Das Ansehen Der Deutschen Philosophie Einst Und Jetzt
Als Rosenkranz 1844 seine Hegel-Biographie vollendet hatte, schrieb er in der Vorrede die bedeutungsvollen Worte: «Scheint es nicht, als seien wir heutigen Tages nur die Totengräber und Denkmalsetzer für die Philosophen, welche die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts gebar, um in der ersten des jetzigen zu sterben? Kant fing 1804 dies Sterben der deutschen Philosophen an. Sehen wir einen Nachwuchs für diese Ernte des Todes? Sind wir fähig, in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts ebenfalls eine heilige Denkerschar hinüberzusenden?» Es sind nun vier Jahrzehnte dahingegangen, seit der geist- und gemütvolle Hegelianer diese Frage gestellt. Blicken wir um uns! Was erteilt uns unsere Zeit für eine Antwort? Jetzt müssen sie ja Männer geworden sein, von denen Rosenkranz fragte: «Leben unter unseren Jünglingen die, welchen platonischer Enthusiasmus und aristotelische Arbeitsseligkeit das Gemüt zu unsterblicher Anstrengung für die Spekulation begeistert?» Eine ziemlich oberflächliche Kenntnis des Geisteslebens unserer Zeit genügt, um einzusehen, daß die Antwort auf obige Frage eine wenig erfreuliche sein wird. Das Häuflein Philosophen, das heute für Spekulation schwärmt, ist klein, sehr klein, groß aber die Schar jener, die achselzuckend auf das ganze philosophische Zeitalter des deutschen Volkes herabschauen. Es scheint fast, als ob wir mit den deutschen Philosophen die deutsche Philosophie begraben hätten.
Was bedeutet dem Deutschen die Philosophie am Beginne unseres Jahrhunderts, was heute? Damals war sie die Losung des Tages; der Philosoph konnte auf die Teilnahme jedes gebildeten Deutschen rechnen, seinen Worten lauschte nicht nur eine begeisterte Zuhörerschar in den Hörsälen, sie drangen überallhin, wo überhaupt geistige Interessen vorhanden waren. Heute lesen die Philosophie-Professoren — vor leeren Bänken. Philosophische Fragen waren für eine Zeitlang Tagesfragen, sie wurden behandelt, wie man heute politische, nationale oder wirtschaftliche Fragen behandelt. Eine Weltanschauung zu haben, erschien als Norwendigkeit für jeden denkenden Menschen. Die Philosophie schien dazu ausersehen, allen anderen Wissenschaften die Fackel voranzutragen, ihnen Richtung und Ziel zu bestimmen. Die volle Energie des menschlichen Denkens erwachte, und mit der Energie vereinte sich das vollste Vertrauen in die Menschen-Vernunft. Im Herzen erwachte das tiefste Bedürfnis, in die Geheimnisse des Welträtsels einzudringen, und der Geist hielt sich zugleich für fähig, gestützt auf seine eigene Kraft — ohne Offenbarung, ohne Erfahrung -, diesem Bestreben Genüge zu tun. Wie anders liegen die Dinge heute! Das Vertrauen in unser Denken ist uns völlig verlorengegangen. Man betrachtet es einzig und allein als Werkzeug der Beobachtung, der Erfahrung, wie man es einst nur als Werkzeug für die Auslegung der von der Kirche aufgestellten Dogmen gehalten hat. Man verzichtet überhaupt auf die Lösung der großen Rätselfragen, die Natur und Leben an uns stellen. Aristotelische Arbeitsseligkeit haben wir; platonischer Enthusiasmus fehlt uns aber. Wir verschwenden unendliche Mühe auf die Detailforschung, die ohne große leitende Gesichtspunkte denn doch keinen Wert hat. Man vergißt dabei nur, daß wir auf dem besten Wege zu einem Standpunkte sind, den wir für längst überwunden halten: auf dem Wege zum blinden Dogmenglauben.
Die Abweisung des souveränen Denkens, verbunden mit dem Pochen auf die Aussprüche der Erfahrung, ist für eine tiefere Auffassung ganz dasselbe wie der blinde Offenbarungsglaube einer abgetanen Theologie. Der Theologie werden Wahrheiten überliefert, die sie hinnehmen muß, ohne nach den Gründen fragen zu dürfen, ohne vermöge des eigenen Denkens daraufkommen zu können, warum das wahr ist, was sie für wahr halten muß. Sie vernimmt die Botschaft und muß ihr Glauben entgegenbringen. Das Denken hat nichts zu tun, als die fertige Wahrheit in eine für den Menschen geeignete Form zu bringen. Nicht anders ist es mit der bloßen Erfahrungs-Wissenschaft. Nach ihrer Ansicht gilt nichts für wahr, als was die Tatsachen verkünden. Man soll beobachten, ordnen, sammeln, sich aber ja alles Nachdenkens über die innern Triebfedern der Ereignisse, denen wir gegenübertreten, enthalten. Auch die Erfahrungswahrheiten werden uns ja von außen her fertig übermittelt. Die Kirche forderte vom Denken Unterwerfung unter die Offenbarung, die Erfahrungswissenschaft fordert Unterwerfung unter die zufälligen Aussprüche der Tatsachenwelt.
Und auf dem Gebiete der praktischen Philosophie, wohin sind wir gelangt? Der rote Faden, der sich durch das Denken aller Geister der klassischen Periode durchzieht, ist die Anerkennung des freien Willens des Menschen als höchster Macht seines Geistes. Diese Anerkennung wird zuweilen sehr leicht genommen. Wenige wissen, daß sie in ihrer vollen Tiefe erfaßt geradezu die Keime zu einer religiösen Ansicht der Zukunft bildet. Wer dem Menschen den freien Willen im höchsten Sinne des Wortes zuerkennt, muß jeden inner- oder außerweltlichen Einfluß auf die Taten seines Geistes leugnen. Er muß ihn völlig auf sich selbst, seine eigene Persönlichkeit verweisen. Keine «göttlichen Gebote», kein «Du sollst», wie es die Religionen haben, kann er für das sittliche Leben des Menschen gelten lassen. Ziel und Zweck seines Daseins muß der Mensch aus sich selbst schöpfen.
Seine Bestimmung ist nicht die, die ihm ein «ewiger Ratschluß» Gottes zuweist, sondern die er sich selbst gibt. Er erkennt über sich keinen Gebieter. Diese Ansicht erhöht das Bewußtsein der menschlichen Würde unendlich. Um sie zu hegen, braucht man aber jenes Vertrauen in die eigene Vernunft, das wir nicht mehr oder wenigstens nicht in dem Maße mehr haben wie zur Zeit der klassischen Epoche unserer Philosophie. Diese Ansicht muß es eben aufgeben, Trost in der Religion oder in dem Bewußtsein. der Gotteskindschaft überhaupt zu finden, sie muß Trost in der eigenen Brust des Menschen suchen. Sie muß es aufgeben, ein gottgefälliges Leben zu führen, und einzig und allein die eigene Vernunft als Führerin anerkennen. Mit dieser Ansicht fühlt sich der Mensch erst völlig frei. Es war ein ungeheurer Schritt nach vorwärts in der Erziehung des Menschengeschlechtes, als die deutschen Philosophen diese Wahrheit in allen Formen verkündeten. Wer erkennt sie heute als solche an? Wir glauben nicht mehr, daß wir fähig sind, uns Ziel und Zweck unseres Lebens selbst vorzusetzen. Wir wähnen uns am Gängelband einer ehernen Naturnotwendigkeit, so wie sich eine abgelebte Menschheit am Gängelband göttlicher Weisheit wähnte. Wer dazu noch das Gefühl von der erbärmlichen Lage hat, in der wir sein würden, wenn diese Ansicht die wahre wäre, der wird eben Pessimist. Und so gilt heute der Pessimismus als die Gesinnung vornehmer Geister. Unsere glaubensstarken Ahnen waren nur deshalb nicht Pessimisten, weil sie glaubten, daß der Schöpfer allgütig und allweise sei und zuletzt doch alles zum besten wende. Von det blinden Naturnotwendigkeit kann eine solche Annahme nun freilich nicht gelten.
Nur ein freies philosophisches Denken, das des höchsten Aufschwunges fähig ist, kann über diese Ansicht erheben. Und ein solches war das Denken unserer klassischen Epoche.
Unsere deutsche Philosophie ist nicht die Tat eines Einzelnen, sie ist die Tat des deutschen Volkes. Das deutsche Volk brachte sein Bestes, sein Herzblut an die Oberfläche, und das nennen wir deutsche Philosophie. Die Männer, die um die Wende des Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des unsrigen auftraten, sie verkünden eine Botschaft, die tief aus der Volksseele entsprungen. Und nicht nur die Philosophen, auch die Dichter verkündeten dieselbe Botschaft. Denn die Epoche unserer klassischen Literatur bedeutet keinen einseitigen Aufschwung der Dichtung, sondern eine Vertiefung des ganzen deutschen Wesens. Der Grund-Charakter aller Schöpfungen unserer größten Zeit ist ein philosophischer. Unsere größten Dichter mußten sich mit den philosophischen Anschauungen der Zeit auseinandersetzen. Schiller schätzte sich glücklich, in der Zeit zu leben, in der Kant die größten Weltprobleme in Fluß gebracht, und es gibt philosophische Wahrheiten, die bis heute keiner tiefer erfaßt hat als Schiller.
Fragen wir nach dem Grunde dieser Erscheinung, so müssen wir ihn eben in der Tiefe und Eigentümlichkeit des deutschen Wesens suchen. Man erfaßt dieses Wesen am besten, wenn man es mit dem alten Griechentum zusammenhält. Der Kulturhistoriker der Zukunft wird ja gewiß dem deutschen Geiste dieselbe Bedeutung für die Bildung der Neuzeit beilegen, wie es der heutige mit dem Griechentum in bezug auf die Bildung des Altertums tut. Der griechische Geist war nach außen gerichtet, er drängte zur Gestaltung der Sinnenwelt, um im einzelnen Kunstwerke eine kleine Welt wiederzugeben. Was in der Natur auf eine Vielheit von Wesen verteilt, das suchte der griechische Künstler seinem Gebilde einzuprägen, so daß man sagen möchte, der Grieche suchte in einem einzigen Kunstwerke alle Gesetzmäßigkeit der Natur zu vereinigen. Als Goethe in Italien diesen Grundcharakter griechischer Meisterwerke erkannte, sagte er, daß die Griechen bei ihrem Schaffen nach eben denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur schafft und denen er auf der Spur sei. Hierinnen spricht sich gleich der Gegensatz und die Ähnlichkeit von deutschem und griechischem Geist aus. Der Grieche sucht der Materie den Schöpfungsgedanken einzuprägen, der Deutsche sucht ihn denkend zu erfassen und als Ideenwelt, auf die er sich zurückzieht, auszugestalten. Plastischer Sinn ist bei den Griechen, plastischer Geist bei den Deutschen zu Hause. Wiederholt wurde es ausgesprochen, was der Deutsche mit seiner Philosophie will. Er will die Ordnung, nach welcher die uns umgebende Welt zusammengefügt ist, im Geiste nachschaffen.
In diesem kühnen Sinne hat erst der Deutsche die Philosophie erfaßt. Alle andere Weltweisheit ist bloß Vorahnung, Vorverkündigung dessen, was im deutschen Geiste zu einer welthistorischen Erscheinung wurde. Die Philosophie wurde im deutschen Volke von einer gelehrten Sache zu einer Angelegenheit der Menschheit. In diesem Bewußtsein konnte Hegel, als er am 22.Oktober 1818 seine Antrittsrede hielt, die Worte sagen: «Diese Wissenschaft hat sich zu den Deutschen geflüchtet und lebt allein in ihnen fort. Uns ist die Bewahrung dieses heiligen Lichtes anvertraut, und es ist unser Beruf, es zu pflegen und zu nähren und dafür zu sorgen, daß das Höchste, was der Mensch besitzen kann, das Selbstbewußtsein seines Wesens, nicht erlösche und untergehe.» Hiermit erklärt sich auch die Tatsache, warum ein Philosoph es sein mußte, der den Deutschen am besten ihr eigenes Wesen im Spiegel der Idee zeigte. Der Grundzug deutschen Wesens ist eben ein philosophischer und deshalb am tiefsten für philosophisches Nachdenken erfaßbar. Die «Reden an die deutsche Nation», die Fichte in Berlin, umringt von den Heeren des Feindes, gehalten hat, sie sind ein Schatz des deutschen Volkes.
Wenn augenblicklich die philosophische Zeitströmung in unserem Volke zurückgedrängt ist, so dürfen wir freilich nicht ungerecht sein. Wir sind eben heute zu: sehr von politischen und wirtschaftlichen sowie von nationalen Interessen in Anspruch genommen. Aber unbewußt wirkt ja auch in den sozialen Reformen im Reiche der Geist der deutschen Philosophie fort. Wir brauchen uns nur an die Idee des «geschlossenen Handelsstaates» zu erinnern, die Fichte vertrat. Wir geben uns dem Glauben hin, daß in nicht zu ferner Zeit unser Volk seine Gegenwart völlig mit seiner Vergangenheit wieder verknüpfen wird. Es muß, weil es sich selbst verleugnete, wenn es seine Philosophen verleugnet. Unsere westlichen Nachbarn haben uns wegen unseres Idealismus verspottet. Wir konnten den Spott ertragen, denn den Idealismus weiß nur zu schätzen, wer ihn hat. Heute stehen die Dinge ohnehin anders. Während französischer Chauvinismus am liebsten die Waffen gegen unser Volk kehrte, vertieft sich heute französische Gelehrsamkeit in deutsche Gedankenschöpfungen, und die Engländer wetteifern mit den Franzosen. Verknüpfung von Gegenwart mit Vergangenheit: in diesem Zeichen werden wir siegen, und unsere besten Siege werden doch die des Geistes sein.
Rudolf Steiner