Charles Lyell Zur hundertjährigen Wiederkehr seines Geburtstages

Das geistige Leben der Gegenwart hätte eine völlig andere Physiognomie, wenn in diesem Jahrhundert zwei Bücher nicht erschienen wären: Darwins «Entstehung der Arten» und Lyells «Prinzipien der Geologie». Anders, als sie es tun, sprächen die Professoren in den Hörsälen der Universitäten über viele Dinge, anders, als es ist, wäre das religiöse Bewußtsein der gebildeten Menschheit, andere Ideen, als die wir aus ihnen vernehmen, hätte Ibsen in seinen Dramen verkörpert: wenn Darwin und Lyell nicht gelebt hätten. Die dramatische und erzählende Literatur lebte ein anderes Leben, wenn wir die genannten Bücher nicht hätten. In der Geistesluft, die wir einatmen, ist der Inhalt dieser Bücher als wichtiger Bestandteil enthalten. Wir können uns nicht leicht eine Vorstellung davon machen, wie wir dächten, wenn Darwin und Lyell ihre Gedanken dem Geistesorganismus der Menschheit nicht eingeimpft hätten. Man braucht niemals eine Zeile in der «Entstehung der Arten» und in den «Prinzipien der Geologie» gelesen zu haben, und man steht doch unter dem Einflusse dieser Bücher. Nicht nur unser Denken, auch unser Empfindungsleben hat von ihnen sein charakteristisches Gepräge erhalten. Ein junger Mensch, der diese Bücher heute liest, glaubt in ihnen nichts zu finden, was er noch nicht weiß. Viele von uns wachsen mit den Ideen Darwins und Lyells auf, bevor sie von diesen großen Naturbeobachtern mehr als die Namen, ja bevor sie vielleicht auch nur die Namen kennen. Viele von uns müssen zu Menschen, die nicht mit diesen Ideen aufgewachsen sind, eine ganz andere Sprache sprechen, als diejenige ist, an die sie gewöhnt sind. Wir fangen an, die Menschen, die unsere Sprache nicht verstehen, wie Wesen zu betrachten, die Überbleibsel einer vergangenen historischen Epoche sind. Wie viele es sind, die so denken, darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist, daß wir in uns, die wir so denken, die eigentlichen und wahren Gegenwartsmenschen sehen. Wir wissen, daß wir die Jungen und andere die Alten sind. Wir blicken vorwärts, die anderen rückwärts. Von unseren Ideen wird der künftige Kulturhistoriker eine neue Epoche des Denkens beginnen lassen müssen. Der Gedanke an die Zukunft ruft in uns Freude und Entzücken hervor, weil die Zukünftigen uns als ihre Vorläufer betrachten werden. Diese Zukünftigen werden mehr wissen, mehr können als wir, aber sie werden Empfindungen haben, die den unsern verwandt sind. Wir stehen diesen Menschen näher als dem Kanzelredner, der mit uns zu gleicher Zeit geboren ist. Die Ersten, die Größten, die Führenden unter uns sind Lyell und Darwin. Wir sind ihnen unendlich dankbar, weil wir glauben, daß wir ohne sie zu einem absterbenden Teile der Menschheit gehörten. Unser Empfindungsleben spricht sie heilig. Wir schaudern vor dem Geist-Erleben, das wir gelebt hätten, wären sie uns nicht vorangegangen. Wir haben sogar das «richtige Urteil» über die Größen älterer Zeiten verloren, weil sie uns zunächst die wichtigsten sind. Wir grämen uns deshalb nicht. Wir wollen nicht die Dinge nehmen so objektiv, wie sie sind; wir wollen leben, und aus unserem Leben soll noch etwas werden; es soll die Kräfte des Wachstums in sich tragen. Lieber wollen wir darauf blicken, was noch nicht getan ist, als uns in Betrachtungen über das Geschehene verlieren. Wären wir gerechter: wir wären unfruchtbarer. Wir haben gegenüber den Geistern, die uns nahestehen, die Ungerechtigkeit des Sohnes, der seine Eltern mehr liebt als andere, die ihm fernestehen. Wir lieben Darwin mehr als Aristoteles, Lyell mehr als Plato, weii Darwin und Lyell unsere gutbekannten Väter, Plato und Aristoteles Ahnenbilder sind, die wir in unserem Geistesschlosse aufgehängt haben. Wenn wir in Lyell und Darwin lesen. ist es, wie wenn jemand uns eine warme Hand gibt; wenn wir Plato und Aristoteles studieren, so, wie wenn wir in einem Ahnensaal spazierengingen. Mit Darwin und Lyell leben wir, über Plato und Aristoteles lernen wir.

Wir geben Darwin und Lyell nicht immer recht, wir widersprechen ihnen in vielen Dingen, aber wir fühlen, daß sie auch dann in unserer Sprache reden, wenn wir ihnen widersprechen. Wir rechnen manche zu den unsrigen, die Darwin und Lyell in der schärfsten Weise bekämpfen, aber wir wissen, daß auch unser Widerspruch, wenn er fruchtbar ist, dies nur durch jene beiden Geister hat werden können. Große Geister bringen auch ihre Gegner hervor, und mit den Gegnern zusammen bringen sie die Menschheit vorwärts. Auch wenn die zukünftige Menschheit zu wesentlich anderen Vorstellungen kommen sollte, als Darwin und Lyell sie hatten, so werden diese Söhne der Zukunft doch in den beiden Männern ihre Väter zu verehren haben.

Einen neuen Charakter hat Lyell dem Denken über die Bildung der Erde gegeben. Vor ihm beherrschten dieses Denken Vorstellungen, die uns heute kindlich vorkommen. Wir sehen nicht ein, warum die gewaltigen Gebirgsbildungen durch andere Kräfte hervorgebracht sein sollen, als diejenigen sind, die heute noch herrschen. Lyell sah, daß im Laufe nachweisbarer Zeiträume das flieBende Wasser die Steinmassen von den Gebirgen loslöst und sie an anderer Stelle wieder absetzt. Es verschwinden dadurch Bildungen an einem Orte und andere entstehen an einem andern wieder. Das geht langsam vor sich. Aber man denke sich solche Wirkungen durch unermeßliche Zeiträume fortgesetzt, so wird man sich vorstellen können, daß durch diese noch heute herrschenden Kräfte die ganze Erdoberfläche diejenige Gestalt angenommen hat, die sie gegenwärtig hat. Dazu kommen die Umgestaltungen, welche heute die Erdoberfläche durch schwimmende Eisberge, durch wandelnde Gletscher, die Schutt und Gerölle mit sich führen, erhält. Man denke ferner an Erdbeben und an vulkanische Erscheinungen, die den Boden heben und senken, man denke an den Wind, der Dünen aufwirft, und an das langsame allmähliche Verwittern der Gesteine. Alles, was zur Bildung der Erde bis jetzt geschehen ist, kann so geschehen sein, daß im Laufe langer Zeiträume jene genannten Wirkungen vorhanden waren. Wir zweifeln heute nicht, daß sich die Sache so verhält. Aber vor Lyell dachten die Menschen anders. Sie glaubten, daß die mächtigen Gebirgsbildungen durch augenblicklich wirksame, außerordentliche Kräfte bewirkt worden seien. Wenn eine Gestalt der Erdoberfläche reif war, zugrunde zu gehen, so griff die Schöpferkraft von neuem ein, um unserem Planeten ein neues Antlitz zu geben; so dachten unsere Vorfahren. Wir erkennen, wenn wir die Erdrinde untersuchen, daß eine Anzahl von Erdepochen da war und wieder untergegangen ist. Die untergegangenen Erdepochen finden wir als übereinandergetürmte Schichten der Erdrinde. In jeder Schicht entdecken wir versteinerte Tier- und Pflanzenformen. Unsere Vorfahren nahmen an, daß immer und immer wieder die Schöpferkraft das Leben einer Epoche habe zugrunde gehen lassen und ein neues an die Stelle gesetzt habe. Lyell zeigte, daß dies nicht der Fall ist. Durch allmähliches Wirken der Kräfte, die heute noch tätig sind, hat sich eine Epoche aus der andern entwickelt; und in jeder folgenden Epoche lebten diejenigen Lebewesen, die sich aus der vorigen erhalten haben und die sich den neuen Lebensbedingungen anpassen konnten. Die Geschöpfe der jüngeren Erdperioden sind die Nachkommen derjenigen, die in älteren gelebt haben.

Von unendlicher Fruchtbarkeit war dieser Gedanke für Darwin. Er hat erkannt, daß im Laufe der Zeiten sich die tierischen Arten verändern können. Daß die Tierarten nicht jede für sich geschaffen sind, sondern daß sie miteinander verwandt sind, daß sie auseinander hervorgegangen sind. Nimmt man diese Erkenntnis mit Lyells Gedanken zusammen, so wird klar, daß alles Leben auf der Erde, das vergangene und das zukünftige, eine große natürliche Einheit bildet. Die Vorgänge, die wir heute mit Augen sehen und mit unseren Geisteskräften verstehen, haben immer stattgefunden. Keine anderen waren je da. Was heute geschieht, geht ohne Wunder und ohne überirdische Einwirkungen vor sich. Darwin und Lyell haben gezeigt, daß es so wunderlos immer auf der Erde zugegangen ist. Dadurch sind sie die Schöpfer einer ganz neuen Weltanschauung, eines ganz neuen Empfindens, einer neuen Lebensführung.

Auf unser ethisches Leben haben sie den weitestgehenden Einfluß. Sie haben uns freigemacht von den Gefühlen, die wir Wesen gegenüber empfinden müßten, die in Wind und Wetter hausen. Wer in dem Gewitter den herannahenden Gott sieht, empfindet anders als derjenige, welcher glaubt, daß Gewitter und Erdbeben ebenso natürlich sind wie die Wirkung, die ein auf den Erdboden fallender Stein ausübt. Wer an die Gedanken Darwins und Lyells glaubt, steht den Naturkräften anders gegenüber als derjenige, welcher an die überirdischen Götter sich hält. Die Götter können ihm nicht mehr helfen, ihm nicht mehr schaden, sie können ihn nicht belohnen und nicht bestrafen. Er ist frei geworden von Furcht und Hoffnung gegenüber unerforschlichen Gewalten. Das Natürliche ist ihm das All, und das Natürliche kann man erforschen. Man kann es auch bezwingen und in den Dienst der menschlichen Ideen stellen. Man kann sich mit Bewußtsein zum Herrn der Erde machen. Die Ehrerbietung schwindet, aber der Stolz nimmt zu. Man will weise herrschen, aber nicht mehr demütig gehorchen und sich undurchdringlichen Ratschlüssen fügen. Die Weltanschauung des Stolzes, des selbstbewußten Menschen haben Darwin und Lyell an die Stelle der Weltanschauung der Demut, der Unterwürfigkeit gesetzt. Zur Befreiung der Menschheit haben sie Unsagbares getan. Sie haben uns gelehrt, keinen Altar dem «unbekannten Gotte» zu errichten, sondern unsere Dienste dem bekannten Geiste der Natur darzubringen. Sie haben den Menschen gelehrt, sich nicht als Zwerg anzusehen, sondern als Held zu wirken. Dem Handeln, dem Wollen haben sie eine freie Bahn geschaffen, weil sie es von dem Schwergewicht befreit haben, das ihm angehängt wird durch den jenseitig wirkenden Willen. Sie haben dem Wissen gezeigt, wo es sein Feld hat, und ihm dadurch erst wirklich die Macht gegeben. Erst seit Lyell und Darwin kann man es als Wahrheit empfinden, daß Wissen Macht ist. Füge dich in das, was dir vorbestimmt ist, mußten sich die Leute vor Lyell und Darwin sagen; tue, wovon du einsiehst, daß es wertvoll ist, können sie sich heute sagen.

Alle Rückfälle in eine alte Weltanschauung werden die geschilderte Entwickelung nicht aufhalten können. Was Ernst Haeckel bei Gründung der ethischen Gesellschaft in Berlin gesagt hat, daß moderne Sittlichkeit, moderne Religiosität und modernes Handeln auf der Grundlage der modernen Weltanschauung sich aufrichtet: es ist eine unumstößliche Wahrheit. Ich kann nicht von Lyell oder Darwin sprechen, ohne an Haeckel zu denken. Alle drei gehören zusammen. Was Lyell und Darwin begonnen haben, das hat Haeckel weitergeführt. Er hat es ausgebaut in dem vollen Bewußtsein, damit nicht nur dem wissenschaftlichen Bedürfnis, sondern auch dem religiösen Bewußtsein der Menschen zu dienen. Er ist der modernste Geist, weil seiner Weltanschauung nichts von alten Vorurteilen mehr anhaftet, wie das zum Beispiel bei Darwin noch der Fall war. Er ist der modernste Denker, weil er in dem Natürlichen das einzige Gebiet des Denkens sieht, und er ist der modernste Empfinder, weil er das Leben nach Maßgabe des Natürlichen eingerichtet wissen will. Wir wissen, daß er mit uns den Geburtstag Lyells als Festtag begeht, weil er für ihn der Tag sein muß, der den einen Begründer der neuen Weltanschauung gebracht hat. Der Festtag, der Lyell gilt, bringt uns so recht zum Bewußtsein, daß wir zur Haeckelgemeinde gehören. Wenn Haeckel über die Vorgänge der Natur mit uns redet, hat jedes Wort für uns eine Nebenbedeutung, die mit unserem Empfinden verwandt ist. Er sitzt am Steuer; er steuert kräftig. Wenn wir auch an mancher Stelle, an die er uns führt, nicht gerade vorbei wollen; er hat doch die Richtung, die wir einschlagen wollen. Aus Lyells und Darwins Händen hat er das Steuerruder bekommen, sie hätten es keinem Besseren geben können. Er wird es an andere abgeben, die in seiner Richtung führen. Und unsere Gemeinde segelt rasch vorwärts, hinter sich lassend die hilflosen Fährmänner der alten Weltanschauungen.

Dies sind die Vorstellungen, die der 14.November, an dem Lyells Geburtstag zum hundertsten Male wiedergekehrt ist, in mir aufgeregt hat.

German original of Charles Lyell On the centenary of his birth · ← Previous · Next →