Johannes Volkelt: Ein deutscher Denker der Gegenwart

«Ehret eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister», ruft uns treffend Richard Wagner zu. Wir kommen dieser Aufforderung leider noch immer in ziemlich einseitiger Weise nach. Während wir uns allerdings bemühen, immer klarere und vollständigere Bilder von den abgestorbenen Größen deutscher Geistesentwickelung zu entwerfen, sind wir gegen die Lebenden oft ungerecht.

Ohne gegen die gerechte Würdigung vergangener Kulturabschnitte und gegen die immer zunehmende Vertiefung in das Studium Schillers, Goethes, Herders und so weiter im geringsten etwas einwenden zu wollen — wir anerkennen vielmehr völlig die Notwendigkeit davon -, können wir uns doch der Einsicht nicht verschließen, daß uns der gute Wille meist fehlt, über Größen der Gegenwart zu einem Urteile zu kommen. Es gehört freilich weniger Mut dazu, immer und immer wieder seine Bewunderung über Goethe und Schiller auszusprechen, wobei man nirgends in der gebildeten Welt auf Widerspruch stoßen kann, als sich für einen Lebenden einzusetzen und hier einmal ein rücksichtsloses Wort zu Sprechen.

Da wir glauben, daß vorzugsweise eine Zeitung dazu berufen ist, der Gegenwart zu dienen, so sei es uns hier gestattet, unser Urteil über eine der sympathischsten deutschen Denkergestalten, über Johannes Volkelt, zu verzeichnen.

Wir wollen von einer- Tatsache ausgehen, die vielen, die in den siebziger Jahren in Wien studiert haben, noch in lebhafter Erinnerung sein wird. Am 10. März 1875 hielt im «Leseverein der deutschen Studenten Wiens» Johannes Volkelt, ein damals 27jähtiger Gelehrter, einen Vortrag, der geradezu als der bedeutsamste Beitrag zur Kulturgeschichte der Gegenwart angesehen werden muß.

In jedem Satze zeigt Volkelt, wie tief er in die Geschichte seiner Zeit eingedrungen ist. Es liegt in diesem Vortrage ein erstaunlicher Reichtum an Geist, und zwar an echt deutschem Geist.

Es ist das freilich nicht jene leichte, französierende Geistreichtuerei, welche die Herren Ludwig Speidel, Eduard Hanslick, Hugo Wittmann oder gar Oppenheim und Spitzer entfalten, die angeblich über irgendeinen bedeutenden Gegenstand sprechen, in Wahrheit aber ihr Publikum mit schalen Witzeleien und gedankenleeren Phrasen unterhalten. Nein, Volkelts Rede war in dem Sinne geistreich, daß sie im rechten Augenblicke das rechte Wort findet, das echte, kernige, deutsche Wort, das uns auch immer unterhält, weil es uns geistig erhebt.

Volkelt mißt in diesem Vortrage unsere Zeit an dem hohen, tief aus dem Wesen des deutschen Volkes geholten Sittlichkeitsbegriff Kants. Kant macht die Sittlichkeit einer Handlung einzig und allein von der Gesinnung abhängig, aus der sie hervorgegangen ist. Eine Handlung, die allen bestehenden Gesetzen entspricht, die der Mit- und Nachwelt von unabsehbarem Nutzen ist, ist doch nicht sittlich, wenn sie nicht aus der guten Gesinnung ihres Urhebers fließt. Wenn zwei dasselbe tun, der eine aus Egoismus, der andere aus Pflicht, so handelt der erste unsittlich, der zweite sittlich. Volkelt fragt nun: Wie stellt sich unsere Zeit zu diesen Anschauungen des Königsberger Weisen. Er kommt zu einer traurigen Antwort. Es scheint die Ansicht fast allgemein geworden zu sein: mit der moralischen Gesinnung kommt man nicht weiter, man baut mit ihr keine Eisenbahnen, man gründet mit ihr keine industriellen Unternehmungen. Man glaubt, der Moral genug getan zu haben, wenn man mit dem Strafgesetz in keinen Konflikt gerät. Im Herzen gut sein, das hält man für ein Vorurteil, das man den Kindern in der Schule wohl vormachen muß, womit sich aber im Leben nichts anfangen läßt. Es gibt heute Kreise, die Lebensformen angenommen haben, die in ihrer Wurzel unsittlich sind. «Mir scheint», sagt Volkelt, «daß kaum ein Ausdruck das sittliche Leben unserer Zeit so treffend charakterisiert als das Wort ‘ beguem’. Kühle Laxheit, vornehme Bequemlichkeit gehört zum guten Tone.»

Es gab eine Zeit, wo der Mensch das Geringste, das er zu seinem Unterhalte brauchte, der Natur abringen mußte. Harte Arbeit, einen Kampf im wahrsten Sinne des Wortes mußte er führen, um sein Dasein zu fristen. Heute ist das anders geworden. Das Bezwingen der Natur ist uns leicht. Wir haben Maschinen und Werkzeuge, die das verrichten, was unsere Vorfahren mit eigener Hand tun mußten. Wir erkennen natürlich wie jeder vernünftige Mensch darinnen einen Fortschritt. Wir verkennen aber auch nicht, daß gerade dieser Fortschritt Hand in Hand geht mit einem Verfall der Charaktere, Tüchtigkeit der Gesittung. Die Mühe und Arbeit, die ehedem der Mensch verrichten mußte, um der Natur seinen Lebensunterhalt abzuringen, waren für ihn eine hohe Schule der Sittlichkeit. Heute brauchen wir nur die Hand zu rühren, und der ganze gesellschaftliche Apparat funktioniert, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Das hat zur Folge, daß sich die letzteren bis zur Übertriebenheit steigern, daß der Mensch die Lust verliert, den geraden und harten Weg der Pflicht zu gehen, und dafür lieber den leichten der Bequemlichkeit wandelt. Daraus geht eine Lähmung der persönlichen Charakterfestigkeit, der Arbeitstüchtigkeit hervor.

Ein großer Teil unserer Gesellschaft leidet an Marklosigkeit und Knochenerweichung in geistiger Beziehung.

«Wir leben in einer Zeit allgemeiner Auspolsterung», sagt Volkelt treffend, und fügt hinzu: «Wie sehr ich recht habe, erfahren Sie, wenn Sie sich in Ihrem «comfortabel» eingerichteten Zimmer umsehen, wenn Sie einen Gang durch die Straßen tun, wenn Sie eine Reise unternehmen. Selbst die fernsten Gebirgstäler sind vor Eisenbahnen und dem modernen Hotelwesen nicht mehr sicher. Sie erfahren es, so oft Sie sich in einem Wirtshaus von den glatt gekämmten Kellnern, diesen poesielosen Maschinen, bedienen lassen; so oft Sie auf spiegelblankem Salonboden in Frack und Handschuhen sich zu bewegen haben. Sie erfahren es bei jedem Rechtshandel, in den Sie etwa geraten, bei dem einfachsten Geschäfte, das Sie abwickeln sollen. Selbst der Krieg trägt heutzutage den unpersönlichen, prompten Maschinencharakter.» Das ist eben die Zeit, in der es wenige gibt, die ein ideales Ziel im Auge haben und, ohne Seitenblicke nach rechts oder links, rücksichtslos auf dasselbe zusteuern; nein, wo nur jeder sich dem blinden Treiben der Welt überläßt und, mit Glück und Leben ein frivoles Spiel treibend, sich aus der gesellschaftlichen Maschine so viel herauszuschlagen bemüht ist, als eben geht. Überall wird das Bequeme jenem vorgezogen, zu dem ein Einsetzen der ganzen Persönlichkeit gehört. Wer liest heute ein systematisches Buch, das Denkerfleiß in jahrelanger Arbeit zustande gebracht. Nein, man liebt es, aus «elegant» geschriebenen Feuilletons oder aus «populären», das ist seichten Vorträgen Notiz von den zeitbewegenden Fragen zu nehmen. Jenes ist eben mühsam und erfordert strammes Denken, dieses ist bequem. Im Theater wird das leichteste, gemeinste, ja blödsinnigste Zeug dem Publikum geboten. Es nippt mit Behagen daran, denn der Genuß eines Höheren erfordert auch geistige Anstrengung. Das politische Parteileben liefert überall nur Halbheit, Opportunität zutage. Fast niemand findet sich, der ein aufrichtiges, rücksichtsloses «Das will ich!» vernehmen läßt.

Die Festigkeit des Charakters ist in dem taumelhaften Genußleben untergegangen. Allen denen nun, die von dem bösen Geist unserer Zeit angefressen sind, empfiehlt Volkelt das Lesen der Kantschen Schriften. Denn sie sind eine Schule für den Charakterschwachen. Besonders aber richtet Volkelt seine Mahnung an die Journalisten. Dieser Stand ist es ja gerade, der die Würde des Menschen in der eigenen Person am meisten erniedrigt, wenn er sich zum willenlosen Werkzeug seiner Geldgeber hergibt. Der Journalist macht seine Person zur Sache, indem er sich verkauft.

Da ist es nun merkwürdig, daß Volkelt schon 1875 angesichts des Ausganges des Prozesses Ofenheim die Schäden des Wiener Preßwesens ungeschminkt dargelegt hat. Er hat sich ein Beispiel aus der Reihe jener Blätter herausgewählt, die von Moral und Gesinnung nichts wissen wollen, wenn es sich um Unternehmungen im großen Stile handelt, für die allein ausschlaggebend ist, ob bei einem Dinge sich mehr oder weniger gewinnen läßt. Unbeschadet des Umstandes, daß man viel aufs Spiel setzt, wenn man sich Mächtige zum Feinde macht, wählte unser Denker das «angesehenste» Blatt Wiens, die «Neue Freie Presse», zum Gegenstande des Angriffes. Er hatte recht, denn obwohl diese Zeitung nur von der Phrase lebt, imponiert sie doch noch vielen. Man muß ihr zunächst die Maske herabnehmen. Die anderen Blätter dieses Charakters lohnen nicht einmal diese Mühe. Volkelt sagt: «Man hätte sich nach dem freisprechenden Urteile der Geschworenen — im Prozesse Ofenheim — mit sittlicher Trauer eingestehen sollen: Unser Strafgesetz ist leider so unvollkommen, daß es die Unsittlichkeit jener Leute nicht in seinen Schlingen fangen kann. Was geschah aber statt dessen? Am nächsten Morgen erschien in der «Neuen Freien Presse ein Leitartikel, der den Brechreiz jedes einfach und gesund denkenden Menschen erregen muß. Hielte man sich in den industriellen Unternehmungen nicht an den Ofenheimschen Geist, so verfiele man in eine «Epoche stumpfer, mutloser Resignation». Dieses Blatt geht in seiner forcierten, sich wie künstlich aufstachelnden Begeisterung so weit, daß es die Freisprechung als die höchste Leistung für das ‘Gewissem’, für die ‘Ethik’ ansieht. Dieselbe Zusammenwerfung von juristischem Recht und Sittlichkeit findet sich in einem nächsten Leitartikel. Um ihr Schoßkind Ofenheim als sittlich völlig rehabilitierct darzustellen, sucht die ‘Neue Freie Presse’ die Sittlichkeit überhaupt fortzuescamotieren. Sie hat die Stirne, zu erklären, daß es für die Sittlichkeit überhaupt ‘kein irdisches Tribunal’ gebe.

Ich frage: lebt nicht im Volke, lebt nicht in jedes Menschen Brust eine Richterstimme, die ihr sittliches Schuldig und Unschuldig eindringlich verkündet? Die ‘Neue Freie Presse’, welche die von Recht und Gesetz verschiedene Sittlichkeit als ‘wesenloses Abstractum’ bezeichnet und uns glauben machen will, daß es in jedes Menschen Brust so dürr und paragraphenmäßig aussieht wie in der ihrer Anhänger, möge sich vom alten Kant belehren lassen, daß ein dem Gesetzesparagraphen entsprechendes Handeln zwar legal, aber noch nicht ‘sittlich’ ist. Doch wahrscheinlich weiß das die «Neue Freie Presse» selbst. Nur das bedrängende Gefühl, für etwas sittlich Hohles einmal eingetreten zu sein, konnte ihr den Satz eingeben: «Haben Recht und Gesetz gesprochen, so ist auch der Sittlichkeit Genüge geschehen.» Während sie sich sonst mit einem gewissen idealen Schwunge zu umkleiden liebte, legt sie nun eine sittliche Stumpfheit und moralische Blöße an den Tag. Alle sittlich Entrüsteten sind in ihren Augen Heuchler, Sykophanten, gesinnungsrohe Leute.»

Das waren kräftige Worte. Volkelt hatte ausgesprochen, was Hunderten die Brust bewegte. Wer seine Worte vernahm, der mußte in Volkelt den deutschen Mann erkennen und aus vollem Herzen ihm zustimmen. Und als energischer, ganzer deutscher Mann hat er sich bisher erwiesen. Er führt ein Denkerleben im deutschen Sinne und ringt nach Lösung der höchsten Weltprobleme. Seine Werke tragen durchaus jenen Zug, der ihnen von seiner harmonisch wirkenden, unbeugsamen Persönlichkeit aufgedrückt ist.

Gemüt und Denken ist in diesem Manne in gleichem Maße vorhanden. Wer sich davon überzeugen will, der lese sein Buch: «Traumphantasie.»

So wie die Astronomie aus der Astrologie, die Chemie aus der Alchemie sich entwickelt hat, so wird sich eine Wissenschaft der Traumwelt aus der Traumdeuterei entwickeln. Der Mensch will immer zuerst die Gebiete der Wirklichkeit für seine persönlichen Wünsche ausbeuten und wird sie erst später mit dem selbstlosen Forschen der Wissenschaft durchdringen. Volkelt hat in seinem Buche uns in formgewandter Weise alles zusammengestellt, was wir heute an Elementen zu einer künftigen 'Traumwissenschaft haben. Wer das Buch durchgeht, wird alsbald bemerken, daß dieses intime Gebiet, diese Märchenwelt nur von einem Deutschen so vorteilhaft behandelt werden konnte.

Volkelts Schriften: «Das Unbewußte und der Pessimismus», «Individualismus und Pantheismus», «Der Symbol-Begriff in der neuesten Ästhetik», zeigen uns überall den hochbegabten, gründlichen Denker, der endlich in seinen letzten Schriften: «Kants Erkenntnistheorie» und «Erfahrung und Denken», auf seiner vollen Höhe erscheint.

Volkelt ist ein origineller Forscher, der in seiner Weise auf Kant weiterbaut. Kant machte gegenüber dem wissenschaftlichen «Herumtappen im Finstern» geltend, man müsse erst unser Erkenntnisvermögen selbst prüfen, um zu sehen, ob dieses Instrument auch geeignet sei, außerordentliche Dinge wie Gott, Seele und dergleichen zu begreifen. Und er glaubte bewiesen zu haben, daß wir nichts verstehen können als die Erfahrung, die vor unseren Sinnen ausgebreitet ist. Alles Überirdische bleibe ungewiß. Auch Volkelt ist der Ansicht, daß wir eine sichere Kenntnis nur von dem haben, was unseren Augen und Ohren und so weiter gegeben ist. Jedoch glaubte er durch folgerichtiges Schließen auch von den hinter dieser Sinnenwelt liegenden tätigen Ursachen ein Wissen zu gewinnen, nur trage dieses keinen anderen als den Wahrscheinlichkeitscharakter. Er will den «behutsamen Kritizismus», den er von Kant übernommen, mit einem «hochstrebenden Idealismus» vereinen. Wohl ist die neueste Phase seines Denkens nicht ganz frei von der heute allgemein herrschenden Mut- und Energielosigkeit des Denkens, aber seine gesunde Natur und sein deutscher Sinn wird ihn hoffentlich nicht in den Irrtum verfallen lassen, daß unser Forschen ein vergebliches Ringen sei. Wir hoffen es zu erleben, daß auch aus seiner Philosophie das wieder verschwindet, was er heute als notwendig ansieht: «Ein Vorwärtsgehen, das doch wieder teilweise zurückweicht, ein Nachgeben, das doch wieder bis zu einem gewissen Grade zugreift.» Wir verlangen, daß auch der Philosoph von Huttens Geist beseelt sei und ein kräftiges und entschlossenes «Durch!» spreche.

Wir hätten gewünscht, daß dieser deutsche Denker, der in Österreich geboren ist, auch hier eine angemessene Stätte seines Wirkens gefunden hätte. Sein kühner freier Sinn hat ihn in seinem engeren Vaterlande unmöglich gemacht. Wahrlich, er wäre hier der akademischen Bürgerschaft ein Vorbild geworden in der Hochhaltung unserer idealen Güter und in dem Hasse gegen alles Schlechte und Halbe. Nicht überall aber liebt man freies, rückhaltloses Auftreten, und so mußte Volkelt wandern. Er fand zuerst an der Universität in Jena, dann in Basel, wo er heute lebt, eine Wirkensstätte.

Weder der künftige Geschichteschreiber der Philosophie noch der Kulturhistoriker wird dem Namen Volkelts einen Ehrenplatz verweigern können.

Rudolf Steiner

German original of Johannes Volkelt — A Contemporary German Thinker · ← Previous · Next →