The Genius of Language

GA 299 — 3 January 1920, Stuttgart

Sechster Vortrag

Ich glaube, an einigen charakteristischen Beispielen Ihnen einiges aus der Sprachentwickelung gezeigt zu haben, so daß Sie gewissermaßen aus diesen Beispielen heraus den inneren Gang des sprachbildenden Genius durchschauen können. Es wird notwendig sein, wenn Sie durch die Spracherscheinungen und ihre Entwickelungen sich durchfinden wollen, daß Sie leitende Richtlinien aus solchen charakteristischen Erscheinungen heraus verstehen. Selbstverständlich konnte ich Ihnen nur einiges andeuten und werde auch heute nur, die Grundlagen dieser Betrachtungen zusammenfassend, Ihnen eine Hauptrichtlinie zeigen können. Wir werden hoffentlich in ganz naher Zukunft diese Betrachtungen hier fortsetzen können. Dasjenige, was Sie hauptsächlich durch unsere Betrachtungen haben sehen können, das ist ja wohl, daß auf den primitiven Stufen sprachlicher Entwickelung die Menschen innerlich empfänglich sind, innerlich belebt sind für den Zusammenklang von Laut und Sache. Ob nun diese Sache eine Empfindung ist oder ein äußerer Vorgang, ein äußeres Ding, eine äußere Tatsache: wenn es sich darum handelt, Laute zu bilden für Empfindungen, die der Mensch an Äußerem hat, dann werden die Laute vokalisch im weitesten Sinne gebildet. Vokalisch bedeutet bei der Sprache alles innerlich Gebildete, alles das, was innerlich empfunden wird und aus jenem gefühlsmäßigen, willensmäßigen Elemente heraus, das in der Empfindung gegeben ist, sich in den Laut hineindrängt. In allen Selbstlauten, in allen vokalischen Bildungen haben wir daher gewissermaßen die in den Kehlkopf hineingestoßenen Gefühle und Willensimpulse zu sehen, die der Mensch an der Außenwelt empfindet. An allem Konsonantischen haben wir zu sehen, was der Mensch an Gebärden nachbildet dem, was er in der Außenwelt wahrnimmt.

Nehmen wir zum Beispiel an, der Mensch will einen Winkel ausdrücken, so hat er diesen Winkel zunächst als Anschauung vor sich. Würde er mit seiner Hand die Schenkel dieses Winkels verfolgen, so würde er es so machen (Gebärde). Dieselbe Bewegung, die er so mit der Hand macht, macht er in Wirklichkeit, wenn er gewisse Konsonanten ausbildet, mit den Sprachwerkzeugen. Die Sprache ist in dieser Beziehung nur der hörbare Ausdruck von Gebärden, die nur nicht äußerlich mit den Gliedern gemacht werden, sondern die mit viel feineren Teilen der menschlichen Organisation, mit dem dem Menschen zur Verfügung stehenden Luftorganismus gebildet werden. Wenn Sie diese innere Gesetzmäßigkeit nehmen, dann werden Sie sich allmählich überhaupt eine Anschauung darüber bilden, wie die Sprache entweder direkt die äußere Welt nachahmt, oder wie sie Nachahmung desjenigen ist, was der Mensch mit der äußeren Welt empfindungsgemäß erlebt.

Nehmen wir zum Beispiel an: der Mensch steht zwei Tatbeständen gegenüber, die so an ihn herantreten, daß er das eine und das andere tun kann. Da wird er zunächst instinktmäßig ins Nachdenken gebracht, wie er das eine oder das andere tun kann. Ist der Mensch noch mehr oder weniger — was ja alle Menschen auf primitiver Entwickelungsstufe der Sprachentwickelung sind — ein «Nachahmungstier», so geht die Beziehung, in die er zu der äußeren Welt kommt, noch in die äußere gliedliche Gebärde über. Er macht es so (die Gebärde wird gezeigt): Er macht den Entscheid zwischen seiner rechten Hälfte und seiner linken Hälfte; das heißt, er drückt dadurch aus, daß er innerlich sich in zwei spaltet, weil zwei äußere Tatsachenbestände an ihn herantreten. Er spaltet sich innerlich in zwei Teile, um abzuwägen, wohin das stärkere Gewicht in seinem Denken neigt. Also, er macht es so (Gebärde): er scheidet, entscheidet oder teilt auch. Und natürlich, wenn er zu einem günstigen Entschließen kommen soll, dann muß er möglichst weit zurückgehen: daher teilt er nicht nur sich, sondern er ur-teilt sich, und Sie haben das Wort Urteil durchaus zu begreifen als eine innerlich ins Lautliche umgesetzte Gebärde. So ist alle konsonantische Bildung Gebärdenbildung, die sich eben nur metamorphosiert hat in einen Lautbestand.

Was da zugrunde liegt, das kann in dem ganzen Gang der Sprachentwickelung verfolgt werden. Zuerst ist der Mensch ein Wesen, das mehr in der Außenwelt lebt, er wird nach und nach erst ein innerliches Wesen; er lebt zunächst in der Außenwelt. Er lebt mit den Dingen besonders in jenen Zeiten, wo noch das ursprüngliche, primitive Hellsehen vorhanden ist. In den Zeiten dieses ganz ursprünglichen, primitiven Hellsehens, da denkt der Mensch nicht viel an sich; er hat auch nicht eine bestimmte Anschauung von sich, sondern er weiß, daß es allerlei Gespenster, allerlei Elementargeister gibt, die er in dem wahrnimmt, was wir jetzt äußerlich Dinge nennen; aber er sieht auch in sich selbst noch ein Elementarwesen. Du, sagt er sich, bist durch Vater und Mutter in die Welt hereingezogen. Er objektiviert sich noch selber. Daher werden wir finden, daß der sprachbildende Genius auf ersten sprachbildenden Stufen zunächst hauptsächlich konsonantisch wirkt, und die primitiven Sprachen werden hauptsächlich konsonantische Sprachen sein, weil dem primitiven Menschen die Innerlichkeit noch fehlt. Primitive Völker, die also stehengeblieben sind auf diesen ursprünglichen Stufen, die haben daher reichlich konsonantische Bildung in ihrer Sprache, konsonantische Laute, die sehr deutlich das Element der Nachahmung äußerer Tatbestände zeigen. Solche Schnalzer zum Beispiel, wo direkt durch die menschlichen Sprachorgane etwas zustande kommt wie schwere Peitschenknalle und dergleichen, wie sie gewisse afrikanische Völker noch hervorbringen, die hören später wiederum auf, wenn der Mensch mehr sein empfindungsgemäßes innerliches Element in den Lautbeständen offenbart. So daß eine erste Stufe in den konsonantischen Bildungen gesehen werden muß. Eine zweite Stufe wird dann gesehen werden müssen in den vokalischen Bildungen. Aber diejenige Innerlichkeit, die in diesen vokalischen Bildungen uns entgegentritt, die ist eben ein Durchgangsmoment, und wenn dann wiederum in bezug auf den sprachlichen Genius Alterserscheinungen eintreten, dann hört die vokalisierende Kraft wiederum auf, und die Kraft, konsonantisch zu bilden, tritt ein.

Es geht also eigentlich der Gang, den der Mensch bei der Sprachentwickelung nimmt, von außen nach innen und wiederum von innen nach außen. Das aber, was man so an dem Lautbestand direkt beobachten kann, das ist für die ganze Sprachbildung ein durchgreifend Wesenhaftes. Es ist das so sehr ein durchgreifend Wesenhaftes, daß wir in allen Formen des Sprachlichen es wieder antreffen. Wir treffen überall erst eine Stufe der Sprachentwickelung, wo gewissermaßen der Mensch noch selbstlos, unbewußt schafft an seiner Sprache; da hat er noch den Trieb, das eine Wort, welches das eine bezeichnet, äußerlich an das andere anzusetzen. Aber auf dieser Stufe ist der Mensch zugleich ein sehr lebendiges Wesen. Indem der Mensch sich später verinnerlicht und vergeistigt, geht ihm ja ein Stück von dieser primitiven Lebendigkeit verloren; er wird innerlicher, unlebendiger, eben abstrakter, und er hat nicht die Kraft, dasjenige, was für ihn äußere Anschauung ist, später hineinzugießen in das Wort selbst: er setzt es mehr an. — Wir können solche Erscheinungen studieren, und sie an charakteristischen Beispielen zu verfolgen, ist außerordentlich interessant. Wenn Sie zum Beispiel noch im Althochdeutschen haben salbom, ich salbe, dann können Sie durch alle Persönlichkeitsbezeichnungen hindurchgehen: salbom: ich salbe, salbos: du salbst, salbot: er salbt, salbomes: wir salben, salbot: ihr salbet, salbont: sie salben. In diesen sechs Worten, durch die also das salben konjugiert wird, haben Sie immer das salbo als das, was zum eigentlichen Verbum, zu der Tätigkeit gehört. Dasjenige, was darangefügt ist, haben Sie immer als das anzusehen, was am Worte macht, daß die Persönlichkeitsbezeichnung da ist: also für ich: m, für du: s, für er: t, für wir: mes, für ihr: t, für sie: nt. Daß diese Endlautbestände in den Worten noch selber drinnen sind, das ist in der folgenden Weise zu verstehen. Erstens die Gegensätzlichkeiten ich, du, er, wir, ihr, sie treten in einer solchen primitiven Stufe, wie die, mit der wir es da zu tun haben, so auf, daß sie der Mensch sehr äußerlich ansteht: er fügt sie zu demjenigen, was die Tätigkeit ausdrückt, hinzu. Aber er ist doch innerlich lebendig, er verbindet sie lebendig mit der Bezeichnung für die Tätigkeit. Also dieses Zweifache ist dabei zu berücksichtigen: erstens die Hinlenkung auf das Äußere; zweitens das Hinzufügen an die innere lebendige Umbildekraft des hauptsächlichen Wortes selbst. Daß nicht etwa ursprünglich bloß im Tätigkeitsworte wie ein organischer Teil, also schon etwas verinnerlicht, das ich, du, er, sie, es empfunden wurde, das können Sie daraus ersehen, daß diese einfach mit dem hauptsächlichsten Worte zusammengeleimten Bezeichnungen in dem verwandten Sanskrit durchaus als selbständige Bezeichnungen für ich, du, er, sie, es vorhanden sind. Denn das m, das Sie da im Althochdeutschen haben, das ist nur das metamorphosierte mi: ich des Sanskrit; das s ist das metamorphosierte si: du des Sanskrit; t = ti: er, sie, es; mes = das metamorphosierte masi: wir des Sanskrit; das t = das metamorphosierte tasi: ihr; nt = das nur etwas flüchtig gesprochene anti: sie des Sanskrit. Sie sehen also am Sanskrit noch, daß es sich nicht etwa darum handelt, daß man das Haupttätigkeitswort innerlich bloß biegt und dann an der Biegung die Persönlichkeitsbezeichnung empfindet, nein, man hat in der Anschauung die Persönlichkeitsbezeichnung. Man ist innerlich lebendig genug, diese Persönlichkeitsbezeichnung hineinzuorganisieren in den Lautbestand, der das Hauptsächlichste ausdrückt. Das ist ein wichtiger Unterschied; denn Sie könnten leicht glauben, auf diesen primitiven Stufen wäre hauptsächlich ein innerliches Biegen der Worte vorhanden. Nein, das ist es nicht: es ist eine innerliche Lebendigkeit, um beide Bestandteile miteinander zu verknüpfen. Also die Tätigkeit ist als solche eine konsonantische Tätigkeit, nicht eine vokalisierende Tätigkeit. Wenn dann eine Sprache wie die lateinische auf die Stufe kommt, daß sie im inneren Organismus des Lautbestandes selbst die Persönlichkeitsbezeichnung empfindet, dann ist das eben schon eine Stufe, die einer größeren Innerlichkeit des betreffenden Sprachgenius entspricht. So rankt sich der Sprachgenius hinauf aus der Außerlichkeit in die Innerlichkeit; und er macht das so, daß er zunächst hinten anhängt, was er als äußere Tatsache wahrnimmt: salbom: ich salbe; salbos: du salbst! So wie man auf primitiveren Stufen nicht sagt Karl Meyer, sondern der Meyer-Karl, so war es auch da; was spezifiziert, das fügt man hinten an. So ist es auch hier nicht anders, als daß das Spezifizierte, das durch die Persönlichkeitsbezeichnung Spezifizierte hinten angefügt wird.

Gerade der Weg, diese Bezeichnung hinten wegzunehmen und sie selbständig vorne hinzuzufügen, das ist der Weg zur äußersten Verinnerlichung, zu jener Verinnerlichung, die dann das Innere geistig abstrakt wahrnimmt. Da sondert man die Person also ab und stellt sie vorne hin. Und sie können an der Sprache etwas Wichtiges ablesen, Sie können zurückgehen auf die primitiven Formen des sprachbildenden Genius, wo dieser eigentlich vom Ich und Du, getrennt von den äußeren Dingen, nichts weiß, wo er also noch in das Wort hineindrängt dasjenige, was er über dieses Ich und Du zu sagen hat. Dann findet er es im Worte selbst darinnen - eine Sprache auf dieser Stufe ist die lateinische —, und dann holt er es heraus, kommt zur Selbstschau, kommt zum Egoismus und stellt das Ich und Du vorne hin. Dieses Egoistischwerden, dieses Zur-Selbstschau-Kommen, das ist im Grunde genommen dasjenige, was sich klar abspiegelt in der Sprachentwickelung. Man kann sagen, das «Erkenne dich selbst» in einer gewissen unterbewußten Stufe, das ist durchgeführt worden in der Nachfolge des apollinischen Spruches: «Erkenne dich selbst» durch die nachfolgende abendländische Sprachentwickelung, die dann überall die Persönlichkeitsbezeichnungen herausgeholt hat aus den Wortbeständen, welche noch Ausdruck waren für das Innerliche, die aber nicht auch innerlich sich vollständig losgelöst hatten. Sie werden eben die Sprachen nicht studieren können, wenn Sie nicht das befolgen, was ich schon gestern sagte: wenn Sie sie nicht als Ausdruck der seelischen Entwickelung betrachten.

Sehen Sie, an der noch lebenden Sprache können Sie die Überreste, ich möchte sagen, der vokaliisierenden und konsonantisierenden Macht noch durchaus verfolgen. In den Verben, in den Tätigkeitswörtern liegt etwas, wodurch sie einen mehr vokalisierenden Charakter überhaupt haben, wodurch bei ihnen das Vokalische die Hauptsache ist. Sie brauchen nur eine geringfügige Überlegung, dann werden Sie sich sagen können: Bei jenen Verben, Tätigkeitswörtern, wird das Vokalisierende, das innerlich Empfindende die Hauptsache sein, welche etwas ausdrücken, worin der Mensch sich gewissermaßen hineinlebt, womit er sich verbindet. Sehen Sie, es ist ein Unterschied zwischen jener inneren Verfassung, in der Ihre Seele jetzt ist, und der, in welcher Ihre Seele vor nicht langer Zeit war. Jetzt sitzen Sie, und Sie sitzen schon eine ganze Weile. Das, was dieses Sitzen ausdrückt, mit dem haben Sie sich verbunden, das ist etwas sehr innerlich mit Ihnen Verbundenes, dieses Sitzen. Daß Sie zu diesem Sitzen gekommen sind, ist dadurch geschehen, daß Sie sich zuerst gesetzt haben; mit diesem Setzen sind Sie weniger innerlich verbunden, es ist Ihnen mehr äußerlich. Sie können sich nicht eine halbe Stunde lang setzen, weil Sie sich nicht mit dem Setzen so innig verbinden können; aber Sie können eine halbe Stunde und noch länger sitzen, weil Sie sich mit dem Sitzen eben innerlich verbinden können. Es ist richtig so, daß der Lautbestand für Sitzen von Ihnen vokalisierend empfunden werden muß, für Setzen mehr sich veräußerlichend, konsonantisierend empfunden werden muß. Wenn Sie aber vokalisierend empfinden, dann werden Sie auch aus dem sprachbildenden Genius heraus die innerliche Kraft haben zu vokalisieren, und Sie werden vokalisieren, indem Sie das Wort verschieden anwenden: sitzen, saß, gesessen. Bei der konsonantisierenden Tätigkeit, die Sie ausüben, und die sich ausdrückt durch Setzen, werden Sie eben konsonantisierend sein und werden nicht setzen irgendwie vielleicht als satzen oder so etwas bilden, sondern Sie müssen ein Äußerliches abbilden, und das tun Sie dadurch, daß Sie setzen sagen. Und wenn Sie jetzt ausdrücken wollen, daß das vor einiger Zeit war, so sagen Sie: setzentat: Sie tun sich setzen, und das wird in Metamorphose setzte; denn das te ist das metamorphosierte tat. Bei Leuten, welche heute noch etwas von solcher sprachbildenden Kraft in sich haben, wird in solchen Fällen noch konsonantisiert, es ist ein übertragenes Konsonantisieren. Aber solche Menschen müssen dann auf einer primitiveren Bildungsstufe gegenüber der Allgemeinheit stehen. Solche Menschen haben heute noch immer das Zeug in sich, möglichst wenig zu vokalisieren, und um so mehr das äußerlich Tätige, den äußeren Bestand nachzuahmen in den Lautbeständen, die sie durch Zusammenfügen, Zusammenleimen mit dem Tun ausdrücken. Sie können das sehen, wenn zum Beispiel ein etwas primitiverer Landwirt, der eine Ehre darein gesetzt hatte, seinen Sohn an der Universität studieren zu lassen, zu folgender Äußerung kam: Er wurde gefragt, was sein Sohn auf der Universität mache. Der Sohn hatte zunächst die primitiveren Erbschaftsdinge weniger dazu benützt, um sich in das abstrakt Geistige des Universitätslebens zu vertiefen, sondern mehr dazu, in den Äußerlichkeiten desselben aufzugehen. Und so sagte der Vater, als er gefragt wurde, was sein Sohn auf der Universität mache: Spazierengehen tut er, bummeln tut er, saufen tut er, Allotria tun tut er, aber tun tut er nichts!

Da ist ein starkes Fühlen der Innerlichkeit in demjenigen, was in das sprachbildende Tätigkeitswort übergeht. Sie werden bei jenen Lautbeständen, die heute noch ihren Charakter, namentlich ihren Bedeutungscharakter erhalten haben, immer fühlen, wie das, was, wie man sagt, ablautet, was also vokalisierend den Laut in sich ändert beim Konjugieren, dasjenige ausdrückt, womit sich der Mensch innerlich mehr verbindet. Dagegen wird er bei allem, was innerlich gebildet wird, was aber dasjenige ausdrückt, womit sich der Mensch nicht so innerlich verbindet — was ihm also nicht ein Gefühltes wird, sondern ein bloß Angeschautes bleibt —, den Ablaut nicht entwickeln können. So, wenn Sie sagen: ich singe, ich sang, da haben Sie den Ablaut. Ganz anders, wenn Sie sagen: ich senge, brenne an. Senge, das Wort hat seinen Lautbestand dadurch, daß das Feuer singt. Ich senge = ich mache irgend etwas singen. Wenn Sie singen, so verbinden Sie sich innerlich mit dem, was Sie durch den Lautbestand zum Ausdruck bringen wollen; wenn Sie sengen, so verbinden Sie sich innerlich nicht damit; Sie schauen es an, indem Sie sich selbst äußerlich anschauen: daher wird es nicht ablauten, sondern bildet ich senge, ich sengte.

Wo Sie solche Dinge heute nicht mehr bemerken, da sind eben die Worte so stark metamorphosiert, daß es nicht mehr bemerkbar ist. Da muß man auf frühere Zeiten des Lautbestandes zurückgehen. Es ist wirklich außerordentlich bedeutsam, daß man dieses Leben des Menschen zuerst mit der Außenwelt, dann die Verinnerlichung und dann die nächste Stufe der Verinnerlichung, wo er auf das eigene Innere mit dem Worte deutet - wie zum Beispiel in den persönlichen Fürwörtern —, daß man diese drei Stufen wirklich verfolgen kann. Und Sie werden sich das Verständnis der Sprachbildung ganz besonders erleichtern, wenn Sie sich einlassen auf die Beobachtung dieser Richtlinie. Die Sprache wird wirklich dadurch zu einem Zusammenfluß des gedanklichen Elementes und des Willenselementes im Menschen, und sie erscheint auf ihrer primitiven Stufe so, daß da, wo der Laut noch sehr zusammenhängt mit dem Vorstellungsmäßigen, das Gedankenmäßige sogar schwer zu unterscheiden ist von dem Willensmäßigen. Unser jetziges Sprechen, namentlich unser hochdeutsches Sprechen, ist eigentlich schon etwas außerordentlich an den Willen Gebundenes. Wir sprechen mit dem Willen und lernen gewohnheitsmäßig den Willen anwenden, indem wir sprechen lernen; und wir begleiten dieses Sprechen mit den Vorstellungen, die wir gewohnt worden sind mit jenen Willensäußerungen zu verbinden. Im Englischen ist es noch ganz anders, und daher ist für den, der solche Dinge beobachten kann, hochdeutsch sprechen — die Dialekte sind ja dem Englischen noch ähnlicher - eigentlich für den Unbefangenen eine ganz andere menschliche Tätigkeit als englisch sprechen. Englisch-Sprechen ist noch viel mehr eine Tätigkeit, wo im Sprechen, im Lautentwickeln selber gedacht wird, während das Hochdeutsch-Sprechen etwas ist, wo im Lautentwickeln nicht gedacht wird, sondern das Denken als eine Parallelerscheinung neben der Lautentwickelung einhergeht. Überhaupt, die westlichen Sprachen haben sich noch viel mehr bewahrt von diesem Zusammengehören, von diesem instinktmäßigen Zusammengehören von Laut und Vorstellung als die mitteleuropäischen Sprachen. Und daher haben auch die westeuropäischen Sprachen eine solch starre Form angenommen. Man kann kaum irgendwie etwas in den westeuropäischen Sprachen formulieren, ohne daß einem gesagt wird: Das kann man nicht sagen, so drückt man sich nicht aus. — Das ist eine Sache, die es im Hochdeutschen so nicht gibt. Da kann man beinahe alles sagen: da kann man das Subjekt da hinstellen, dort hinstellen, denn der Gedanke geht mehr parallel mit dem Lautbestande als in den westlichen Sprachen. Nur indem wir an ältere Stufen unserer Sprachbildung herankommen, kommen wir auch immer mehr und mehr zu einem strengen Verbundensein von Vorstellung und Lautbestand, und daher können wir an unseren älteren Stufen und Dialekten das studieren, was bei den westlichen Sprachen heute noch immer als ein Atavismus vorhanden ist.

Wenn Sie von diesem Gesichtspunkte aus mit lebendigem Sprachgefühl die Sprache studieren, führt Sie das zu gleicher Zeit tief hinein in das Wesen von Volksseelen. Nehmen Sie einmal an, wir haben ein Objekt, einen Gegenstand vor uns. Wir bilden als primitive Menschen aus konsonantischem und vokalischem Elemente heraus den Lautbestand für diesen Gegenstand; also, sagen wir Wagen für das, was fortfährt. Wenn wir denselben Gegenstand in der Mehrzahl vor uns haben, also eine Anzahl von solchen Gegenständen, da bilden wir die Mehrzahl, indem wir sagen: die Wägen. Die Wagen ist zwar korrekt, aber eigentlich eine nicht im Organismus der Sprache gebildete Form, eine mehr der Schriftsprache angehörige Form. Warum bilden wir da den Umlaut? Wir haben uns den Lautbestand an dem Singular gebildet. Da hat sich unser Bewußtsein in der Sprachbildung entzündet, da hat es sich belebt, darauf waren wir aufmerksam. Wenn wir nun die Mehrzahl bilden, dann überschauen wir den Tatbestand weniger, dann haben wir das Bedürfnis, die Sache etwas nebuloser auszudrücken: wir trüben den Laut a in ä ab. So ist der ursprüngliche Lautbestand immer bei normal bewußtem Beobachten eines Tatbestandes oder einer Empfindung gebildet. Dasjenige, was dann weniger beobachtet wird oder beobachtet werden kann, das wird durch eine Trübung angezeigt. Dabei kommt es darauf an, daß man nur sieht, wie sich da etwas im Menschen verschiebt. Der Dialekt sagt in vielen deutschen Gegenden nicht der Wagen, sondern der Wogn. Denn ist die normale Aufmerksamkeit beim Bilden des Lautbestandes so gewesen, daß ein o geantwortet hat, dann wird die Trübung nur so ausgedrückt, daß man sagt: die Woagn im Plural. Das können Sie bei einer ganzen Reihe von Erscheinungen verfolgen.

Nur auf das möchte ich Sie noch aufmerksam machen. Sehen Sie, auf Anschauung beruht vieles in der konsonantischen Sprachbildung früherer Zeiten; und vieles von dem, was da die Seele empfunden, in ihre Verfassung aufgenommen hat, das hat sich auch in primitiven Gemütern noch erhalten und kann da studiert werden. Aber diese Anschauung, als sie besonders lebendig war, war noch durchaus verknüpft mit einer Art primitiver Hellsichtigkeit, nicht bloß mit dem Schauen der äußeren Welt, das ein sinnliches ist. Da würden die stramm anschaulichen Wortbezeichnungen, die wir Gott sei Dank doch noch erhalten haben, niemals herausgekommen sein. Nehmen wir ein Beispiel: Ein ursprünglich empfindender Mensch, der noch — wenn auch noch so schwach - in der Sphäre des atavistischen Hellsehens drinnen war, der empfand, daß es bei dem Menschen in der Regel so ist, daß sein physischer Leib etwas in sich enthält, was wir heute den Ätherleib nennen; so daß also der primitive Mensch durchaus den Kopf (es wird gezeichnet) und - darüber hinausragend — den zweiten Kopf empfand. Den Kopf empfand er als den Ausdruck des Denkens. Man könnte daher in einer Bezeichnung, die der unsrigen sehr verwandt ist, auch sagen: Die primitiven Menschen mit ursprünglichem Hellsehen bezeichneten den Menschen vom Denken aus. Sie haben es im Worte manas als Mensch. Mensch ist ja dasselbe wie manas. Nun, das ist der Mensch, wie er uns gewöhnlich begegnet. Doch wußte der atavistisch hellseherische Mensch, daß man auch anderen Menschen begegnen kann, die — ich mache natürlich einen Scherz, den man nicht trivialisieren dürfte diesen übersinnlichen Menschen nicht so schön philiströs mit dem sinnlichen zusammengebunden haben, sondern die ihn irgendwie nicht ganz in den anderen Menschen hineinpassend haben. Da empfanden sie: dieser Ätherleib ist verräckt, was dann übertragen ist auf das ganze Wesen: der Mensch ist verräckt. Es ist ein rein äußerlicher Tatbestand die Verrückung des Ätherleibes — ausgedrückt. Und gerade diese Art von Anschaulichkeit, die zurückführt auf eine Anschaulichkeit in Zeiten, da man noch das Geistige beobachten konnte, die ist außerordentlich interessant. Und würden es Menschen tun, würden die gelehrten Sprachforscher nicht so schlafen, daß sie eigentlich nur ganz äußerlich materialistisch verfahren und gar nicht eingehen auf das innere Seelische, das nur seinen äußeren Ausdruck findet im äußerlich Sprachbildenden, so würden die Sprachwissenschaften von selbst zuerst in die Seelenwissenschaft und dann in die Geisteswissenschaft hineintreiben können. Deshalb ist es so schade, daß unsere Sprachwissenschaft so materialistisch geworden ist. Denn dadurch haben nicht einmal die jungen Leute Gelegenheit, an der Sprachbildung und ihrer Erkenntnis das Wirken von Seele und Geist zu beobachten.

Ich glaube nun doch, daß denjenigen unter Ihnen, die Lehrer an der Waldorfschule sind, das, was ich gewissermaßen als die Richtlinien geben wollte durch Beispiele, auch schon jetzt nützlich sein kann, wenn Sie es in Ihre Seelenverfassung aufnehmen. Erstens dadurch, daß es Sie anregen wird, manches an der Sprache zu bemerken, was Sie beim Unterrichten, wenn Sie den Geist einer solchen Betrachtungsweise in sich aufnehmen, in der mannigfaltigsten Weise werden nutzbar machen können. Das kann durchaus zur Verwendung kommen zwischen Ihnen und Ihren Schülern, weil ja das Sprechen das verbindende Element des Unterrichts ist. Namentlich hilft man sich stark, wenn man selber versucht, in die Worte wiederum etwas von der ursprünglichen Empfindungsstärke und Anschaulichkeit hineinzubringen: dadurch erzieht man sich zu einem lebendigeren Fühlen, als man es sonst entwickelt. Wir modernen Menschen gehen ja eigentlich ziemlich stark als lebendige Leichname herum, und nicht zum geringsten aus dem Grunde, weil unsere Sprache so stark aus dem Herzen irgendwohin hinuntergefallen ist. Sie ist zu einem unbewußten Willenselemente geworden. Wir fühlen den : und # und e und n nicht mehr an, was Seelisches in ihnen liegt; wir erziehen uns nicht dazu, Gleichlautendes auch mit seelisch gleichen Empfindungen zu durchdringen. Wir sind im Verstehen, im Begreifen abstrakt, wir sind aber auch im Sprechen abstrakt. Für denjenigen, der ein recht lebendiges Sprachgefühl hat, für den ist vieles von dem, was die Menschen der Gegenwart sprechen, so, als wenn es der Ausdruck eines Phonographen wäre, dessen Platte aber vor uralter Zeit schon beschrieben worden ist. Wir müssen uns wiederum mit der Sprache verbinden können. Allerdings, es wird dann eine Art Selbsterziehung so notwendig sein, daß wir innerlich hinhören, wenn wir sagen: rauh, und den Lautbestand ra»» innerlich empfinden. Und wenn wir sagen, indem wir diese Figur wahrnehmen (es wird gezeichnet): das ist eine Raute, können wir rauh so empfinden, daß wir dasjenige, was wir eben an dem Rauhen fühlen, als die Wahrnehmung von Ecken empfinden. Dann werden wir uns auch aufschwingen können, heute noch, wenn wir solch eine Figur haben, ihr Eckiges mit dem rauh verwandt zu empfinden, und das t werden wir als txt empfinden: dasjenige, was rauh tut, ist die Raute. Es wäre ein starkes Element, Imponderabilien im Unterrichte zu entfalten, wenn wir nicht so sehr auseinanderfallen ließen Lautbestand und Vorstellung. Bitte, was können wir denn viel an Imponderabilien empfinden, wenn wir uns mit dem Kinde über diese Figur unterhalten und sagen: Das ist ein Rhombus? — Wir empfinden ja selbst nichts, wenn wir Rhombus sagen. Was könnte sich für eine Grundlage entwickeln für die Aufmerksamkeit, die dem Unterricht zugrunde liegt, wenn wir aus den Lautbeständen heraus uns selber wieder erziehen und dann auch das Bedürfnis bekommen, die Kinder nach dieser Richtung zu erziehen.

Dieses mit Bezug auf all dasjenige, was Sie inhaltlich zu Ihrer Selbsterziehung aus einer solchen Anschauung des Sprachlichen gewinnen können, wie ich es versuchte, Ihnen in diesen Stunden vorläufig anzudeuten. Aber auch Methodisches, meine lieben Freunde, wollte ich Ihnen zeigen: Mein Bestreben ging dahin, an charakteristischen konkreten Beispielen wichtige Richtlinien zu entwickeln. Ich glaube, daß wahrscheinlich so ein richtiger Hochschullehrer von heute dasjenige, was ich Ihnen hier in den paar Stunden entwickelt habe, ganz gut in drei Bänden verarbeiten könnte. Er würde dabei natürlich nach Vollständigkeit streben, aber es würde dabei weniger möglich sein, daß gerade die Hauptrichtlinien, die unser Denken, unser Vorstellen, unser Empfinden anregen, dabei herauskämen. Wenn Sie nun schon im Elementarunterricht so verfahren, wie gerade hier in diesem Sprachkursus verfahren worden ist, dann werden Sie gute methodische Grundsätze entwickeln, dann werden Sie überall die Versuche machen, recht charakteristische Beispiele zu suchen für das, was Sie Ihren Schülern vorbringen wollen, und Sie werden das Anschauen und das Empfinden charakteristischer Beispiele verbinden können mit dem Wahrnehmen des Geistigen an diesen Beispielen. Denn es gibt kein besseres Mittel, die Kinder in den Materialismus hineinzutreiben, als wenn man ihnen abstrakten Unterricht gibt. Spirituellen Unterricht gibt man an konkreten Beispielen; aber man darf nicht außer acht lassen, an diesen konkreten Beispielen das Seelische und Geistige sich offenbaren zu lassen. Deshalb glaube ich, daß dasjenige, was ich Ihnen hier gegeben habe, eine praktisch methodische Ergänzung auch des Kurses sein kann, den ich vor Beginn des Waldorfschul-Unterrichtes Ihnen gegeben habe. Und ich glaube, daß Sie auch manches gewinnen könnten, wenn Sie sich jetzt überlegten: Wie soll ich, ins Kindliche übersetzt, den eigenen Unterricht so einrichten — man kann ihn in allen Gegenständen so einrichten —, daß er dieses Heranziehen des Geistigen an einzelnen konkreten Beispielen nachbilder? Wenn Sie das tun, werden Sie auch nicht leicht in die Gefahr kommen, in die fast aller Unterricht kommt: mit dem Lehrstoff nicht fertig zu werden. Man wird immer nur dann nicht fertig, wenn man diesen Lehrstoff atomisiert; denn dann ist man zu sehr dazu verführt, die einzelnen Atomismen, die man durchnimmt, uncharakteristisch zu machen und das Charakteristische durch das Anhäufen hervortreten zu lassen. Es gibt natürlich für alle Unterrichtszweige uncharakteristische Beispiele. Bei diesen muß man vieles aneinanderreihen. Gibt man sich die Mühe, charakteristische Beispiele zu wählen und am Beispiel das Spirituelle zu entwickeln, dann kann man eine gewisse Okonomie des Unterrichts erzielen. Es wäre mir recht, meine lieben Freunde — und namentlich denjenigen unter Ihnen hier, die Lehrer an der Waldorfschule sind, denen sei es in aller Freundschaft gesagt -, es wäre mir recht, wenn dieses Zweifache bemerkt worden wäre in diesen improvisierten Stunden: erstens die Anregung zur Selbsterziehung durch eine gewisse Verbrüderung mit dem Sprachgenius, und auf der anderen Seite, wenn die Methodik des Unterrichts in dem zuletzt angedeuteten Sinn etwas beeinflußt werden könnte.

Dann wollen wir, wenn ich wiederkomme, hoffentlich in ganz naher Zeit, solche Sprachbetrachtungen fortsetzen.

German original of The Inner Path of the Genius of Language · ← Previous