, Lessing noch als das Anzüglichste bezeichnet hat. Wir bezeichnen damit heute etwas wesentlich anderes.

Nun ist interessant zu verfolgen, auf wie komplizierte Weise solch ein Bedeutungswandel sich eigentlich vollzieht. Nehmen Sie einmal an: das Wort krank, das früher schlank bedeutet hat, konnte also auch angewendet werden auf das Schilfrohr; ein krankes Schilfrohr ist ein Schilfrohr, das schlank ist, das daher weniger gut zu gebrauchen ist als ein kurzes, dickes Schilfrohr. Nun hat sich das allmählich gewandelt in der Empfindungsnuance, so daß es allmählich die heutige Bedeutung von krank empfing; aber heute ist schon wiederum etwas abgestreift. Denn Adelung, der in der Mitte zwischen jener Zeit und uns lebt, Adelung sagt zum Beispiel, man müsse gekränkte Schiffe ausbessern. Es wirkt heute ein bißchen komisch, oder wenigstens so, daß man weiß, daß der Betreffende ein Spaßvogel ist, wenn er von einer gekränkten Uhr zum Beispiel spricht; aber damals war das etwas Selbstverständliches, wenn man das mittlerweile gewandelte Wort krank auch auf Unorganisches angewendet hat. Sie sehen daraus, daß krank ursprünglich etwas mit der Gestalt zu tun hatte, und daß sich dann erst allmählich die Bedeutung von heute einschlich. Dann aber wurde das, was früher da war, ganz weggeworfen, und es bekam eine ganz neue Bedeutung, während wir bei den gekränkten Schiffen noch an die frühere Bedeutung denken können. Immer mehr und mehr ist das unmittelbare Erfühlen des Empfindungsgemäßen in den Worten abgestreift worden. Selbst bei Goethe — und zwar bei ihm, weil er in vieler Beziehung zurückgegangen ist auf das Walten des sprachbildenden Genius - findet sich noch ein deutliches Fühlen bei Worten, bei welchen wir nicht mehr deutlich fühlen. Zum Beispiel, nehmen Sie das Wort bitter. Bei uns ist es heute eine Bezeichnung für ein rein subjektives Erlebnis, für ein Geschmackserlebnis geworden. Und mit dem, was in alter Zeit anschaulich war und wovon das Wort bitter abgeleitet ist, bringen wir es heute in unserer Empfindung gewöhnlich nicht mehr zusammen: mit beißen. Es hängt aber zusammen mit beißen: was bitter schmeckt, beißt uns eigentlich. Goethe fühlt das noch und spricht von der bitteren Schere der Parze: die beißende Schere der Parze ist das! Die Menschen sind heute schon solche Abstraktlinge, daß sie sagen: Dichterische Freiheit -, wenn sie auf ein solches Wort stoßen. Aber es ist keine dichterische Freiheit, sondern es ist gerade aus dem vollen inneren Erlebnis hervorgegangen. Goethe lebte auch noch nicht in der Zeit, wo neunundneunzig Prozent dessen, was gedichtet wird, zuviel ist. Er fühlte der Sprache gegenüber — und das muß man sich bei vielen seiner Werke vor Augen halten - noch viel innerlich lebendiger, als das heute irgendein Mensch kann, wenn er einfach in der äußeren Bildung darinnensteht. Das können Sie wiederum fühlen, wenn Sie bei Goethe das Wort finden: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner erbärmlichen Darstellung. Kein Mensch scheint das heute anders zu empfinden, wenn er so redet, als daß das eine schlechte Darstellung ist. Goethe aber will andeuten, daß unser tiefstes Erbarmen hervorgerufen wird durch diese Darstellung. Wir müßten also ganz abstrakt sagen: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner Erbarmen herausfordernden Darstellung. Goethe aber sagte noch: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner erbärmlichen Darstellung.

Selbst noch vor verhältnismäßig gar nicht ferner Zeit konnte man einen Menschen, der auf der Straße ging und gerne Kinder, gern arme Leute ansprach und mit ihnen redete, nicht hochfahrend war, sich nicht hoch trug, wenn man ihm Anerkennung zollen wollte, benennen: Du bist ein niederträchtiger Mensch. Das war möglich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein niederträchtiger Mensch, das war für die damalige Zeit ein leutseliger Mensch: man lobte ihn, man zollte ihm von einem gewissen Gesichtspunkte aus das höchste Lob. — Ich glaube nicht, daß heute noch viele Menschen einen gründlichen Sinn damit verbinden, wenn sie in Schriften des 18. Ja hrhunderts lesen von einer ungefährlichen Zahl. Wir würden heute nur sagen: Eine Zahl, die ungefähr das Richtige sagt. Eine approximative Zahl, die nannte man eine ungefährliche Zahl. - Und was würden sich die meisten Menschen heute denken, wenn sie den im 18. Jahrhundert noch gang und gäbe gewesenen Ausdruck finden: unartige Pflaumen? Unartige Pflaumen sind diejenigen Pflaumen, die nicht die ganz typischen Merkmale der Art zeigen, die etwas Besonderes sind, die aus der Art herausfallen; das sind unartige Pflaumen. Erst wenn wir uns ein Gefühl aneignen, daß solche Wandlungen stattfinden, dann verstehen wir anderes, was seine Wandlung nicht so auffällig an der Stirne trägt. Zum Beispiel unser heutiges Wort schwierig. Sie wissen, mit welcher Empfindungsnuance man es gebraucht. Früher gebrauchte man es nur, wenn man sich bewußt war, daß man sagen wollte: voller Schwären, voller Geschwüre. Also, wenn man eine Sache schwierig fand, so wollte man damit die Empfindung ausdrücken: dieses Verrichten bewirkt Geschwüre. Sehr anschaulich und lebendig drückt man das aus, und dies hängt zusammen mit dem Ausdruck schwierig.

Solche Dinge, die ganz aus der gegenwärtigen Empfindungsnuance herausgefallen sind und die beweisen, wie unrecht man hat, wenn man als Pedant an die Sprachbeurteilung herangeht und ableiten will, ohne daß man die Tatsachen der Sprachmetamorphosen kennt, die können sich auch in der Mundart zeigen. Wenn man jemandem ein Mittagsmahl vorsetzt, das viele Gänge hat, so kann man ihm heute sagen: er solle von dieser Speise nicht zuviel essen, denn es gäbe noch andere Speisen, für die er sich Appetit bewahren soll. Man kann heute sagen: Bitte, essen Sie nicht zuviel, es kommt noch anderes Gutes nach. — Es gibt aber noch eine gewisse Gegend des deutschen Sprachgebietes, wo gesagt werden kann: /ß von dieser Speise nicht zuviel, es gibt noch etwas hintenauf. Eine andere Mundart hat die Möglichkeit, zu sagen: Ach, das sind gute, liebe Kinder, die schlachten sich. Das heißt: sie sind nicht aus der Art geschlagen, sie sind gutartig, sie schlachten sich. Gerade solch ein Beispiel, wie: das sind gutartige Kinder, die schlachten sich, das weist uns auf das lebendige Zusammenleben zwischen Empfindung und äußerer Anschauung im Sprachgefühl.

Das tritt einem manchmal als etwas außerordentlich Wichtiges entgegen. Sie haben bei Goethe eine Stelle im Gespräch, die er in späteren Jahren zur Charakterisierung seiner Arbeit am «Faust» gebraucht hat. Diese Stelle hat bei den «Faust»-Kommentatoren eine außerordentlich große Rolle gespielt. Goethe sagt einmal als ganz alter Mann, um die Arbeit an seinem Faust zu charakterisieren, es sei doch etwas, wenn seit über sechzig Jahren die Konzeption des «Faust» bei ihm jugendlich von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag. Viele «Faust»-Kommentatoren haben daraus geschlossen, daß Goethe schon als junger Mensch einen «Faust»-Plan hatte, daß ihm die Konzeption zu einem «Faust» von vornherein klar war, und daß das Spätere nur eine Art Ausführung sei. Und vieles Unnötige und Unwahre mit Bezug auf die Charakteristik seiner Arbeit am «Faust» ist aus der Interpretation dieser Stelle gekommen. Diese Stelle kann erst richtig verstanden werden, seit Fresenius veröffentlicht hat, welche Bedeutung bei Goethe der Silbenzusammenhang von vorne herein hat. Mir trat dies besonders nahe, weil ich mit Fresenius arbeitete. Der kam, wenn er irgend etwas hatte, Jahrzehnte nicht zur Verarbeitung dieser Sache, Daher drängte ich ihn, daß er das veröffentliche, weil das sehr wichtig sei, was er da zu sagen hatte. Man kann die Stellen, an denen Goethe das Wort von vorne herein gebraucht hat, zusammennehmen: er gebraucht es nie anders als räumlich. Wenn er sagt, er habe ein Buch von vorne herein gelesen, so bedeutet das nichts anderes, als daß er nur die ersten Seiten des Buches gelesen hat. Und so kann man klar nachweisen, daß er nur die ersten Szenen des «Faust» in der Jugend klar konzipiert hat. Also hier deutet einfach das richtige Verständnis des Wortgebrauches auf die Arbeit Goethes hin, und Sie sehen gerade bei diesem Wortgebrauch, daß bei uns abstrakt geworden ist, was bei ihm räumlich angeschaut ist. Den Ausdruck von vorne herein gebraucht er immer anschaulich, räumlich. So beruht sogar ein großer Teil desjenigen, was Goethe so anziehend macht, auf diesem seinem Zurückgehen zu den Qualitäten des ursprünglich sprachschöpferischen Genius. Und man kann, wenn man von Goethes Sprache aus in Goethes Seele vorzudringen sucht — während heute die Forscher das nur materialistisch machen -, auch da wichtige Anhaltspunkte für eine Entmaterialisierung der Sprachwissenschaft finden. Es ist gut, wenn man sich bei solchen Dingen auch Rat holt.

Wir haben für vieles nicht mehr jene Sprachzusammenhänge, die das ursprüngliche Zusammengehören von Empfindungsnuancen und Lautbeständen zum Ausdruck bringen. Die Dialekte haben es noch manchmal; sie haben auch das, wodurch das Anschauliche zum Ausdruck kommt. So zum Beispiel finden Sie, weniger schon in der Schriftsprache, aber oft im Dialekt da oder dort den Ausdruck: unter den Arm greifen. Das heißt einfach, jemandem, der hilflos ist, helfen. Warum? Weil die jüngeren Leute den älteren, die nicht mehr so flott gehen können, die Hand boten, ihnen unter den Arm griffen und sie stützten. Dieser ganz anschauliche Vorgang ist übertragen worden auf Hilfeleistung überhaupt. Geradeso wie man gesagt hat, man wischt sich den Nachtschlaf aus den Augen, so hat man für das Helfen einen einzelnen konkreten Vorgang gewählt, durch den man das Abstraktere anschaulich ausdrückte. Manchmal war dann der Sprachgenius nicht mehr in der Lage, am Anschaulichen festzuhalten; dann hat er zuweilen auf der einen Seite das Anschauliche festgehalten, auf der anderen es abgeworfen. — Sie haben heute noch das Wort lauschen für eine gewisse Art des Zuhörens. Der österreichische Dialekt hat auch für das bloße Hören ein Wort, das noch mit diesem Lauschen verwandt ist: losen, und man sagt in Österreich nicht bloß zu jemandem, von dem man will, daß er zuhört: hör einmal, sondern los amol! Das Losen ist ein schwaches aktives Lauschen. Die gebildete Umgangssprache hat lauschen beibehalten. Losen ist das Verwandte, das mit der Empfindungsnuance einer schwächeren Aktivität darauf deutet. Im losen kann man noch das Schleichende spüren, das im verborgenen Zuhören sich äußert; und in gewisser Weise ist sogar das Losen schon übergegangen auf ein unerlaubtes Zuhören. Wenn zum Beispiel einer durchs Schlüsselloch etwas erlauscht, oder wenn einer zuhört bei etwas, wo zwei sich unterhalten, was nicht für ihn bestimmt ist, dann sagt man, er habe gelost.

Erst wenn man eine Empfindung hat für das Empfindungsgemäße solcher Lautbestände, kann man allmählich übergehen, die Empfindung für die elementaren Laute, die Vokale und Konsonanten, zu entwickeln. So gibt es im österreichischen Dialekt ein Wort, das heißt: Ahnl; es ist die Großmutter, die Ahnl. Sie kennen es doch wohl? Die Ahnfrau ist etwas allgemeiner. Die Ahnl, da haben Sie die Ahne mit einem l verbunden. Es ist einfach der Ahn mit einem l verbunden. Um das zu verstehen, was da eigentlich sprachlich vorliegt, muß man sich sprachlich aufschwingen, dieses ! als Konsonant zu fühlen. Sie fühlen es, wenn Sie die Nachsilbe lich fühlen, von der ich gesagt habe, daß sie aus leik entstanden ist. Es hat etwas zu tun mit dem Gefühl, daß sich etwas herumbewegt, daß man in der Sprache nachzuahmen hat das sich Herumbewegende. Eine Ahnl ist eine Person, die man anschaut als eine Alte, die aber den Eindruck macht einer beweglichen Alten: man muß so im Gesicht herumschauen, damit man die Falten sieht. So sehen Sie, wie charakteristisch das ! angewandt ist.

Nehmen Sie das Wort schwinden. Schwinden, hingehen, so daß es nicht mehr gesehen wird; etwas hingehen machen, indem es nicht mehr gesehen wird. Nehmen Sie nun einmal nicht ein Hingehen machen, daß es nicht mehr gesehen wird, sondern: Ich will so ein bißchen mogeln beim Hingehen machen; ich will etwas bilden, das doch wieder dableibt, was also nicht ausdrückt das wahre, wirkliche Schwinden: dann fühle ich das Sich-Herumbewegen - hier ein l -, und es wird schwindeln daraus. Das hat das l gemacht, und Sie können genau fühlen, welchen Empfindungswert ein solches / hat, wenn Sie von schwinden auf schwindeln übergehen. Sie werden die Eurythmie als etwas Selbstverständliches fühlen, wenn Sie sich in solche Dinge vertiefen. Sie werden fühlen, wie in der Eurythmie zurückgegangen wird auf ein ursprüngliches Verwandtsein des Menschen mit dem, was in den Lautbeständen enthalten ist, das ohne den Lautbestand, eben nur durch die Bewegung, zum Ausdruck gebracht werden soll. Sie werden, wenn Sie so etwas fühlen, auch genau empfinden können, wie zum Beispiel in einem Vokal wie # etwas Zusammenschmiegendes, Zusammenschließendes enthalten ist. Sehen Sie sich das # der Eurythmie an, dann haben Sie dieses Zusammenschmiegende, Zusammenschließende, und dann werden Sie sagen: in Mutter, mit der man sich gewöhnlich zusammenschließt, kann an erster Stelle unmöglich ein a stehen oder e stehen. Man könnte sich nicht denken, daß man da Metter oder Matter sagt. Mater bezeugt eben, daß es eine schon abgeschwächte Sprache ist, in der das vorkommt; ursprünglich heißt es Mutter.

Ich habe Sie durch das alles auf den Weg des sprachlichen Genius gewiesen, der, wie ich schon einmal sagte, eine Kluft aufrichtete zwischen dem Lautbestand und der Vorstellung. Beide sind ursprünglich im subjektiven menschlichen Erleben innig miteinander verbunden; sie trennen sich. Der Lautbestand geht hinunter ins Unterbewußte; der Vorstellungsbestand geht hinauf ins Bewußte. Und viele Dinge, die noch empfunden werden da, wo man ursprünglich mit den äußeren Tatsachen zusammenlebt, werden damit abgeworfen. Und gehen wir zurück in der Sprachentwickelung, dann finden wir überhaupt das Merkwürdige, daß uns die ursprünglichen Formen der Sprachentwickelung ganz hinausführen in das Tatsächliche; daß ein feiner Tatsachen- und Wirklichkeitssinn auf den primitiven Stufen der Sprachbildung vorhanden ist; daß die Leute, die auf dieser Stufe leben, mit dem, was in den Dingen ist und vorgeht, innig zusammenleben. In dem Augenblick, wo dieses innere Zusammenleben aufhört, vernebelt sich gewissermaßen der Wirklichkeitssinn, und die Leute leben in einem Unwirklichen, was in der Sprache zum Ausdruck kommt. In der ursprünglichen indogermanischen Sprache haben Sie, wie im Lateinischen, drei Geschlechter, wie auch wir im Deutschen noch drei Geschlechter haben. Man empfindet sie als etwas Verschiedenes: männlich, weiblich, sächlich. Im Französischen haben Sie nur noch zwei Geschlechter, im Englischen haben Sie nur noch ein einziges Geschlecht, was bezeugt, daß das eine Sprache ist, die als Sprache den Wirklichkeitssinn, man möchte sagen, grandios abgestreift hat, die nur mehr über den Dingen schwebt, aber nicht in den Tatsachen darinnen lebt. Es war noch etwas elementar Hellseherisches auf derjenigen Stufe der Menschheitsentwickelung, auf der die Geschlechter für das Wort gebildet wurden; man empfand da noch etwas Lebendig-Geistiges in den Dingen drinnen. So hätte niemals in den älteren Sprachformen der indogermanischen Sprachen der Sonne und die Mond entstehen können — was später nur umgewendet worden ist in die Sonne und der Mond -, wenn man nicht die elementarischen Wesenheiten, die in Sonne und Mond leben, empfunden hätte wie Bruder und Schwester. Im Altertum hat man empfunden: die Sonne ist der Bruder, der Mond die Schwester -— heute ist es an der Zeit, wo man umgekehrt verfährt -; man hat den Tag als den Sohn und die Nacht als die Tochter des Riesen Norwi empfunden. Das beruhte durchaus auf primitiver hellseherischer Anschauung. Die Erde hat man nicht so empfunden, wie die heutigen Geologen sie empfinden; die haben natürlich alle Veranlassung, ein Neutrum zu gebrauchen: das Erde müßten sie eigentlich sagen. Der heutige Mensch empfindet nicht mehr, wie die Erde tatsächlich die Gäa ist, zu der das Männliche der Uranos ist. Das aber empfand man auch noch in den Gegenden, in denen die germanische Sprache ursprünglich sprachbildend aufgetreten ist. — Sonst waren es wenigstens Empfindungsnuancen, die aus dem Zusammenleben in der Außenwelt sich ergaben, die zu der Geschlechtsbezeichnung, zu der Geschlechtscharakteristik den Anlaß gaben. So empfand man den Elefanten als stark, die Maus als schwach. Weil man den Mann als stark und das Weib als schwach empfunden hat, hat der Elefant das männliche Geschlecht bekommen und die Maus das weibliche Geschlecht. Die Bäume des Waldes sind zumeist weiblich, weil sie für das ursprüngliche Empfinden die Häuser, die Sitze für weibliche Gottheiten waren. Daß ein sächliches Geschlecht neben dem männlichen und weiblichen vorhanden ist, das ist eigentlich von ungeheurer Bedeutung, weil es auf etwas sehr Tiefes im Sprachgenius verweist. Wir sagen: der Mann, die Fran, das Kind. Das Kind, bei dem das Geschlecht noch nicht ausgesprochen ist, was noch nicht sein Endgültiges ist, was erst wird. Als das sächliche Geschlecht gegeben worden ist, ging es aus jener Stimmung beim Volksgenius hervor, wo man empfand, daß alles, was man als sächlich bezeichnet, erst etwas wird. Das Gold hat heute noch nicht das Charakteristikum, das ihm einstmals eigen sein wird. Es ist im Kosmos noch jung; es wird erst das sein, wozu es bestimmt ist. Daher sagt man nicht der Gold, nicht die Gold, sondern das Gold. - Man kann nun wiederum studieren, wie es sich damit verhält, wenn die Anschauung, aus der die Geschlechtscharakteristik hervorgegangen ist, schwindet. Wir sagen heute: die Mitgift, was deutlich beweist, daß es zusammenhängt mit einem früheren Wort, wie es auch der Fall ist: die Gift. Wir sagen heute der Abscheu, was deutlich beweist, wie es auch der Fall ist, daß es zurückführt auf ein Wort: der Scheu. Der Scheu, die Gift, diese Worte haben ihre Empfindungsnuance gewandelt. Die Gift wurde früher einfach so bezeichnet, daß man mehr meinte: das Gleichgültige des Gebens. Aber weil vorzugsweise das, was gewisse Leute gegeben haben und was nach Fausts Anschauung vielen Leuten schädlich war, in seiner Bedeutung, die sich gewandelt hat, angewendet worden ist auf eine Gabe, die anrüchig ist, verlor man den Zusammenhang mit der ursprünglichen Geschlechtscharakteristik, und es wurde das Gift. Und als das ursprüngliche starke Empfinden, das einer hatte, den man scheu nannte, das In-sich-Gefestigte, als das schwach wurde, da durfte das Wort die Scheu werden.

Wie die Sprache abstrakter geworden ist, wie die Sprache sich herausgelöst hat aus dem Verwobensein mit der äußeren Wirklichkeit, das kann man am besten daran sehen, daß doch die indogermanischen Sprachen, also die alten Sprachen, acht Fälle hatten: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Ablativ, Lokativ, Instrumentalis. Das heißt, man drückte nicht nur die Stellung aus, die ein Ding hatte und die man heute empfindet, wenn man es im ersten, zweiten, dritten, vierten Fall ausdrückt, sondern man wußte auch andere Zusammenhänge mit der Empfindung zu verfolgen. So zum Beispiel: irgend etwas tun zu einer bestimmten Zeit — kann man so ausdrücken wie heute; man sagt, man tut es diesen Tag oder dieses Tages, man kann den Genitiv oder Akkusativ gebrauchen. Doch man empfindet nicht mehr das Helfende des Tages dabei, der Tageszeit und gerade dieses bestimmten Tages; man empfindet nicht mehr, daß, was man zum Beispiel am 2. Januar 1920 tut, man nicht mehr später tun könnte, daß einem die Zeit etwas Helfendes ist, daß die Zeit in etwas drinnensteckt, was einem hilft. Das empfand man in alten Zeiten, und man gebrauchte den instrumentalen Fall hi» tagu. Man müßte sagen etwa durch diesen Tag, vermittelst dieses Tages. Es ist zum Worte heute geworden. Heute, da steckt also ein alter Instrumentalis drinnen. Ebenso hiu jaru: es ist zum heutigen heuer geworden. Aber die Sprache hat nach und nach diese anderen vier Fälle abgeworfen und hat nur noch vier Fälle zurückbehalten. Daraus sehen Sie auch, wie das Abstrahierungsvermögen der Sprache fortschreitet, und wie wir, wenn wir uns diese Beispiele vor Augen führen, eben deutlich sehen können, wie allmählich sich das abstrakte Denkvermögen und damit ein gewisser Unwirklichkeitssinn herausgestaltet aus dem alten Wirklichkeitssinn, der in der Sprache zum Ausdruck kommt.

German original of Language and the Sense for Reality or Its Lack · ← Previous · Next →