Ernst Haeckel Und Die «Welträtsel»
I
Was soll die Philosophie neben und über den einzelnen Spezialwissenschaften?1 Die Vertreter der letzteren sind wohl gegenwärtig nicht abgeneigt, diese Frage einfach dahin zu beantworten: sie soll überhaupt nichts. Das ganze Gebiet der Wirklichkeit wird nach ihrer Ansicht von den Spezialwissenschaften umspannt. Wozu noch etwas, das über diese hinausgeht?
Alle Wissenschaften betrachten es als ihre Aufgabe, die Wahrheit zu erforschen. Unter Wahrheit kann nichts anderes verstanden werden als ein System von Begriffen, welches in einer mit den Tatsachen übereinstimmenden Weise die Erscheinungen der Wirklichkeit in ihrem gesetzmäßigen Zusammenhange abspiegelt. Bleibt jemand nun dabei stehen und sagt, für ihn habe das Netz von Begriffen, das ihm ein gewisses Gebiet der Wirklichkeit abbildet, einen absoluten Wert und er brauche nichts darüber, so kann man ihm ein höheres Interesse nicht andemonstrieren. Nur wird uns ein solcher nicht erklären können, warum seine Begriffssammlung einen höheren Wert habe als zum Beispiel eine Briefmarkensammlung, die doch auch, entsprechend systematisch geordnet, gewisse Zusammenhänge der Wirklichkeit abbildet. Hierin liegt der Grund, warum der Streit über den Wert der Philosophie mit vielen Naturforschern zu keinem Resultate führt. Sie sind Begriffsliebhaber in dem Sinne, wie es Marken- und Münzenliebhaber gibt. Es gibt aber ein Interesse, das darüber hinausgeht. Dieses sucht mit Hilfe und auf Grund der Wissenschaften den Menschen über seine Stellung zum Universum aufzuklären, oder mit anderen Worten: dieses Interesse bringt den Menschen dahin, daß er sich in eine solche Beziehung zur Welt setzt, wie es nach Maßgabe der in den Wissenschaften gewonnenen Resultate möglich und notwendig ist.
In den einzelnen Wissenschaften stellt sich der Mensch der Natur gegenüber, er sondert sich von ihr ab und betrachtet sie; er entfremdet sich ihr. In der Philosophie sucht er sich wieder mit ihr zu vereinigen. Er sucht das abstrakte Verhältnis, in das er in der wissenschaftlichen Betrachtung geraten ist, zu einem realen, konkreten, zu einem lebendigen zu machen. Der wissenschaftliche Forscher will sich durch die Erkenntnis ein Bewußtsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; der Philosoph will sich mit Hilfe dieses Bewußtseins zu einem lebensvollen Gliede des Weltganzen machen. Die Einzelwissenschaft ist in diesem Sinne eine Vorstufe der Philosophie. Wir haben ein ähnliches Verhältnis in den Künsten. Der Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere ist eine Summe von Erkenntnissen, die eine notwendige Vorbedingung des Komponierens sind. Das Komponieren verwandelt die Gesetze der Musikwissenschaft in Leben, in reale Wirklichkeit. Wer nicht begreift, daß ein ähnliches Verhältnis auch zwischen Philosophie und Wissenschaft besteht, der taugt nicht zum Philosophen. Alle wirklichen Philosophen waren freie Begriffskünstler. Bei ihnen wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Dadurch wird das abstrakte wissenschaftliche Bewußtsein zum konkreten Leben erhoben. Unsere Ideen werden Lebensmächte. Wir haben nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloßes passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
Ich habe es oft hören müssen: gegenwärtig sei es unsere Aufgabe, Baustein auf Baustein zu sammeln. Die Zeit sei vorbei, wo man, ohne erst die Materialien zur Hand zu haben, im stolzen Übermut philosophische Lehrgebäude aufführte. Wenn wir erst dieses Materials genug gesammelt haben, dann wird schon das rechte Genie erstehen und den Bau aufführen. Jetzt sei nicht die Zeit zum Systembauen. Diese Ansicht entspringt einer bedauernswerten Unklarheit über die Natur der Wissenschaft. Wenn die letztere die Aufgabe hätte, die Tatsachen der Welt zu sammeln, sie zu registrieren und sie zweckmäßig nach gewissen Gesichtspunkten systematisch zu ordnen, dann könnte man etwa so sprechen. Dann aber müßten wir überhaupt auf alles Wissen verzichten, denn mit dem Sammeln der Tatsachen würden wir wohl erst am Ende der Tage fertig werden, und dann gebräche es uns an der nötigen Zeit, die geforderte gelehrte Registrierarbeit zu vollziehen.
Wer sich nur einmal klarmacht, was er eigentlich durch die Wissenschaft erreichen will, dem wird die Irrrümlichkeit jener eine unendliche Arbeit in Anspruch nehmenden Forderung gar bald einleuchten. Wenn wir der Natur gegenübertreten, dann steht sie zunächst wie ein tiefes Mysterium vor uns, sie dehnt sich wie ein Rätsel vor unseren Sinnen aus. Ein stummes Wesen blickt uns entgegen. Wie können wir Licht in diese mystische Finsternis bringen? Wie das Rätsel lösen?
Der Blinde, der ein Zimmer betritt, kann nur Dunkelheit in demselben empfinden. Und wenn er noch so lange herumwandelt und alle Gegenstände betastet: Helligkeit wird ihm dadurch nimmer den Raum erfüllen. Wie dieser Blinde der Einrichtung des Zimmers, so steht im höheren Sinne der Mensch der Natur gegenüber, der von der Betrachtung einer unendlichen Zahl von Tatsachen die Lösung des Rätsels erwartet. Es liegt etwas in der Natur, was uns tausend Tatsachen nicht verraten, wenn uns die Sehkraft des Geistes abgeht, es zu schauen.
Ein jegliches Ding hat zwei Seiten. Die eine ist die Außenseite. Sie nehmen wir mit unseren Sinnen wahr. Dann gibt es aber auch eine Innenseite. Diese stellt sich dem Geiste dar, wenn er zu betrachten versteht. An seine eigene Unfähigkeit in irgendeiner Sache wird niemand glauben. Wer bei sich die Fähigkeit vermißt, diese Innenseite wahrzunehmen, der leugnet sie am liebsten dem Menschen ganz ab, oder er verschreit diejenigen als Phantasten, die vorgeben, sie zu besitzen. Gegen ein absolutes Unvermögen läßt sich nichts machen, und man könnte die nur bedauern, die wegen desselben nie zur Einsicht in die Tiefen des Weltwesens kommen können. Der Psychologe aber glaubt nicht an diese Unfähigkeit. Jeder geistig normal entwickelte Mensch hat das Vermögen, in jene Tiefen bis zu einem gewissen Punkte hinunterzusteigen. Aber die Bequemlichkeit des Denkens verhindert viele daran. Ihre geistigen Waffen sind nicht stumpf, aber die Träger sind zu lässig, sie zu handhaben. Es ist ja unendlich viel bequemer, Tatsache auf Tatsache zu häufen, als die Gründe für dieselben durch das Denken aufzusuchen. Vor allem ist bei solcher Tatsachenhäufung der Fall ausgeschlossen, daß ein anderer kommt und das von uns Vertretene umstößt. Man kommt auf diese Weise nie in die Lage, seine geistigen Positionen verteidigen zu müssen; man braucht sich nicht darüber aufzuregen, daß morgen von jemand das Gegenteil unserer heutigen Aufstellungen vertreten wird. Man kann sich, wenn man bloß mit tatsächlicher Wahrheit sich abgibt, hübsch in dem Glauben wiegen, daß uns diese Wahrheit niemand bestreiten kann, daß wir für die Ewigkeit schaffen. Jawohl, wir schaffen auch für die Ewigkeit, aber wir schaffen bloß Nullen. Diesen Nullen durch das Vorsetzen einer bedeutungsvollen Ziffer in Form einer Idee einen Wert zu verleihen, dazu fehlt uns eben der Mut des Denkens.
Davon haben heute wenige Menschen eine Ahnung: daß etwas wahr sein kann, auch wenn das Gegenteil davon mit nicht geringerem Rechte behauptet werden kann. Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht. Wir bohren tief in ein Ding der Natur, wir holen aus den verborgensten Schachten die geheimnisvollsten Weisheiten herauf; wir drehen uns um, bohren an einer zweiten Stelle: und das Gegenteil zeigt sich uns als ebenso berechtigt. Daß eine jede Wahrheit nur an ihrem Platze gilt, daß sie nur so lange wahr ist, als sie unter den Bedingungen behauptet wird, unter denen sie ursprünglich gegründet ist, das muß vor allem begriffen werden.
Wer macht heute nicht einen respektvollen Knix, wenn der Name Friedrich Theodor Vischer genannt wird? Daß dieser Mann es als die höchste Errungenschaft seines Lebens bezeichnete, gründlich die oben ausgesprochene Überzeugung von dem Wesen der Wahrheit erlangt zu haben, das wissen aber nicht viele. Wüßten sie es, dann strömte ihnen noch eine ganz andere Luft aus Vischers herrlichen Werken entgegen; und man würde auf weniger zeremonielles Lob, aber auf mehr ungezwungenes Verständnis dieses Schriftstellers stoßen. Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt.
Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudtingen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker.
Aus feiger Furcht vor dem Irrtum ist unsere Wissenschaft der baren Flachheit zum Opfer gefallen.
Es ist geradezu haarsträubend, welche Charaktereigenschaften heute als Tugenden des wissenschaftlichen Forschers gepriesen werden. Wollte man dieselben ins Gebiet der praktischen Lebensführung übersetzen, so käme das — Gegenteil eines festen, entschiedenen, energischen Charakters heraus.
Einem festen, kühnen Denkermut verdankt nun ein eben erschienenes Werk seine Entstehung, das auf Grundlage der großen tatsächlichen Ergebnisse der Naturwissenschaft und aus einem wahren, echten philosophischen Geiste heraus zugleich die Lösung der Welträtsel versucht: Ernst Haeckels «Die Welträtsel».
II
«Vierzig Jahre Darwinismus! Welcher ungeheure Fortschritt unseter Naturerkenntnis! Und welcher Umschwung unserer wichtigsten Anschauungen, nicht allein auf den nächstbetroffenen Gebieten der gesamten Biologie, sondern auch auf demjenigen der Anthropologie und ebenso aller sogenannten «Geisteswissenschaftem!» So konnte Ernst Haeckel in der Rede, die er auf dem vierten internationalen Zoologenkongreß in Cambridge am 26. August 1898 gehalten hat, von den naturwissenschaftlichen Errungenschaften sprechen, die sich an den Namen Darwin knüpften. Haeckel selbst hat schon vier Jahre nach dem Erscheinen von Darwins epochemachendem Werke «Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung» (London 1859) mit seiner «Generellen Morphologie der Organismen» (Berlin 1866) sich zu dem berufenen Vorkämpfer, aber auch dem Fortführer der Darwinschen Anschauungen gemacht. Die Kühnheit des Denkens, die vor keiner Konsequenz, die sich aus der neuen Lehre ergab, zurückschreckende Geistesschärfe dieses Naturforschers und Weltdenkers traten bereits in diesem Buche klar zutage. Seither hat er selbst weitere dreiunddreißig Jahre unermüdlich mitgearbeitetr an dem Aufbau der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die unser Jahrhundert als das « Jahrhundert der Naturwissenschaft» erscheinen läßt. Spezialarbeiten, die ein helles Licht verbreiten über bisher unbekannte Gebiete des Naturlebens, und zusammenfassende Schriften, welche von dem neu gewonnenen Gesichtspunkte aus das ganze Gebiet der Erkenntnisse behandelten, die heute unsere höchsten geistigen Bedürfnisse befriedigen, sind die Frucht dieses mit seltener Energie ausgestatteten Forscherlebens.
Und jetzt legt uns dieser Geist in seinen «Welträtseln» «die weitere Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen» dar, welche er in seinen anderen «Schriften bereits ein Menschenalter hindurch vertreten» hat.
Was demjenigen, der sich verständnisvoll mit Haeckels Leistungen beschäftigt, vor allen Dingen in die Augen springt, das ist die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Denkerpersönlichkeit, von der sie ausgehen. In ihm ist nichts von dem fragwürdigen Streben derjenigen, welche die «Versöhnung von Religion und Kultur» suchen, um «fromm fühlen und frei denken zugleich» zu können. Für Haeckel gibt es nur eine Quelle wahrer Kultur: «Mutiges Streben nach Erkenntnis der Wahrheit» und «Gewinnung einer klaren, fest darauf gegründeten, naturwissenschaftlichen Welktanschauung» (Welträtsel, S.3 f.). Ihm ist auch die eiserne Strenge des Denkers eigen, der mit Unerbittlichkeit alles als Unwahrheit kennzeichnet, was er als solches erkannt hat. Mit solcher Strenge führt er seinen Krieg gegen die reaktionären Mächte, die am Ende unseres aufgeklärten Jahrhunderts gern wieder frühere Finsternis des Geistes zurückrufen möchten.
«Die Welträtsel» sind ein Buch, eingegeben von der Hingabe an die Wahrheit und von dem Abscheu vor veralteten und der wissenschaftlichen Einsicht schädlichen Bestrebungen. Ein Buch, das für uns nicht nur erhebend ist wegen der Höhe der Einsicht, von der aus der Verfasser das Leben und die Welt betrachtet, sondern auch durch die moralische Energie und die Erkenntnisleidenschaft, die uns aus ihm entgegenleuchten. Für Haeckel ist die naturgemäße Weltanschauung Glaubensbekenntnis geworden, das er nicht bloß mit der Vernunft, sondern mit dem Herzen verteidigt. «Durch die Vernunft allein können wir zur wahren Natur-Erkenntnis und zur Lösung der Welträtsel gelangen. Die Vernunft ist das höchste Gut des Menschen und derjenige Vorzug, der ihn allein von den Tieren wesentlich unterscheidet. Allerdings hat sie aber diesen hohen Wert erst durch die fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung der Wissenschaft erhalten. ... Nun ist aber in weiten Kreisen noch heute die Ansicht verbreitet, daß es außer der göttlichen Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir von vornherein entschieden entgegentreten. Das Gemüt hat mit der Erkenntnis der Wahrheit gar nichts zu tun. Was wir «Gemüb nennen und hochschätzen, ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefühlen der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung, aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei können die verschiedensten andern Tätigkeiten des Organismus mitspielen, Bedürfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit fördern alle diese Gemütszustände und Gemütsbewegungen in keiner Weise; im Gegenteil stören sie oft die allein dazu befähigte Vernunft und schädigen sie häufig in empfindlichem Grade. Noch kein «Welträtsel» ist durch die Gehirnfunktion des Gemüts gelöst oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der sogenannten «Offenbarung und den angeblichen, dadurch erreichten «Glaubenswahrheiten»; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder unbewußter Täuschung» (Welträtsel, S.19 f.). So spricht nur eine Persönlichkeit, deren eigenes Gemüt ganz durchdrungen ist von der Wahrheit dessen, was die Vernunft offenbart. Wie nehmen sich gegenüber solchem Denkermut heute diejenigen aus, die noch immer Worte der Bewunderung übrig haben für solche, die die Religion auf das Gemüt aufbauen und «sie als persönliches Erlebnis unabhängig» machen wollen «von der fortschreitenden Wissenschaft»?
Ein tief philosophischer Grundzug in seiner Vorstellungsart versetzte Haeckel in die Möglichkeit, von der Naturwissenschaft aus die Lösung der höchsten menschlichen Fragen zu unternehmen, und ein sicherer Blick für die gesetzmäßigen Zusammenhänge in natürlichen Vorgängen, die der unmittelbaren Beobachtung so verwickelt als möglich erscheinen, bewirken in seinem Weltbilde jene monumentale Einfachheit, die immer im Gefolge der Größe in Dingen der Weltanschauung erscheint. Einer der größten Naturforscher und Denker aller Zeiten, Galilei, hat gesagt, daß die Natur in allen ihren Werken der nächsten, einfachsten und leichtesten Mittel sich bediene. An diesen Ausspruch werden wir immerfort erinnert, wenn wir Haeckels Anschauungen verfolgen. Was so mancher Philosoph auf den abgelegensten Wegen der Spekulation sucht, das findet er in der einfachen, klaren Sprache der Tatsachen. Aber er bringt diese Tatsachen wirklich zum Sprechen, so daß sie nicht geistios nebeneinanderstehen, sondern sich in philosophischer Weise gegenseitig erklären. «Als einen der erfreulichsten Fortschritte zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen, daß in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu führenden Wege: Erfahrung und Denken — oder Empirie und Spekulation — als gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden anerkannt worden sind. ... Allerdings gibt es auch heute noch manche Philosophen, welche die Welt bloß aus ihrem Kopfe konstruieren wollen und welche die empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmähen, weil sie die wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft das «tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen Natur-Erscheinungen sen; das «Zeitalter der Philosophie sei vorüber und an ihre Stelle sei die Narurwissenschaft getreten. (Rudolf Virchow, Die Gründung der Berliner Universität und der Übergang aus dem philosophischen in das naturwissenschaftliche Zeitalter, Berlin 1893.) «Diese einseitige Überschätzung der Empirie ist ebenso ein gefährlicher Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntnis-Wege sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die größten Triumphe der modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wärmerheorie, die Entwicklungstheorie und das Substanzgesetz, sind philosophische Taten, aber nicht Ergebnisse der reinen Spekulation, sondern der vorausgegangenen, ausgedehntesten und gründlichsten Empirie» (Welträtsel, S. 20 f.).
Daß es nur eine Art von Naturgesetzmäßigkeit gibt und daß wir eine solche Gesetzmäßigkeit in gleicher Weise verfolgen können in dem Stein, der auf einer schiefen Ebene herunterrollt nach dem Gesetz der Schwere, in dem Wachstum der Pflanze, in der Organisation des Tieres und in den höchsten Vernunftleistungen der Menschen: diese Überzeugung zieht sich durch Haeckels ganzes Forschen und Denken. Eine Grundgesetzlichkeit im ganzen Universum erkennt er an. Deshalb nennt er seine Weltanschauung Monismus im Gegensatz zu denjenigen Ansichten, die für die mechanisch verlaufenden Naturvorgänge eine andere Art von Gesetzmäßigkeit annehmen als für die Wesen (die Organismen), in denen sie eine zweckmäßige Einrichtung wahrnehmen. Wie die elastische Kugel fortrollt, wenn sie von einer andern gestoßen wird: mit derselben Notwendigkeit hängen auch alle Lebensvorgänge im Tierreich, ja auch alle geistigen Ereignisse im Kulturgange der Menschheit zusammen.
«Die alte Weltanschauung des Ideal-Dualismus mit ihren mystischen und anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres Real-Monismus auf, welche uns den wunderbaren Tempel der Natur voll erschließt. In dem reinen Kultus des «Wahren, Guten und Schönem, welcher den Kern unserer neuen monistischen Religion bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen anthropistischen Ideale von «Gott, Freiheit und Unsterblichkeit»» (Welträtsel, S. 438 f.).
III
Ihren Grundcharakter erhält die Naturauffassung Haeckels durch die Beseitigung jeder Art von Zweckmäßigkeitslehre oder Teleologie aus den menschlichen Vorstellungen über Welt und Leben. Solange solche Vorstellungen noch vorhanden sind, kann von einer wirklich naturgemäßen Weltanschauung nicht die Rede sein. Diese Frage der Zweckmäßigkeit kommt in ihrer bedeutungsvollsten Form zur Geltung, wenn es sich um die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur handelt. Entweder ist etwas dem Ähnliches, was wir Menschengeist, menschliche Seele und so weiter nennen, außerhalb des Menschen in der Welt vorhanden und bringt die Erscheinungen hervor, um sich selbst zuletzt im Menschen sein Ebenbild zu schaffen, oder dieser Geist ist im Laufe der natürlichen Entwickelung erst in dem Zeitpunkt vorhanden, in dem er im Menschen wirklich auftritt. Dann haben die natürlichen Vorgänge durch rein ursächliche Notwendigkeit den Geist hervorgebracht, ohne daß er durch irgendwelche Absicht in die Welt gekommen wäre. Dies letztere ergibt sich aus Haeckels Voraussetzung unwiderleglich. Im Grunde stammen alle anderen Gedanken aus veralteten theologischen Ideen. Auch wo solche Gedanken in der Philosophie noch heute auftreten, können sie für denjenigen, der genauer betrachtet, ihren Ursprung nicht verleugnen. Man hat das Grobe, Kindliche der theologischen Mythologien abgestreift, aber doch zweckmäßig waltende Weltideen, kurz geistige Potenzen beibehalten. Schopenhauers Wille, Hartmanns Unbewußtes sind nichts anderes als solche Reste alter theologischer Vorstellungen. Vor kurzem hat wieder der Botaniker J. Reinke in seinem Buche «Die Welt als Tat» die Ansicht vertreten, daß das Zusammenwirken der Stoffe und Kräfte aus sich selbst die Formen des Lebens nicht hervorbringen könne, sondern daß es dazu durch Richtkräfte oder Dominanten in einer gewissen Weise bestimmt werden müsse. Daß alle solchen Annahmen überflüssig sind, daß die Welterscheinungen für unser Erkenntnisbedürfnis vollständig erklärbar sind, wenn wir nichts weiter als die naturgesetzliche Notwendigkeit voraussetzen: das zeigt Haeckels neues Buch in übersichtlicher Weise.
Es skizziert den Lauf der Weltentwickelung von den Vorgängen der unorganischen Natur bis herauf zu den Äußerungen der menschlichen Seele. Die Überzeugung, daß die sogenannte «Weltgeschichte» eine verschwindend kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte und diese selbst wieder nur ein kleines Stück von der Geschichte unseres Planetensystems ist: sie wird mit allen Mitteln der modernen Naturwissenschaft gestützt. Die ihr entgegenstehenden Irrtümer werden unerbittlich bekämpft. Es lassen sich diese Irrtümer im Grunde alle auf einen einzigen zurückführen, auf die «Vermenschlichung» der Welt. Haeckel versteht unter diesem Begriffe «jenen mächtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtümlichen Vorstellungen, welche den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung und als ein prinzipiell von dieser verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei genauerer Kritik dieses einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich, daß derselbe eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als den anthropozentrischen, anthropomorphischen und anthropolatrischen Irrtum unterscheiden. I. Das anthropozentrische Dogma gipfelt in der Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und Endzweck alles Erdenlebens — oder in weiterer Fassung der ganzen Welt — sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigennutz äußerst erwünscht und da er mit den Schöpfungsmythen der drei großen Mediterran-Religionen, mit den Dogmen der mosaischen, christlichen und mohammedanischen Lehre innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten Teil der Kulturwelt. — II. Das anthropomorphische Dogma... vergleicht die Weltschöpfung und Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen Technikers oder «Maschinen-Ingenieurs und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. Gott... wird... menschenähnlich vorgestellt... II. Das anthropolatrische Dogma ... führt zu der göttlichen Verehrung des menschlichen Organismus, zum «anthropistischen Größenwahm.» (Welträtsel, S.13 f.) Die menschliche Seele gilt als höheres Wesen, das den untergeordneten Organismus zeitweilig bewohnt.
Solchen mythologischen Vorstellungen setzt Haeckel seine - Überzeugung von der «kosmologischen Perspektive» gegenüber, wonach ewig — in dem Sinne wie der göttliche Weltgrund der Religionen — nur die Materie mit der ihr inwohnenden Kraft ist und aus den Vorgängen dieser kraftbegabten Materie sich alle Erscheinungen mit Notwendigkeit entwickeln. Die Gegner der monistischen Weltanschauung verwerfen diese deswegen, weil sie dasjenige, was den Charakterzug der höchsten Zweckmäßigkeit trägt, den tierischen und menschlichen Organismus, als das Werk einer blinden Notwendigkeit, ohne vorherbestimmte Absicht erklärt, also im Grunde durch einen bloßen Zufall entstanden sein läßt. Versteht man unter Zufall dasjenige, was eintritt, ohne daß vorher ein Gedanke von seinem Dasein irgendwo vorhanden war, so ist in naturwissenschaftlichem Sinne das ganze Weltall ein bloßer Zufall; denn «die Entwicklung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der biologischen Verhältnisse; weder in der Entwicklung der Weltkörper noch derjenigen unserer anorganischen Erdrinde ist ein leitender Zweck nachzuweisen» (Welträtsel, S.316). Aber das allgemeine Gesetz, daß jede Erscheinung ihre mechanische Ursache hat, besteht dafür im ganzen Weltall, und in diesem Sinne gibt es keinen Zufall.
Man wird, wenn man die Ausführungen Haeckels verständnisvoll verfolgt, zu dem wahren Begriff dessen kommen, was man heute allein « wissenschaftliche Erklärung» nennen sollte. Die Wissenschaft darf nichts zur Erklärung einer Erscheinung herbeiziehen, als was dieser in der Zeit tatsächlich vorangegangen ist. Alle Vorgänge in der Welt sind durch solche bestimmt, die sich vor ihnen abgespielt haben. In diesem Sinne sind sie notwendig und kein Zufall. Unwissenschaftlich ist aber jede Erklärung, die dem, was in der Zeit später liegt, irgendeinen Einfluß auf ein früher Entstandenes beilegt. Wer den Menschen erklären will, soll ihn aus Naturvorgängen erklären, die seinem Dasein vorangegangen sind, nicht aber soll er die Sache so darstellen, als ob die Entstehung des Menschen zurückgewirkt habe auf diese früheren Vorgänge, das heißt, wie wenn diese rückwärts gelegenen Vorgänge sich so abgespielt haben, daß aus ihnen als Ziel der Mensch sich ergab. Eine Weltanschauung, die sich bei ihren Erklärungen nur an das «Vorher» hält und aus diesem das «Nachher» ableitet, ist «Monismus». Eine solche Weltanschauung dagegen, welche von dem «Nachher» ausgeht und das «Vorher» so darstellt, als ob es auf dieses «Nachher» irgendwie hinwiese, ist Teleologie, Zweckmäßigkeitslehre und damit Dualismus. Denn wäre sie richtig, dann wäre eine zweckmäßige Erscheinung doppelt in der Welt vorhanden, und zwar wirklich in dem Zeitraume, in dem sie eintritt, und geistig, ideell, der Anlage nach, vor ihrer wirklichen Entstehung, als Gedanke, als leitender Zweck im allgemeinen Weltenplane.
Mögen Haeckels lichtvolle Darstellungen dahin führen, daß der Unterschied von Teleologie und Monismus in weitesten Kreisen bald auf dasjenige Verständnis stoße, das man im Interesse des geistigen Fortschrittes wünschen muß.
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«Die Welträtsel.» Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie. Von Ernst Haeckel. Verlag von Emil Strauß. Bonn 1899. ↩