Neujahrsbetrachtung Eines Ketzers
Die letzten Jahre haben uns eine stattliche Zahl von Betrachtungen über die Kulturerrungenschaften des ablaufenden Jahrhunderts gebracht. Und in den zwei Jahren, die wir in diesem Säkulum noch zu durchleben haben, werden sich diese Betrachtungen wohl ins Unübersehbare anhäufen. Geister, die gerne das Selbstverständliche immer von neuem betonen, mögen den Einwand geltend machen, daß der Ablauf eines Jahrhunderts ein rein zufälliger Einschnitt in dem Entwickelungsgange der Menschheit ist und daß bei einer andern Zeitrechnung dieser Einschnitt mit einer ganz anderen Phase dieser Entwickelung zusammenfallen könnte. Gegenüber der suggestiven Wirkung, die davon ausgeht, daß das Jahrhundert zahlenmäßig als Ganzheit erscheint, kann ein solcher Einwand nicht aufkommen.
Neben diesem allgemeinen gibt es für die gegenwärtige Jahrhundertwende noch einen besonderen Grund, auf die Errungenschaften unserer Kultur und die Richtungen, die sie augenblicklich einschlägt, einen orientierenden Blick zu werfen.
Das nächste, was bei einer solchen Betrachtung auffällt, ist der ungeheure Reichtum an neuen Bedingungen zur Beherrschung der Naturkräfte und der damit verbundene Fortschritt der praktischen Lebensgestaltung. Von der Eisenbahn und Dampfschiffahrt bis zum Telephon müßte man die Reihe der Erfindungen mit ihren ungeheuren Wirkungen Revue passieren lassen, wenn man diesen Gedanken aliseitig beleben sollte.
Und nicht anders steht es mit den neuen Bedingungen, die geschaffen worden sind, um unsere Kenntnisse von der Welt zu erweitern. Welche Einblicke über die Natur gewähren die Spektralanalyse, die Entdeckung Röntgens, die Studien über das Alter des Menschengeschlechtes, die organische Entwickelungstheorie und anderes, auf dessen Anführung ich hier naturgemäß verzichte, da es mir nur darauf ankommt, auf diese Dinge hinzudeuten.
Trotz aller dieser und manch anderer Errungenschaften, zum Beispiel auf dem Gebiete der Kunst, kann aber der tiefer blickende Mensch gegenwärtig doch nicht recht froh über den Bildungsinhalt der Zeit werden. Unsere höchsten geistigen Bedürfnisse verlangen nach etwas, was die Zeit nur in spärlichem Maße gibt.
Im Sinne Goethes kann man von der Bildung sagen, daß sie durch die reinste Kultur zur höchsten Glückseligkeit führen müsse. Unsere Bildung führt zu dieser Glückseligkeit nicht. — Sie läßt die feinsten Geister im Stich, wenn diese die Befriedigung der intimsten Bedürfnisse ihres Gemütes suchen. In dieser Beziehung bietet der Ausgang des Jahrhunderts einen andern Anblick als dessen Beginn. Man vergegenwärtige sich, wie vor hundert Jahren Fichte die Geister entzündete, als er die Gesamtheit der Zeitbildung mit den innersten Bedürfnissen des menschlichen Geistes in Einklang zu bringen suchte. In der gleichen Richtung haben Schelling und Hegel das Wissen von den äußeren Dingen vertieft. Und wie wurden die Stimmen dieser Geister gehört!
Um die Mitte des Jahrhunderts tritt ein völliger Wandel ein. Die so zahllos auf den Menschen einstürmenden Erkenntnisse von den äußeren Dingen scheinen die Fähigkeit vollständig in den Hintergrund zu drängen, Einblick zu halten in die eigene Seele und eine Harmonie zu suchen zwischen Außenwelt und Innenwelt.
Einen geradezu paradoxen Ausdruck erhält diese Wandlung durch die geringe Achtung, deren sich die Philosophie und ihre Träger in der Gegenwart erfreuen. Wie nimmt sich gegenüber dieser Geringschätzung Nietzsches Ansicht aus, daß das Griechenvolk deshalb so hoch stehe, weil es nicht wie andere Völker Propheten, sondern seine sieben Weisen als Menschenideale hinstellt?
Man darf sich nicht wundern, wenn gegenüber solchen Erscheinungen Geister mit tieferen geistigen Bedürfnissen die stolzen Gedankengebäude der Scholastik befriedigender finden als den Ideengehalt unserer eigenen Zeit. Otto Willmann hat ein hervorragendes Buch geschrieben, seine «Geschichte des Idealismus»1 (Braunschweig 1894-97), in dem er sich zum Lobredner der Weltanschauung vergangener Jahrhunderte aufwirft. Man muß zugeben: der Geist des Menschen sehnt sich nach jener stolzen, umfassenden Gedankendurchleuchtung, welche das menschliche Wissen in den philosophischen Systemen der Scholastiker erfahren hat. Und dieser Geist wird immer unbefriedigt sein von Geständnissen, wie der große Physiker Hermann Helmholtz in seiner Weimarischen Götterrede* vor einigen Jahren eines abgelegt hat. Er sagte: gegenüber dem Reichtum unseres gegenwärtigen Wissens ist es kaum möglich, daß ein umfassender Geist auftrete, der die Gesamtheit dieses Wissens mit einem einheitlichen Ideenkreis umspannt.
Dem Drang der menschlichen Seele nach Eingliederung alles Wissens in eine Gesamtanschauung, aus der die höchsten geistigen Bedürfnisse befriedigt werden können, steht in unserer Zeit die Mutlosigkeit unseres Denkens gegenüber, welche es nicht dazu kommen läßt, eine solche Gesamtanschauung zu gewinnen.
Diese Mutlosigkeit ist ein charakteristisches Merkmal des geistigen Lebens an der Jahrhundertwende. Sie trübt uns die Freude an den Errungenschaften der jüngstvergangenen Zeiten.
Wo immer jemand auftritt, der ein Gesamtbild unseres Wissens zu entwerfen sucht, da tönen unzählige von dieser Mutlosigkeit zeugende Stimmen, welche die Unmöglichkeit eines solchen Gesamtbildes betonen, welche behaupten, daß unser Wissen zu einem solchen Abschlusse noch lange nicht reif sei. Auch solche Stimmen sind hörbar, die die Unmöglichkeit eines solchen Abschlusses verteidigen. Der menschliche Geist hätte gerade durch die Erfolge der Wissenschaften gesehen, wie unfähig er sei, über diejenigen Dinge etwas zu erkennen, die ehedem von den Philosophen zu Gegenständen des Nachdenkens gemacht worden sind.
Ginge es nach der Meinung der Leute, die solche Stimmen vernehmen lassen, so würde man sich begnügen, die Dinge und Erscheinungen zu messen, zu wägen, zu vergleichen, sie mit den vorhandenen Apparaten zu untersuchen: niemals aber würde die Frage erhoben nach dem höheren Sin» der Dinge und Erscheinungen.
Der unerschütterliche Glaube, daß das Denken dazu berufen ist, die Welträtsel zu lösen, ist uns verlorengegangen. Nur bei wenigen Forschern, wie zum Beispiel bei Ernst Haeckel, ist die Neigung vorhanden, das vorhandene Wissen so zu durchdringen, daß sich ein solcher Sinn ergibt. — Es kommt nicht darauf an, ob man mit den Gedanken übereinstimmt, die Haeckel in seiner Schrift «Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft» (Bonn 1892) entwickelt. Das Wesentliche ist, daß hier mit den Mitteln unserer Geistesbildung die Frage aufgeworfen wird: wie kann das menschliche Gemüt seine Bedürfnisse durch das moderne Wissen befriedigen? Es ist dies dieselbe Frage, welche die Religionen aller Zeiten und welche auch die Scholastik mit ihren Bildungsmitteln zu lösen suchte.
Tatsache aber ist, daß Gedanken dieser Art heute gegenüber der allgemeinen Mutlosigkeit, ja Feigheit des menschlichen Denkens wenig Wirkung haben.
Es ist daher gar nicht zu verwundern, wenn überall die Reaktion auf geistigem Gebiet ihr Haupt erhebt. Solange die naturwissenschaftlich gebildeten Denker zu mutlos sind, um vom Standpunkte ihrer Erkenntnis aus einen Ersatz für die veralteten religiösen Vorstellungen zu bieten, werden Menschen, die das Bedürfnis nach einer Weltanschauung haben, zurückgreifen auf die überlieferten Vorstellungen; und die wenigen, die im Sinne einer modernen Weltauffassung sich ihr Leben einrichten, werden Sänger bleiben ohne Publikum. Ich möchte damit die Gründe erklärt haben, welche bewirken, daß die vorgeschrittensten Geister der Gegenwart so wenig verstanden werden.
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Siehe Hinweis, Seite 635. ↩