Ludwig Büchner Gestorben am 30. April 1899

Wenn heute die Rede auf Ludwig Büchner kommt, wird man nur selten einem anderen Urteile als dem begegnen, daß sein «populäres Gerede» längst abgetan ist und daß er «in seiner Oberflächlichkeit allen Halbwissern und Dilettanten naturwissenschaftlich interessante Tatsachen und eine damit vermischte, kindlich rohe Metaphysik in leichtfaßlicher Form darbot». So charakterisiert zum Beispiel ein gegenwärtig viel genannter Philosoph, Theobald Ziegler, in seinem jüngst erschienenen Buche «Die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts» den eben verstorbenen Denker. Es ist eine bunte Gesellschaft, deren Mitglieder in diesem Urteil einig sind. Philosophen, die noch immer höhere Erkenntnisquellen zu haben meinen als die an der «rohen Wirklichkeit haftende Naturwissenschaft», gesellen sich zu kleinmütigen Naturforschern, die es nicht wagen, aus den von ihnen beobachteten Tatsachen konsequente Schlüsse auf die Stellung des Menschen und seines Geistes innerhalb der Natur zu ziehen. Katholisches, protestantisches und anderes Pfaffentum greift mit wahrer Lüsternheit die absprechenden Urteile solcher rückständigen Philosophen und Naturforscher auf, weil die im eigenen theologischen Arsenal aufgespeicherten Waffen allmählich doch zu stumpf geworden sind. Mystisch veranlagte Naturen finden sich in ihren heiligsten Gefühlen verletzt durch den «plumpen» Freidenker, welcher das menschliche Seelenleben auf stoffliche Grundlagen zurückführen will. Die meisten dieser absprechenden Urteile über Ludwig Büchner entspringen aus Geistern, die dessen Schriften in einem viel oberflächlicheren Sinne auffassen, als sie gemeint sind, und die über nichts deshalb zu reden wissen als über den flachen und seichten Materialismus, den sie selbst aus ihnen herauszulesen verstehen. Der Mann, der die Kühnheit und Schärfe des Denkens hat, um aus den naturwissenschaftlichen Errungenschaften des Jahrhunderts die notwendigen Schlüsse zu ziehen, Ernst Haeckel, spricht immer nur mit voller Anerkennung von dem Verfasser von «Kraft und Stoff» als von einem Denker, der unter den Vorläufern Darwins einen Ehrenplatz einnimmt.

Es soll nicht geleugnet werden, daß Ludwig Büchner ein einseitiger Denker ist und daß man auch bei voller Zustimmung zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaft zu tieferen Vorstellungen kommen kann, als es seiner auf grobe Linien veranlagten Ideenrichtung möglich war. Aber es muß zugleich betont werden, daß diese Ideenrichtung mit den Empfindungen, die sie im Gefolge hat, unserem modernen Seelenleben unendlich viel näher steht als die philosophischen Gedankengebäude, die mit ihren höheren Erkenntnisquellen die überlebten Vorstellungen früherer Zeiten künstlich retten wollen. Es ist eine durchaus moderne, wenn auch vielleicht einer Vertiefung fähige Behauptung, daß der Mensch aus Licht und Asche gezeugt ist, daß die Tätigkeit derselben Naturkräfte ihn ins Leben ruft, der auch die Pflanze ihr Dasein verdankt. Und aller Tiefsinn, der von Philosophen und Theologen aufgebracht wird, um zu beweisen, daß der Geist ein Höheres, Ursprünglicheres sei als die stoffliche Welt, liegt unserem Empfinden ferner als solch eine Behauptung.

Es wird immer viel zu wenig darauf hingewiesen, woher eigentlich das Gefasel über den «rohen Materialismus» stammt. Es hat seinen Grund gar nicht in der Vernunft, sondern in der Empfindungs- und Gefühlswelt. Eine jahrtausendalte Erziehung des Menschengeschlechtes, zu der das Christentum ein Ungeheures beigetragen hat, war imstande, uns die Empfindung einzupflanzen, daß der Geist etwas Hohes, die Materie etwas Gemeines, Rohes sei. Und wie soll das Hohe aus dem Gemeinen stammen? Die Vernunft wird sich vergeblich bemühen, in dem wundervollen Bau der materiellen Natur etwas Niedrigeres zu sehen als in den Vorstellungen, die Philosophen und Theologen sich von den hohen geistigen Wesenheiten machen. Sie wird es nimmermehr begreifen, warum der großartige Bau des Gehirns erwas Rohes sein soll gegenüber dem Himmel mit seinen ätherischen Engeln und Heiligen oder gegenüber dem «Willen» Schopenhauers oder dem «Unbewußten» Eduard von Hartmanns. Nur wer befangen ist in den Empfindungen, die aus der völligen Verkennung des materiellen Daseins entspringen, kann sich auflehnen gegen Sätze wie den, welchen vor kurzem Ernst Haeckel in seiner Schrift «Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen» ausgesprochen hat: «Die physiologischen Funktionen des Organismus, welche wir unter dem Begriff der Seelentätigkeit — oder kurz der «Seele — zusammenfassen, werden beim Menschen durch dieselben mechanischen (physikalischen und chemischen) Prozesse vermittelt wie bei den übrigen Wirbeltieren. Auch die Organe dieser psychischen Funktionen sind hier und dort dieselben: das Gehirn und das - Rückenmark- als-Zentralorgane, die peripheren Nerven und die Sinnesorgane. Wie diese Seelenorgane sich beim Menschen langsam und stufenweise aus den niederen Zuständen ihrer Wirbeltierahnen entwickelt haben, so gilt dasselbe natürlich auch von ihren Funktionen, von der Seele selbst. — Diese naturgemäße ... Auffassung der Menschenseele steht im Widerspruche zu den dualistischen und mythologischen Vorstellungen, welche der Mensch seit Jahrtausenden sich von einem besonderen, übernatürlichen Wesen seiner «Seele gebildet hat und welche in dem seltsamen Dogma von der «Unsterblichkeit der Seele gipfelt. Wie dieses Dogma den größten Einfluß auf die ganze Weltanschauung des Menschen gewonnen hat, so wird es selbst heute noch von den meisten Menschen als unentbehrliche Grundlage ihres ethischen Wesens hochgehalten. Der Gegensatz, in welchem dasselbe zu der natürlichen Menschenentwicklungslehre steht, wird zugleich noch in den weitesten Kreisen als der gewichtigste Grund gegen deren Annahme betrachtet oder selbst als Widerlegung der natürlichen Schöpfungsgeschichte überhaupt.» (S.42 £.) Man braucht nur die anerzogenen Vorurteile gegen das Natürliche, sein Werden und Sein, abzulegen, und man wird in diesem Natürlichen etwas finden, das in weit höherem Maße jene Gefühle und Empfindungen verdient als die sogenannte übernarürliche Welt, an die die Menschen diese Gefühle so lange Zeit gehängt haben. Die Errungenschaften der Naturwissenschaften werden nur dann eine ihrer würdige Welt- und Lebensauffassung erzeugen, wenn das Empfindungsleben sie nach ihrem eigenen, nicht nach einem aus einer mythologischen Erziehung ihnen beigelegten Wert zu beurteilen vermag.

Bei Denkern wie Büchner kommt es nicht darauf an, daß sich in ihren Schlußfolgerungen Widersprüche nachweisen lassen, sondern darauf, daß sie ihrem Gefühlsleben nach den natürlichen Vorgängen diesen ihnen eigenen Wert beizulegen wissen. Wer schärfer zu denken vermag, wird diese Widersprüche vermeiden, aber er wird sich deshalb doch mit Büchner einig wissen in der Anschauung über die Natur und die Stellung des Menschen innerhalb derselben. Die feinsten Ideen moderner Philosophen, die die Welt aus einem besonderen Geistwesen herleiten, erscheinen antediluvianisch gegenüber den groben und derben Gedankengängen dieses Materialisten. Ein Philosoph, der heute noch von einem «unbewußten Geiste», von einem «Willen in der Natur» spricht, und ein kindlich Gläubiger, der die Meinung hat, daß seine Seele nach dem Tode in ein göttliches Himmelreich wandert, gehören zusammen. Ein Materialist, der sagt, die Gedanken sind Erzeugnisse von Kraft und Stoff, und ein Denker, der auf vernünftige Weise diesen Gedanken vertieft und zu einer Herz und Kopf befriedigenden Weltanschauung ausgestaltet, gehören auch zusammen. Die Verwandtschaft in der Erkenntnis-Gesinnung steht höher als die logische Kraft des Denkens. Deshalb werden gerade diejenigen, welche die groben Behauptungen Büchners im Sinne eines höheren Denkens zu fassen wissen, nicht einstimmen können in die wegwerfenden Urteile der flachen Geister, hinter deren scheinbar philosophischem Gerede sich doch nichts verbirgt als die mehr oder weniger bewußte Sucht, so viele Fetzen einer überlebten Weltanschauung zu retten, als nur irgend noch möglich ist. Ludwig Büchner war gewiß kein großer Pfadfinder der neuen Weltanschauung. Er war ein Mann, der große Wahrheiten mit hingebender Begeisterung ergriffen hat und in einer Weise auszusprechen wußte, die sie auch für denjenigen verständlich macht, dem eine höhere logische und wissenschaftliche Schulung fehlt. Und diejenigen, welche davon sprechen, daß Halbwisser und Dilettanten sich ihre Bildung aus seinen Schriften holen, sollten bedenken, daß es auch nicht gerade Ganzwisser und Meister sind, welche die Lehren des Herrn Ziegler nachplappern. Die Tausende und aber Tausende, welche sich aus den Sätzen von «Kraft und Stoff» eine Lebensauffassung zusammengezimmert haben, sind gewiß um nichts schlechter als die anderen, die dasselbe mit den Aussprüchen Schopenhauers tun oder gar mit denen ihrer Pastoren. Ja, sie sind wahrscheinlich um ein erhebliches besser. Denn es ist besser, ein Flachling im Vernünftigen zu sein als ein solcher im Widervernünftigen.

Wer den Entwickelungsgang des geistigen Lebens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts verfolgt, wird das Mißverständnis allerdings begreifen, dem Büchners geistige Physiognomie heute ausgesetzt ist. Es bieten ja nicht allein die Religionsgenossenschaften alle ihre Kräfte auf, um das Licht, das von den neugewonnenen Naturerkenntnissen ausgeht, zu verdunkeln — ein Bestreben, in dem sie von den reaktionären und einsichtslosen Regierungen überall die kräftigste Unterstützung finden —, sondern auch innerhalb des Wissenschaftsbetriebes selbst herrscht vielfach eine bedauerliche Rückständigkeit. Wie wenig Verständnis herrscht bei den Philosophen unserer Zeit für die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise und ihre Errungenschaften! Sie haben in den sechziger Jahren den Ruf erhoben: Zurück zu Kant! Sie wollen dessen Anschauungen zum Ausgangspunkt nehmen, um sich über das Wesen des menschlichen Erkennens und dessen Grenzen zu orientieren. Aus dieser Strömung heraus ist eine große, aber durchaus unfruchtbare Literatur erwachsen. Denn Kant ist es nicht darauf angekommen, in unbefangener, vorurteilsloser Weise das Wesen der Erkenntnis zu ergründen, sondern er wollte vor allen Dingen über dieses Wesen eine Ansicht gewinnen, die es ihm erlaubte, gewisse religiöse Dogmen doch wieder durch ein Türchen in das menschliche Geistesleben einzuführen. Er hat mehr oder weniger bewußt alle seine Begriffe so formuliert, daß gewisse Glaubensvorstellungen unangetastet bleiben. Man muß ihn von dem Satze aus verstehen, in dem er selbst sein Streben zusammengefaßt hart: Ich wollte das Wissen begrenzen, um für den Glauben Platz zu gewinnen. Zu diesem Ziel leisten die Philosophen von heute Handlangerdienste. Und es bietet ein merkwürdiges Schauspiel, wenn mar sie bei ihrer Arbeit betrachtet, die sie verrichten, ohne sich über den eigentlichen Impuls ihres Königsberger Verführers völlig klar zu sein. Für denjenigen, der sich gegenwärtig bemüht, eine Weltanschauung aufzubauen, ist daher die Beschäftigung mit dieser in den Fußstapfen Kants wandelnden Philosophie so gut wie nutzlos. Er verliert durch diese Beschäftigung nur die kostbare Zeit, die er viel besser dazu verwenden könnte, die unendlich fruchtbaren Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft sich anzueignen. In Darwins und Haeckels Schriften findet man eine reiche und die einzig richtige Grundlage zum Ausbau einer Weltanschauung; von vielen Richtungen der zeitgenössischen Philosophie fühlt sich derjenige unendlich angeödet, der nach einer solchen Weltanschauung strebt. Ihm steigt unwillkürlich der Gedanke auf: Wie anders hätte sich unser geistiges Leben entwickelt, wenn man von den durch Büchner geschaffenen Anfängen einer auf die Naturwissenschaft gestützten Lebensauffassung weitergegangen wäre, statt diese Anfänge mit unfruchtbaren logischen Spitzfindigkeiten zu bekämpfen?

Nur weil man zu diesem Weitergehen in vielen wissenschaftlichen Kreisen nicht fähig war, konnte es kommen, daß Ausführungen wie die Du Bois-Reymonds über «Die Grenzen des Naturerkennens» einen tieferen Eindruck machten. Eine solche Rede kann nur ein Mann halten, der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Methode mißversteht und deshalb auch zu keiner Klarheit über die Schlüsse kommen kann, zu denen diese Methode führt. Es war eine Naivität allerersten Ranges, als Du Bois-Reymond der menschlichen Erkenntnis eine Grenze setzte, weil sie niemals einsehen werde, wie es komme, daß aus den Vorgängen des Gehirnes sich Empfinden und Denken, Bewußtsein entwickle. Er sagte: Man kann nicht verstehen, warum es einer Summe materieller Teilchen nicht gleichgültig sein sollte, wie sie liegen und sich bewegen und warum sie durch eine bestimmte Lage und Bewegung die Empfindung «Rot», durch eine andere das Gefühl des Schmerzes hervorrufen. Der zur Erforschung einzelner natürlicher Tatsachen außerordentlich befähigte Forscher hatte keine Ahnung davon, daß er sich zuerst willkürlich eine gewisse Vorstellung von dem Wesen des Stoffes und seiner Wirkungen zurechtgelegt hat und daß nur diese seine ausgeklügelte Idee ihn nicht zu einem Verstehen des Zusammenhanges von Gehirn und Bewußtsein kommen ließ. Der einzig sinngemäße Weg ist derjenige, den Haeckel einschlägt, wenn er Materie und Kraft schon so vorstellt, daß der durch die Erfahrung unwiderleglich bewiesene Zusammenhang derselben mit den Erscheinungen des Geistes seine Erklärung findet.

Ohne Verständnis der naturwissenschaftlichen Resultate und der Methoden, durch welche diese Resultate gewonnen werden, ist heute keine Weltanschauung möglich. Und daß Büchner dies erkannt hat, daß er auf Grund dieser Methoden und Resultate eine Weltanschauung zu gewinnen trachtete, ist sein nicht wegzuleugnendes Verdienst. Was er getan hat, ist viel wichtiger als alles, was der Neukantianismus und was Naturforscher vom Schlage Du Bois-Reymonds mit Reden wie die über «Die Grenzen des Naturerkennens» geleistet haben.

Das Buch «Kraft und Stoff» war ein Hauptschlag gegen die traditionellen Glaubensvorstellungen. Und die Reaktionäre wissen, warum sie Büchner im Grunde ihrer Seele hassen und gerne zu den Ausführungen Du Bois-Reymonds und seiner Gesinnungsgenossen greifen, wenn sie sich selbst zu unfähig vorkommen, um die neuen Anschauungen aus dem Felde zu schlagen.

Aus den Kreisen, in welche Büchners Anschauungen gedrungen sind, ist auch eine freiheitsgemäße Auffassung der ganzen menschlichen Lebensgestaltung hervorgegangen. Die sittlichen Begriffe haben durch sie eine gründliche Reform erfahren. Wie stark in unserer Kulturentwickelung das Bedürfnis nach einer solchen Reform war, das zeigt der Fortgang, den die Hegelsche Philosophie nach dem Tode des Meisters genommen hat. Auf ihre Art haben David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer, Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner im Sinne der naturgemäßen Weltauffassung gewirkt. Der Darwinismus hat dann die Möglichkeit geboten, aus der Beobachtung der Tatsachen eine Stütze der großen Konzeptionen dieser Denker zu gewinnen. Wie zwei Arbeitergruppen, die von beiden Seiten eines Berges einen Tunnel graben und sich in der Mitte begegnen, so treffen die in der Weise der genannten Philosophen wirkenden Geister mit den auf dem Darwinismus bauenden Forschern zusammen.

Tief steckt unseren Zeitgenossen noch die Sucht im Leibe, das Wissen zu beschränken, um für den Glauben Platz zu bekommen. Und Geister, welche dem Wissen die Macht zuerkennen, den Glauben allmählich zu verdrängen, werden als unbequem empfunden. Ja, «es ist zum Entzücken gar», wenn man irgendwelche Fehler in ihren Gedankengängen nachweisen kann. Als ob es nicht eine alte Erkenntnis wäre, daß im Anfange alle Dinge in unvollkommener Gestalt auftauchen!

Es scheint, als ob Büchner schmerzlich von der Verkennung berührt gewesen wäre, die ihm in der letzten Zeit seines Lebens entgegengetreten ist. Die Leitung dieser Zeitschrift ist so glücklich, im Anschlusse an diese Würdigung des eben Dahingeschiedenen einen Aufsatz zu veröffentlichen, der jedenfalls zu dem letzten gehört, was der kühne und vorurteilslose Denker, der unerschrockene Mann und starke Charakter geschrieben hat. Und es scheint, als ob er die Bemerkungen über die «Lebenden und Toten» nicht ohne schmerzlichen Hinblick auf sein eigenes Schicksal geschrieben hätte.

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