Herman Grimm Zu seinem siebzigsten Geburtstage

Wir empfinden es als Glück, mit gewissen Menschen zu gleicher Zeit leben zu dürfen. Soll ich solche Menschen nennen, so gehört unter die ersten Herman Grimm, der am 6. Januar seinen siebzigsten Geburtstag feiert. Er hat mir Richtungen des geistigen Lebens gezeigt, die mir kein anderer hätte zeigen können. Ich bin durch ihn in eine Vorstellungswelt eingeführt worden, in die mich kein anderer hätte einführen können. Ich könnte nur zwei bis drei Schriftsteller der Gegenwart anführen, von denen ich wie von ihm sagen kann: bei den ersten Sätzen jedes seiner Bücher, jedes seiner Essays habe ich ein persönliches Verhältnis zu ihm. Er gehört zu den Schriftstellern, denen ich von Jugend an die größten Sympathien entgegengebracht habe. Wenige achte ich in den Fällen, wo ich ihnen widersprechen muß, so wie ihn. Bei anderen stumpft der Widerspruch, in den wir gegen sie geraten, die Liebe zu ihnen ab. Bei ihm nie. Ich habe das Gefühl, daß alles, was er sagt, aus hohen Regionen kommt und hingenommen werden muß, auch wenn wir glauben, anderer Meinung sein zu müssen. Ich kann Herman Grimm gegenüber nicht von Irrtum sprechen.

Alles, was Herman Grimm schreibt und spricht, hat den persönlichsten Charakter seines Wesens. Was er durch emsige Gelehrtenarbeit erforscht, was er durch die sorgfältigste Beobachtung gewinnt, spricht er wie eine persönliche Ansicht, wie eine subjektive Meinung aus. Er schreibt keinen Satz, hinter dem man nicht seine Persönlichkeit empfindet. Persönliche Erlebnisse spricht er aus, ob er von Goethe, Homer, Raphael, Michelangelo oder von Shakespeare spricht. Die persönlichen Erlebnisse eines tief und vornehm empfindenden Geistes.

Eine vornehme Persönlichkeit in des Wortes edelster Bedeutung steht vor meiner Seele, wenn ich an Herman Grimm denke. Jedes Ding, das er anfaßt, gewinnt in seinen Händen eine eigenartige Bedeutung. Man kann es unter der Idee der Vornehmheit betrachten. Die Größe, die in der Vornehmheit liegt, ist ihm eigen. Es gibt Dinge, die ihm fremd bleiben, weil sie sich nicht unter dem Gesichtswinkel der Vornehmheit betrachten lassen.

Die strengen Forscher, die auf sogenannte Objektivität halten, ärgern sich über Herman Grimm. Man hat in dieser Richtung sehr abfällige Urteile hören können, als sein Buch über Homer erschienen war. Ich habe für dieses Buch eine ganz besondere Vorliebe. Ein rein menschliches Interesse fesselt mich an das Werk. Andere schreiben über Homer so, wie es die unpersönliche «Methode» fordert. Herman Grimm schreibt, wie jemand schreiben muß, der die uns vorliegenden Werke Homers mit künstlerischem Empfinden genießt. Er bringt uns dadurch ihren Gehalt viel näher, als jede historisch-philologische Methode uns ihn nahebringen kann.

Herman Grimms Werke über Michelangelo und Raphael zeigen uns diese Künstler in einer Beleuchtung, in der wir sie nur durch ihn sehen können. Seine Auffassung wird fortleben in der Entwickelung der Kunstgeschichte.

Nicht auf die Breite der geschichtlichen Entwickelung kommt es Herman Grimm an. Die großen Persönlichkeiten sind ihm das Wesentliche. Daß die abendländische Kultur einen Homer, Sophokles, Michelangelo, Raphael, Dante, Shakespeare, Goethe hervorgebracht hat, macht für ihn den Wert dieser Kultur aus. Was zwischen diesen Geistern liegt, soll nur um ihretwillen betrachtet werden.

Obwohl Herman Grimm uns große historische Perspektiven eröffnet, hat die historische Betrachtungsweise nie sein Gefühl für die unmittelbare Gegenwart verdunkelt. Er lebt in der Gegenwart, wenn auch auf seine Weise. Über jede bedeutendere Frage der Gegenwart hören wir seine Meinung mit dem höchsten Interesse.

Das Bild, das Herman Grimm von Goethe entwirft, ist nicht nach dem Sinne der Goetheforscher. Das kommt davon, daß er jeden Zug, jede Äußerung Goethes mit persönlichem Anteil betrachtet. Ihm ist Goethes Bild eine Sache, die er als eine ganz subjektive ansieht. Die Frage, was ist mir Goethe, leuchtet durch alle seine Ausführungen durch. Er betrachtet Goethe, insofern dieser ein Element ist, das in sein eigenes Leben wirksam eingreift. Er sagt von Goethe Dinge, von denen er die Empfindung hat, daß er sie sagen muß, wenn ihm Goethe wert sein soll. Dinge, die Herman Grimm nicht interessieren, sagt er nicht, auch wenn die Gelehrten von ihnen glauben, daß sie für das Verständnis Goethes bedeutungsvoll sind. Herman Grimms Goethe ist nicht der «objektive» Goethe, aber wir möchten ihn nicht als Bestandteil unseres Geisteslebens entbehren.

Vor wenigen Wochen hat uns Herman Grimm die dritte Auflage eines Novellenbandes geschenkt. Eine tief zum Herzen sprechende Schönheit ist allen novellistischen Werken Grimms eigen. Wer sie liest, empfindet an ihnen in einem charakteristischen Falle, was Kultur ist. Man hat das Gefühl, daß man einer Persönlichkeit gegenübersteht, die ein stilvolles Leben führt.

Der Stil in der Lebensführung scheint mir ein hervorragender Zug in Herman Grimms Persönlichkeit zu sein. Es stimmt alles zu einem Ganzen, was er im einzelnen tut. Nichts fällt aus dem großen Zug heraus, der uns bei ihm auffällt.

Unsere naturwissenschaftliche Art, die Dinge anzusehen, liegt Herman Grimm ferne. Sie ist in vielen Punkten für sein persönliches Empfinden verletzend. Ihm ist die menschliche Natur, wie sie sich gegenwärtig vor unseren Augen darlebt und wie sie sich in den Werken der Phantasie und Vernunft äußert, der liebste Betrachtungsgegenstand. Wie sich diese Natur organisch aus anderen Formen entwickelt hat, interessiert ihn daneben nicht. Über die höchsten philosophischen und religiösen Fragen scheint ihm ein natürliches Empfinden besseren Aufschluß zu geben als die naturwissenschaftliche Anschauungsweise.

Ein Ausfluß dieser seiner Art, die Dinge anzusehen, ist Herman Grimms Stil. Jeder Satz entspringt bei ihm einem persönlichen Impuls. Das Folgern eines Satzes aus dem andern, die Herleitung von Urteilen aus Grundannahmen kennt er nicht. In seinem Fortschreiten von Satz zu Satz gibt es keine Ausgangspunkte und Ergebnisse. Jede Behauptung entspringt aus einern neuen Erlebnis. Dieser Eigenart seines Stiles ist es zuzuschreiben, daß wir beim Lesen seiner Bücher an innerem Lebensgehalt reicher zu werden glauben.

Er gibt uns stets frisches warmes Leben: deshalb bringen wir ihm auch solches entgegen.

German original of Herman Grimm On his seventieth birthday · ← Previous · Next →